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Das Platten-ABC:
A

A: Morten Abel Addict Adventures In Stereo Die Ärzte Laurel Aitken Wolfgang Ambros Amon Düül Carleen Anderson Anger 77 Anywhen Area-7 Ash Kristofer Astrom Atari Teenage Riot Atomopel Louie Austen

Morten Abel -- Here We Go Then, You And I

Man nennt so etwas »Autofahrermusik«: Sie ist geschmackvoll und perfekt produziert, entfaltet ihre klangtechnische Finesse am besten, wenn man zwischen zwei, vier oder acht höchstwertigen Lautsprechern sitzt und sich auf etwas anderes konzentrieren muß, besteht aus jeder Menge entspannender Melodien, tönt nach Weite, Ferne, Geborgenheit, Freiheit und Sicherheit gleichzeitig und enthält nicht einmal Spuren jener musikalischen Elemente, die bei abruptem und lautem Einsatz einen ungünstigen Verkehrsverlauf befürchten lassen. Mit anderen Worten: Das ist Pop, Mittelklasse, tiefergelegt, mit besten ASU-Werten; jeder dieser zehn Songs würde danach schreien, einen dieser Endlose-Traumlandschaft-nur-ein-Auto-Reklamefilme zu vertonen, wenn es die Album-Etikette erlaubte, zu schreien. Der Titel ist ein Zitat von T.S. Eliot, könnte aber genausogut ein Werbespruch für eine beliebige Fahrzeugfirma sein. Das Booklet enthält ein paar nicht so schöne Bilder, aber das sieht man sich ja auch höchstens zu Hause an. Nun ist es so, daß Autofahren nicht nur für die tausenden von Toten, die jedes Jahr die Teerpisten vollbluten, ungesund ist. Generationen von Kindern husten sich die Bleilungen aus dem Leib, Städte sind zu Abstellplätzen für buntes Blech degeneriert (und die Landschaft außenrum für die rostige Variante), von außen betrachtet weist der gesamte Planet Erde fortschreitende Symptome schwerer Tuberkulose auf; folgerichtig wurde einst sogar eine ganze Partei mit dem Ziel gegründet, dem rasenden Wahnsinn auf lange Sicht ein Ende zu bereiten. Andererseits sind die Protagonisten jener Partei längst zu Rasern mutiert, und demnächst soll ihnen ungefähr eine Milliarde bislang fortbewegungstechnisch unterdrückter Chinesen auf die Piste folgen. Dann ist zwar mit der Atmosphäre Schluß, aber in einem Auto atmet es sich ja schon seit langem besser als außerhalb. Was das ganze Lamento mit dieser Platte zu tun hat? Es spricht für ihre Zukunftsfähigkeit, denn auch die Knatterknisten unserer postkommunistischen Wirtschaftspartner wollen beschallt werden, und ganz nebenbei vermag einer wie Morten Abel auch Nicht-Führerscheinbesitzern für die Dauer von 51 Minuten und elf Sekunden (was etwa 50 Stau-Metern entspricht) jenes wunderbare Gefühl wohliger Gleichgültigkeit zu vermitteln, das man sonst nur am Steuer zwischen zwei, vier oder acht Lautsprechern empfindet. (Juli 2000, WOM-Journal)

Addict -- Stones

»Wir sind süchtig nach Musik und Snowboarding!« hämmert Sänger Mark Aston allen voreiligen Schlüssen aus dem Namen seiner Band einen dicken Riegel vor. Voreiligen Schlüssen aus dieser Aussage wollen wir gleich die nächste Tür weisen: Mit dem, was die Konvents der Anhänger diverser Brettsportarten (Tischtennis und Schach ausgenommen) für gewöhnlich beschallt, hat das Londoner Quartett nicht sehr viel zu tun. Zwar können sie gehörig losdröhnen, wenn's der Akkord verlangt, aber eine höchst talentierte Vorliebe für hymnische Melodien - geschult an Vorbildern und Zeitgenossen wie Radiohead, Foo Fighters, Stereophonics oder Manic Street Preachers - hebt sie weit aus dem Heer der hektischen Brüllaffen heraus. Hinzu kommt, daß es Addict gelingt, den strahlenden Kern zorniger Verweigerung, der vor vielen Jahren Grunge so interessant machte, von seiner lappigen, müden, fauligen Schale zu befreien. Hier ist Wut wieder Wut, nicht mehr Jammer. »I just can't hide my monsterside«, singt Mark auf der monumentalen Single (hier: Track zwei) eher triumphierend als klagend. Soll er auch nicht: Gitarrensaiten sind aus Stahl, damit sie ein paar kräftige Hiebe mit der Rechten vertragen. Verbunden mit kongenialem Respekt vor den Klassikern des Rock, Gespür für getragene bis leise Momente, einer guten Packung spätjugendlicher Wut und einer Kondition, wie sie guten Brettsportlern eigen ist, entsteht ein ebenso starkes wie stärkendes Elixier, das für Gegenwart wie Zukunft einiges hoffen läßt. (April 1998, WOM-Journal)

Adventures in Stereo -- Adventures In Stereo

Das Cover ist ungewöhnlich aussagefreudig: Da steht »Adventures In Stereo«, »Stereo«, »Stereo« und »Written by Adventures In Stereo« drauf. Wer sich so ausschweigt, hat Erfahrung und daher Bla nicht mehr nötig. Und tatsächlich: Diese Aufnahmen könnten 1965 entstanden sein, eine Art Side-Projekt der Beach Boys mit ihren Lieblingsgroupies. Die singen so lieblich zu berückend schön altmodisch produziertem Surf-Sound mit schäumenden Melodiekronen, daß man dem Songtitel »We'll Meet Again« nur zu gerne zustimmt und beim zweiten Hören einräumen muß, daß diese Abenteuer noch ein ganzes Stück besser sind als die »echten« von »damals«. (September 1996, Guide)

Die Ärzte -- Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer

Ein neues Ärzte-Album kommt, der lange vergessenen zwischenzeitlichen Auflösung zum Trotz, so sicher wie der Nikolaus. Wer schon eines hat, braucht keines mehr - oder eben jedes. Noch immer haben Farin Urlaub, Bela B. und ihr mittlerweile auch schon langjähriger »neuer Bassist« Rod Gonzales den konkurrierenden Toten Hosen ein gewaltiges Maß an musikalischer Versiertheit, Humor (man beachte den Titel, der bei jenen einst »Kauf mich!« hieß), Intelligenz und lustigem Wahnwitz voraus; so läßt sich auch das für oberflächliche Ohren Immergleiche genießen. Langsam verwischen auch die inner-Band-lichen Unterschiede: Bela B., seit jeher zuständig für nicht immer ganz unpeinliche nächtliche Sex-Horror-Stories mit nicht immer ganz geschickten Reimen, holt auf und liefert mit »Geld« und »Dir« zwei typische, aber knackige Hits. Farin Urlaub hatte offenbar Liebeskummer: »Wie es geht« und »Gib mir Zeit« sind auch nicht wirklich lustig. Mit »Mondo Bondage«, einer ziemlich trefflichen Komposition von Rod mit weniger orginellem Text von Bela, ist das erste Viertel vorbei und die Probleme überstanden; nun kommen bessere Zeiten. »Onprangering« ist unverschämt genial blöd und groovt ganz ohne Dröhn; »Leichenhalle« (das einzige textliche Dreier-Werk) hätte Screaming Lord Sutch als After-Death-Hit in Billy-Idol-Pose gut gestanden. »Alles so einfach« erinnert schlagerartig-süffisant an die frühen Specials, »N 48,3« ist ein witziger Rockabilly-Frauen-Reinfall-Knaller, Belas »Manchmal haben Frauen« ein thematischer Fast-Reinfall, »Yoko Ono« ein weiterer Beziehungsende-Wutausbruch, »Rock Rendezvous« trotz gutem Witz eklig, »Rock'n'Roll Übermensch« ein hübsches Experiment, und ... und ... und ... und ... auch wenn »Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer« mehr Schwächen hat als etwa »Le Frisur« (und keine wirklich zwingende Single im Stil von »Männer sind Schweine«) und sich der Eindruck, langsam wüchsen die drei aus ihrem Konzept heraus wie aus einem Paar Kinderschuhe, nicht vertreiben läßt - doch, es ist nur noch ein Ärzte-Album - also ein ziemlicher Spaß. (Oktober 2000, popXL)

Laurel Aitken -- The Pama Years

Es ist schwer, etwas über Laurel Aitken zu schreiben, was Insider noch nicht (oder nicht besser) wissen und was Outsider verleiten könnte, sich auf den »Godfather of Ska«, den »High Priest of Reggae« einzulassen, der den Sprung auf den Mainstream selbst nie so richtig schaffte, obwohl er den Weg geteert und gepflastert hatte, auf dem Bob Marley und Jimmy Cliff in die Musikgeschichte marschierten. Ich werde euch also nicht erzählen, daß Aitken vor über 40 Jahren in Kingston seine ersten Platten aufnahm, seine Heimat Jamaica aber schon 1960 verließ, nach London zog und seitdem dortigen Tanzpalästen näher stand als den »echten« Rasta-Roots. Auch nicht, daß er, statt sich auf I-&-I-&Jah-Blueprints zu verlassen, Streicher, Soul, Pop- und Beat-Elemente in seinen trockenen Ska-Reggae einbaute, die Dub-Mode weitestgehend ignorierte, Songs von Elvis Presley und den Beach Boys aufnahm und vielleicht deshalb von Puristen im Reggae-Boom der 70er und 80er Jahre nur heimlich geliebt wurde. Ich werde auch nicht behaupten, daß vielleicht deshalb The Clash seinen Namen nie erwähnten, obwohl einige ihrer frühen (und großartigen) Reggae-Versuche klingen, als sänge Joe Strummer über ein Playback von Laurel Aitken. Ich werde euch nur einen Rat geben, und zwar unabhängig davon, ob ihr euch für Reggae, Ska, Rocksteady und Bluebeat interessiert oder nicht: Laßt euch nicht irritieren von der Tatsache, daß ihr Aitkens Namen in keinem der populären Nachschlagewerke zur Pop- und Rockgeschichte findet. Legt euch dieses Album zu. Es enthält 18 Tracks, die Aitken zwischen 1969 und 1971 für das Label Nu Beat (bzw. Newbeat) aufnahm, von Klassikern wie »Scandal In A Brixton Market« über die Bluebeat-Version von »Sloop John B.« bis zu der unveröffentlichten Single »Benwood Dick«/»Apollo 12«. Und es wird euch nicht nur in mancher Hinsicht die Augen und Ohren öffnen, was die Geschichte des Ska und Reggae angeht (vor allem die neblige Zone, wo beide zusammenhängen), sondern vor allem viel, viel, viel Spaß machen. (1999, WOM-Journal)

Wolfgang Ambros -- Voom Voom Vanilla Camera

Lieber Wolfi! Ehrlich: Ich hab' das nicht gewollt. Aber du: »Sag mir die Wahrheit, auch wenn sie verletzt! Auch wenn sie mir weh tut und mich beleidigt und mein Ego verletzt!« forderst du unter dem Refrain »Laß uns Feinde sein!« So weit will ich nicht gehen, denn im Grunde fand ich dich immer recht sympathisch. Vielleicht ein bißchen ... na ja, lassen wir das, sprechen wir über dein neues Album. Denn das ist wirklich ganz und gar nichts. Puh! »Langsam were oid«, stellst du selbst fest. Macht ja eigentlich nichts. Alte Rockmusiker und Schlagersänger gibt es heute mehr als junge. »Wir sind doch oid gnua, daß ma wiss'n, wos ma sich erlauben kann. Sonst wird ma vom Kurier verrissen, und dann fangt die Scheiße an«, meinst du allerdings auch. Und das stimmt nur halb: Ein so käsiges, verkochtes, fünfmal aufgewärmtes und nochmal verkochtes Menü aus Alpen-»Reggae«, Tankstellen-Schlager, Biederst-Mainstream, selbstzufriedener Ja-mei-Selbstreflexions-Poesie mit peinlichem »Augenzwinkern« in jeder zweiten Strophe - das kann man sich nicht erlauben; das riecht bedenklich nach der Gemütlichkeit jener Berghütten, wo die Pizza aus der Mikrowelle kommt, und da möchte man beim Hören doch lieber nach Füast'nföid oder sonstwohin, aber bloß weit weg. Gerade kommt ein entsetzter Kollege herein und sagt: Vor 20 Jahren war diese Musik noch auf der Höhe der Zeit, heute nicht mehr. Das ist milde ausgedrückt. Damals hast du den Dylan verösterreichert, heute müssen Bob Marley und Neil Young dran glauben. Marley kann sich nicht mehr wehren, aber Neil Young, der lebt noch ein bißchen. Da würde ich lieber Obacht geben, daß der »Herz aus Gold« nicht hört. Und daß du am Ende auch noch »rappen« mußt, lieber Wolfi, ... da fehlen mir die Worte, ehrlich. »Er hat sei Leb'n lang mit sich selber kämpft und immer nur verlor'n«, stellst du selbst fest. Ach, Wolfi! Hör auf zu kämpfen, mach's dir gemütlich, schick die Musiker heim, schenk dir ein Glas Wein ein und spiel ab und zu eines der alten Lieder, daheim am Kamin. Dann samma wieda guat. (April 1999, WOM-Journal)

Amon Düül -- Para Dieswärts Düül

Die Flut der Platten, die den ominösen, durch lange Vergessenheit mittlerweile offenbar wieder verkäuflichkeitsverdächtigen Namen tragen, nimmt kein Ende. An der Zulässigkeit der Veröffentlichung neuer Aufnahmen zweifeln mittlerweile nicht nur die Kritiker, sondern auch einzelne Mitglieder der weitverzweigten Sippe von Leuten, die irgendwann mal irgendwo irgendwas mit der Band zu tun hatten und sich daher beim Tresenschwadronieren gerne »Ur-Düüls« oder ähnlich nennen. »Para Dieswärts Düül« ist nicht neu, sondern eine Aufnahme jener ungefähren Hälfte der Anfangskommune, die bei der Trennung 1969 den Namen und den ersten Teil der Gründungsparole als Motto behalten hatte (»Es muß Musik gemacht werden von allen - alle dürfen, die irgendwie können«). Der zweite Teil wurde vergessen, da liegt das Problem und der kurzzeitige verwirrende Reiz beim Wiederhören: Nicht etwa, daß keiner ein Instrument spielen konnte (das konnte beim »professionellen« Halbableger Amon Düül II außer dem Bassisten Lothar Meid damals auch keiner), sondern daß hier Leute am Werk waren, die überhaupt keinen Zugang zu Musikinstrumenten hatten. Fetzen einer mißverstandenen Emanzipations-Ideologie, unverdaute Reste von Woodstock-Posen und ein aufmunternder Schweif einflußreicher (oder auch nur reicher) Freunde waren Geburtshelfer von etwas, was denn auch mit Musik eigentlich nichts zu tun hat. Da zupft mal hier einer rum, klöppelt mal da jemand, säuselt, flötet und klappert eine Art ausgewachsener Kindergarten Bänder voll, die von einer jener Plattenfirmen finanziert worden waren, bei denen schon damals jede Menge Geld einer frustrierenden Ahnungslosigkeit in musikalischen Belangen gegenüberstand. Nicht daß das Ergebnis sich nach einem guten Vierteljahrhundert substantiell groß von der Pink-Floyd-Parodie »Tanz der Lemminge« der »anderen« Düüls unterschiede, die klingt, als spielte man »A Saucerful Of Secrets« rückwärts auf einer Waschmaschine ab. Aber das war wenigstens wirklich verrückt, größenwahnsinnig und auch irgendwie experimentierfreudig. Amon Düül I dagegen konnten von ihrem angeblich revolutionären Lebensstil musikalisch nur ein Äquivalent von unbeholfenem kommunalem Sockenwaschen umsetzen: naive, gut gemeinte Betriebsamkeit, die leider außer einem Eimer Schmutzbrühe nichts ergibt. (Herbst 1997, WOM-Journal)

Carleen Anderson -- Blessed Burden

Was ist das eigentlich: Soul? In heutigen Zeiten - wo Musik sehr häufig auf Tastaturen hergestellt wird, die mit Buchstaben und Zahlen beschriftet sind - doch meistens soulala, wenn nicht überhaupt nur ein Stück Glanzplastik, dem Dinge wie »All of my life I will always be hopelessly in love with you my one and only true love of my life« und so weiter und so fort enttönen, dargebracht von heulenden, jaulenden und kreischenden Whitneys in Glitzerverpackung, die ihre Kontakte zu Welt und »Realität« auf beifallumrauschte Galas beschränken und bei Menschen wie mir eine ähnliche Wirkung entfalten wie Katzen, die man am Schwanz aufgehängt und mit einer daruntergestellten Kerze zum Gospeln gebracht hat. Carleen Anderson sieht schon mal ganz anders aus: unlackiert, natürlich und so einfach schön, daß man sie unwillkürlich nicht nur ansehen, sondern durchaus auch anfassen möchte. Das darf aber, wenn ich recht informiert bin, derzeit nur Paul Weller. Gut so. Denn selbiger Brit-Pop-Dad und stilsicherer Traditionalist hat zu den Aufnahmen für Carleens neues Album seine komplette Band und seinen Produzenten Brendan Lynch (der auch schon Ocean Colour Scene wellerte) mitgebracht, und zusammen feiert diese Bande eine Soul-Party, daß es nur so britzelt, knistert, funkt und raucht. Die trüben Tassen der Zunft träfe wahrscheinlich der Schlag, wenn sie diesem Fest zu nahe kämen. Über der Lava aus deftigem Rhythm & Blues, tiefblauem bis rotglühendem Funk, unwiderstehlichem Groove und Balladen aus schmelzendem Sahnekaramel thront Carleens Stimme, die alles verblassen und zerbröseln läßt, was zwischen Soul und Blues derzeit weiblichen Mündern enttönt. Die Wirkung: Gänsehaut, ekstatisches Klopfen und Trommeln auf allen erreichbaren Möbelstücken, pure Begeisterung. (Mai 1998, WOM-Journal)

Anger 77 -- Keine Angst

Natürlich: die Akkorde erkennt jeder. Anger 77 geben sich schon im Opener »Hier will ich leben« keine Mühe, ihre Hingezogenheit zu den frühen U2 zu verbergen. Auch die Attitüde entstammt dem Secondhandladen: Man sieht förmlich die weit ausgebreiteten Arme, mit denen Andreas Siegmund im illuminierten Zentrum einer imaginären Riesenbühne steht und - tja, leider Sachen wie diese singt: »Vertreibe Lügen wenn du willst / Fliegen ist leicht wenn du Freunde hast / wenn ihr lacht in der Nacht / Du bist so leicht wie 'ne Feder.« Wenn »Sigi« (wie ihn die Kumpels nennen) den Mund öffnet, entschwallt ihm Schwachsinn in dicken Wolken, Zeile für Zeile ein poetischer Schädelbruch nach dem anderen, sächsische Apostrophen sonder Zahl ersetzen Punkt und Komma: »Revival verfolgen Revival obwohl niemand sie wirklich gern mag / Geschichte wiederholt sich zyklisch hörst du wenn du Professoren fragst« (BWL-Professoren vielleicht) - »und der kunterbunte Wunderhund läßt sich nicht dressier'n / Wahrscheinlich sagt er würde da die Hölle eher gefrier'n« - »Du bist mein Engel weil du hier bist und mich beschützt / All meine Mängel mir nicht auftischst sondern wegwischst« - »Hoffnungslose Wüste Herzen schweigen stumm / Seel'n sind vertrocknet / Weit und breit kein Leben ein Kaktus ganz allein / Wenn es nicht bald regnet wird er Stein« - »Es soll nie vorbeigeh'n es soll immer sein wie jetzt / Wenn es noch nicht drinsteht schreibt das bitte in's Gesetz« - Ich plädiere für ein anderes Gesetz: Es sei bei Strafe verboten, ein an sich einigermaßen solides und autoradiofreundlich produziertes U2-Remake mit derartigem Seich zu garnieren. Verstöße werden mit lebenslänglicher Verdonnerung zur Instrumentalmusik geahndet. »Binsenweisheit ist beliebt / Was zählt ist wer sie von sich gibt« - das Gegenteil ist wahr, und das gilt auch für Binsenblödheit - »Ein hohles Grinsen kann's nicht sein« - »Alles geht einmal vorbei manchmal ist es schwer wie Blei / Doch geht's vorbei bye bye.« (Juli 2000, popXL)

Anywhen -- The Opiates

»Ich habe mich viel mit Okkultismus und Esoterik beschäftigt«, sagt Anywhen-Kopf Thomas Feiner, »aber nicht wie diese New-Age-Leute, die alles über Emotion erklären wollen und dabei vergessen, was zu tun ist!« Was zu tun ist? Dies: leiden, trauern, schweren Vogelwolken einen Haken anhängen und sich treiben lassen durch düstere Landschaften, in denen seltsame Mischwesen aus Tindersticks, Lou Reed, Tom Waits und dem späten Bryan Ferry düstere Lieder singen. Feiner verzichtete diesmal auf prominente Produzentenhände (zuletzt die von Waits-Reed-Kompagnon Michael Blair) und sorgte selbst für den Feinschliff an Anywhens tränentälertief melancholischen Vertonungen von »unerfreulichen Entdeckungen, Zweifeln und dem Gefühl, daß man der Dinge nicht mehr Herr wird.« Daß der bewegenden Mischung aus Home-recordings und Groß-Orchester stellenweise tröstende Wärme entströmt, ist fast ein Wunder. (Januar 2001, Applaus)

Area-7 -- Bitter & Twisted

Manche Sachen nützen sich nicht ab. Schlechte Platten zum Beispiel, die man sich aus Versehen angeschafft hat, dann aber nie mehr hört. Andere Sachen verlieren dagegen sehr schnell ihr hübsches Gesicht, die scharfe Kante und den glänzenden Lack. Die Mischung aus Rudimentär-Ska, Bläser-Getröte und Surfpunk-Melodien, die diese sieben Australier in genormter Tankwart-Verkleidung in die Mikros schmeißen, war eigentlich schon sauer wie alte Milch, ehe No Doubt vor Jahren (mit dem hinterhältigen Trick einer aus dem Rahmen fallenden Ballade) noch mal Millionen dazu überreden konnten, sich eine Platte davon anzuschaffen. Inzwischen ist viel passiert: mehr Ska-Punk-Platten, noch mehr Ska-Punk-Platten und noch einmal mehr Ska-Punk-Platten, die - seien wir ehrlich - allesamt so gleich klingen wie hundert Dackel, die sich gegenseitig verbellen und zwischendurch den Mond anheulen. Auch Area-7 fällt fürs Cover nur eine hübsch gezeichnete Endzeit-Superhelden-Somic-Szene ein, auch sie portraitieren sich im Booklet per Polizei-Steckbrief, spielen so routiniert wie Maschinen, haben die übliche genrefremde Turbo-Coverversion im Programm ("Boys Don't Cry" von The Cure - die Idee ist etwa so überraschend, spritzig und neu wie der Wackel-Dackel auf der Ablage von Onkel Kurts Opel) und singen (laut Aufdruck "explizite") Texte wie "Music is what you make of it / Life is short / It's over too quick / You don't really know a thing / Listen and think before you rush in" - Banalitäten wie diese sollte man selbst beherzigen, anstatt andere damit zu langweilen, zumal wenn man vom Gesang bis zum letzten Federstrich im Arrangement nichts anzubieten hat, was in irgendeiner Weise originell, eigen, interessant oder neu wäre. Übrigens nützen sich schlechte Platten doch ab - wenn es CDs sind. Die zerfallen nach einigen Jahren von selbst zu Altplastik und Staub, und genau betrachtet ist das in einigen Fällen gar nicht so schlimm. (September 2000, popXL)

Ash -- 1977

Der Titel dieses zweiten Albums des englischen Trios ist kein Querverweis auf den zweiten Punk-Sommer: Ash sind ganz einfach 1977 geboren. Trotzdem würden sie ohne Zweifel gerne so klingen wie die Sex Pistols, zumindest was die Gitarren und die Attitüde angeht. Das Ergebnis ist zwiespältig: Songs wie »Girl From Mars« haben durchaus Charme, der größte Teil der Platte ist aber so massiv überproduziert, daß man teilweise das Gefühl hat, einem Orchester von etwa hundert Gitarristen und fünfzig Effektgeräten gegenüberzusitzen. Daß die dürftigen Live-Qualitäten der drei Teenager sich mittlerweile herumgesprochen haben, macht den bombastischen Aufwand doppelt verdächtig. Bei mehrmaligem Genuß sei Aspirin dringend empfohlen! (März 1996, Motion)

Kristofer Åström & Hidden Truck -- Go, Went, Gone

Radikaler kann ein Richtungswechsel kaum ausfallen, selbst in einer Zeit, da man im Popgeschäft Identitäten wechselt wie andere Leute die Unterwäsche. Kristofer Åström ist Eingeweihten der härteren Szene als Sänger der Band Fireside kein Unbekannter. Der heftig grungende Schwer-Rock des schwedischen Quartetts beeindruckte sogar den vollbärtigen US-Produzenten-Guru Rick Rubin so, daß er das dritte Fireside-Album »Do Not Tailgate« 1996 auf seinem Label American Records veröffentlichte und der Band zwecks Etablierung in der Independent-Führungsriege eine Einladung zum Lollapalooza-Tour-Spektakel verschaffte. Ohne (ganz großen) Erfolg, übrigens. Dafür durften sich Fireside einen schwedischen »Grammy« als beste Hardrock-Band ins Regal stellen. Auf seinem ersten Fast-Solo-Album, aufgenommen im August 98 mit Per Nordmark (Drums), Peter Hermansson (Piano) und Produzent Paul Bothén, geht Åström ganz andere Wege. »Soft Boy« hieß dereinst (vor sechs Jahren) Firesides erste Single, und ein solcher ist der blonde Kristofer nun geworden: sparsam instrumentiert, sachte und behutsam arrangiert, mit sprechenden Titeln wie »Poor Young Man's Heart«, »Hangover Dream«, »Winter Moment« oder »How Come Your Arms Are Not Around Me« versehen, sind seine Songs genau der richtige Soundtrack für das letzte Glas Wein, ehe die Kerze verlischt und der Sonnenaufgang sein kaltes Licht in die Zimmer der Verlassenen wirft. Åströms Verwandlung ist ganz offensichtlich das Ergebnis umfangreicher Studien: Will Oldhams Einfluß ist schon aus dem Titel »Go, Went, Gone« herauszuhören, nicht nur optisch erinnert Åström aber auch an den Klassiker zarter Song-Depressionen, Nick Drake. Ein ungeduldiger Kritiker fand, über das Prädikat »Klingt wie ...« komme die Platte auch nicht hinaus, aber damit tut man Kristofer Åström Unrecht. Die schwedische Popmusik der letzten 25 Jahre von Abba bis Popsicle, von Roxette bis zu den Cardigans, ist bekannt dafür, internationale Trends aufzusaugen und als internationale Hits wieder auszuspucken. Der individuelle Anteil an Eigenständigkeit gerät dabei leicht aus dem Blickfeld. Aber Åströms melancholische Balladen urbaner Einsamkeit sind durchaus unverwechselbar, und sei es auch nur durch die lakonische Sparsamkeit der Texte: Die bestehen meist nur aus wenigen Zeilen, aber gerade wenn man sich anschickt, hinter der Kürze Oberflächlichkeit und Banalität zu vermuten, macht es irgendwo in den nebligen Tiefen des Unterbewußtseins »Klick!«, und man hat verstanden. (Mai 1999, Applaus)

Atari Teenage Riot -- The Future Of War

Während sogenannte politische Denker immer lauter das Ende der Konsensgesellschaft fordern, in der der Kompromiß das Maß aller Dinge ist, kündigen drei Berliner den sozialen Konsens von der anderen Seite aus - fristlos und ohne Schadensersatz: »I'm Sick To Death«/»Fuck All«. Von trendtreuen Szeneplapperern gelegentlich als »Techno-Band« mißverstanden, sind Atari Teenage Riot in Wirklichkeit die Verkörperung dessen, was uns dereinst als Punk Rock und HipHop nur in industriegespülter Form erreicht hat: Die musikalische Form jener endgültigen Revolte, bei der es nur noch darum gehen kann, überhaupt alles zu zerstören. Wie das klingt? Ich würde sagen: Wie der von BSE-Stieren im Endstadium remixte Soundtrack zu einem Snuff-Splatter-Movie nach einem Drehbuch von Andreas Baader, inszeniert von Charles Manson und Pol Pot. Rhythmischer Amok, gespickt mit Splittern von rudimentärem Krawall-Englisch. Oder: wie man sich das, was der Titel verspricht, lieber doch nicht ausmalen würde. »The Future Of War« ist mit ziemlicher Sicherheit das Härteste, was man mit Musik machen kann (abgesehen von den legendären Warhead/If-Then-Else, und diesen daher nicht unähnlich) - jenseits aller Erträglichkeits- und Hörbarkeitsgrenzen und gerade deshalb ein immens wirksames Stärkungsmittel für das, was uns erwartet: Wenn die nachwachsende Generation den erwähnten Denkern mit Musik wie dieser begegnet, besteht noch Hoffnung. Oder überhaupt nichts mehr. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Atomopel -- Bruxelles

Schwierig, die Musik von Atomopel begrifflich zu fassen: Da verschmelzen kantiger Asphalt-Groove, hypnotisch gleitende Wellen von vertrackt-melodischen Minimal-Riffs und großen Melodien, immer wieder plötzlich aufbrechende Break-Eruptionen und Ulla Jacobsens ebenso ernsthaft-eindringlicher wie schwebend-charmanter Gesang zu einer dichten, elektrifizierten Mischung, die mich England, 1980, Gang-Of-Four-Umfeld vermuten ließe, wenn »Bruxelles« nicht so (computerfrei!) modern klänge. Hochinteressant und frei von Längen. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Louie Austen -- Consequences

Das Konzept riecht nach Kuriositätenkabinett, aber das Ergebnis ist erstaunlich: Louie Austen, ein Wiener »Entertainer« im Geiste Sinatras und Dean Martins, wanderte vor einem guten Vierteljahrhundert in die USA aus, um die beiden großen Whisky-Stimmen musikhistorisch zum Trio zu ergänzen. Das klappte nicht so ganz, aber nach seiner Rückkehr in die Pferdefleisch-Metropole hatte zumindest Mister Austen sein crooniges Timbre so perfektioniert, daß er und sein hunderte Lieder umfassendes Repertoire seither aus schummerigen Hotelbars nicht mehr wegzudenken sind. Nebenbei ertüchtigt sich der inzwischen 53 Jahre alte Louie mit Boxen, und beim Training lernte er eines Tages den Elektronik-Musiker Mario Neugebauer kennen, der ihn aus einer (möglicherweise genialen) Laune heraus bat, ein paar Vocals zu einigen seiner Tracks beizusteuern. Aus der Laune wurde ein ganzes Album, und das ist - wie gesagt - erstaunlich: Verschachtelte, verschwimmende Soundkulissen aus episch-trägen bis nervenschmirgelnden Synthetic-Geräuschen und Elektro-Beats bilden einen wundersam idealen Hintergrund für Austens große, tragende, rettungslos verlorene, manchmal bis an die Suizid-Grenze melancholische Melodien, die bei aller Verzweiflung und Leere ein solches Maß an Stil und Coolness ausstrahlen, daß dafür als Erklärung weder Alter noch Erfahrung, Ehrlichkeit der Empfindung oder geschickte Arrangements und Produktion ausreichen: Das ist wahre Größe. (Oktober 1999, WOM-Journal)


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