Geschrieben während der ersten Junihälfte 2004, gedruckt im IN MÜNCHEN am 23. Juni (notwendigerweise stark gekürzt; über die Umtriebe des Herrn Burkei bei mindestens zwei Fußballvereinen, von denen einer umgehend insolvent wurde und der andere TSV 1860 heißt - und sich neben Burkei auch noch Frau Hohlmeier im Aufsichtsrat leistet - wäre noch manches zu berichten gewesen). Ralf Burkei trat eine Woche nach Erscheinen des Artikels von seinem Schatzmeisterposten zurück (ohne Gründe zu nennen); Monika Hohlmeier mußte gezwungenermaßen den Münchner Parteivorsitz niederlegen (weil sie "interne Kritiker" mit privaten und halbprivaten "Dossiers" erpreßt hatte), blieb aber (zunächst) Ministerin; die Münchner CSU gab es bei Internet-Erscheinen des Textes immer noch.

Noch nicht enthalten ist der Text in diesem Buch:

Der Untergang des Laberlandes.
Belästigungen 101-166

264 Seiten, 15 Euro

ISBN 3-8334-2803-1

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in Band 4:

Geschlossene Anstalt

Wollt ihr die totale Motivation?

Neu: Ganzjährig grellbunte Preßwürste!

Vom Unter- und Übernehmen und anderen Blödheiten

Brunftchoräle im Leberwurstkessel

Achtung Kultur: Ab heute nur noch Mega-Oper!

Tunnel-GAU statt Hyperstau

80 Millionen hochwertige Produkte

Grüner Widerstand von Poller bis Gulli

Geistwesen zwischen Event und Bullshit

Enthaltsam vereint

Der König geht

Achtung, Ferkel! Sie werden beobachtet!

Arbeit statt Prost

65.000 Wohneinheiten für Schreibtische

Ich werde nie, nie, nie, nie eine Vision haben

Von Point zu Point: Der rollende Wahn

Mund auf, Ohren zu, Hirn tot

Erlauchter Bauch

Mit dem Kirch ins Dorf

Ehemals gewaltig

Mehr Beton!

Heute Ruhetag

Matte? Ben? Elise? Olles blaß ein Mäßverstindnis!

Tüdelü! Wo bist du? Und wer?

Wer sich nach Deutschland begibt, kommt darin weg

Würgen an Wallace

Das ideale Klima

Von der Belanglosigkeit des Viertellebens

Ich sage nur ein Wort: Mit mir nicht!

Der alte Mann und der Fruchtsaft

Offensive Zukunft Bayern: Himmel frei!

Hilfe! Hitze! Öltank-Terror und Bombastik-Bunt-Bomben!

Die große Koalition der Hüpfburgen

Nur keine Sentimentalitäten! sondern weg mit dem Zeug!

Die Entscheidung: Leberkrebs? Ebola? Zyankali?

Last Train To Konformistan

Falschlachs, Taumler, Verbrüderungsenzian

Wandern ohne Prallsack? Das wird teuer!

Die wundersame Zeitvermehrung

Rankende Strünke, keine Eier

Der Angriff der gelben Kamikaze-Killertomaten

»Arbeiter! Meidet die Schankräume der Demagogie!«

Ungeordneter vorweihnachtlicher Frühstücks-Hirnschwurbel

The Great Weihnachts-Swindle

Gleich und gleich vergleicht sich gern (oder andersherum)

Explodierende Wichtigkeiten aus Leder und Stahl

Alles Neue ist doof und stinkt!

Grüß Gott, Herr Widmer! Wo war ich?

Auf ins Land der "Wie kann ich Ihnen dienen!"-Kasperl!

Vom Weg zur Wurst (und wieder retour)

Die Axt in der Hand, der Hirntod auf den Dächern

Massenflucht ohne Ankunft

Friede den Hütten, Krieg den Verwaltern!

Einigkeit und Recht und vor allem mehr Geld

Namen sind Schall, Rauch und Terror

Wo die Hummel brummt und alles so ist, wie es ist

Abgedönerte Bestseller in Asylistan

Ah! Oh! M-hm! Nt! (und ansonsten durchschlafen)

Humanitäre Katastrophe: Wilde Sau im Bikini eingegraben!

Es gibt nichts nicht, was es nicht nicht gibt

Altfleischbrocken im Seichsud der Zivilisationswüste

Sinkende Spitzen und Stör-Gespenster

Rettet Ameise kein Irrenhaus, äh

Ausscheidungswettbewerb

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Belästigungen 3

Wer nichts mehr kennt, kennt immerhin Ralf Burkei

Daß der moderne Mensch ein wirres, hilfloses Würmchen ist, das mit einer Unmündigkeit, die seine sogenannte Menschenwürde zu einem schlechten Witz degradiert, zwischen Müllherstellung und Müllkonsum herumirrt, liegt an der Ignoranz, die sich aus der modernen Anonymität zwangsläufig ergibt. Uff. Kann man das so sagen? Man kann es auch anders sagen: Wer nichts und niemanden kennt, der ist selber nichts und kann nichts außer Befehle empfangen und Wachstum erzeugen. Was nichts mit einem "Großen Bruder" oder ähnlichem zu tun hat, sondern mit dem "Ruck", der um jedes Monatsende (und mittlerweile auch um die Monatsmitte) herum durch Deutschland geht, wenn in Straßen wie der unseren die großen Möbelwagen Einzug halten, gerade erst beigezogenes mobiles Menschenmaterial in die weite Welt karren und durch neues ersetzen. Das stürzt sich dann willig in die Aufschwungerzeugung, nützt zwischendurch die diversen weltweit genormten Fun-Angebote, die München bereitstellt, um als Mitglied in der Kette weltweit genormter "urbaner Metropolen" mithalten zu können; und am nächsten Ersten alles von vorn.

Dann entbietet einem der nette neue Nachbar im Treppenhaus ein fröhliches "Mon! Moin!" (was, glaube ich, auf Friesisch "morgen! morgen!" heißt und aber nicht seinen avisierten nächsten Umsiedelungszeitpunkt meint); die nette neue Nachbarin lächelt einen vor dem Postamt freundlich an, und beide erhalten als Gegengabe ein wirres, mürrisches Wer-ist-denn-das-schon-wieder?-Gesicht. Zehn Sekunden nachdem sie solcherart brüskiert weitergezogen sind, fällt es einem wieder ein, und da steht man: mit rotem Gesicht und dem schlagartig einsetzenden Bewußtsein, daß man mangels wiedererkennbarer Mitmenschen ohne soziale Kompetenz durch die Welt trudelt und somit auch nicht mehr ist als hilfloses Menschenmaterial. Bei mir ist das noch schlimmer. Ich kann mir nicht nur keine Gesichter merken, sondern auch keine Namen, und beides zusammen erst recht nicht. Daher gibt es in meinem Bekanntenkreis hunderte von Menschen, die ich seit vielen Jahren kenne, ohne zu wissen, wie sie heißen; und täglich begegne ich neuen Exemplaren dieser Spezies. Das gleiche, wenn jemand fragt: "Hast du schon gehört, was der XY getan hat?" - lustige Geschichte, aber wer ist XY? Und am allerpeinlichsten die Fälle, wo mich jemand so richtig dringlich "Kennst mich nicht mehr?"-mäßig anredet, und mir ist sein Gesicht ebenso vollkommen fremd wie sein eventueller Name (selbst wenn er ihn nennt). Himmelarsch!

Die eigentlich vorteilhafte Ausgangslage, daß ich schon immer in derselben Stadt und seit bald zwei Jahrzehnten im selben "Viertel" (das einstmals selbst eine Stadt war, aber vor 114 Jahren zwecks Wachstum und Entwicklung mitsamt ihren 11589 Einwohnern "einverleibt" wurde) wohne, ist mit einem Schlag dahin, wenn Viertel und Stadt turnusmäßig hinwegerodieren und am Ende nichts bleibt als ein paar entkernte Baudenkmäler; identitätsfördernde Sätze wie "Das lassen wir uns nicht gefallen!" sind aus derartigen Stadtskeletten mangels Rest-Wir nicht mehr zu hören. Allenfalls erregt man sich über sündenböckische Konsens-Sauereien wie einen Reklamestern, der auf einem Hochhaus zwischen Bahngleis und Autobahnzubringer die Lehre der alleinherrschenden Religion repräsentiert. Statistiken weisen aus, daß der durchschnittliche Deutsche mittleren Alters mehr mit Sabine Christiansen "kommuniziert" als mit seiner leiblichen Umgebung und der eventuellen eigenen Familie - daß die "Kommunikation", abgesehen von einem gelegentlichen wirkungslosen "Halt's Maul, Brunzkachel!", einseitig verläuft, ist wiederum Ausweis ihrer Modernität.

Sei es, wie es sei. Hingegen treffe ich ständig an den unmöglichsten Stellen auf alte Bekannte, die ich gar nicht kenne und auch überhaupt nicht kennen möchte. Zum Beispiel wenn wieder mal die Münchner CSU bei ihrer Lieblingstätigkeit erwischt wird und sich herausstellt, daß alles bisher Gesagte ausgerechnet für diese Vereinigung zwielichtiger Gestalten und ihre diversen Metastasen nicht gilt: Da kennt jeder jeden in vier Funktionen, der eine schustert dem anderen etwas zu, der andere fördert mittels des dritten die eigene Schwindelfirma, in der der vierte als Aufsichtsrat hockt, der wiederum dem ersten ... über allem thront Monika Hohlmeier als dauerabwiegelnde Schießbudenfigur (deren rote Backen auch nicht daher kommen, daß sie keinen kennt, sondern im Gegenteil), die dann mal wieder in die Presse hineinquaken muß, es seien alles ehrenwerte Männer, die Herren Alibert Wolf und Zimmermann und die eigenen Brüder und der "sehr respektierte" Herr Schatzmeister Ralf Burkei sowieso, der, so hört man, mit seiner Fernsehfirma jenes "lokale Fenster" füllt, das Papa Strauß dereinst schaffen ließ, außerdem dank langjähriger Freundschaft mit dessen Söhnen der "Mann mit dem größten Einfluß im Vorstand" der Partei geworden ist, welch beide Funktionen ihn zum idealen Förderer des merkwürdigen "Geschäftsmannes" Alfred Wieder qualifizieren, der nicht nur merkwürdige Fonds verhökert und über merkwürdige Briefkastenfirmen irgendwas zusammenschleust, sondern auch die Münchner CSU sponsert usw. usf. - man kennt diesen Kreislauf aus sozialer Kompetenz, Diridari-Spezelei und kollektiver Handwäsche zur Genüge, und interessieren tut so was das herummobilisierende Menschenmaterial sowieso nicht.

Aber bei mir bleibt der Name Ralf Burkei hängen, und wenn ich lange genug nachdenke, fällt mir wieder ein, wie mir kleinem Schulbuben vor gut 26 Jahren eines Morgens von einem verdächtig geschniegelten Prä-Yuppie ein Heftchen namens "Alternative" in die Hand gedrückt wurde. Solche Heftchen gab es damals viele, die meisten sahen aus wie das, was sie waren: imitierte Schülerzeitungen. Dieses hingegen war so groß wie ein Schulheft, auf Glanzpapier gedruckt und innen garniert mit richtigen Photos - die allerdings zeigten praktisch alle dieselbe Person: den Strauß-Günstling und Korruptionsdelinquenten Erich Kiesl, der sein Pansengesicht und den erigierten Daumen in die Kamera reckte, um zum Oberbürgermeister gemacht zu werden. Was ihm dann auch gelang, aber nicht weil die "Alternative" so energisch und seitendeckend zum Kieslwählen aufgefordert hatte, sondern weil sich die SPD beharrlich weigerte, einen Gegenkandidaten aufzustellen.

Außer Kieslreklame enthielt die "Alternative" nur zwei "Artikel": Der eine trug den hübschen Titel "Rudolf Heß: Ein alter Mann wird gequält", würdigte den damals noch inhaftierten Nazi-Altknacker als "geistvollen Kritiker mit abwägendem Urteil" und forderte seine umgehende Freilassung. Der andere Beitrag war eine Gratulationsadresse an das "Deutschland-Magazin" zum zehnjährigen "Kampf für die Verbreitung und Durchsetzung konservativer Werte in Deutschland" - unterzeichnet von Strauß, Kohl, Dregger, Carstens, Axel Springer und Gerold Tandler. Selbiges Magazin, dies sei am Rande erwähnt, darf man laut Beschluß des Bundesverfassungsgerichts vom 11. Mai 1976 nicht wörtlich, aber immerhin "sinngemäß" als "rechtsradikales Hetzblatt" bezeichnen. Gegründet hat es dereinst ein gewisser Kurt Ziesel, der sein journalistisches Handwerk mit einem Volontariat beim "Völkischen Beobachter" gelernt und ab 1939 beim "Hakenkreuzbanner", nach 1945 bei der "National-Zeitung" ausgeübt hatte und sich mit "Stimmen der Ostmark" (1938) und "Der rote Rufmord" (1961) auch als Buchautor versuchte. Ziesel, den man nach einem Urteil des Landgerichts München einen "notorischen Nationalsozialisten" nennen durfte, ist mittlerweile dahingeschieden; in seiner Nachfolge kümmert sich der höchst notorische Joachim Siegerist mit einer höchst dubiosen Spendenaktion um das Magazin; der wiederum forderte in den 80er Jahren mit einer Kampagne ... was wohl? logisch: die Freilassung von Rudolf Heß.

Was hat Ralf Burkei mit dieser unappetitlichen Geschichte zu tun? Der fungierte damals als Chefredakteur der "Alternative" und bettelte in dieser Eigenschaft auch noch mal ganz persönlich um die Stimme des Lesers für Erich Kiesl. Daran kann sich außer mir wahrscheinlich kaum mehr jemand erinnern, weil die meisten damaligen Zeugen inzwischen längst wegmobilisiert sind. Und ein solches Beispiel zeigt, wie ich finde, doch sehr schön, warum gewissen Leuten in wirtschaftlich-politischen Führungspositionen soviel daran gelegen ist, das Menschenmaterial immer hübsch mobil zu halten: Nichts tut der Ehrenwertigkeit solcher Figuren so gut wie eine desinteressierte und vergeßliche Umgebung, die nichts und niemanden kennt und wiedererkennt.


e-mail:michaelsailer | impressum | © Michael Sailer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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