Geschrieben Mitte Juni 2003 (bis 23.), mit leichten Kürzungen gedruckt im IN München am 9. Juli. Auch enthalten in diesem Buch:

zurück zur
Belästigungen-Hauptseite

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Humanitäre Katastrophe:
Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Eine meiner Lieblingsschlagzeilen aus dem Riesenfundus von Deutschlands schlimmster "Zeitung" lautete: "Wilde Sau auf Autobahn: 10 Wagen Schrott!" Eine andere: "Die Hitze! Hammer-Schlacht auf Dachauer Straße". Es liegt ein untergründiger, irgendwie auch peinlicher Reiz in der Vorstellung, daß Menschen von der Sonne so aufgeheizt werden, daß sie alle Hemmungen über Bord werfen und das, was sie nervt (was verdächtig oft genau das ist, was sie eigentlich am meisten lieben, also ihr Auto), einfach zu Klump schlagen (vgl. den schönen alten August-Junker-Schlager: "Nur ein Bier, nur ein Bier, nur ein Bier will i ham, sonst hau i alles zamm!").

Leider ist Gewalt ein Thema, über das man schlecht reden oder auch nur nachdenken kann, ohne rot oder verhaftet zu werden. Es ist verboten, Gewalt auszuüben (mit gutem Grund), es ist verboten, zu Gewalt aufzufordern (mit meistens ebenso gutem Grund), es ist verboten, zu Gewalt bereit zu sein (manchmal dito), und es ist sogar verboten, sich gegen Gewalt zu schützen (wie kürzlich ein Münchner feststellen mußte, der vor Gericht landete, weil er es versäumt hatte, vor dem Besuch einer Demonstration seine an den Armen zum Schutz vor Prellungen verstärkte Motorradjacke abzulegen). Also brennt die Sonne vergeblich, alles taumelt im Friedensgewalle umher, und statt zum Beispiel Tony Blair eine kräftige Watschen zu verpassen, weil er die halbe Welt belogen hat ("Irakische Massenvernichtungswaffen in 45 Minuten bei uns!"), um einen Grund zu finden, ein Land zu zerbomben, patscht man ihm begütigend auf die Schulter (nur symbolisch natürlich, denn etwas wie Tony Blair möchte ein anständiger Mensch nicht anfassen, noch nicht einmal mit "integrierten Unterarm-Protektoren").

Dabei ist Gewalt, wie man uns in letzter Zeit immer wieder einbleut, ein "legitimes Mittel", für was auch immer (letztlich, so hört man, zum "Friedenschaffen" – deshalb wird der Friede auf Erden auch immer mehr), mithin ein "Medium", ebenso wie das erwähnte Gehirnmassenvernichtungsblättchen für Autobahn-Streitaxtleute. Man sollte also schon manchmal darüber nachdenken. Zum Beispiel, wenn man wieder mal vor einem tiefblauen Computerbildschirm sitzt und den Einsatz schwerster, deformierender Sanktionen erwägt, um das Ding zu disziplinieren. Oder wenn man in der Zeitung (diesmal einer echten) liest, der ehemals als zuckender Weltrettungs-Darsteller zum Kindergarten-Idol aufgeplusterte Viertel-Android Michael Jackson sei eine "tickende finanzielle Zeitbombe", und sich genüßlich vorstellt, wie es bei Jacksons nächstem Pseudo-Christus-Spektakel plötzlich "Wumm!" macht und Wolken von Geldscheinen durchs Stadion flattern – weil Gedankengänge nun einmal so funktionieren, fällt einem sofort der Bundesgesichtsknitterminister Josef Fischer und seine Lieblingsvokabel "humanitäre Katastrophe" ein, die man ebenso genüßlich als "wohltätigen Zusammenbruch" übersetzt und damit der Jackson-Sprengung beschreibend schon sehr nahe kommt.

Wenn es rummst und Gewalt stattfindet, klirrt meistens Glas; am lautesten und grellsten scheppert es in hiesigen Breiten in der Uschi-Form. Selbige Darstellerin ließ sich unlängst für ein dahinsiechendes Magazin im Bikini, wie man so sagt: "ablichten", was ja nichts Bemerkenswertes ist; schließlich kann jeder drucken, was er will. Wenn jedoch mit der Photographierung von Stoff-Haut-Gemischen sozio-politische Ansprüche verbunden werden, sind wir schon wieder im Einzugsbereich des Gewaltbegriffs angelangt, welcher laut Brockhaus auch die "psychische Gewalt" durch "Schmerzzufügung" umfaßt, womit nicht nur das Abspielen von Rap- und Metal-Musiken vor Diktatorenpalästen, 2010-Agenden und jede öffentliche Zurschaustellung von Michel Friedman gemeint sind, sondern eben auch uschige Klirrschepper-Abtrötungen wie die, es sei unbedingt nötig, sich als 59jährige im Bikini drucken zu lassen, weil "Frauen sich nicht eingraben dürfen, wenn sich irgendeiner eine 18jährige greift".

Horrorszenarien entstehen vor dem inneren Auge: Eine Klassenparty im rauchwolkigen Isartal endet spätnachts damit, daß sich alle möglichen jungen Männer die eine oder andere 18jährige "greifen" oder umgekehrt, und schon rückt die weibliche Bevölkerung von Sendling und Thalkirchen mit Schaufeln und Spaten an, um sich stantepede und kollektiv einzugraben – spätestens am nächsten Morgen, wenn sich Rauchwolken und Teenage-Griller verzogen haben, böte sich dem zufälligen Betrachter ein Bild des Grauens. Und da sagen wir: Na gut, wenn sich derartige Exzesse nur durch die Veröffentlichung von Uschi Glas und anderen Mergel-Gestängen im Bikini verhindern lassen, dann wollen wir das mal durchgehen lassen. Schließlich haben wir mit Autobahnen, Hammer-Schlachten und wilden Säuen schon Irrsinn genug am Hals.

Und mit dem Erwachsenwerden, übrigens. Darauf weist uns, ähem, jetzt ein neues, logisch: Magazin namens "Neon" im Untertitel hin. Und weil wir so etwas nicht lesen mögen, aber trotzdem wissen wollen, was Zwanzig- bis Vierzigjährige heutzutage als Erwachsenwerden-Ersatz und Lebensmuster so alles wissen sollen, begnügen wir uns mit einem Blick aufs Titelbild. Erstens: "Den Job sichern", zweitens: "Sex und Videos", drittens: "Terror in Deutschland"; und natürlich, wie man das seit FOCUS-Zeiten halt so hat: "Die 100 wichtigsten jungen Deutschen". Die dann irgendwann einmal doch "erwachsen" werden und auf der soliden Grundlage von Arbeit, Videos und Terror ein natürliches Interesse für Autobahnen, Schrott und Uschi Glas entdecken. Ist es nicht schön, das Leben?


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer