Geschrieben am 22., 23. und 29. Januar 2003, gedruckt sehr bald danach. Auch enthalten in diesem Buch:

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Alles Neue ist doof und stinkt

Das allerwichtigste und superste an dem, was man einst "Leben" nannte und heute "Wirtschaft" nennt, gewissermaßen also das, was das Existieren überhaupt erst coolomat macht, ist die "Innovation". Man möchte meinen, man wisse das ja schon: Es muß sich halt alles ab und zu erneuern, weil es alt und stinkig geworden ist. Falsch gedacht: "Innovation" heißt nicht Erneuerung, sondern im Gegenteil Altundstinkigmachung. Zum Beispiel: Wenn das Bier aus ist, holt man ein neues. Das ist keine Innovation. Wenn man hingegen das Bier im Kühlschrank ignoriert und sich dafür was GANZ NEUES, nämlich ein innovatives, von einer Horde ekstatisch in der Gegend herumzappelnder Volltrottel in Reklamespots "vorgestelltes" Industriezucker-Kunstaroma-Blubberlutsch mit angeblich zellerneuernden oder sonstwie dynamisierenden "Wirkstoffen" und mordspeppigen Neonfarben usw. reintut und sich dabei topfit und fittop fühlt – dann wird das Bier im Kühlschrank sauer und zehn Jahre später hat man Krebs oder schaut aus wie ein amerikanischer Großstadt-Whopper und weiß nicht warum. Das ist eine Innovation.

Die meisten neuen Sachen kauft man sich, weil man die alten so gerne gemocht hat, einen bestimmten Käse zum Beispiel, eine Lieblingsjeans oder ein neues Buch von Urs Widmer. Innovationen kauft man sich aus anderen Gründen. Kein Mensch denkt zum Beispiel auch nur mit der geringsten nostalgischen Wehmut an Windows 3.1 zurück. Und trotzdem rennen alle los und holen sich in immer kürzeren Abständen ein neues Windows, obwohl jeder weiß, daß es garantiert noch überkandidelter, unpraktisch, restriktiver, hinterhältiger, mit noch mehr nutzlosem Kram aufgemotzt und noch schneller überholt ist als das alte und mindestens das Zehnfache an Speicherplatz frißt. Das macht ja auch gar nichts, weil es ein Gesetz gibt, nach dem sich die "Leistung" des Computers alle zwei Jahre verdoppelt. (Steht der Computer dann zu Hause, wird er jedes halbe Jahr um die Hälfte langsamer, aber das ist eine andere Geschichte.)

Auch alles andere, was innoviert wird, verdoppelt und halbiert sich mit exponentiell steigendem Tempo. Das Stadion an der Grünwalder Straße war fast 70 Jahre lang mehr als gut genug, das Olympiastadion ertrug man knapp halb so lange, und das neue Stadion ist zwar erst in 98 Jahren abbezahlt, aber ich gehe jede Wette ein, daß es spätestens 2020 nicht mehr für Fußball benützt und wahrscheinlich längst abgerissen sein wird. Ebenso braucht Bayern selbstverständlich einen Transrapid, denn während man vor hundert Jahren drei Stunden von München bis zum Flughafen brauchte (den es noch gar nicht gab), braucht man heute eine Dreiviertelstunde und mit dem Transrapid nur noch eine halbe, was jede Sozialleistungskürzung und jedes verhungerte Kind dieser Welt wert ist – nicht wegen der paar Minuten, die der Entscheidungsträger dann früher in der VIP-Lounge sitzt und sein "Begrüßungsgetränk" verzehren kann, sondern damit die Kette der Innovationen nicht abreißt. Es ist abzusehen: In zwanzig Jahren ist der Wirtschaftsfaschist in einer Minute am Flughafen, in vierzig Jahren wird die Fahrt eine Sekunde dauern, in hundert Jahren wird er schon wieder "zu Hause" an seinem Geldschöpfungsterminal sitzen, bevor er überhaupt losfahren kann, denn er hat keine Zeit mehr für so was, weil er sich alle fünf Minuten einen neuen Sportwagen kaufen muß. Und in hundertzwanzig Jahren? und in hundertvierzig? und in hundertsiebzig? Fährt die Trambahn dann in einer Hundertstelsekunde vom Kurfürstenplatz nach Wladiwostok? Selbstverständlich nicht, denn Menschen, die Trambahn fahren, sind von der Innovier-Raserei weitgehend ausgeschlossen: In Wladiwostok haben sie nichts verloren, und ein paar Minuten sind ihnen egal. Sie werden zu Fuß gehen, denn ein öffentliches Verkehrsnetz kann sich eine innovative Gesellschaftsfirma nur leisten, wenn es sich ultramordsmäßig rentiert und solange die Investierkohle nicht für Innovationen gebraucht wird, und irgendwann wird das ganze Geld, das die Nutznießer des Innovier-Wahns nicht privat gebunkert haben, dafür gebraucht werden und immer noch nicht reichen.

Die Sucht nach neuen "Innovationen" (womit eigentlich immer Produkte gemeint sind und nie etwas Gescheites) ist eine Folge des Überdrusses, den die alten "Innovationen" immer schneller auslösen. Irgendwann kommt man an den Punkt, wo man mit dem Innovieren kaum mehr nachkommt: in eine "Krise". Dann fängt der moderne Mensch an, auch die Dinge zu innovieren, die (manchmal noch) keine Produkte sind: Er "definiert" oder "orientiert sich neu", "wirft Ballast ab", "über Bord" oder sonst wohin, kauft sich neue Pappmöbel und ein neues Outfit, wird womöglich eine "Ich-AG" und sucht sich im Sinn-Supermarkt alle paar Tage ein neues "Weltbild" und neue "Überzeugungen", die natürlich ebenfalls bloß erstens Produkte und zweitens auch noch Innovationen sind, das heißt: die nach immer kürzeren "Halbwertszeiten" Ekel auslösen und zur Anschaffung von Ersatz zwingen.

"Neue Menschen" entstehen dadurch nicht, denn, wie gesagt, Innovieren meint und bewirkt das Gegenteil. Am Ende rotieren dann alle alt und stinkig in einem zerklumpten Schrotthaufen herum und haben keine Zeit mehr, sich zu fragen, ob da nicht irgendwann irgendwas war, was man auf diesem Planeten und mit diesem Leben wollte. Macht nichts: Auch das geht vorbei.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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