
Angefangen am 5. April, fertiggeschrieben am 1. Oktober 2002, gedruckt im IN München am 9. Oktober. Auch enthalten in diesem Buch:
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Wandern
ohne Prallsack? Tausende von Menschen sterben jährlich in Deutschland einen sehr plötzlichen, meist auch ziemlich grausigen und blutigen Tod unter Autokühlern, Reifen und sonstigen Rüstungsbestandtteilen des "Mobilen Lebens" (SZ). Viele davon sind Radfahrer. Das ist ein großes Problem; daß und wie es sich lösen läßt, beweist München auf typisch bayerische Art: Indem man feststellt, daß die Radfahrer an ihrem Tod bzw. den Verletzungen, Schocks und Verkrüppelungen, die sie sonst so erleiden, ganz allein selbst schuld sind. Weil sie nämlich "Rowdys" sind und keinen "großen Seitenreflektor" haben. Und deshalb müssen sie jetzt viel Geld zahlen. Früher war die Münchner Polizei vor allem damit beschäftigt, sämtliche Augen zuzudrücken, wenn hunderttausende Autofahrer mit grundsätzlich überhöhter Geschwindigkeit ("Sechzig? Ich bin Bayern-Fan, hähä!") und ans Ohr genageltem Mobiltelephon über Gehsteige brettern, Radwege flächendeckend zuparken und vorbeikommende Radler prophylaktisch beschimpfen oder gleich niederschlagen (damit die Rowdys nicht den Lack beschädigen!). Nun hat sie besseres zu tun: an strategisch günstigen Punkten (zum Beispiel der Einfahrt in den Englischen Garten) lauern und Geld einsammeln, weil "große Seitenreflektoren" fehlen. Widerstand gibt es kaum; wer als Radler den Weg durch Schwabing überlebt hat, dem sind hundert Mark mehr oder weniger auch schon wurst. Aber wir wollen nicht übertreiben, sondern erwähnen, daß es den Autofahrer auch etwa sechzig Mark (ich weiß, das sind jetzt ungefähr etwas mehr als dreißig Euro, weil aber mit einer solchen Wertangabe bei den meisten Menschen momentan noch höchstens eine minimale Wertempfindung verbunden ist und ich solchen Lesern das Umrechnen in fühlbare Größen ersparen will, bleiben wir heute ausnahmsweise bei einer Währung, die es offiziell nicht mehr gibt) uff, wo waren wir? hier: – daß es den Autofahrer auch etwa sechzig Mark kostet, wenn er am Steuer telephoniert und dabei von Polizisten nicht nur beobachtet, sondern auch angehalten wird. Das kommt zwar so gut wie nie vor, weil es zum Beispiel rein personal- und verkehrstechnisch unmöglich ist, an einem sonnigen Dienstagnachmittag auf der Leopoldstraße zweitausend Autos anzuhalten und von jedem der Fahrer sechzig Mark zu kassieren – der Rückstau wäre in Starnberg noch nicht zu Ende, und weitere zwanzigtausend Autofahrer müßten zum Mobiltelephon greifen, um "Ich stehe im Stau! Stell das Fertiggericht warm!" in den Wellenäther zu krähen. Aber grundsätzlich ist es so, und ab und zu kommt es eben doch vor. Nun könnte man empirisch vergleichen: Ist es gefährlicher, ohne "großen Seitenreflektor" durch den Englischen Garten zu radeln – oder mit neunzig km/h an einem Kindergarten vorbeizudüsen und dabei schreiend ein Meeting zu canceln oder die Ehescheidung einzuleiten? Aber bevor mein Lieblingsmensch fragt, ob sie die Erbsen holen soll, damit ich sie zählen kann, will ich lieber eine dritte Fallgruppe einführen: das U-, S-, Bus- und Trambahnfahren, das ohne Fahrschein demnächst nicht mehr sechzig, sondern achtzig Mark kosten wird, und zwar nicht deshalb, weil ein spürbarer Abstand zum Fahren mit Fahrschein gewährleistet sein muß, sondern, laut Auskunft der Verantwortlichen, weil die Schwarzfahrer heutzutage längere Strecken zurücklegen. Nun haben wir also drei fahrende Verfehlungen: Fahren ohne "großen Seitenreflektor", Fahren ohne die geringste Aufmerksamkeit für das Verkehrsgeschehen und die nicht in dämpfende Blechkisten verpackten Teilnehmer sowie Fahren ohne Beteiligung an den Kosten für den öffentlichen Personennahverkehr (d. h. vor allem: die dafür notwendige Reklame, die wahrscheinlich teurer ist als der gesamte MVV-Fuhrpark). Sollen wir jetzt mal Erbsen zählen? Nein, wir stellen fest: Das erste kostet etwa hundert Mark, das dritte demnächst etwa achtzig Mark, und das zweite, das immerhin schon 1996 (als es etwa ein Viertel soviele Mobiltelephone gab wie heute) mindestens zwanzig Tote, hundert Schwer- und 450 Leichtverletzte "forderte", darf nicht teurer werden. Wenn es nämlich auch achtzig Mark kosten würde, wäre keine Verwarnung mehr fällig, sondern eine Anzeige, und das, so erfahren wir, ist ein Aufwand, den unsere Polizei auf keinen Fall bewältigen kann. Weil sie ja schon soviel mit den Radfahrern zu tun hat. Und weil es "sinnvoller" ist, "an die Vernunft der Autofahrer zu appellieren". Das meint der ADAC, der in solchen Angelegenheiten immer zuerst gefragt wird und kräftig mitreden darf. Weil es keine mit dem ADAC vergleichbare Lobby der Radfahrer gibt, die deren Anliegen in die Medien hineintrompeten und sich Politiker kaufen könnte (von den Schwarzfahrern ganz abgesehen), hat es wenig Sinn, herumzumosern und dies und das zu fordern. Wir sollten lieber Geld sparen, um für zukünftige Entwicklungen gewappnet zu sein: Wenn demnächst das Zufußgehen ohne vollreflektierenden Prallsack ebenso unter Strafe gestellt wird wie das Radfahren ohne kampfautokühlergrillsicheren Stahlhelm und das Mitführen von Kinderwägen ohne Fernlicht und Knautschzone von mindestens einem Meter, könnte das teuer werden. Aber vielleicht lassen wir uns dann ja erweichen und machen endlich doch noch einen Führerschein.
e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer
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