Geschrieben am 11. November 1998 für das von Jürgen Roth und Rajk Wieland herausgegebene Buch "Öde Orte 2". Später hatte ein einschlägiger Eichborn-Autor die grandiose Idee, das ganze Buch abzukupfern, und zitierte dabei zum Stichwort "Landshut" aber nur meinen ersten Satz - zumindest ist mir dies so berichtet worden; ein Belegexemplar habe ich nie erhalten, und auf dem vom Eichborn-Verlag auf meinen Einspruch hin angebotenen Honorar von etwa einer deutschen Mark (das heute ca. 0,2 Euro wert wäre) habe ich auch nicht bestanden. Immerhin führte das Schwindel-Buch dazu, daß mich eines Tages ein Radiomoderator aus Landshut anrief und mit mir ein Telephoninterview durchführte, über die Frage, ob es Landshut nun wirklich gebe oder nicht. Diese Leute haben Sorgen.
 
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Orte und Reisen

Füssen

(mehr kommen noch)

Landshut: Brücke, Kirche, Kannibalen

Daß es Landshut wirklich gibt, wird manchen überraschen: Zu sprichwörtlich sind Redewendungen wie »Du kannst mir mal in Landshut begegnen!« oder (für verschollene, mutmaßlich zur Bürgerlichkeit übergetretene Ex-Peer-Group-Angehörige) »Der ist bestimmt in Landshut.«

Aber so ist das in Niederbayern: Man durchquert - etwa mit dem Fahrrad wie der Verfasser vor einiger Zeit - ein Städtchen und bemerkt hinterher nur an einem leichten Schwindelgefühl von drei bis fünf Bieren und der nebelhaften Erinnerung an Brücke und Kirche, daß da ein Städtchen gewesen sein muß. Und Landshut ist immerhin das Hauptstädtchen des Regierungsbezirks Niederbayern! Hat um die 56.000 Einwohner, die, zu 83 Prozent katholisch, ebenso brav CSU wählen (obwohl ihr Bürgermeister Josef Deimer vor gelegentlichen Stoiber-Lästerungen nicht zurückschreckt, wenn es ums Geld geht!) und ihren jeweiligen Wirtschaften nachgehen, und ist - laut Fischer-Lexikon - »kreisfrei«.

Was nicht ganz stimmt: Bibelkreise gibt es mehrere und sogar einen Anstoßkreis auf der grünen Wiese, wo die örtliche SpVgg antritt. Die wurde einstmals bayernweit bekannt durch ihren damaligen Trainer Karsten Wettberg, der wie ein verdauungsgestörter Brummkreisel durch die Landschaft zu hopsen pflegte und es schon gleich gar nicht überwand, daß ihm seine Vereinsführung trotz erstem Platz in der Bayernliga untersagte, an der Aufstiegsrunde zur Zweiten Liga teilzunehmen, um die Existenz der passend betitelten Stadt nicht allzu laut ins Gedächtnis der deutschen Gesamtrepublik zu rufen. Teilnehmen durfte dann der zweitplazierte Großverein TSV 1860 aus dem fernen Munichen, und aus Rache wechselte Wettberg schleunigst dorthin, hopste mit den Löwen in die Zweite Liga und wieder zurück und verschwand anschließend in der Vergessenheit, i.e.: »Der ist bestimmt in Landshut.«

In München wird von Landshut nicht nur deshalb nicht viel geredet; vielleicht hat man auch immer noch nicht verwunden, daß Bildung und Wissenschaft in Form der ehrwürdig verlotterten Ludwig-Maximilians-Universität von 1800 an für ganze 26 Jahre in Landshut residierten. Heute gibt es dort nur noch die gerade noch rechtzeitig spätgotisch gewordene St.Martins-Kirche, die man stehenließ, um die örtliche Postkartenindustrie nicht vollends zu runieren. Zwar weigerte sich München erfolgreich, sein S-Bahn-Netz neben Freising, Geltendorf und anderen Metropolen auch noch auf Landshut auszudehnen. Aber inzwischen gibt es ja zum Glück die Eisenbahn, sonst müßte man schwarzsehen, was den Tourismus, besonders in seiner »Auf gut Glück«-Variante, anbelangt. Ernüchternde Kunde nämlich erreichte die Welt schon im Jahre 1842 aus dem fernen Helsinki. Der dort ansässige Philosophie-Dozent Johan Vilhelm Smellman hatte zwei Jahre lang südliche, d.h.: deutsche Gefilde bereist und stellte in seinem Reisebericht erbarmungslos fest: »Die Landschaft um München ist auch gegen Norden zu von derselben einsamen und beängstigenden Art wie zwischen München und Augsburg. Erst in der Gegend von Landshut, einer hübschen und gutgelegenen Stadt an der Isar mit einem 456 Fuß hohen Kirchturm, bekommt das Land ein fruchtbareres und angenehmeres Aussehen.« Das ist schön und gut, allein gar nichts hilft es dem urlaubenden Wanderer, der sich bis dorthin ganz bestimmt nicht vorkämpft, oder, wenn doch, die Ankunft so spät bemerkt, daß er schon wieder hindurch und möglicherweise gar in Regensburg angelangt ist, das man, so Smellman, »am besten mit geschlossenen Augen besucht, denn sein Äußeres ist abstoßend, häßlich und düster.« Landshut, so werden uns die verzweifelten Ansichtskarten aus dem düsteren, von der tüchtigen Schwefeloxidindustrie inzwischen weitgehend entbaumten Bayerischen Wald endlich mitteilen, gebe es gar nicht.

Das stimmt aber nachweislich nicht, und sogar richtig groß ist Landshut im Eishockey, seit 50 Jahren schon. Etwa in die Hälfte dieses Demi-Siecle fallen die über die Grenzen des Verwaltungsbezirks hinaus bekanntgewordenen Namen Kühnhackl und Schloder; 1994 nannte sich der Eislaufverein Landshut aus unerfindlichen Gründen plötzlich »Cannibals« - möglicherweise ein dezenter Hinweis auf den Grad der menschheitsgeschichtlichen und zivilisatorischen Entwicklung, den man immerhin erreicht hat - und brachte es laut einer Fan-Homepage im Internet 1997 fertig, »die favorisierten Kölner Haie in vier Spielen klar mit 1:3« zu besiegen. Hm! »Klickt« man in selbigem Internet auf der »Landshut-Site« den Knopf »Kultur« an, erfährt man jedoch lediglich: »File not found«. Dagegen haben die »Pizzastube«, »Sigi's Fahrschule«, »Holy Ghost Tattoo & Piercing« und der Friseursalon Krauss in Adlkofen eine eigene Homepage. Der Server ist bestimmt in Landshut.

Doch, eine Kultur gibt es da schon: Radio Trausnitz hat Oldies und Schlager im Programm. In einem CSU-Gewinnspiel kann man ein weißblaues Trikot erhalten, wenn man weiß, wie oft ein sogenannter »Deutscher Bundestag« gewählt wird, ortsansässige Rapper träumen vor dem Schaufenster von »Waffen-Wieser« vom anderen LA (immerhin ziert das schicksalshafte Kürzel jedes Automobilnummernschild der Stadt, so das Gefährt nicht in Diensten eines »Zugereisten« steht - den es aber aus oben erwähnten Gründen im Grunde gar nicht geben kann -, was dazu führte, daß selbst die traditionell »Ami«-kritisch eingestellten »Alternativen« ihre Stadt bisweilen »Ellä« nennen), und die kurzzeitig prominente »DJane« Marusha soll auch schon mal ihren Plattenspieler aufgestellt haben, zwecks Beschallung eines Tanzkellers. Und nicht zuletzt: Der Verein »Frischluft Landshut e.V.«, so erfahren wir, »hat sich die Aufgabe gestellt, Kinder, Jugendliche, Familien und junggebliebene Erwachsene zur Selbstverwirklichung und aktiven Mitarbeit im demokratischen Staat anzuregen«, und von geruchsfreiem Rechengut ist auch da und dort die Rede. Das ist doch was!

Das alles riecht schwer nach einem Versuchsbiotop für konfliktfreies Dahindämmern. Oder, andererseits: nach Mittelalter, und wie aus Trotz verkleidet sich das ganze Städtchen alle vier Jahre in ein echtes Stück Mittelalter, um dem letzten Landshuter Ereignis von überregionaler Bedeutung zu gedenken: der daselbst stattgefundenen Hochzeit des bayerischen Herzogs. Im Jahre 1475 übrigens. Seit bald hundert Jahren wird das nun wiederholt und wiederholt, und so möchte man eigentlich die ganze Trostlosigkeit mit den treffenden Worten einer ratlos befragten Freundin beenden, die auf das Stichwort »Landshut« nur zu sagen wußte: »Ich glaube gar nicht, daß ich da je in meinem Leben war, und wenn, dann hab ich's vergessen.«

Doch: einmal, ein einziges Mal spielte Landshut auch in diesem Jahrhundert richtig mit in der großen Weltgeschichte. 1977 war's, als die wilden Terrorhorden aus dem deutschen Norden ihre Gesinnungsgenossen aus den Verließen der Bonner Zentralregierung freizupressen suchten, sich zu diesem Behufe mit muselmanischen Mordbuben verbündeten und ein ganzes Flugzeug voller braver Staatsbürger entführten, mit deren und dessen Sprengung sie umgehend drohten. Tagelang blickte da die ganze deutsche Nation mit bangem Auge nach - nein, nicht nach Landshut, sondern ins ferne äthiopische Mogadischu. Dort war der Flieger gelandet, denn Landshut hat gar keinen Flughafen, der für eine Entführung und Erpressung von solcher Tragweite in Frage käme!

Aber, immerhin: am Rumpf der zweckentfremdeten Maschine stand klar und groß und deutlich ihr Name zu stehen, sichtbar und memorabel für Milliarden mitfiebernder Fernsehzuschauer im weiten Erdenrund. Und getauft war das Flugzeug auf den Namen »Landshut«! Kein Wunder, daß die ganze Sache fehlschlug, werden Besserwisser wissen wollen, aber, wiederum immerhin: Welchem Geschichtslehrer wünscht man schon, er müsse künftigen Schülergenerationen nahebringen, wie dereinst die unerschrockene GSG 9 die Bundesrepublik Deutschland vor dem Verderben rettete, indem sie ein Flugzeug stürmte, das, sagen wir mal, »Visselhövede« oder »Hinterfliegenschiß« geheißen habe? Na also!


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