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Das Platten-ABC:
I

I: Idlewild If In State Of Flux Incubus The (International) Noise Conspiracy Isotope 217 Ivy

Idlewild -- 100 Broken Windows

Der Titel des zweiten Albums könnte beschreiben, was passiert, wenn man Idlewild in der Begeisterung des Augenblicks ein bißchen zu laut aufdreht; er meint aber auch etwas ganz anderes. Photos und plakatives Booklet-Motto (»subject ; history«) deuten es an: Die vier Schotten machen sich Gedanken; das tut man am besten in einer Stimmung melancholischer Zeitvergessenheit, wie man sie zum Beispiel bei Spaziergängen erfahren kann, durch menschenleere Straßen mit unbewohnten Häusern. Aber musikalisch haben Idlewild mit der oft ins Weinerliche schwappenden »neuen Empfindsamkeit« von Radiohead oder Travis nichts am Hut: Ihre Songs haben schroffe Kanten, scharfe Krallen und ein empfindsames, aber unsentimentales Auge. Sie waren mit den Manic Street Preachers auf Tour, deren Gelegenheitsproduzent hat das Album auch produziert, und tatsächlich haben die zwölf Songs viel von der intelligenten Ernsthaftigkeit, der hymnischen Größe und traurigen Wut deren früher Aufnahmen. Idlewilds Debüt hieß »Hope Is Important«. Ein Riesenschritt nach vorne, und aus der Hoffnung ist Gewißheit geworden: Dieser Band gehört die Zukunft (zumindest ein Teil davon). (Mai 2000, Applaus)

If -- If + If 2

Die Rockgeschichte ist ein ungerechter Menschenfresser, der sich seine Opfer weitgehend willkürlich auswählt und sie in den Orkus der Vergessenheit schlingt, während die Entkommenen in der Erinnerung blühen und gedeihen. Warum zum Beispiel tönen Alt-Hippies und Taxifahrer im 40. Semester noch heute kurz vor Sperrstunde am Tresen von den großen Zeiten von Blood, Sweat & Tears und Chicago, ohne den Namen If auch nur zu erwähnen? Das 1969 von den Jazzern Dick Morrissey und Terry Smith gegründete Septett gehörte um die Wende zu den 70er Jahren zu den größten Zukunftshoffnungen der an kreativer Erschöpfung leidenden progressiven Rockmusik. Ihre Mischung aus rockigem Tempo und dynamischer Rhythmik, aus klar strukturierten Songs und jazzigem Spielwitz machte nie den Fehler späterer Pomp-Epigonen, sich in solistischer Selbstbeweihräucherung zu erschöpfen, sondern blieb immer auf kurzes, essentielles Format beschränkt. Als britische Antwort auf die erwähnten US-Bands konnten If mit ihrem vergleichsweise konventionellen Debüt auch in den transatlantischen Charts Fuß fassen und wagten sich mit Album Nummer zwei auf offeneres Terrain: Immens verfeinerte Improvisationen und ein schier unerschöpflich sprudelnder Quell von dynamischen Arrangement-Überraschungen überschritten die Grenzen von Rock und Jazz in alle Richtungen und klingen selbst für heutige Ohren noch faszinierend, mitreißend und staubfrei. Vielleicht war die schnöde Tatsache der kontinentalen Entfernung schuld, daß sich Ifs Verkaufszahlen trotz gefeierter Konzerttourneen immer nur im fünfstelligen Bereich bewegten. Das mußte die hart arbeitenden Musiker frustrieren und zu falscher Zukunftsplanung verleiten: Die spätere Orientierung an gängigen AOR-Mustern sorgte für Langeweile beim Publikum und schließlich die Aufsplitterung der Band, die sich immer mal wieder zusammentat, ohne die alte Magie wiederzufinden. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

In State Of Flux -- Nighttrain Windowgazing

Projekt- und Albumtitel fallen ins Gehirn wie eine Brausetablette aus Bildern und Gedanken und bilden weichen Schaum. Die Begriffe »Zustand« und »Flux« widersprechen sich eigentlich: Wie kann, was fließt, einen Zustand haben? Vielleicht steckt dahinter eine Annäherung an das Problem der Gegenwart: Während der betriebsame Mensch der Neuzeit auf der Rasierklingenschneide seiner Zeitwahrnehmung von gerade eben nach gleich rast, versucht das Projekt In State Of Flux die Ausdehnung der erlebten Gegenwart von der Linie über die Fläche zum räumlichen Kontinuum. Das klingt trocken und schwierig, wie Wörter meistens klingen. Für die musikalische Umsetzung gilt das Gegenteil: leicht, leuchtend und transparent, tatsächlich das, was sich eigentlich widerspricht: auf geradezu natürliche Weise statisch und zugleich bewegungslos fließend - ach, schweres Brot Sprache! Noch bildhafter der Untertitel und die meisten der Track-Überschriften. Durch nächtliche Zugfenster zu starren, kann zwei Dinge meinen: den Blick des einsam Wartenden auf dem neondunklen Bahnhof, der sich im Vorbeirauschen mattgelber Fenster in empfundene Bewegung verwandelt; und den Blick aus dem schaukelnden Abteil auf blinkende Ozeane von Licht und Dunkelheit, die sich um den geistesabwesenden Betrachter zu drehen scheinen, als wäre die Welt doch eine Scheibe. Zwischen beiden Blicken entspannt sich wiederum ein räumliches Kontinuum: In State Of Flux, eben. (Mai 1998, WOM-Journal)

Incubus -- Make Yourself

Verräterischer Name: Ein Incubus ist der Prototyp des Alptraums, der sich erdrückend und erstickend auf den Träumer legt, und tatsächlich quält uns die gleichnamige Band zwei Songs lang mit derart uninspiriertem, orientierungs- und freudlosem Grunge-Verwesungsschleim, daß einem vor Grauen die Haare zu Berge stehen. Dann wird es zeitweise etwas besser, aber dem Titel seines zweiten Albums wird das kalifornische Quartett auch nicht annähernd gerecht: Statt »sich selbst zu machen«, wärmen sie alte Klischees auf (der gnädige Lauf der Zeiten hat viele Leute offenbar vergessen lassen, daß Bands wie die Stone Temple Pilots schon vor acht Jahren als epigonale Replikanten galten) und sind daher nur für Seattle-Nostalgiker mit masochistischem Hang zu lächelfreier Lebensführung bzw. -ertragung erträglich. (Dezember 1999, WOM-Journal)

The (International) Noise Conspiracy -- A New Morning, Changing Weather

Landauf, landab wird in den Feuilletons ein Eighties-Revival gefeiert: Chice, dürrbunte Gestalten, die aussehen wie Gelfrisuren mit Lipgloss-Körpern, mopsen sich durch zickige Steril-Beats und süßeln Plastik-Stilismen in rosa Mikrophone, die auf staubgesaugten Bühnen im Neonlicht stehen. Hübsch, das. Hat aber einen ähnlichen Nebeneffekt wie eine wochenlange Diät mit kandierten Mini-Mints: den Hunger nach einer Portion rohen Lebens, nach dem Geruch der Straße, und das unwiderstehliche Bedürfnis, heilsame Ohrfeigen auszuteilen. Man könnte meinen, dieses Bedürfnis würde durch die gleichzeitig ablaufende Endlos-Parade US-amerikanischer und einheimischer Prügel-Schlamm-Stumpf-Kombos mit blanken Hintern und herausgestreckten Nagel-Zungen befriedigt, aber das ist ein böser Irrtum - nicht Stumpf ist Trumpf, sondern Hirn gefragt, nicht blindes Hampeln, sondern coole Raserei, Zorn mit Stil. Aber immer wenn es Nacht wird in der Pop-Welt, dämmert auch schon ein neuer Morgen, und die Sonne geht mal wieder im Norden auf: In Schweden, wo neben unübersehbaren Armeen von Klischee-Pogo-Truppen seit vielen Jahren auch die echte geile Wut, die wir mal Rock 'n' Roll nennen wollen, Refugium und Biotop gefunden hat. Hier ist das Hauptquartier der (internationalen) Lärm-Verschwörung, die auf ihrem zweiten regulären Album wie vieles aus Schweden an vieles erinnert - ein bißchen früher Alice Cooper hier, eine Spur The Make-up da, eine Ladung Stooges-Detroit-Krach dort, ein Gerüst aus Kinks-erprobtem Sixties-R-&-B -, die aber vor allem den Teufel im Hirn und den Tiger im Tank weckt. Und sich zudem ausufernde, lesenswerte Gedanken über die unterschwellige Angst des zum vereinzelten Konsumier-Leben verurteilten Menschen im Globalisierungs-Kapitalismus macht. Der Albumtitel spielt zugleich auf Bob Dylan und die US-revolutionären Weathermen an, das Cover zitiert die Situationistische Internationale - bezeichnend für ein Album, das zu keiner Sekunde vorhat, sich zwischen Stühle zu setzen, sondern diese aus ihrer Verankerung zu reißen und unter Jubelgeheul zu defenestrieren. Das aus Widersprüchen, Wut und Vergeblichkeit dicke, elektrisierende Funken schlägt. Nur ein Album, meint die Band, das die Welt nicht verändern wird. Aber das Produkt einer, ähem, geistig-moralischen Haltung, der selbiges eines Tages sehr wohl gelingen könnte. (September 2001, Musikexpreß)

Isotope 217 -- Utonian Automatic

Das zweite Album der Bostoner Spezialisten für rhythmische Sportgymnastik auf dem Hochseil zwischen Jazz und - ächz! - Post-Rock beginnt so, als wäre der Abend schon zu Ende: Statt beim Ernst des Jazz und Lebens zu bleiben, läßt man sich noch kurz gehen und schmeißt alle Momentideen durcheinander. Einen halben Song lang; dann bläst ein Miles-Davis-Jünger den Zapfenstreich vor der monotonen Kulisse intergalaktischen Fernverkehrs, der langsam abebbt und einem Zug atlantischer Ureinwohner und ihren rituellen Trommeln Platz macht, die wiederum abgelöst werden von einer 80jährigen Kraut-Rock-Truppe bei der letzten Improvisation, und ... - halt! Ist der Film, den Isotope 217 in den Kopf des Hörers projizieren, erst mal am Laufen, läßt er sich so leicht nicht mehr stoppen: Es beginnt eine Abenteuerreise durch die Gefilde der Utonie, die in etwa das akustische Äquivalent zu Uchronie (Historie der Geschichte, die nie stattgefunden hat) und Utopie (Geographie und Soziologie nichtexistenter Orte) sein dürfte. Nach dem ersten Hören hat der Rezensent unglaublich viel erlebt, doch wenig verstanden. Ist aber so fasziniert, daß er sich gleich in den nächsten Tagen einen freien Abend reserviert, um tiefer in die Geheimnisse der Utonie einzudringen (und noch mehr zu erleben). (September 1999, WOM-Journal)

Ivy -- Apartment Life

Wer sich wehren kann gegen die diffuse, süße Sehnsucht, die Ivy auf "Apartment Life" verbreiten, der hat entweder kein Herz oder keine Erinnerungen. Sanft, geschmackvoll lässig und mit einem wehmütigen Lächeln auf den Gesichtern spielt die Band die zwölf rauchigen bis wolkigen Pop-Ohrwürmer weniger als daß sie sich von ihnen spielen läßt. Und die zarte Stimme glänzt dazu wie sonnendurchfluteter Frühnebel. (Datum unbekannt, WOM-Journal)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer