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Das Platten-ABC:
H

H: H-Blockx Steve Hackett Luke Haines The Handsome Family Francoise Hardy Steve Harley Ben Harper Emmylou Harris & Linda Ronstadt & Dolly Parton PJ Harvey Haugen Gebhardt Hagfors Sophie B. Hawkins Hawkwind Nick Heyward High Llamas Robyn Hitchcock Hollywood Teasze Home Rich Hopkins Roland S. Howard Steve Howe Hüsker Dü 100 Watt Smile Michael Hutchence

H-Blockx -- Fly Eyes

Langhaarige mögen die fünf Harten aus dem Westen nicht besonders. Damit sind aber natürlich nicht die oberkörperfreien Mattenschüttler gemeint, die sich seit Jahren massenhaft vor H-Blockx-Bühnen die Beine in den Schlamm stehen, sondern jene anderen, die 1998 immer noch bei Kerzenlicht auf dem Sofa Musik hören und mit dem Dictionary eifrig Texte studieren. Für die ist Album Nummer drei wieder nix: Hier kommt Musik mit der Faust, zäh wie Lederhaut, hart wie Crossover-Stahl, flink wie Grind-Hunde. Musik zum kollektiven Toben, bei der die Texte vor allem die Funktion haben, zum Mosh-pit-Turnen die passende rhythmische Gurgel-Gymnastik zu liefern. Wie schon die beiden letzten Male gibt es aber auch Überraschungen: »Take Me Home« - der dröge Titel läßt es ahnen - ist eine hochamerikanische Rock-Ballade in bester Foreigner- und Boston-Tradition. Überhaupt haben sich H-Blockx behutsam vom inzwischen wirklich reichlich ausgelutschten »Crossover« germanischer Machart entfernt und dafür neue Wurzeln entdeckt: Nicht wenige der 15 Songs erinnern deutlich an gewisse Momente der Hardrock-Geschichte, an Uriah Heep (ohne David Byrons Kastraten-Nebelhorn), an UFO (ohne Solo-Eskapaden), an Bon Jovi und die frühen Scorpions. Ob das ein Wegweiser ist? Aus Münster in die große Welt? Ob die noch so ist wie damals? (April 1998, WOM-Journal)

Steve Hackett & John Hackett -- Sketches Of Satie

Überraschung: Steve Hackett, ganz früher mal Saiten-Maestro bei Genesis und mit seinem letzten Soloalbum zum Musterbeispiel für romantische Verfehlungen degeneriert, liefert zusammen mit seinem Bruder John ein Musterbeispiel für einfühlsame Interpretation. Am Anfang war eine Suche: Gute zehn Jahre lang hatte Steve Hackett eine Melodie im Kopf, die er andauernd summte, ohne zu wissen, wie sie hieß und von wem sie war. Schließlich fand er es heraus und stieß auf Erik Satie, den französischen modernen und Allzeit-Meister des warmen, einzigen Tons, dessen Einflußquelle in den Jazz ebenso hineinsprudelte wie in die Bemühungen der Minimalisten und der nicht zuletzt der geistige Großvater all dessen ist, was man heute "Ambient" nennt. Die Idee war schnell geboren, brauchte aber eine lange Schulzeit: Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder John wälzte Steve Pläne mit Saties Musik. Brauchte man ein Orchester? Oder konnte es gelingen, die Piano-basierten Kompositionen nur mit den eigenen bevorzugten Instrumenten (Akustikgitarre und Flöte) umzusetzen? Es konnte, aber es brauchte - wiederum Zeit, soviel Zeit unter Kopfhörern, daß Steve Hackett am Ende eigener Aussage zufolge zwei Monate lang keine gerade Linie entlanggehen konnte. Satie ist nicht immer ganz leicht zu verstehen, und Verständnis (am besten ein eigenes) ist Voraussetzung jeder Interpretation - hier gehört vor allem dazu, daß die Schönheit in dem liegt, was man NICHT tut. Die beiden Hacketts haben Satie so gut verstanden, daß die Gefühle unmittelbar auf den Hörer überspringen. Ein den Vorlagen angemessen bescheidenes, reduziertes, aber ungeheuer intensives und höchst atmosphärisches Album mit wenig Tönen und viel Gespür. (November 2000, popXL)


Luke Haines -- Christie Malry's Own Double Entry OST + The Oliver Twist Manifesto

»This Is Not Entertainment« - in der Tat: Easy Listening ist es nicht, was uns Luke Haines auf dieser Doppel-Solo-Ladung um die Ohren haut. Das wäre aber erstens angesichts dessen, um was es geht, auch nicht angemessen, und außerdem kennen und schätzen wir ihn ja gerade dafür. Schließlich: Entertainment heißt Unterhaltung, und eine solche kommt nicht zustande mit dem grimmigen alten Mann am Ende des Tresens, der jedem apologetischen Argument für die Schönheit der Welt ein endgültiges Gegenwort mit womöglich anhängender Verschwörungstheorie entgegenzischt. Zum Glück ist Luke Haines kein (allzu) grimmiger, auch kein (allzu) alter Mann, sondern ein Mensch mit Sinn für Schönheit und Stil, den die Welt zum gnadenlosen Zyniker geschliffen hat, ohne daß er deshalb diesen Sinn verloren hätte. Ein Abseiter, ein Renegat, bisweilen hart an der Grenze zur Sympathie für gewalttätige Rache an den Zerstörern von Schönheit und Sinn. In seiner Arbeit mit den Auteurs, zufällig kommerziell genährt vom Britpop-Boom, überwog spätjugendlicher Zorn, mit Black Box Recorder verschaffte er der nüchternen Melancholie einen ihrer schönsten Auftritte in der Popgeschichte; nun ist er in die Gestalt eines richtigen Terroristen geschlüpft: Christie Malry, eine Romanfigur des Londoner Avantgardisten und "Sprachzerlegers" Bryan Stanley Johnson - ein Buchhalter, der eines Tages beschließt, seine Kenntnisse der doppelten Buchführung auf das eigene Leben anzuwenden und jede Belästigung durch die Gesellschaft mit zunehmend brutalen Anschlägen zu saldieren - mit schlimmem Ende. Paul Tickell hat das verschrobene, bizarre Buch verfilmt, und Luke Haines gleicht mit dem Soundtrack sein eigenes »Welt-Konto« aus - knapp dargelegt im Innencover. Und liefert dazu mit »The Oliver Twist Manifesto« einen Nachtrag, der Dickens' Waisenknaben mit Johnsons einsamem Rächer und den Renegaten der westlichen Moderne von Valerie Solanas bis Baader-Meinhof (nach denen Haines einst ein Projekt benannte) verbindet. Haines' Sinn für Schönheit und Stil ist es zu verdanken, daß aus dem enzyklopädischen Anspielungswust doch wieder Musik wird, die die Verzweiflung über den ganzen Wahnsinn (an der Johnson letztlich scheiterte: Er nahm sich 1973, kurz nach dem Erscheinen seines Romans, das Leben) mildert; be-, aber nicht überfrachtet mit Zitaten (etwa Abbas »Money Money Money« - wie passend), mit Anklängen an die (hier elektrisch modernromantisierte) Weltmüdigkeit von Black Box Recorder, gekrönt von Haines' Giftschlangen-Gesang, der wie eine absurde Kreuzung aus Johnny Rotten und den Pet Shop Boys klingt, die aber hier gar nicht absurd, sondern völlig passend ist. Man könnte bemängeln, daß Haines' Zynismus nicht immer ganz die Waage mit seinem Sinn für die von weltlichem Müll unantastbare Schönheit der Musik hält. Das zeigt sich in der Coverversion von Nick Lowes »I Love The Sound Of Breaking Glass«, die im Original wie ein süßes Teufelchen auf dem Seil über dem Abgrund tanzt und unter Haines' pessimistischer Dampfwalze fast erstickt. Aber was sind so kleine Fehler in der Bilanz schon gegen die großen Posten, um die es, wie gesagt, schließlich geht? (August 2001, Musikexpreß)

The Handsome Family -- In The Air

DAS nenne ich einen doppelten Boden: Aufs erste Ohr ist dies ein ganz und gar freundliches, leicht verspieltes Alternative-Country-Album, mit viel akustischer Gitarre, Akkordeon, Pedal-steel, Melodika, Mandoline, auch mal einer Aschentonne als Trommel »und was noch so rumlag«. Katzen kugeln übers Mischpult, Brett Sparks singt gelassen, Rennie Sparks lächelt, und draußen strahlt die Sonne - Pustekuchen. Stimmt zwar alles irgendwie (sogar die Katzen), aber Rennies Texte entstammen Alpträumen, wie sie düsterer nicht sein könnten: Blut, Tränen, irrationale Ängste, Einsamkeit, Vergeblichkeit, Sehnsucht, Sprachlosigkeit, Bedrohung und der Tod lauern in jeder Zeile. »He kissed her so hard her mouth filled with blood / then he left her to cry where the red oaks die« - da bleibt selbst einem Nick Cave der Mund offenstehen. Hank Williams wäre stolz auf die beiden. (Mai 2000, WOM-Journal)

Francoise Hardy -- Le Danger

Das schüchterne Mädchen, das Mick Jagger einst als seine »Idealfrau« bezeichnete, ist inzwischen nicht mehr ganz jung, aber das wird niemand glauben, der ihr neues Album hört: »Le Danger« tönt so verführerisch, erotisch und lebendig, daß Herr Jagger sicher (nicht nur) mit den Ohren schlackern würde, wenn er hörte, wie jung man mit, ähem, soviel Jahren ganz ohne Frischzellenkur noch klingen kann. Besondere Highlights neben den zauberhaft zeitlosen Songs: Die herrlich fette Slide-Gitarre von Francois Bodin und das unvergleichlich coole Schlagzeugspiel von Doudou Weiss (der leider nicht immer mitspielen darf). (März 1996, Motion)

Steve Harley -- Stripped To The Bare Bones

Auf der Liste der 50 Platten, ohne die ich eine einsame Insel nicht mal betreten würde, steht »The Psychomodo« seit jeher ziemlich weit oben. Und obwohl ich weiß, daß ich nicht der einzige bin, für den die heilige Glam-Dreifaltigkeit aus Roxy, Bowie und Cockney Rebel besteht, hat es Steve Harley geschafft, irgendwann in einer Falte der Popgeschichte zu verschwinden und nie mehr richtig aufzutauchen. Was ist da passiert? Cockney Rebel nahmen ziemlich viel von dem vorweg, was 20 Jahre später als Britpop bekannt wurde; Harley war auch einer der ersten, der die Presse mit einer aufgesetzt arroganten Großmaul-Attitüde alarmierte. Hemmungslos romantisch, dekandent, sexuell vieldeutig und überbordend vor Witz, überdrehtem Anglo-Akzent und feiner Intelligenz, machten seine Songs (mit Ausnahme des deutschen Top-30-Hits »Sebastian«) jedoch auch schon 20 Jahre vor Suede und den Manic Street Preachers die Erfahrung, daß ihre Qualitäten jenseits der britischen Inseln nicht viele Freunde hatten. 1977 verwischte die Punk-Brandung auch dort Steve Harleys Spuren, ein paar mindere Hits und das »Phantom Of The Opera«-Duett mit Sarah Brightman machten die Vergeßlichkeit plausibel. Vielleicht war es der Soundtrack zu »Velvet Goldmine«, der mit zwei der schönsten Cockney-Rebel-Songs für neue Nachfrage sorgte, vielleicht war die Zeit einfach reif: 1998 bestieg Harley mit und ohne Band über 60 britische Bühnen, vom gigantischen Open-air bis zum Keller-Club. In einem solchen, dem Londoner Jazz Café, entstand im März dieser Mitschnitt des akustischen Harley, nur begleitet von Nick Pynn an diversen Saiteninstrumenten. Es dauert ein bißchen, bis man sich wieder eingestellt hat auf seine Mischung aus Jux und Wehmut, aber spätestens bei dem unvergeßlich grandiosen »Tumbling Down« hat er gewonnen, und wenn das von Publikumschören begleitete »Make Me Smile (Come Up And See Me)« verklungen ist, weiß man erst recht keine Antwort mehr auf die Frage, wieso kein Mensch Steve Harley kennt. (April 1999, WOM-Journal)

Ben Harper -- The Will To Live

Als ich Ben Harper vor einiger Zeit kennenlernte, wollte er nichts von seiner Platte erzählen, sondern hat mir seine Adresse gegeben und gesagt, ich solle noch ein paar Freunde mitbringen. Leute wie Ben sind mir eigentlich suspekt: Soviel soziales Gewissen, soviel sozialer Realismus, soviel Friedlichkeit und Ernst. Aber es geht mir auch diesmal so wie bei den letzten zwei Alben: Bens Finger schrammen über seine Lap-Steel-Gitarre (die ungefähr so alt ist wie sein Vater), dann ertönt diese wirklich unglaubliche Stimme: aus dem Bauch des anderen Amerika - und schon hat er gewonnen. Kein Schrei, keine Pose, keine Parolen, kein Gag, nur die reine Wahrheit. Wer Ben Harper hören kann, ohne das Gefühl zu haben, ihn umarmen zu müssen, dem fehlt dieses Organ zwischen den Lungen. (Juni 1997, Guide)

Emmylou Harris, Linda Ronstadt, Dolly Parton -- Trio II

Ein Wunder ist es nicht, daß die drei großen Americana-Damen ihrer erstem Dreier-Album nun eine Fortsetzung folgen lassen. Schließlich war die Ernte reichlich: drei Top-five-Singles, zwei Millionen Käufer, ein Grammy, ein ACM- und ein CMA-Award (ein Gütesiegel nicht nur für Fleisch aus deutschen Landen). Schon eher verwunderlich, daß Emmylou, Linda und Dolly zwölf Jahre ins Country gehen ließen, ehe sie sich aufs Neue zusammentaten. Aber gut Ding will Weile haben, und in der Tat: »Trio II« steht dem »Debüt« in nichts nach. Erneut ist die Darbietung ebenso perfekt und klassisch wie Produktion und Ausstattung. Dem uramerikanischen Zwang zur (wenn nötig künstlichen) optischen Ewigjugendlichkeit begegneten die Traditions-Göttinnen, indem sie ausschließlich Jugendfotos zum Abdruck freigaben; ihre Stimmen sind ohnehin über jeden Verdacht auf Alters- oder Abnutzungserscheinungen erhaben. Die Songsauswahl ist eine geschickte Mischung aus beschwingt, beschaulich und vertraulich, aus der Neil Youngs »After The Gold Rush«, das überraschend unaufgeregt groovende »I Feel The Blues Movin' In« (Del McCoury) und Randy Newmans relativ neues »Feel's Like Home« herausragen - nicht weit, denn auch die übrigen sieben Titel (einziger Eigenbeitrag: Dolly Partons »Do I Ever Cross Your Mind« von 1973) liegen dank trefflichem Geschmack, emotionaler Intensität und einer Fülle erfreulicher Details ein gutes Stück über solidem Mittelmaß. Das gilt auch für die beteiligten Musiker: Namen wie Jim Keltner, David Lindley, Alison Krauss oder Robby Buchanan (um nur einige zu nennen) sprechen für sich selbst. Manch Euro-Ohr wird sich stellenweise ein bißchen kandiert und bepuderzuckert vorkommen, der Schmalzfaktor ist aber vergleichsweise erstaunlich niedrig, und in einem langen Winter wie diesem braucht auch die rauheste Seele bisweilen eine warme Schmusedecke. (März 1999, WOM-Journal)

PJ Harvey -- Stories From The City, Stories From The Sea

Ich war Polly Jean Harvey mal sehr nahe, einen Moment lang. Da fragte ich sie nach dem Unterschied zwischen Wahrheit und Schönheit, und sie benahm sich wie eine Schlange, die man mit einer Peitsche in die Ecke treibt: Zischen, Winden, weg. Ein paar Stunden später begegneten wir uns wieder, in zwei Taxis an einer Kreuzung, und da winkte sie herüber, als wären wir vor langer Zeit verabredet gewesen und hätten uns verpaßt. Eine bezeichnende Szenenfolge für eine Frau, die auf der erwähnten Differenz wie auf einer Rasierklinge tanzt; der man eher zutraut, daß sie sich selbst unter Strom setzt, um mal zu spüren, wie das ist, als daß sie einen Lovesong mit einem Dancebeat aufnimmt. Ihr Auftritt auf der Pop-Bühne vor einem guten Jahrzehnt glich dem gewisser Vertreter des Wiener Aktionismus der 60er Jahre, die sich in den Eingeweiden frisch geschlachteter Schafe wälzten - nur daß es Harveys eigenes Inneres war, das sie in einem (musikalischen) Inferno der Selbstzerfleischung nach außen kehrte. Diesmal schlägt die Waage (nach einem beängstigend perfekten Gleichgewicht auf dem Meisterwerk »To Bring You My Love«) auf die Seite der Schönheit aus: Viele überraschend gewaltlose, eingängige Popmelodien erregen das Ohr, Gaststar Thom Yorke manieriert betulich über »This Mess We're In«, und in »Good Fortune« verwandelt sich Polly ganzheitlich/-körperlich in die frühe Patti Smith, mit der sie nie verglichen werden wollte, deren erstes Album »Horses« sie aber scheinbar bis in ihre Träume verfolgt (»Horses In My Dreams«). Aber Vorsicht, die Versöhnlichkeit ist trügerisch: So leicht das Album aufs erste Hören scheint - man stößt immer wieder auf verstörende Risse in der Fassade von Songs wie »Beautiful Feeling« und »Kamikaze«, die ahnen lassen, daß jederzeit wieder gespuckt, gebissen und gelitten werden kann - »the language of love, the language of violence« ist nicht vergessen, sondern wird nur stellenweise übertönt von einer Harmonie, die Harvey offenbar im Spannungsfeld zwischen den im Titel erwähnten Idealorten fand; und bisweilen schimmert sogar ein leises Lächeln der Ironie durch. Sollen wir versuchen, ihm nahezukommen? (November 2000, popXL)

Haugen Gebhardt Hagfors -- Pignoise

Wer die norwegischen Bands Motorpsycho, Home Groan und Hellbillies liebt, wird diese Platte mit Verblüffung, Ungläubigkeit oder der gerechten Empörung des enttäuschten Schweinerockers quittieren. Dem Rest der Welt ist zu wünschen, daß er den ersten Halbsatz überlesen hat, den Plattentitel ignoriert und sich unvorbereitet in ein lohnendes Abenteuer stürzt. Müde von der üblichen Aufnahme-Routine in klinischen Studios mit 48 und mehr Spuren, zogen sich Martin Hagfors (Home Groan), Lars Haugen (Hellbillies) und Haugen von den höllengestählten, zuletzt in Prog-Rock-Gestaden gedrifteten Motorpsycho am 1. November 1999 in eine einsame Holzhütte zurück - mit Essen, Getränken, akustischen Instrumenten, Tonbandgerät und einem einzigen Mikrophon. Zehn neue Songs wurden in zwei Tagen eingespielt, ohne Overdubs und Mix, ganz wie »damals«, aber mit einer Lebens- und Spielfreude, die nahe an den Traum der puren Musik herankommt und zeigt, daß alle drei insgeheim davon träumen, als Hobos in verschossenen Latzhosen auf der Northern-Pacific-Eisenbahn durch die Lande zu reisen und abends am Lagerfeuer zum Volk zu singen. Ihre Songs haben Substanz und enorme hymnische Qualitäten, in manchem schlummert ein zukünftiger Klassiker für Landstraße und Zeltlager. Ohne Klischees kommt ein Versuch wie dieser natürlich nicht aus, doch das ist vollkommen egal, denn das Ergebnis macht soviel Spaß und Laune, daß auch der ganz normale Musikhörer ungläubig, verblüfft (und begeistert) zurückbleibt. (August 2000, Applaus)

Sophie B. Hawkins -- Timbre

Ein Banjo ist schuld: Weil die bekanntermaßen eigensinnige Sophie das Ding auf der Single »Lose Your Way« gerne draufhaben wollte, ihre Plattenfirma jedoch auf sofortiger Löschung bestand, kommt »Timbre« nun mit einem Jahr Verspätung und ohne jegliche Unterstützung der trotzigen Mogule (aber mit Banjo!) auf den Markt. Glücklicherweise, denn Sophie verabschiedet sich mit diesem dritten Album von der Mainstream-Formel des Vorgängers »Whaler« und besinnt sich auf das, was ihre wahre Stärke ist: griffige, runde, gehaltvolle, dennoch leichtverdauliche Popsongs und vor allem Texte, die kein (Feigen-)Blatt vor den Mund nehmen und selbst für die älteste Tätigkeit der Menschheitsgeschichte noch neue, ebenso poetische wie deutliche Worte finden: »He fits my body like a one horse town / and I was drunk like a vagabond on his street / and I lay face down / and I rode his joy like a child on a merry-go-round« (»Your Tongue Like The Sun In My Mouth«). (Oktober 1999, Applaus)


Hawkwind -- Sechs Alben

Die Karriere der wechselköpfigen Drogen-Experimental-Kommune um Dave Brock läßt sich nach allen menschlichen Maßstäben nur mit einem Wort beschreiben: Fiasko. Obwohl sie mit »Silver Machine« einen perfiden Klassiker hinterließen (die Formatvorlage für jeden Prä-Punk-Primitiv-Song) und ihren strapaziösen Drahtseilakt zwischen lachhaft prätentiösem Psychedelic-Humbug, talentlosem Geisterbahn-Rock und sternstündlichen Zufälligkeiten fast drei Jahrzehnte (!) durchielten, blieb ihnen echte Anerkennung stets versagt. Dave Brock, dem Schwurbelhirn im Mittelpunkt des intergalaktischen Flohzirkus, war und ist solches wahrscheinlich wurscht. Der ließ sich kürzlich, nach seiner schönsten Erinnerung befragt, lang und breit über ein gemeinsames Konzert mit The Who aus, das nie stattgefunden hat. Über den Auftritt am 8. Dezember 1979, der unter dem Titel »Live - Shot Down In The Night« den Auftakt dieser Reissue-Reihe bildet, schwieg er sich hingegen aus. Dabei begann mit diesem Album eine (kurze) Phase relativer Stabilität: Gerade erst war die Band mal wieder zum Besetzungsorkan geworden, hatte ihren Plattenvertrag verloren und drohte mit der Entscheidung, trotzdem auf Tour zu gehen, nicht nur sich selbst, sondern auch ihr befreundetes Umfeld zu ruinieren. Aber die Tour lief gut, Hawkwind spielten ihren mäandernden Zwei-Akkorde-Space-Rock so tight, sicher und kompakt wie selten, und das Live-Album (ihr zweites) erreichte die britischen Top 20, obwohl die abschließende Version von »Silver Machine« aus Platzgründen rigoros abgeschnitten wurde. Grund genug für Bronze Records, den neuen Vertrag um eine LP zu verlängern. Das zehnte Album entstand wieder mal unter chaotischen Bedingungen: Streitereien, Zusammenbrüche, Durcheinander, und als schließlich Drummer Simon King der Weg zur Tür gezeigt wurde, schien alles am Ende. Aber - Hawkwind-Regel Nummer eins: es geht immer irgendwie weiter. Cream-Legende Ginger Baker übernahm den Stuhl, und »Levitation« wurde nicht nur eine der ersten digital aufgenommenen Schallplatten überhaupt, sondern auch ein Höhepunkt der Bandkarriere, was die Umsetzung von wirren Ideen, plumpem Science-Fiction-Wackelpudding und Stehausschank-Esoterik in Musik anging. In den 80er Jahren schwoll die Flut von Hawkwind-Veröffentlichungen ins Unermeßliche an, was auch daran lag, daß rausgeworfene Mitglieder sofort ihre eigene Band gründeten und teilweise drei verschiedene Hawkwinds gleichzeitig mit demselben irdenen Dumpf-Dröhnen durch die Lande zogen (während Ex-Roadies der Band auch noch unter dem Namen der geistesverwandten Amon Düül Platten machten). Mittlere Umsätze unter chronischen Shampoo-Verweigerern hielten den Namen am Leben, und als Dave Brock 1990 wieder mal ein paar neue Leute um sich sammelte, um das 20jährige Jubiläum zu begehen, reichte es für das Album »Space Bandits« immerhin noch zum 70. Platz der UK-Charts. Im Jahr darauf wurde das im Jahr zuvor independent erschienene »The Xenon Codex« neu aufgelegt - unnötigerweise, denn der Strom der Ideen floß nun doch merklich dünner, und die instrumentalen Fähigkeiten bewegten sich weiterhin auf jenem Niveau, das einem für gewöhnlich am Samstagvormittag aus kleinstädtischen Gitarrenläden entgegenschallt. Das gilt im Grunde auch für das immerhin recht lebendige und konzentrierte Live-Album »Palace Springs« von 1991. Erst 1993 beschloß Dave Brock mal wieder, neue Pfade zu beschreiten, und versuchte in Triobesetzung mit »It Is The Business Of The Future To Be Dangerous« auf den Ambient/Rave-Zug aufzuspringen. Mit dem Ergebnis, daß seine restlichen Fans am Bahnhof zurückblieben. Immerhin: unter dem zweideutigen Motto »The Sounds Of Earth« bietet dieses Sechserpack, knapp kommentiert und angemessen schrill-geschmacklos verpackt (Analogie: 70er-Jahre-Weltraum-Plastikspielzeug für eine Mark aus Hongkong), einen Überblick über das Schaffen einer der absurdesten und seltsamsten Erscheinungen der Rockgeschichte in ihrer menschlichem Gehör zumutbareren Phase. Und eignet sich nebenbei prima als Abschreckung gegen ein eventuelles Dudel-Dröhn-Hippie-Lähmungs-Rock-Revival. (März 2000, WOM-Journal)

Nick Heyward -- The Apple Bed

Nachdem Alan McGee für Creation Records mit Bernard Butler »unseren Neil Young« gewonnen hat, hat er nun auch einen Tom Petty in seiner Sammlung. Könnte man spontan sagen, wenn man nichts über Nick Heywards Geschichte wüßte. Aber vielleicht liegt es wirklich am Einfluß des Draufgängers McGee, an dessen Noelgallagherscher Ausstrahlung von Selbstüberzeugtheit, daß dem einstigen Haircut-100-Popper und halbherzigen Romantiker Heyward eine solche Platte gelungen ist: Scheiß drauf, könnte McGee ihm geraten haben, dreh auf und hau in die Saiten. Das tut Nick, und er tut es so fröhlich und unbekümmert, daß man die Sonne aufgehen hört und bisweilen an eine Mischung aus Pete Townshend und The Clash denkt. Wenn diese Melodien nicht wären, die schmelzen wie Vanilleeis in der Julihitze. Eine davon, »Reach Out For The Summer«, hat Nick Heyward ganz frech bei Rod Stewarts »I Was Only Joking« geklaut, aber was soll's: Selbst die vertrautesten Straßen glänzen in neuem Licht, wenn man in einem perlmuttfarbenem Iso Grifo durchbraust. Meine Hoffnungen für die Popmusik 1998 waren keine großen, aber Rettung kommt unerwarteterweise ausgerechnet aus einer Ecke, die wir längst leer und verstaubt wähnten: Nach Nick Lowe, Ron Sexsmith, Martin Stephenson, Stephen Duffy und Bernard Butler läßt mit Nick Heyward ein weiterer »Rückkehrer« alle dunklen Omen verblassen, alle Abgesänge verstummen und dieses Jahr zu einem der schönsten Pop-Jahre seit langem im Gedächtnis bleiben. Und wir wissen plötzlich wieder, was uns gefehlt hat: Songs, Songs und nochmal Songs. Ein jugendliches, wildes, ungestümes, brillantes Album, das vor Lebensfreude und Pop-Energie nur so sprüht. Der neue, erwachsene Nick Heyward erinnert in vielem an den späten Paul Weller, und da wollen wir ihm doch wünschen, daß England erkennt, was es an ihm hat. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

High Llamas -- Buzzle Bee

Sean O'Hagan hat eigene Ansichten über Radikalität: »Du kannst mit bösen, schwarzen, gefährlichen Sounds radikal sein, aber auch mit seltsamen Melodien. Ein Bacharach-Arrangement aus ›Butch Cassidy & Sundance Kid‹ ist genauso radikal wie wenn du Rückwärts-Geigen durch einen Moog laufen läßt.« O'Hagans Band ist folglich radikal, denn in Zeiten nackter Metal-Gitarren und fetthaarig pulsierender Mosh-pits klingt sie wie eine Low-Budget-Mischung aus den mittleren Beach Boys und (den befreundeten) Stereolab und durfte sich von Burt Bacharach und Herb Alpert loben lassen. Der kleine Wermutstropfen heißt »immer noch«, denn eine wirklich neue Idee haben die High Llamas nun schon ein paar Jahre nicht mehr gehabt. Statt dessen: acht neue, fein gewobene Tracks mit hübschen Pastell-Titeln wie »Sleeping Spray« und »The Passing Bell« - letzterer ist auch der poppig-sonnige Zehn-Minuten-Höhepunkt einer Platte, die ansonsten ein bißchen arg freundlich dahinplätschert. (November 2000, Applaus)

Robyn Hitchcock -- Moss Elixir

Ein englischer Kollege nannte ihn unlängst "Britrocks Antwort auf Edgar Allan Poe". Der Vergleich mag die metaphernverhangenen, lyrisch-rätselhaften Texte des stillen Exzentrikers meinen, der von sich selbst sagt, daß er nirgendwoher kommt. Aber musikalisch hinkt er auf eineinhalb Beinen: Selten klangen Hitchcocks Songs so sommerlich, gelassen, positiv und freundlich. Über Robyns erste Band The Soft Boys sagte einst Lester Bangs: "Manche Leute werden zu ihrer Zeit erkannt, manche nicht." Man verglich ihn mit Lou Reed, Nick Drake und Syd Barret und tat ihm doch immer unrecht, denn Robyn Hitchcock paßt zwar prima in ein Boot mit den größten Song-Dichtern unserer Jahrzehnte, ist aber in keiner Hinsicht vergleichbar. Er hat R.E.M. inspiriert, und tatsächlich klingt deren Megaseller "Automatic For The People" mehr nach Robyn Hitchcock als viele seiner eigenen Aufnahmen. Dieses Album ist noch besser. "Moss Elixir" in kurzen Worten: akustische Miniaturen, nachdenkliche Sommernachmittags-Balladen, verschachtelte, unpathetische Pop-Meisterwerke, garniert mit psychedelischen Sahnetupfern, genial unkonventionelle Arrangements, die alles hinter den Ofen treiben dürften, was sich derzeit so als Exzentriker bezeichnet. Musik, die zum Denken, Träumen und Lächeln einlädt, wunderbar luftig und transparent produziert vom einstigen Punk-Mitstreiter Pat Collier und Robyn selbst. Wer Hitchcock bisher nicht kannte, muß sich nicht schämen, darf es aber gerne tun, wenn er sich weiter verweigert. Es kann noch fünfzig Jahre dauern, bis seine Zeit vorbei ist; so lange sollte man nicht warten. (August 1996, WOM-Journal)

Hollywood Teasze -- No Flakes

Daß die New York Dolls je einen Fuß ins Allgäu gesetzt haben, ist recht unwahrscheinlich. Macht nichts, denn diese drei Glam-Buben hätten sie auch ohne 20 Jahre Altersunterschied hübsch alt aussehen lassen. Optisch ist der Unterschied nicht groß - knallbunte Mähnen, poppige Fummel und Hollywood-Glitter, gewürzt mit einer Prise Fake-Transsexualität, sind aber nur die eine Seite der Puderdose. Überdrehte Pop-Hardrock-Kracher, androgyne Gröl-Chöre und zweideutig-provozierender Trash-Gesang (mit zerzaustem Anglo-Akzent), schwüles Tempo, überschäumende Arrangement-Ideen aus hymnischen Bretter-Akkorden und ironischer Glam-Melancholie zwischen Harley und Bowie und eine positive Uns-ist-eigentlich-alles-egal-solange-die-Party-weitergeht-Zügellosigkeit lassen das Kemptener Trio aus der derzeit recht dumpfen deutschen Rockszene herausstechen wie einen kandierten und parfümierten Paradiesvogel aus einer Horde Krähen. Um die New-York-Dolls- (und Hanoi-Rocks-) Vergleiche ein bißchen zu relativieren (spielen tun sie eh viel besser!), könnte man (abgesehen von den kulturrevolutionären Parolen) auch »Generation Terrorists« ins Spiel bringen, das Debütalbum der Manic Street Preachers. Daß Hollywood Teasze statt der üblichen Version von »Chinese Rocks«, »Subway Train« oder »Do You Love Me« lieber »Girl Power« von den Spice Girls covern (und wie!), gibt der tollen Platte einen zusätzlichen Schuß Witz, Lust und Farbe. (August 1999, WOM-Journal)

Home -- XIV

Das Cover erinnert an eine jener Millionen vollektronischen Beschallungsscheiben, die zur Verwendung bei Love Parade und Chill-out von Geräten am Fließband produziert und auf einen längst übersättigten Markt gepumpt werden. Ganz falsch: Das aus Florida stammende Quartett lebt von einem solchen Übermaß an Inspiration, Spiellust und kreativer Energie, daß dies tatsächlich schon das vierzehnte Album der Mittzwanziger ist - die ersten acht waren allerdings wirklich Home-Recordings, die nur auf Tape erschienen. Und es ist das bislang erfreulichste: Produziert bezeichnenderweise von Mitgliedern der Flaming Lips und Mercury Rev, verbreiten Home duftende, erfrischende, zum unwillkürlichen Lächeln anregende Wolken von Wohlklang zwischen LoFi, Westcoast und klassisch britischem Pop mit anregenden Ausflügen in die Phantasiegefilde des guten alten (in dieser Form ebenfalls sehr britischen) Art-Rock vor seiner kollektiven Bedeutungsschwangerschaft. Daß es ihnen ohne Brüche, Quetschungen und überstehende Kanten gelingt, all die vielen Einflüße, Vorlieben und Anregungen bisweilen in einem einzigen Song zu verbinden, erhöht den Langzeitwert der Platte, die auch nach vielfachem Genuß in immer wieder neuen Facetten glänzt. (Juli 2000, Applaus)

Rich Hopkins & Billy Sedlmayr -- The Fifty Percenter

Billy Sedlmayr hat neuneinhalb Jahre im Knast gesessen - nicht weil er ein Schwerverbecher ist, sondern weil er am 1. Januar 1988 ohne Waffe eine Eisdiele überfiel, um sich Heroin kaufen zu können (die Beute betrug 97 Dollar) und übersah, daß ihm die Polizei seit zwei Tagen auf den Fersen war (nicht nur wegen des gestohlenen Pick-up) und ihn diesmal umzingelt hatte. Sedlmayr versuchte zu fliehen, wurde mit Autos und Hubschraubern verfolgt, aus einem fahrenden Wagen sprang ein Polizist auf seine Ladefläche, zerschlug die Heckscheibe, hielt ihm ein Gewehr an den Kopf und wurde bei Sedlmayrs erneutem Ausreißversuch verletzt. Als man ihn endlich unter Kontrolle hatte, wurde der ausgemergelte Renegat zunächst ins Krankenhaus geprügelt. Die Zeit im Gefängnis verbrachte Sedlmayr vor allem damit, Songs zu schreiben. Rich Hopkins andererseits kannte ihn seit langem, wollte ihn schon immer gerne bei seiner Band, den Luminarios, dabeihaben, was sich aber mit dem Lebenswandel des schwer Hepatitiskranken einfach nicht zu vereinbaren war. Immer wieder spielten sie zusammen, schrieben gemeinsam Lieder, und zehn davon haben sie nun endlich auch gemeinsam aufgenommen: zwei von Billy, eines von Rich, eines von Arthur Lee (Love), der Rest aus gemeinsamer Feder. Es sind Lieder, die vor Stolz, Trotz und Zorn nur so bersten - Zorn auf die Welt und sich selbst; selbst gelegentliche ruhige Stellen in dem Meer aus riesigen Gitarrenakkorden atmen Gefahr, durch die Gelassenheit schimmert eine Art von abgeklärtem Zynismus, die einem nur das Leben beibringen kann. Das Ganze erinnert nicht zufällig an Leute wie Howe Gelb, Rainer Ptacek (dem Sedlmayr im Booklet dankt) und Neil Young. Es ist ein zutiefst amerikanischer Geist von privatem Widerstand und Abgrenzung gegen notfalls alles, den diese Songs atmen. Was uns nicht umbringt, macht uns melancholisch und hart, sagt er, und wenn es uns doch umbringt, haben wir trotzdem gewonnen. Man kennt diesen Geist, aber selten ist und war er so ansteckend, weil echt, wie hier. (November 2000, popXL)

Roland S. Howard -- Teenage Snuff Film

Roland Howard ist momentaner Klassensprecher der alten, düsteren Schule der vom Leben nicht bloß gezeichneten, sondern regelrecht in Stücke gerissenen, verbrannten, überrollten Total-Outsider, die mit gelassenem Blick an der Bar sitzen, ganz alleine, ganz hinten, und die niemand je sprechen oder - Gott bewahre! - lächeln gesehen hat. Er zelebriert Kaputtheit und Härte mit einer fast schon religiösen Hingabe, ohne den dicken Lack aus Zynismus, der seine Gefühle seit langem überzogen hat, anzukratzen. »When I told her I didn't love her, she cried«, singt er in »She Cried«, erweckt dabei aber nicht den Eindruck, als könnte ihm das Unglück der Verstoßenen auch nur einen Anflug von Mitleid abringen. So ist das Leben, Baby. Nimm's, wie's ist oder hau ab. »I don't care what you do.« (»Silevr Chain«) Vertont hat Howard seine Film-noir-Sequenzen so karg und aufwandslos wie nur möglich: ein Gitarrenakkord wie ein fernes Donnern, ein Schlagzeug, das so stoisch dröhnt, daß man sich auf dem Hocker einen engen Verwandten des Indianers aus »Moby Dick« vorstellt, der nie spricht oder gar ... wir hatten das schon. Dazu seine Stimme, die mal an Alice Coopers Uralt-Schocker »I Love The Dead« erinnert, mal an Lou Reeds finsterste Phasen, mal an Iggy Pop, wenn ihn was wirklich ärgert, an Leonard Cohen, an Whipping Boy, Sid Vicious, Billy Idol, dessen »White Wedding« ihm zu einem wirklich großen Song gerät und nebenbei ein weiteres Motto liefert: »There is nothing safe in this world.« Und an Nick Cave - natürlich, denn mit dem hat Roland vor langer Zeit in Australien seine und dessen erste Band gegründet, The Boys Next Door. »Teenage Snuff Film« ist eine beeindruckende Platte, aufwühlend, provozierend, hypnotisch, bei aller Dunkelheit von überraschender melodischer Substanz, deren weicher Kern sehr tief verborgen, dafür aber um so schöner ist. Die einem auch ganz schön Angst machen kann, wenn man sie in einer etwas labilen Stimmung auflegt. (Juli 2000, PopXL)

Steve Howe -- Portraits Of Bob Dylan

Wenn man den Ankündigungen glauben darf, werden/wollen Yes mit ihrem baldigen neuen Album beweisen, daß Prog-Rock etwas sehr Lebendiges sein kann. Gitarrist Howe liefert vorab erst mal jenen Argumente, die Yes schon seit langem für einen gelähmten Dinosaurier aus Kunsthonig halten: Fans werden sich über Jon Andersons Stimme auf dem auf fast eine Viertelstunde ausgewalzten »Sad Eyed Lady Of The Lowlands« und die »Relayer«-Gitarren zu »Just Like A Woman« freuen. Manchen mögen auch die Gastauftritte von P.P. Arnold, Phoebe Snow, Keith West oder Allan Clarke interessieren, aber die ganze Folge von zwölf Dylan-Bearbeitungen leidet doch sehr unter süßlicher Gefälligkeit, wenn sie nicht gleich in cremigem Kitsch ertrinkt. (Juni 1999, WOM-Journal)

Hüsker Dü -- Warehouse: Songs And Stories

»Alternative« starts here. Es gibt ein skandinavisches Brettspiel namens »Hüsker Dü«, das heißt auf deutsch: Weißt du noch? Seit Nirvana und Pearl Jam erinnert sich kaum mehr jemand an die Anfänge jener US-Szene, die den (heute anmaßenden) Namen »Alternative« trägt und Mitte der 80er Jahre noch eine echte Alternative war zum öden Mainstream-Teppich, den sämtliche Radiostationen der westlichen Welt entrollten. Es begann radikal: Bob Mould, Grant Hart und Greg Norton, die sich (warum auch immer) nach dem erwähnten Brettspiel benannten, versägten 1981 mit ihrem Live-Debüt »Land Speed Record« sogar Black Flag und die Dead Kennedies - »Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, Saturday, Sunday, aarrrrgh!«, lautete der ganze Text zu »Manic Week«, und der Überschall-Höllenlärm, den sie zu Texten wie diesem entfesselten, sprengte jede Vorstellungskraft. Danach begannen die drei, Songs zu schreiben, veröffentlichten Platte um Platte - gerne auch mal ein Doppelalbum - und landeten schließlich dort, wo Alternative-Kollegen wie R.E.M. damals noch um keinen Preis hinwollten: bei der Major-Industrie. »It's The End Of The World As We Know It«, sangen R.E.M. 1987, und zeitgleich veröffentlichten die berühmteren Kollegen mit »Warehouse: Songs And Stories« ihr zweites Doppelalbum, ein monumentales Säurebad von Wut, Trauer, Haß, Sehnsucht und epochaler Frustration - verpackt in böse, ätzende, gleichwohl ohrwurmaktive Pop-Melodien. Mould und Hart teilten sich das Songwriting fast paritätisch: elf zu neun, wobei Mould der Part des apokalyptischen Pessimisten zufiel, der in Songs wie »Ice Cold Ice« oder »Bed Of Nails« keine Hintertür einbaute, während Hart gelegentlich fast ein wenig versöhnlich wurde (»Charity, Chastity, Prudence, And Hope«) - scheinbar entspannt durch das Heroin, das neben dem Selbstmord ihres Managers schließlich zum Ende von Hüsker Dü führte. Der ROLLING STONE erkor »Warehouse« zur »besten Rockoper des Jahres«, die VILLAGE VOICE dachte praktischer: »Was für ein wunderbarer Soundtrack für gescheiterte Ehen, Scheißjobs, Magengeschwüre, männliche Midlife Crisis, Impotenz, Haß auf die eigenen Kinder, Blutarmut!« In der Tat: Ein einziger der vielen tausend G-Dur-Akkorde, mit denen Bob Mould das ganze Album zubrettert, reinigt die Seele besser als jede Therapie der Welt - ein stellvertretender Amoklauf, bei dem Grant Hart mit seinen ohnehin mediokren Schlagzeug-Fähigkeiten kaum mehr nachkommt. Nur Hüsker-Dü-Fan Kurt Cobain ging einen letzten Schritt weiter. »Weißt du noch?« - Die Ironie der Geschichte liegt darin, daß tatsächlich kaum mehr jemand weiß, wer Hüsker Dü waren. Der Major-Moloch Warner Bros. kaufte nach dem unrühmlichen Ende flugs die nachrückenden R.E.M. ein und vergaß Hüsker Dü, Mould und Hart verfransten sich in drögen Soloprojekten, und Norton eröffnete ein Restaurant. »These are your important years, your life« - und uns bleibt als gültige Erinnerung nur das Original-Vinyl, weil die damalige und bis heute einzige CD-Ausgabe so klingt, wie die erste CD-Generation nun mal klingt: als hätte man die Vinyl-LPs per Kohle-Mikrophon von einem Kofferradio überspielt. So rächt sich die Geschichte: Während ähnlich einflußreiche Pioniere wie Pere Ubu, Suicide oder Velvet Underground längst durch historisch-kritische Gesmtausgaben im Gedächtnis der Popwelt verankert sind, dümpeln Hüsker Dü in den Archiven des desinteressierten Mediengiganten vor sich hin. Oder, um den Situationisten Guy Debord zu paraphrasieren: Alle Revolutionen gehen in die Geschichte ein, aber die Geschichte wird nicht voller. (Mai 1999, WOM-Journal)

100 Watt Smile -- And Reason Flew

Ungefähr zwei Minuten lang sind 100 Watt Smile richtig interessant und lenken mich sogar von meiner vergnüglichen sonntagnachmittäglichen Lektüre alter Musikzeitschriften ab. Das Interesse an »And Reason Flew« verwandelt sich allerdings recht schnell in große Lust, Papas Fritas aufzulegen, die der Opener »New Jersey« anklingen läßt. Denn im weiteren Verlauf fällt 100 Watt Smile kaum mehr ein, als mit wenig Liebe und auch nicht mehr Einfühlungsvermögen alte Go-Gos-Platten aufzuwärmen und dabei leider keine richtigen Songs zu erfinden. Nett, aber unauffällig. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Michael Hutchence -- Michael Hutchence

Daß sich der INXS-Sänger statt zum Orgasmus zu Tode strangulierte, kann als zynisch-tragische Metapher auf seine Karriere dienen - recht umzugehen wußte Hutchence nie mit seinen Talenten; die wenigen genialen Momente flankieren pathetische Peinlichkeiten, durchscheinende Posen und Texte, die über Gemeinplätze und Rock-Phrasen kaum je hinauskamen. Sein postumes Soloalbum mit prominenten Gästen von Bono bis Joe Strummer macht dies ein letztes Mal deutlich: Zwischen plumpen Rock-Riffs, Eighties-Dance-Grooves, antibakteriellem Produktions-Schnickschnack, Plastik-Soul-Melodien und banalen Zeilen finden sich einige jener magischen Augenblicke, für die der Mann zu Recht unvergessen bleibt. Sie sind nur recht tief vergraben. (Oktober 1999, Die Woche)


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