Angefangen habe ich diesen Text am 3. Februar 2004, sporadisch weiter- und am 27. Juli fertiggeschrieben. Mit gewissen Kürzungen wurde er am 3. August 2004 als Folge der "Belästigungen" gedruckt. In Buchform ist er bislang nicht erschienen. Mein erster Beitrag zur "Rechtschreibreform" stand in diesem Buch:

Einladung zur Enthirnung. Belästigungen 61-100

ISBN 3-8330-1085-1

12 Euro

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in Band 3:

Ehrenrettung für kaugummikauende Hinterhoftypen

Das Erbgut des wilden Affen (und andere Superwaffen)

Spiele-Spaß mit Ulrich Peltzer

Vom rollenden zum rechten Terror

Fitneß pur: Das große Amerika-aus-dem-Fenster-Schmeißing

Hirnbeiß mit Knödel - Wirft Lothar hin?

Morgen ist gestern: Von Postbeamten, Post-Nazis und Post-Terroristen

Statt BWL und "Schwarzbuch": Catan besiedeln!

Ächz! Dresch! Nix kapier! Deutsch ganz schwer sei!

Meiner Trotz und Dank

Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Weines (und anderer Müll)

Das letzte Wort: "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" (Laurenz Meyer et al.)

Der Turm gehört uns allen!

Durchstarten: Abgebogen wird nur nach vorn!

Im tiefen Tal der Ticketattacken

Flusen, Brauntonnen, Müllpolizisten

Modern Living: Verblöden auf der Autobahn

Ich bin ein maßlos bescheidenes Papierschiffchen

Der Tag der Himbeere - Von der Transsubstantiation des Schmerzes und ihren Folgen

Vergeblicher Versuch, schmuddel-klebriges Gepampe zu erklären

Kugel am Bein und Salat dazu

Ich will so schreiben, wie ich bin

All Heil? Oh Ween! oder: Warum Alice Cooper unbedingt ein deutscher Kürbis werden muß

Wenn das Hirn klumpt und suppt, ist man besser still

Heute wegen Geschlossenheit geschlossen

Warum man manchmal Klaus Kinski sein möchte

Ungeordnete vorwinterliche Fluchtgedanken

Der Rundlauf der zivilisierten Rindviecher

Das MVV-Zeitparadoxon

"Haste mal 'ne letzte Mark?"

Das Elend der Dreckschweine im eigenen Sumpf

"Sakrisch blääd"

Witsch-Watsch-Poff statt Playmobil

Geschenk und Qual

Kein sauer Bier mehr in der Zone, ach!

Rumms - und weg!

Weihrauch, Myrrhe, Abos

Zum Donnerwepper!

Hilfe, ich habe einen Hammermörder geheiratet!

Briefe an (einige) Leser

Belästigungen 1

Belästigungen 2

Wie man eine Sprache verstaatlicht und dann doch wieder nicht (und was dabei herauskommt)

Der Unterschied zwischen Leid und Weh ist ein großer - dieses ist körperlicher Natur, jenes, so spricht das Lexikon, seelischer; zufügen indes kann man beides, wenn man nicht aufpaßt oder von Haus aus böse ist. Ehedem und manchmal bis heute sagt(e) man für "zufügen" auch einfach "tun". Und weil sich das Tun in vielen Fällen mit der Zeit vom Zufügen entfernte und man beim Aussprechen der Floskel nicht mehr ganz so bildhaft den Tuer als Zufüger vor Augen hatte, trat ein sprachlicher Mechanismus auf, der gerne auftritt, wenn es um solche Unterscheidungen geht: die Kleinschreibung, der zur Verdeutlichung oft noch die Zusammenschreibung auf dem Fuße folgt. Wem der Kopf wehtut, der meint damit ganz und gar nicht, daß selbiger etwa mit einem Stock auf ihn eindrischt, und wem das zitternde Vögelein im Schafskältehagelsturm leid tut, der meint damit im Grunde auch nicht, daß der piepsende Matz boshafte Anstrengungen unternimmt, ihm seelisches Leid zuzufügen. So macht das die Sprache eben; da der Einzelfall zählt, bleibt die Systematik manchmal auf der Strecke, aber das spielt keine Rolle, schließlich geht es hier nicht um Mathematik.

Seit einiger Zeit können Nazis in Deutschland unwidersprochen behaupten, Juden hätten ihnen Leid (an)getan - die Reformschreibverordnung, mit der die deutsche Sprache auf mathematisches Format getrimmt und an das Niveau von Schultütenträgern angepaßt werden sollte, macht's möglich. Oder: machte, denn allerneuerdings wiederum heißt es nicht mehr "Leid tun" (vielleicht weil man gespannt hat, daß es dann auch "Gut tun", "Wohl tun", "Weh tun" usf. heißen müßte). Allerdings heißt es auch nicht wieder wie früher "leid tun", sondern "leidtun", warum auch immer (oder kann sich noch jemand erinnern, warum man Wörter, die man normalerweise getrennt schreibt, nun plötzlich zusammenschreiben soll und/oder umgekehrt?). Immerhin: der erwähnte dialektische Nazirechtfertigungsversuch ist damit nicht mehr "zulässig" (oder doch, aber nur noch ab und zu oder irgendwie je nach Gusto und wenn's der Lehrer halt nicht anstreicht, weil er's selber nicht recht weiß oder so), und andererseits darf der neuerdings "allein stehende" Mensch sich nun wieder setzen: Er ist fürderhin wieder alleinstehend, auch ohne Stuhl und Sofa.

Oder? Stimmt alles, aber nicht ganz oder irgendwie nur hintenrum; denn zwar sind am 5. Februar (durch eine "Entscheidungsvorlage" der "Amtskommission Rechtschreibung" über den "vierten Bericht" der "Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung") mal wieder ein paar tausend neue Reformschreib-Sonderregelungen, Spezialänderungen und "Varianten" in "Kraft" getreten und haben durch die "Zustimmung" der "Kultusministerkonferenz" am 4. Juni noch kräftigere Kraft erhalten - aber, so erfahren wir, neue Wörterbücher seien deswegen "nicht nötig". Man möchte meinen, damit habe der wunderliche Circus, der sich seit Jahren um die deutsche Sprache abspielt und nicht nur die Seiten vieler Zeitungen und Bücher in einen Streuselkuchen von Stilblüten und sinnlosem Unfug verwandelt hat, seinen Höhepunkt erreicht: Man muß nun "vor Kurzem" schreiben (auch ohne den Schnaps zu meinen), die "erste Hilfe" wird wieder zur "Ersten Hilfe" - aber niemand weiß und erfährt etwas davon. Auch eine sechzigseitige (!) Liste mit neuen "Einzelfallregelungen" für Silbentrennungen will die "Kommission" nicht veröffentlichen. "Gültig" ist sie trotzdem.

Aber damit geht der Spaß erst richtig los. "Das Ziel" der "Reform", tönte Karl Blüml, der momentane Vorsitzende der Kommission, "war, die Rechtschreibregelung aus der Kompetenz eines deutschen Privatverlags in die staatliche Kompetenz zurückzuholen." Gemeint war die Duden-Redaktion, die allerdings, wie jedes Kind in der Schule lernt, nie sprachliche Vorschriften erlassen hatte, sondern genau andersherum die gängige Sprache beobachtet und aus dem Sprachgebrauch Regeln abgeleitet hatte. Wie auch immer: Zukünftig sollte also "wieder" der Staat für die Regelung der Rechtschreibung zuständig sein (was er vordem nie war, aber egal). Der Staat wiederum setzte die "Kommission" ein, die sich dann in einem absurden Gestrüpp absurder Vorschriften verstrickte. Und weil sie sich da so dermaßen fanatisch und aussichtslos verstrickt hat, zieht sich der Staat nun aus dem ganzen Wirrwarr wieder zurück und überläßt die künftigen Geröllawinen von Sonderregelungen, Anpassungen, "Varianten" usf. zur Belohnung der "Kommission": "Nur Änderungen von grundsätzlicher Bedeutung - beispielsweise die Einführung der Kleinschreibung von Substantiven" (und nicht etwa so lächerliche Nazi-Juden-Kinkerlitzchen) - "sollen den politischen Institutionen überlassen werden", erfahren wir. Das ist nett, denn es bedeutet, daß künftig die "Kommission" frei nach Lust und Laune entscheiden darf, was wer wie wo zu schreiben hat - und da die "Kommission" kein Wörterbuchverlag ist, werden die Betroffenen (Beamte und Schüler, sonst glücklicherweise niemand, auch keine Zeitungsredaktionen und Buchverlage, meine Herren!) von den jeweiligen Neuregelungen höchstens durch Zufall oder irgendwann oder (im Normalfall) überhaupt nichts erfahren.

Auch wenn ich mich damit wiederhole, fasse ich das Ganze noch mal zusammen: Der Staat hat dem Duden-Verlag die Regelung der Rechtschreibung (für die dieser nie zuständig war) weggenommen, um die Rechtschreibung künftig selbst zu regeln und dabei eine neue, mathematisch genormte Sprache einzuführen. Dann hat er beschlossen, daß er doch keine Lust hat, die Rechtschreibung selbst zu regeln, und überläßt das darum zukünftig einer "Kommission", die dazu weder eine Kompetenz noch die nötigen Mittel zur Bekanntmachung hat und ihre Regelungsversuche auch gar nicht bekanntmachen will.

Man könnte sich jetzt hinstellen und feststellen, das sei der dümmste Unfug, den man in seinem ganzen Leben je gehört hat. Das hilft aber nichts. Es hilft nur eines: den Unfug in seiner Gesamtheit ignorieren und die "Kommission" befinden, entscheiden und verheimlichen lassen, was sie will. Wir setzen uns ja auch nicht alle lilagrüne Mützen auf, wenn eine "Kommission" dies vorschreibt und die Vorschrift aber niemandem mitteilt. Sondern wir pfeifen drauf, und wenn man uns fragt, dann gibt es diese "Kommission" im Zweifelsfall gar nicht, oder wir gründen eine eigene. Und was die beschließt - ätsch, das behalten wir für uns.


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