Geschrieben am 3. und 4. Juni 2002; der Artikel über die "Quarterlife Crisis" war am 2. Juni in der SZ erschienen. Gedruckt am 12. Juni im IN München. Auch enthalten in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Von der Belanglosigkeit
des Viertellebens

Neulich las ich von einem jungen Mann, der echte Probleme hat: 26 Jahre alt und lebensmüde. Der Grund: der Mann ist "Marketing-Manager", fährt einen Mords-BMW, bewohnt (wenn er mal zum Wohnen kommt) ein "Loft" (wir vermuten: 350 qm ohne Wände) und verzweifelt "an der Belanglosigkeit seines Erfolgs". Ich will keine religiöse Diskussion vom Zaun brechen, aber manche Leute kann man nicht aufhalten: Wenn jemals jemand einen Grund zum Selbstmord hatte, dann doch dieses bejammernswerte Opfer moderner Zeiten. Niemand hat ihm gesagt, daß ein BMW auch bloß fährt, daß ein Loft auch bloß leerer Raum, Marketing das Allerletzte und Erfolg seiner Kategorie von Natur aus belanglos ist. Niemand hat ihm gesagt, er solle sich lieber schöne und gute Beschäftigungen suchen als eine "Position", wo er dann die Tausender in der Pfeife raucht und nachts aus dem Fenster ins Nichts starrt.

Weil ihm überhaupt niemand was gesagt hat. Weil er zu der Generation gehört, die alles darf, alles hat und angeblich alles will (oder zumindest Tag und Nacht von der Reklameindustrie angebrüllt wird, sie wolle alles). Die es deshalb für eine politisch relevante Darstellung hält, wenn sie zu Tumpf-Lärm eine Straße entlangzuckt. Die endlich einen "Schlußstrich" ziehen will, am liebsten unter alle Vergangenheiten, die es je gegeben hat. Die sich Nägel in den Schädel schlägt und dann in Fernsehkameras jammert, sie werde wegen ihres Äußeren nicht akzeptiert. Die so fit ist, daß man sie nach dem Herzinfarkt verbrennen muß, weil sie nicht verrottet, und paramilitärischen Drill für Selbstverwirklichung hält. Die sich für Künstler hält, wenn sie eine Photographie abkritzeln kann, dann zehn Fernsehgeräte in eine Halle stellt, sich an den Füßen danebenhängt und Preisgelder einsammelt. Die zum achtzehnten Geburtstag ein Monsterauto bekommt, eine alte Frau totfährt und sagt: "Mann, war ich halt besoffen, Scheiße!" Die nach zwanzig Lebensjahren 20.000 Stunden ferngesehen und 10.000 Videoclips angeglotzt hat. Die sich nicht für Musik interessiert (läuft doch eh dauernd überall), die sich nicht für Bücher interessiert (bringt mir das was?), die sich nicht für Politik interessiert, die sich ein Museum nur in einer dieser "Langen Nächte" anschaut, weil es dann eine Currywurst gibt. Die dann irgendwann beim zufälligen Poppen Kinder in die Welt wirft und ratlos schreit: "Ey, wie funktioniert’n das jetzt?"

Diese Generation leidet, so haben (natürlich) amerikanische Wissenschaftler herausgefunden, unter einer neuen Krankheit: der "Quarterlife Crisis". Das heißt, daß Angehörige dieser Generation (die natürlich, das wollen wir mal festhalten, keine Generation, sondern eine Klasse ist, meinetwegen innerhalb einer Generation) den sinnlosen Müll, mit dem sie ihre Zeit verbringen, plötzlich für sinnlosen Müll halten und deshalb das ganze Leben nicht mehr wollen. Dann sitzen sie da und warten auf "Angebote".

Denn, so quengelt uns die Lifestyle-Verblödungsmaschine und ihre Presse seit Jahren entgegen, junge Leute brauchen "Angebote"! zum Fun-Haben! zum Zeitvertreib! zum Erfolg! (Sonst, so erzählt man uns aus einer anderen Ecke ebenfalls seit Jahren, werden sie angeblich Neonazis, aber das soll uns heute mal egal sein.) Man muß sie entertainen, fordern, motivieren, vorantreiben und was noch alles; bloß eines darf man auf keinen Fall: Ihnen was erzählen. Denn diese jungen Leute kennen die Welt, sie wissen schon alles.

Alles? 31 Prozent der Studenten aus dieser Generation wissen laut einer Umfrage nicht, wann der zweite Weltkrieg war. 17 Prozent sind der Ansicht, "die Juden" würden "die Vergangenheit" zu ihrem Vorteil "ausnützen". Nota bene: der Studenten! Die dürfen heute zwar schon studieren, wenn sie in der Abiturprüfung etwas mit weniger als 200 Rechtschreibfehlern zu der Aufgabe geschrieben haben: "Erklären Sie, warum die NATO auch heute noch nötig ist" (nota bene: nicht "ob", sondern "warum"!). Die studieren zwar heute nicht mehr, um etwas zu erfahren, sondern um in "die Wirtschaft" einzusteigen. Trotzdem würde man zumindest dem erwähnten Drittel bzw. Sechstel gerne noch ein paar weitere Fragen stellen:

Man würde von ihnen zum Beispiel gerne wissen: Was ist ein Krieg? Was ist eine Welt? Was ist ein Jude? und weiterhin: Was ist eine Börse? Was bedeutet "liberal"? Was ist und seit wann gibt es Deutschland? Was ist Politik? Wer hat die Bibel geschrieben und wozu? Was ist Literatur? Wie entsteht ein Hamburger? Wann hat ein Bürger die Pflicht zum Widerstand gegen seinen Staat? Was ist ein Staat? Was ist eine Wirtschaft? Was ist Armut? Wann und wozu wurde das Fernsehen erfunden? Was ist eine Meinung? Was ist ein Sinn? Was ist eine Vergangenheit? Was ist eine Zukunft? Gibt es noch etwas dazwischen? Was ist Gerechtigkeit? Was ist Muße? Was ist Verkehr? Wer stellt zu welchem Zweck Produkte her? Was ist Arbeit? Was ist Geld? Was ist eine Krankheit? Wie und wozu lernt man? Was ist eine Zeitschrift? Was ist Zeit? Was ist Denken? Wozu dient Musik? Was ist Kommunikation? Was ist Freiheit?

Mag sein, daß uns der Großteil der Antworten selber an den Rand des Suizids treiben würde. Immerhin wäre dann möglicherweise jemand da, der uns rettet.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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