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Das Platten-ABC:
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G: Ganz schön feist Garbage Gautsch Gay Dad Bobby Gaylor Gene Geneva Genf Genitorturers The Gentle Waves Gladiator Godspeed You Black Emperor! Hubert von Goisern Gomez The Gourds Granfalloon Bus Graue Zellen Green Lizard Guns N' Roses

Ganz schön feist -- Gänseblümchen

Wenn an Klaus Eberhartinger und seiner Ersten Allgemeinen Verunsicherung überhaupt was gut war, dann die Art, wie sie in ihren besten Momenten den Schwachsinn derart rücksichts- (und scheinbar gehirn-)los übertrieben, daß man irgendwann doch wieder lachen mußte. Das ist nicht leicht zu imitieren. Ganz schön Feist geben sich Mühe, ihre radiogängige Schlager-Pop-Suppe mit lockeren Scherzilein und ein paar Prinzen-Ersatzteilen zu garnieren, aber das Ergebnis wirkt nur - eben - bemüht, absolut unprovozierend, harmlos wie warmes Wasser und zum Lachen doch wieder nicht peinlich genug. Tauglich höchstens für den Faschingsnachmittag im Pfarrgemeinderat. (Dezember 1998, WOM-Journal)

Garbage -- Version 2.0

Als Butch Vig, als Nirvana-Produzent in Musik- und Zeitgeschichte eingegangen, vor vier Jahren zwei Begleiter und die schottische Sängerin Shirley Manson um sich sammelte, um selbst Popstar zu werden, war der Erfolg ungeheuer: Das Album »Garbage« wurde eines der erfolgreichsten nicht nur der Alternative-Pop-Szene, die Singles »Queer« und »Stupid Girl« gehören seither zum Standardprogramm aller Radio- und Video-Kanäle. Garbages Spitzenreiter-Position wird die neue Platte sichern und ausbauen. Denn das Quartett hat wie kaum jemand sonst verstanden, worum es in der Popmusik der späten 90er Jahre vor allem geht: die Kunst des richtigen Zitierens und der richtigen Anordnung der Zitate. Shirley Manson nennt diese Strategie »unsere Verbindung mit den Wurzeln, großartigen Musikern wie den Beach Boys, Beatles, Stones, Elvis Presley oder sogar Bessie Smith«. Die Verbindung solch klassischer Vorbilder mit Nineties-Rock und modernster Tanz-Elektronik ist Garbages Erfolgsrezept: Da darf Shirley Manson auch mal Elasticas »Hold Me Now« imitieren, zum elektrischen Gewitter stöhnen oder sich in »When I Grow Up« als schnurrende Verführerin mit scharfen Zähnen präsentieren. Böse Zungen könnten Butch Vigs Arbeitsweise »Recycling« nennen. Zweifellos jedoch ist die ironisch betitelte »Version 2.0« eine perfekt konzipierte und bis in die Haarspitzen attraktiv durchgestylte »Systemerweiterung«, deren Reizen man sich entziehen kann, wenn man will. (Mai 1998, Elle)

Gautsch -- Gautsch

So ist das mit den leidigen Plattenverträgen: Irgendwie muß das Geld raus aus der Firmenkasse; da aber die zuständigen Herren (Frauen sind praktisch nicht beteiligt) aus der Abteilung A&R (arg- und ratlos) weder Kontakt zu noch Ahnung von irgendeiner aktuellen Musikszene haben, müssen sie irgendwas aus dem Hut zaubern. Da kommt ein Ratschlag aus der Verwandtschaft sehr gelegen: »Nehmtsch' do de Gautsch-Bube, der hadd doch emme gern Popschtar werde wolle!« So (oder ähnlich) kommen Leute wie »Gautsch« zu einem Album. Manchmal sind solche Leute ein Glücksfall: wenn sie zufällig Ideen haben. »Gautsch« hat keine, weshalb er sich mit seinem Manager zusammengesetzt und eine ältere Auflage eines gängigen Lexikons der Jugendsprache gewälzt hat. Da stand, daß man zum Kiffen »ain rainziehn« sagt, daß man gerne »Jung & Breit« und »zur Heiterkait berait« ist und was man sonst noch so für Doofie-Klischees braucht, um als Verblödete-Jugend-Surrogat durchzugehn. Die Songtitel sprechen Bände: »König des Pop« (»von mir kannst du noch lern - kaina poppt wie ech!« - oh Gott!), »Ravemädchen«, »Na toll«, »Ich inhaliere«, »Nachdenken« (»is'n ganz übles Tail«). Musikalisch hat die 17-Track-Erbärmlichkeit einen Vorteil: Weil in dem billigen Plastik-Pseudo-Wohnzimmer-Lo-Fi-HipHop (Achtung: nichts davon ist positiv gemeint!) - weil darin Melodien nicht vorkommen, ist das Ganze in nullkommanix wieder aus dem Gedächtnis entschwunden. Mit einer Ausnahme: »Gebogen«. Da hat der arme Gautsch den Refrain (»Ich krieg schon wieda / ich krieg schon wieda / ich krieg schon wieda nix gebogen«) ausgerechnet von der ekelhaftesten Melodie abgekupfert, die das deutsche Fernsehen zu bieten hat (»Nullhundertneunzig ...«). Was sichere Aussagen über seinen Geschmack und seine Stilsicherheit zuläßt; bzw. die seiner Erfinder und Gestalter. »Ja, wenn ich älter bin, dann hau ich tierisch rain«, meint »Gautsch« und zeigt schon mal politischen Anspruch: »Zensur macht die Raichen raich. Zensur mach die Zehnä waich. Zensur - was soll der Schaiß.« Ja, was? Ich habe einen Verdacht: So blöd, sich derart verarschen zu lassen, ist dann doch niemand. (V2) (April 1998, WOM-Journal (nicht gedruckt))

Gay Dad - Leisure Noise

Die Geburt eines Superstars zu verfolgen, verändert nicht nur den Moment, sondern das ganze Leben. Ein Astronom, dessen müdes Auge nach Jahren der Routine eines Nachts die Explosion einer Supernova erblickt, muß sich ähnlich fühlen wie ich, als ich das erste Mal diese Platte hörte. Meine vagen Erinnerungen an Marc Bolan & T.Rex und David Bowie sagen mir, daß damals ähnliches geschehen sein muß: Ein mattes, dahinplätscherndes Jahr wird innerhalb einer guten Dreiviertelstunde plötzlich zum Scheitelpunkt des Lebens und eine Band, ein Star zum Nabel der Welt. Auf einmal ist alles bunt, schön, neu, aufregend und spannend, und niemand kann das richtig erklären - es ist doch nur Popmusik. So wenig sympathisch mir das »Ich war der Erste, toll waren sie nur ganz am Anfang«-Getue eingeweihter Pop-Philologen grundsätzlich ist, in diesem Fall kann ich es verstehen - in solchen Fällen, denn auch die Geburt einer Supernova ist am geheimnisvollsten, sensationellsten und elektrisierendsten ganz zu Beginn, wenn man den ersten Blitz sieht. Die Single »To Earth With Love« war der erste Blitz von Gay Dad, und er hat nicht nur 1999 zum aufregendsten Pop-Jahr seit 1991 (Manic Street Preachers) oder 1992 (Suede) gemacht, sondern auch den Stamm der allgemeinen Routineseligkeit bis in die Wurzeln zersplittert: Diese Band muß man lieben oder hassen, Gleichgültigkeit ist ausgeschlossen - siehe die Tirade von Freund Panos nebenan. Gay-Dad-Sänger Cliff Jones war Musikjournalist, er kennt die Mythen und Mechanismen des Popgeschäfts so gut, wie sie einst auch ein gewisser Morrissey verinnerlicht hat, und er versteht es ebensogut, mit ihnen umzugehen und damit zu spielen wie dieser, wie der junge Richey Edwards, wie der ganz frühe Bryan Ferry. Alles nur Hype! tönt es aus der Abteilung der biederen Handwerker. Natürlich! Die ganze Popgeschichte ist eine Geschichte der Hypes. Und: sich zu verlieben, ist vielleicht der größte Hype von allen. Daraus kann aber auch eine Liebe fürs ganze Leben entstehen. Mag sein, daß von Gay Dad in zwei Jahren nur eine Pfütze von zerlaufenem Glitter bleibt, das war aber bei T.Rex auch nicht anders, und daß das Gegenteil ebensogut möglich ist, hat uns viele Jahre lang David Bowie gezeigt. Es spielt ohnehin keine Rolle. Bei all dem »Zukunfts«-Gewese, das sich speziell in der Dance-Szene verbeitet wie Rauch im Ruhrgebiet, vergessen wir allzu leicht, wie aufregend, spannend, faszinierend die Gegenwart sein kann: das absolute Jetzt!, das wie elektrischer Strom in alle Fasern des Körpers dringt und ihn zum Teil eines Gefühls macht, das keine Revolution ist, aber genauso wirkt. Und deshalb ist »Leisure Noise« (von eventuellen Super-Überraschungen abgesehen) mit Sicherheit die größte, schönste und wichtigste Pop-Platte des Jahres! (August 1999, WOM-Journal; die erwähnte "Tirade" von Panos Mylonas stand im Heft daneben)

Bobby Gaylor -- Fuzzatonic Scream

Bobby Gaylor sei bitter, aber sein Zynismus gleite nie ins Geschmacklose ab, schrieb jemand im WOM-Journal. Schwachsinn! Richtig ist: Bobby Gaylors Zynismus nimmt auf Geschmacksgrenzen sowenig Rücksicht wie eine Haubitze auf die zarte Struktur eines Spinnennetzes, und deshalb gleitet seine Bitterkeit immer wieder auf jenes rettende Bett ab, das man lieber Witz nennt, um es nicht »Humor« nennen zu müssen. Zweitens blüht aus Gaylors scheinbar dahingeplauderten, in Wirklichkeit messerscharf kalkulierten Bösartigkeiten eine philanthropische Wärme, die man selten findet in Zeiten der Scheiß-drauf-Zielorientierung. Darf ich mal zitieren? Seine Suada über die Vorzüge des Selbstmords, die noch die epochale Finsternis der »Vorschläge zur umgehenden Vertilgung allen Übels und Elends« des großalkoholischen schottischen Wüterichs James Thomson von 1871 überdunkelt, schlägt unversehens ins Gegenteil um: »... du mußt keine Motley-Crüe-Reunion ertragen - scheiß auf Zahnseide und Bürste - die Angst vor einer Schwangerschaft wird dir nie mehr den Schlaf rauben - Adios, Akne - Lebt wohl, Hausaufgaben - nie mehr mußt du einen Film durchstehen, den die Produzenten von South Park dir kredenzen - School's out forever - keine unbezahlten Rechnungen mehr - nie mehr Hausarbeit - allerdings kannst du auch nie mehr Kröten mit dem Rasenmäher überfahren - McDonald's-Pommes werden dir auch fehlen ...« Nach einem famosen Crescendo schließen die famosen musings über »Suicide« mit den knappen Worten: »Hey, du bist geboren worden - bring zu Ende, was begonnen hat!« Der Bostoner Bobby Gaylor war Totengräber, Bauarbeiter, Pizzabote, erfolgloser Rockgitarrist und hat Episoden für »Roseanne« geschrieben. Heute ist er Stand-up-Komiker und Geschichtenerzähler, und er weiß, wovon er spricht. Den Raubüberfall in »Business End Of A Gun« hat er genauso am eigenen Leib erlebt wie die jugendliche Verzweiflung und Ausweglosigkeit in »Out The Window« und, natürlich, die »Masturbation«. Wer ihm zuhört, taucht ein in ein Leben, von dem die meisten von uns nur Splitter kennen, das wir dennoch atemlos nachleben, nicht zuletzt aufgrund der Begleitmusik von Marc Bonilla und Michael Scott, die Gaylors Vorliebe für Ennio Morricone sehr treffend bedienen. »Die Menschen heute sind in sich selbst gefangen und schreien nach innen«, sagt Gaylor. »Ich will, daß sie das hier hören und dann ihre eigene Geschichte hinausschreien.« Gemessen an der Wirkung, die »Suicide« nach wenigen Radioeinsätzen hatte, könnte sich Mister Bush demnächst noch sehr wundern. (August 2000, Musikexpreß)

Bobby Gaylor - Fuzzatonic Scream

Der große amerikanische Zyniker Ambrose Bierce definierte den Zyniker als einen »Lumpen, dessen fehlerhafte Sicht die Dinge sieht, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten«. Um zu sehen, wie die Dinge sind, braucht man zwei gesunde Augen und freie Sicht auf die Welt, ohne Zwischeninstanzen wie den Fernsehschirm. Bobby Gaylor kennt die Welt, zumindest die der US-Großstadt Boston, wo er sich als Pizzabote, Totengräber, Bauarbeiter, erfolgloser Rockmusiker und einiges andere durchschlug. Was er dabei so erlebte, erzählte er abends am Kneipentresen, und zwar mit soviel Wut, Witz und fesselnder Anteilnahme, daß er eines Tages die Einladung erhielt, als Stand-Up-Komiker aufzutreten - ohne Skript, ohne Rolle, ohne Namen. Den machte er sich sehr schnell; Gaylors furiose, entfesselte Auftritte brachten ihn ins Fernsehen und auf die größeren Bühnen. Um sich von der Konkurrenz abzusetzen, kam der Plattensammler und Sergio-Leono-Fan (»Once Upon A Time In The West« hat er über 300mal gesehen!) auf die Idee, seine Stories mit Musik zu untermalen. Ein gemeinsamer Freund brachte ihn mit Soundtrack-Komponist Marc Bonilla und Studiomusiker/Toningenieur Michael Scott zusammen; das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit liegt nun auf dem Album »Fuzzatonic Scream« vor. Seine Geschichten über einen selbsterlebten Raubüberfall (»Business End Of A Gun«), Teenager-Brutalität (»Tommy The Frog Killer«), »Masturbation« und andere bizarre Erlebnisse schrieb Bobby nicht nieder, sondern erzählte sie spontan zur Musik. Wie genau er damit ins Herz seiner Hörer trifft, zeigten die Reaktionen auf die Single »Suicide«: Gaylor zählt nach einer kurzen Einleitung über den Unterschied zwischen Tieren (die sich nicht umbringen können, selbst wenn sie wollten) und Menschen in einem mitreißenden, zynischen Crescendo alle nur denkbaren Gründe auf, sich das Leben zu nehmen - um plötzlich ins Gegenteil umzuschwenken und ebenso alltägliche Kleinigkeiten zu sammeln, die dagegen sprechen. Das fertige Sechs-Minuten-Tape schickte er an Radiosender, die es spielten, ohne die Folgen auch nur zu ahnen: Zehntausende von Hörern überfluteten die Stationen mit Anrufen und E-Mails. »Es war unglaublich«, erzählt Bobby. »Ein Typ schrieb mir: ›Ich war auf dem Weg zur Arbeit, als ich deinen Song im Radio hörte, und ich fing an zu weinen. Stell dir das vor: Ein erwachsener Mann weint in seinem Auto. Ich kehrte sofort um, fuhr heim, küßte meine Frau, sagte ihr, daß ich sie liebe, fuhr zur Arbeit und schrieb dir diese E-Mail.‹« Angst, Bobby könnten die Geschichten ausgehen, wo er doch nun ein richtiger Star wird, muß man nicht haben. Bisher noch nicht erzählt hat er zum Beispiel von dem Surf-Unfall, bei dem er fast ertrunken wäre - und von seinem Vater: »Ich war dabei, als er sich nach sieben Jim Beam vier Zähne gezogen hat, mit einer Kombizange und einem Geschirrtuch. Mir passieren schon seltsame Sachen.« (Oktober 2000, Applaus)

Gene -- Revelations

Gene: ein solides Baß-Rhythmus-Duo, Gitarrist Steve Mason, der seine Verehrung für britische Gitarrenkunst von Clapton bis Johnny Marr in perfektes, ideenreiches künstlerisches Handwerk umsetzt, und Sänger Martin Rossiter, der unter Verzicht auf erotische oder private Extravaganz die Würde des kleinen, stilvoll-bescheidenen Mannes verkörpert, von dessen Sehnsüchten und Niederlagen er singt. Das Dilemma: Um im Popgeschäft was zu werden, muß man auffallen wie ein bunter Hund mit zwei Köpfen. Das liegt Gene überhaupt nicht: Ihre Bemühungen, »sensationell« zu sein, machen nur die Vergeblichkeit dieser Bemühung hörbar.Wenn sie versuchen, »etwas zu reißen« verlieren sie den Charme ihrer frühen Singles, wirken angestrengt bis peinlich; Rossiter singt dann nicht mehr wie der sympathische Neffe von Morrissey, sondern wie ein Ziegenbock mit Darmkolik. Leider gilt das auch für ihr drittes Album: hier die schönen, zeitlos britischen Pop-Juwelen, dort die gescheiterten Avancen an Zeitgeist und Masse. Ein Geheimtip, vielleicht auf ewig. (Mai 1999, Applaus)

Geneva - Weather Underground

Der erste schöne Frühlingstag: nichts tun, nur träumen und erinnern. Auf dem Fensterbrett steht ein Glas klares Wasser im milchigblau strahlenden Licht; gegen Abend verdämmert es in den letzten Entzückensschreien von Kindern und Vögeln, die durch die samtig warme Luft schweben. Halt! nicht das Glas berühren - in dem kristallenen Wasser hat sich ein kleiner Zwilling des ersehnten Tages gebildet, der sich wie ein magischer Film nach und nach selbst entwickeln wird, bis alle Details so sichtbar werden, wie sie nur die Erinnerung erfinden hat können. Es muß kein Tag sein, es funktioniert auch mit einer Sekunde, einem Jahr, einer Liebe, einem Abschied. Man kann dieses Wunder hören, und man nennt es Popmusik. Popmusik richtig zu lieben - dazu gehört ein gewisses Maß an Sammel-, ähem, -lust, denn die schönen, wertvollen Dinge gibt es nicht im Supermarkt. Das hat mit der Zahl zwei zu tun und mit den Strukturen eines kommerziellen Kulturbetriebs. Kaum ein wirklicher Popliebhaber wird bestreiten, daß die Meisterwerke von z. B. Suede, Oasis, Radiohead, den Manic Street Preachers durchschnittlich zwei Alben zurückliegen (mit Ungenauigkeiten: Radiohead kreißen noch am zweiten) und daß es sich dabei erstaunlich oft um das zweite Album handelte (die Manics hatten einen Freischuß). Vielleicht entsteht dieses immer in einer einmaligen, halcyonischen Situation: die erste Euphorie ist vorbei, die Naivität noch unberührt, der große Erfolg ausgeblieben, es geht für einen gedehnten Augenblick lang nur um die Musik, mit der man gerade richtig umgehen gelernt hat. Deshalb erlebt man wirklich große Bands dann am intensivsten, wenn man sie zur Zeit ihres zweiten Albums bereits kennt, möglicherweise liebt, jedenfalls in Fleisch und Blut trägt, als wenigen Eingeweihten bekanntes Geheimnis, als Film der Erinnerung, der sich nach und nach selbst entwickelt. Wenn sie einem dann später von sovielen Verkaufsförderungsmaßnahmen wie nur denkbar als Konsumgut vermittelt werden sollen, kann das dem zauberhaften Glanz des zweiten Albums nichts anhaben; im Gegenteil: es wird dadurch noch unwirklicher, größer und schöner. Dies ist Genevas zweites Album. Das erste war hinreißend schön, manchmal zu schön, zu irreal, zu weit entfernt von Leben und Welt. Dieses ist noch schöner, lebendiger, auch weltlicher, manchmal lockt es fast zum Tanzen. Wenn Geneva in zwei Jahren weltberühmt oder vergangen sein werden, wird man sich an dieses Album mit einem sehnsüchtigen Lächeln und einem Glitzern in den Augen erinnern. Genevas erdfernes, luftiges Gespinst aus anmutigen, gläsernen Melodiefäden erinnert immer noch ein bißchen an Suede, Radiohead, die Manics; aber inzwischen gibt es auch jüngere Bands, die an Geneva erinnern, etwa Oslo, deren zweites Album ich kaum erwarten kann. Wenn ich nun noch sage, daß das ganze hier verwirklichte Konzept von Popmusik von jenen modernen US-Halbstarken, die Millionen damit verdienen, daß sie sich Gasmasken, Gitarren und sonstige Gerätschaften in den Arsch stecken und dann ihr Publikum anbrüllen, es solle sie dort auch noch küssen, so weit entfernt ist wie der Morgennebel der romantischen Revolution vom Stinkodem einer Mehrzweckanlage zur Ölraffinierung und Müllverbrennung - dann ist das eigentlich wie ein Tropfen Tusche, der in das Glas mit dem mnemosynischen Zauberfilm fällt, ihn falsch belichtet und als graubraunen, unbrauchbaren Streifen Zellulose zurückläßt. Schade. Aber das Wunder läßt sich wiederholen, mit jedem Hören; das ist es, was Popmusik so unglaublich schön macht. (Februar 2000, Musikexpreß (nicht gedruckt))

Genf -- Import/Export

Seltsame Zeiten sind das: als hätten die Jahre 1976 bis 1996 nur im Traum stattgefunden, ähnelt die deutsche Musikszene plötzlich einem Krautgarten, in dem seltsam gekleidete Wurzelmännlein seltsame Laute von sich geben: Tago Mago, Ege Bamyasi, Halleluwah. Statt Can zu remixen oder imitieren, wie das gerade jeder macht, denken Genf ihre Gedanken weiter und zaubern den Hörer in eine Musikwelt, die so klingt, als hätten die Jahre 1996 bis 2016 nur im Traum stattgefunden: klar, offen, himmelblau - das perfekte Antidot gegen den Lärm der Welt. (Mai 1997, Guide)

Genitorturers -- Sin City

Warum die Handwerker des sehr harten Akkords heute meist so aussehen müssen (und wollen), wie man sich satanistische KZ-Folterknechte in einem Fellini-Spätwerk vorstellt (das der Verleih wegen Geschmacklosigkeit abgelehnt hat), wird mich noch lange beschäftigen. Genitorturers haben immerhin eine sehr böse Schönheit auf dem Cover und hinter dem Mikro, können daher bei ihrer aus Metal und Industrial legierten »Geschlechtsquälerei« in »Sin City« (ich werde mich auch noch lange fragen, warum diese Leute immerzu von Sünde und Sühne reden) auf das übliche Gegrunze verzichten. Dennoch: nur für stählerne Gemüter. (Mai 1998, WOM-Journal)

The Gentle Waves -- Swansong For You

Isobel Campbell ist einer der seltsamsten Popstars, die das an Popstars nicht arme England derzeit anzubieten hat: Sie lebt mit Vorliebe in der Vergangenheit, schreibt Schlaflieder für Bäume, liebt A.A. Milnes »Pooh«-Geschichten, andererseits verehrt sie Serge Gainsbourg - allerdings vor allem wegen dem mehr als sinistren Album »Rock Around The Bunker« von 1975; »Nazi Rock« ist zur Zeit ihr Lieblingslied. Ob man derartig diverse Präferenzen als Zeichen von Offenheit oder Schizophrenie deutet, ist ein graduelles Problem. Vor allem aber ist Isobel Campbell ein Teil von Belle & Sebastian, jener schottischen Lieblingsband aller melancholischen Spät-Teenager, die 1996 mit dem Album »Tigermilk« das wurde, was vor der allgemeinen Ver-Kultung mit Recht »Kult« hieß, zuletzt aber Probleme mit dem Seiltanz zwischen Underground und Ladenkasse hatte und sich daher für ein Jahr von der Bühne zurückzog. Zeit für Isobel, ihr 1999 mit »The Green Fields Of Foreverland ...« gestartetes Side-Projekt The Gentle Waves weiterzuführen. Wie das hoch gelobte, magisch verträumte Debüt ist auch das zweite, teils in Zusammenarbeit mit dem Jazzer Bill Wells entstandene Album gezeichnet von jener typisch nebligen Melancholie, die man von Belle & Sebastian kennt, allerdings ist die asexuelle Märchen-Naivität von »Foreverland« in den Texten nicht mehr oft anzutreffen. Die sind (nicht immer sehr dezent) geprägt von Isobels gerade endgültig beendeter Beziehung mit B-&-S-Partner Stuart Murdoch. »Es gibt nichts Besseres als Liebe«, sagt sie selbst dazu, »du wirst absolut süchtig danach. Aber leider stellt dir niemand eine Garantie aus.« Offenbar war das Niederschreiben von Zeilen wie »bad lovin's always been the same / he'll push it in then push you out« (»Sister Woman«) aber auch heilsam: »Das Album endet in einer eher positiven Stimmung«, meint Isobel. »Veränderung muß sein. Man muß nach vorne blicken.« Aber: »Es gibt soviel mehr Dinge in der Vergangenheit, die mich anregen.« Daß es ausgerechnet Isobel sein würde, die eine eigene Karriere startet, hätte kaum jemand vermutet, schließlich trat die 24jährige, obwohl sie bereits mit elf Klavierspielen lernte (und mit 16 ihren Klavierlehrer umbringen wollte), erst 1998 auf »The Boy With The Arab Strap« als Songwriterin in Erscheinung und galt nie als sonderlich kreativer Faktor ihrer achtköpfigen Stamm-Band. Ein Irrtum: »Ich war nicht direkt frustriert, aber ich hatte es satt, über jede Idee zu diskutieren.« Zumindest einer hat ihr Talent schon länger erkannt, und der muß es wissen: »Die Gentle Waves sind zur Zeit eine meiner liebsten britischen Bands«, sagt E von den Eels. (Dezember 2000, Applaus)

Gladiator -- Legal Drug

Da mittlerweile aus den Kellern jeder deutschen Kleinstadt halbgare Imitationen von Nirvana dröhnen, ist es fast logisch, eine tschechische Grunge-Kopie auf den Markt zu werfen: Ein bißchen Exoten-Bonus muß schon sein, um den ausgelutschten Lärm noch an den Mann zu bringen. Aber Gladiator können leider ebensowenig richtige Songs schreiben und wie ihre vielen deutschen und anderen Kollegen, und ihr sogenanntes »Englisch« ist ebenso peinlich unbeholfen. So hinterläßt »Legal Drug« nur die unangenehmen Wirkungen einer solchen: Überdruß, Übelkeit und miese Laune. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Godspeed You Black Emperor! -- Levez Vos Skinny Fists Comme Antennas To Heaven

Ich weiß noch genau, was das Wichtigste am Progressive Rock war: "Mann! Auf dem neuen Yes-Doppelalbum sind nur VIER ‚Stücke'! Alle über 20 Minuten lang!" Da saß man dann eineinhalb Stunden mit kurzen Saphir-knister-Pausen, war total "weggeflippt" und kämpfte sich mit dem offenen Klappcover auf dem Schoß durch ein endloses Textgeflecht über Ur-Gottheiten, universelle Sinnfindung und das Schicksal des Universums. Aber irgendwas muß doch drangewesen sein? Stimmt, denn jetzt gibt es Progressive Rock ohne Tarkus, Indien, Debussy und Roger Dean, ohne mystische Sättigungsbeilage, und er ist verdammt gut - mindestens so gut, wie er damals immer war, wenn man ihn nicht hören mußte, sondern nur darüber redete. Godspeed You Black Emperor! sind neun junge Menschen mit Gitarren, Trommeln und Streichinstrumenten aus dem kanadischen Montreal, die vor zwei Jahren mit ihrem ersten Album "f#a#" unter (vor allem britischen) Kritikern ein Erdbeben der Begeisterung auslösten, das sich nun verstärkt wiederholen wird. Da trifft sich die intime Weltmüdigkeit der Tindersticks mit der hypnotischen "Ummagumma"-Hermetik der frühen Pink Floyd und jener Grandesse, die sehr, sehr selten entsteht, wenn viele naive Musiker ihren persönlichen Leistungs- und Geltungsdrang über Bord werfen (oder solchen gar nicht haben) und sich gänzlich in ein musikalisches Abenteuer stürzen, von dem niemand weiß, wie es endet. Manchmal passiert dann fast gar nichts, schweben einzelne Töne über endlosen musikalischen Wüsten und Urwäldern, sammeln sich fast unmerklich zu Wolken und entladen sich in Wirbelstürmen. Dabei dehnt sich die Zeit ebenso wie der Raum. Bis sich Melodien wie Findlinge aus dem Lavastrom kristallisieren, vergehen Minuten, am Ende jedes der vier Stücke sind gute 20 Minuten vergangen, und wenn in der folgenden Stille dann der Blick zufällig auf ein Plattencover von, sagen wir, U2 fällt, erscheinen einem die Weltkönige der musikalischen Großlandschaftsgestaltung wie eine Tanzkapelle aus dem Irish Pub an der Ecke. Die vier Stücke heißen "Storm", "Static", "Sleep" und "Antennas To Heaven", sie tragen Untertitel und bestehen aus Teilen, die durch zufällig aufgefangene Geräusche und Stimmen aus dem Äther organisch verbunden sind. Ansonsten kommen sie so weitgehend ohne Worte aus, daß der reißende Fluß von Bildern und Gefühlen, der den Hörer trägt - zwischen Verwirrung, Verzweiflung, Ekstase und grenzenloser Freiheit - nur aus dem eigenen Kopf entspringen kann. Man braucht Zeit und ein offenes Gemüt, um die Qualitäten dieser Musik nicht nur schätzen zu können, sondern überhaupt Zugang dazu bekommen. Menschen, die im Kino bei unerwarteter Überlänge alle 20 Minuten auf die Uhr sehen, werden Probleme haben. Aber der Gewinn könnte einer fürs Leben sein. Und während ich das schreibe, sitzen drei Katzen seit 80 Minuten bewegungslos vor den Lautsprechern und starren in eine Ferne, die es nicht gibt. (Oktober 2000, Rolling Stone)

Godspeed You Black Emperor! -- Levez Vos Skinny Fists Comme Antennas To Heaven

Ich stelle mir vor: Allein im Kino, die Lichter gehen aus, es beginnt ein atemberaubendes Wechselbad der Gefühle, Stimmungen, Träume und Ängste, das die Zeit vergessen läßt. Das Beobachten wird zum Erleben. Passagenweise bin ich ein Astronaut, der einsam im Weltraum treibt, nachdem seine Kollegen und das Schiff von einem schwarzen Loch verschluckt wurden (oder war ich das selbst?). Dann wieder fühle ich mich wie die Hauptperson in einer avantgardistischen, ungeheuer stimmungsvollen Verfilmung von Pink Floyds enigmatisch-psychedelischem Meisterwerk »Ummagumma«. Schließlich werde ich körperlos, verschmelze mit dem Planeten, richte in verzweifelter Sehnsucht tausende zierlicher Fäuste wie Antennen in den leeren Himmel - und während die Abspannmusik elegisch verklingt, stelle ich erstaunt fest, daß gar keine Leinwand da ist. Wie kommt man nach einem solchen Erlebnis in die Welt zurück? (Oktober 2000, Applaus)

Hubert von Goisern -- Fön

Hubert von Goisern ist das, was die geplagte Medienindustrie in gewisser Hilflosigkeit einen Paradiesvogel nennt. Dabei schillert er gar nicht, trampelt auch nicht mit wienerisch verbohrter Gipsköpfigkeit mittels Stevie-Wonder- und Tom-Waits-Austrisierungen in tiefe Fettnäpfe (sondern macht sich Janis Joplins »Mercedes Benz« sehr souverän zu eigen); und mit Zillertalern und anderen Schürzenjägern hat der Mann schon überhaupt nichts zu tun. Hubert von Goisern macht einfach Musik, eine ziemlich deftige, technisch manchmal haarsträubend perfekte Mischung aus Reggae und unblödem Alpen-Liedgut, mit Jazz-Einlagen und wunderbar schwebenden Passagen, die sich immer rechtzeitig in Schwung und - nein, wirklich: Groove auflösen. Wo dem einst möglicherweise kritisch-poetischen Georg Danzer der ästhetische Blick an der Teestuben-Tropfkerze festgeschmolzen ist und Wolfgang Ambros mit peinlich-zickigen Selbstparodien aus dem Hafen des Scheiterns nicht einmal mehr eine Luftmatratze von Song hinausbekommt, tut Goisern das einzig richtige: Er lehnt sich zurück und wartet, bis die Musik kommt. Und wenn sie dann kommt, läßt er sich hineinfallen und treiben - entwaffnend natürlich, mal in tiefer, nüchterner Trauer versunken, mal mit einem ausgelassenen Jodler, und im Gesicht dieses gelassene Fast-Lächeln, das man nicht unterschätzen sollte: Der Mann hat's bei aller Ehrlichkeit und Direktheit berglerisch-faustdick hinter den Ohren; der unschlagbare österreichische Sarkasmus (der ganz ohne Lachen auskommt) tropft aus jeder vierten bis sechsten Textzeile - verwirrend bis unzugänglich für jene, die zwischen Spaß und Ernst, Traurigkeit und Blödelei unterscheiden können und jeden »Jux« am liebsten mit Pappnase, Tusch und Konfettikanone ankündigen. Wir wollen nicht übertreiben. Goisern ist kein Qualtinger; er erzählt seine Gedanken und Geschichten nicht, um böse Menschen zu vernichten. Auch wenn ihn die Eile des modernen Menschen so ankotzt, daß er die »Drawigen« möglicherweise »dawürg'n« möchte, tut er sich doch am liebsten entspannen und dem Echo der eigenen Stimme lauschen, die von den Felsen zurückhallt. Das mag nicht jeder, und diese Platte wird auch nicht jedem gefallen. Aber so ist das nun mal mit der wirklichen Kunst: Sie ist kein Fall für den globalen Supermarkt. (Oktober 2000, popXL)

Gomez -- Liquid Skin

Ihre Platten sind »slow burner«: Gerade hat man angefangen, das Debüt richtig zu schätzen, da kommt schon der Nachfolger. Nicky Wire (für den man die Bezeichnung »Manic Street Preacher« erfinden müßte, wenn er sie nicht selbst erfunden hätte) sagte kürzlich über Gomez: »Ihre Texte sind der größte Haufen Fünftkläßler-Drogen-Scheiß, den ich je gehört habe. Mary J. Blige hat mehr Soul als sie je haben werden!« - so kennt man den guten Nick; etwas anders gelesen ist sein Schimpf jedoch ein Lob für beide Angesprochenen: für Mary J. Blige, denn wer mehr Soul als Gomez hat, darf sich glücklich schätzen, und für Gomez selbst, denn wer sich große Feinde macht, besitzt offenbar auch selbst einiges an Größe. Gomez' Debüt »Bring It On« erschien 1998 und wurde anfangs wenig beachtet. Zu unspektakulär, geradezu provozierend normal sah (und sieht) die Band aus, zu unspektakulär und solide klang (und klingt) ihre Musik - bei häufigem Hören entfaltete die Musik jedoch ungeahnten Reiz, der einer Art Osmose ähnelt: Ohne es zu merken, wird man infiziert, legt die Platte immer wieder auf und mag schließlich nicht mehr ohne sie sein. Ohne Kritiker-Lobeshymnen und Dauer-Airplay fand die magische, subtile Mischung aus Rock, Folk und Soul allein durch Live-Auftritte und Mund-zu-Mund-Propaganda genügend Liebhaber, um platiniert und mit einem Mercury Prize geehrt zu werden. Dem Nachfolger könnte es ebenso gehen, wenn nicht mittlerweile so viele Leute Gomez in ihr Herz geschlossen hätten. Auch dieses Album ist auf seine Art einzigartig und unvergeßlich, es schließt an »Bring It On« an (einer der neuen Songs heißt sogar so), tritt aber nicht auf der Stelle, sondern ist ein Stück klüger, konzentrierter und besser. Gomez-Musik schwebt, fließt, rollt, geht - kurz: sie bewegt sich, der Hörer bewegt sich mit, und die vielen versteckten Feinheiten, Schönheiten, Überraschungen, Spielereien und Sonderbarkeiten machen die Reise zu einem Erlebnis, an das man sich fast so lange selig zurückerinnert, wie man die Ohrwurm-Melodien im Kopf durchs Leben trägt. (November 1999, WOM-Journal)

The Gourds -- Ghosts Of Hallelujah

Woran liegt das nur: Sieben Millionen amerikanische Rock-'n'-Roll-'n'-Road-Bands rocken und rollen sich Fingerkuppen und Stimmbänder ab, schreiben eifrig Songs über Wüsten, Tankstellen und arme Männer am Grunde ihres Seins und werden trotzdem immer öder in ihrer ganzen erbärmlichen Verwechselbarkeit. Und wenn man dann endlich auf das versammelte Genre nur noch mit einer wegwerfenden Handbewegung reagieren möchte, kommt ein Quartett um die Ecke, und plötzlich versteht man wieder: Ja, genau, so müßte es klingen! The Gourds sind fünf ganz normale Typen, denen allerdings nicht der übliche Whiskey-Trübsinn ins Gesicht geschnitzt ist. Im Gegenteil, die sehen richtig naiv und froh aus. Und genauso spielen sie auch: die alten Klampfen und Trommeln, die alten Akkorde, die alten Harmonien. Trotzdem kann ich mich seit den amerikanischen Zeiten der Rolling Stones oder spätestens seit Giant Sands Meisterwerk »Swerve« nicht erinnern, diese Musik mit soviel Begeisterung und Genuß gehört zu haben. Das dritte Album der Gourds entstand in einer Woche auf der Laurels Ranch im texanischen Comfort, und wahrlich, diese Woche hätte ich gerne miterlebt. Ein US-Kollege beschrieb die Gourds wie folgt: »Yodel, whinny, bleat, holler, croon, whistle, stomp, plink, jangle, jingle, thump, squeeze, strum, pick, blow, rock, rock, rock, y'all!« Ich erspare mir das Übersetzen und füge hinzu: Yeah! Da fällt mir eine ganz alte Weisheit wieder ein: Es genügt nicht, Musik machen zu wollen, man muß irgendwie auch dazu geboren sein. Diese Männer sind zu nichts anderem geboren. Wenn sich jemand dieses Jahr nur ein einziges amerikanisches Rock-, Folk- oder Folk-Rock-Album kaufen will, sollte es dieses sein! (April 1999, WOM-Journal)

The Gourds -- Bolsa de Agua

»Musik für die Ungewaschenen und Belesenen« nennen die fünf »Zierkürbisse« ihre durch und durch amerikanische Mischung aus »Desmond Dekker, Black Adder, Folk-Mythos, Oregon-Motels, Curtis-Mayfield-Songs, spanischen Gedichten, Dollars, Leadbelly, Isopropylalkohol, diversen verbotenen Substanzen, Sex, Essen, Spinnen, Insekten, Archetypen-Psychologie, Fußball, flüssigem Gold, Sufis, Priestern, Geschichten aus dem Alten Testament, Schmutz, Betrug und Masturbation«. Über dem Prärie-Lagerfeuer in einer rostigen Pfanne gebraten, heftig gepfeffert und ausgiebig flambiert, wird daraus höchst bodenständiger, ausgelassener, entspannter und streckenweise ungehobelter Rock, der auf samtene Studiotechnik, bunte Posen und glänzenden Lack verzichtet und so tun kann, was Ami-Rock heutzutage höchst selten, im Falle der Gourds nun aber schon zum vierten Mal tut: Er rockt wie die Hölle. (September 2000, Applaus)

Granfaloon Bus -- Good Funeral Weather

Für bekennende Palace-Brothers/Music/Songs-Fans wie mich gilt der zweite Griff (nach der Start-Taste) dem Booklet: Irgendwo muß doch da der Name Oldham versteckt sein. Ist er nicht, aber der Effekt ist ähnlich: Gebrochene Männer mit gebrochenen Stimmen rühren Balsam für gebrochene Seelen. Trotzdem fährt der vierköpfige Bus, dem Namen entsprechend (granfaloon = unangepaßt, lt. Kurt Vonnegut), auf seinem dritten Album keineswegs schnurgerade den Highway lang, sondern leistet sich manch ironischen, skurrilen, vor allem eigensinnigen Abstecher in die dunkle Wüste des amerikanischen Traums. Wie ein lederner Gürtel hält das Schicksal der Gestalten in Todd Constanzas Texten die Songs zusammen, die sich ansonsten auflösen würden im Wasser namenloser Flüsse, verfliegen wie Rauch in der abendlichen Prärie. (Mai 1999, Applaus)

Graue Zellen -- Krauts

In etwa auf halbem Wege zwischen den Toten Hosen und dem ungestümeren Nachwuchs haben die fünf Hamburger ihr Zelt aufgeschlagen: Der Punk-Rock der Grauen Zellen ist nur stellenweise Punk-Rock, tendiert ansonsten stark in Richtung Riff-Hardrock der Düsseldorfer Schule. Das ist kein Nachteil; der besteht eher darin, daß sich aus »Krauts« textlich ein noch wesentlich längerer Zeigefinger streckt als aus Campinos biedersten Elaboraten. Natürlich: Witz war in der deutschen Rockszene noch nie eine verbreitete Tugend, und manche Dinge muß man auch mal anprangern (ich weiß: die Anführungszeichen fehlen). Aber was zu viel ist, ist zu viel. Wenn man mit Bezug auf den alten Oberschüler-Biedermann Heinrich Mann singt: »Der Untertan ist immer noch deutsch - liebt irgendeinen Führer und das Vaterland« und das Ganze mit der Zeile »Verpiß dich, mit Faschisten rede ich nicht« endet - dann ist das peinlich, seicht und banal. Zu viel Bierernst macht leider weder besoffen noch betroffen, sondern nur öde und blöde. (April 2000, WOM-Journal)

Green Lizard -- Identity

Ich weiß, daß Bands nichts für die Promo-Zettel können, die ihren Platten beiliegen. Daß diese Promo-Zettel ohne besondere Rücksichten auf die deutsche Sprache verfaßt werden, bin ich auch gewöhnt. Aber alles hat Grenzen, und dieses eine Mal paßt das eine zum anderen wie der Pferdefuß ins Fettnäpfchen. »Kann es gute Nachrichten aus Holland geben?« fragt man uns. Und: »Die Antwort ist ›ja‹!« Mag sein. Es gab bestimmt schon schlechtere Nachrichten aus Holland als diese Band; leider kann ich mich nicht daran erinnern. Und daß »Sie besser Fussball (sic!) spielen als der BVB zur Zeit«, schmeichelt mir zwar, aber ich bin auch da nicht so sicher. Immerhin: Wir erfahren weiter, daß »an der holländischen Front Ruhe eingekehrt« (stimmt: 1945!) und diese Ruhe nun beendet ist. Wegen Green Lizard. Nun wird die Sache komplizierter. Green Lizard ist eine Band, und die ging laut Zettel »ihren eigenen Weg«. Der besteht musikalisch vor allem darin, eine ganz besonders schmerzliche und dumpfe Pearl-Jam-Imitations-Imitation zusammenzuklampfen. Obwohl die Band »mehrere Contests« gewann (mutmaßlich Pearl-Jam-Imitationswettbewerbe), lehnte sie »diverse Angebote von Major Labels ab« - und wozu? Um dann doch bei Sony zu landen, denn nach dem »schon fast legendären Album ›The Nine EP‹« (von dem ich nie gehört habe, bei dem es sich aber wahrscheinlich nicht um ein Album, sondern eine EP handelt) bekam sie ein Angebot »für ein neues Debut Album und die Jungs unterschrieben prompt« - und warum? Weil die Zeit reif war »für ein größeres Setup«. Ich meine: Spätestens hier ist die Zeit reif für ein umfangreiches Beat-up, vulgo: Hinternversohlen. »Jetzt war nur noch der Stuhl des Producers noch frei, den man mit Clif Norrel nicht besser hätte besetzen können.« Den hätte man auch mit Hans Huber, Karl Müller oder Sepp Maier nicht besser besetzen können - vermutlich, denn mit wem man ihn letztlich besetzt hat, erfahren wir aus dem Zettel nicht. Scheinbar hat Cliff (wie er im nächsten Satz heißt) Norrel aber doch irgendwie mitgemacht, denn er war »äußerst überrascht von der Power, den Green Lizard mitbrachte.« Von diesem sagenhaften »Power« ist in dem todmüden Brei aus Krach und Selbstmitleid, Lähmung, Abklatsch und Langeweile leider nichts zu merken, dafür gibt es aber immerhin zur Single »ein fabelhaftes, wenn nicht gar bahnbrechendes Cartoon-Video.« Das bestimmt nicht die Bahn noch einmal bricht, die Madonna (»Dear Jessie«), Radiohead (»Paranoid Android«) und die Beatles (»Yellow Submarine«) auf diesem Gebiet bereits vor ein paar Tagen gebrochen haben? »Kurz und gut: wir freuen uns auf Green Lizard ...« - glaubt mir, liebe Promo-Zettel-Verfasser, die Vorfreude ist vergebens. Wenn ihr euch die Platte bei Gelegenheit mal anhört, werdet ihr mir zustimmen. In einem Punkt muß ich Green Lizard aber verteidigen: Selbst so sagenhaft schlimme Bands wie diese haben ein Recht auf ein gewisses Mindestmaß an Respekt und Intelligenz bei ihrer »Vermarktung«. (Mai 2000, popXL)

Guns N' Roses -- Live Era '87 - '93

Was haben wir nur früher an Guns N' Roses gefunden? Denn: wir haben was dran gefunden, das läßt sich nicht abstreiten. War es eine leicht perverselnde Lust aufs Totalklischee aufgrund einer Überdosis Ernsthaftigkeit, Avantgarde, Intellektualität und Kult in den Jahren zuvor? Ich weiß es nicht. Fest steht: die wirbelnde, glitzernde Image-Explosion, die Axl Rose, Slash und, ähem, die anderen verursachten, war einen grellen Sommer lang ein Faszinosum; Herren in dunklen Pullovern räumten ihre Wire-Platten ins hintere Regal, setzten sich mit Spiegelsonnenbrille, Mundwinkelfluppe und Jack-Daniels-Kanne ins Cabrio und brausten grölend den Chicks entgegen - nach »Paradise City«, das an jedem Baggerseestrand lag, damals. Nach 1991 hatte kaum mehr jemand Lust, sich eine Guns-N'-Roses-Platte anzuhören. Izzy ging und nahm den Rock-'n'-Roll mit, das »Punk«-Album war ein peinlicher Ausrutscher, und die vier »Use Your Illusions«-Scheiben hatten sich durch Radio-Dauerabnützung als musikalisch doch recht löchrige Angelegenheit erwiesen. Der Circus zog noch zwei Jahre um die Welt, dann wurden auch die Skandälchen seltener und Axls gelegentliche Comeback-Drohungen mit allen möglichen neuen Musikern höchstens noch mit einer leichten Erhebung der linken Augenbraue quittiert. Nun erhalten wir Gelegenheit, alte Urteile zu überprüfen und uns gehörig zu schämen: Zwei CDs lang wuchten Slash, Izzy und/oder Gilby die urältesten Klischee-Riffs in die Gegend und verfransen sich im Sologedudel derart heillos, daß es eine Qual ist. Steven Adler und sein Drums-Nachfolger Matt Sorum sind so weit in den Hintergrund gemischt, daß ihr biederes Geklopfe kaum auffällt, und Axl kräht wie eine jener alkoholkranken Vogelscheuchen, die man gelegentlich spätabends in Bahnhof-Untergeschossen dabei beobachten kann, wie sie anonymen Passanten und der Welt unverständliche Beschimpfungen entgegenröcheln. Das Schlimmste aber sind die Songs, von denen kaum einer mehr zu bieten hat als schier endlos ausgewalzte, gequälte und quälende Standard-Abläufe ohne Ideen, Witz und Melodie. Und dabei waren das doch alles mal Hits! Man faßt es nicht. Damals im Stadion, inmitten enthemmter Wahnsinniger, da mag das alles gewirkt haben, da wurde man vielleicht auch selbst für zwei Stunden zum enthemmten Wahnsinnigen. Auf CD ist es eine lähmend öde, erschreckend leere Sache, aus der einem die Vergangenheit höhnisch kichernd die Zunge herausbleckt und »Ätsch« sagt. (Januar 2000, WOM-Journal)


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