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Das Platten-ABC:
K

K: Hubert Kah Brenda Kahn Kante Kara's Flowers Karamasov Karat Kent Kind of Blue The Kinks Klaus Kinski KMFDM Kraan Anja Krabbe Kula Shaker Heinz Rudolf Kunze

Hubert Kah -- Best Of

Mit »Rosemarie«, kasperlbunten Klamotten und weitäugigem Doofie-Blick begann die Karriere von Hubert Kah, der den zweiten, kommerziell erfolgreichen Abschnitt der Neuen Deutschen Welle fast ikonenhaft verkörperte. Nach dem Ende der ersten Hitserie führte die Begegnung mit Michael Cretu, dem Europameister gepflegter Langeweile auf hohem technischen Niveau, zu, ähem, gepflegter Langeweile auf hohem technischen Niveau, weshalb Kahs Erfolge in chronologischer Zusammenstellung ein wenig einheitliches Bild bieten. (Dezember 1998, WOM-Journal)

Brenda Kahn -- Hunger

Brenda Kahn würde es vielleicht nicht gerne hören, wenn man sie als cool bezeichnet. Denn Brenda ist vor allem feinfühlig, offen, intelligent, manchmal zynisch, manchmal böse, manchmal provozierend. Aber cool ist sie trotzdem: Ihr '97er Album »Outside The Beauty Salon« wirkt bei mir immer noch wie ein Eiswürfel im Kragen. Und: Brenda hat mal einen Song geschrieben, der hieß »I Don't Sleep, I Drink Coffee Instead«. Noch nicht cool genug? Brenda war mal bei Sony Music, ein Album lang. »Mein Gesicht war nicht mal auf dem Cover«, sagte sie danach. »Hätten sie 500.000 Dollar für meine Platte ausgegeben, wäre mein Gesicht auf dem Cover gewesen. Aber weil sie nur 50.000 bezahlt haben, sind meine Kniee drauf.« Brenda gehört zu den ganz wenigen Frauen im Popgeschäft, die es schaffen, explizit Frauen zu sein, ohne am Phrasen-Workshop selbsternannter Postfeministinnen, Häkel-Therapien oder dem »Fit-For-Fun«-Umgestaltungsprogramm zum weiblichen Bryan Adams teilzunehmen. Frauenorientierten Verblödungsmedien ist sie zu undurchsichtig, den männlichen Entsprechungen zu gefährlich. Deshalb ist Brenda nun auch endgültig bei keiner Plattenfirma unter Vertrag, sondern hat ihre eigene. Ihr fünftes (?) Album ist folglich eine Rarität, aber auch musikalisch setzt es sich von den Vorgängern ab: Größtenteils akustisch eingespielt, ist es von einer überraschenden Melancholie, hinter deren goldenen Vorhängen sarkastischer Witz und Schärfe nur bei genauem Hinhören aufblitzen, zeilenweise: »You overdose on your despair / and the perfume in your hair« (»Dictaphone«). Dafür gibt eine Erinnerung an einen erschossenen Geliebten (»In a perfect world I see you side step the bullet«), poetische Bilder aus Mexiko, einen ergreifenden Song über unerwiderte Liebe (»Christopher says / I won't be needing you / The sun is shining grey / and I think you've done your best / Now get up and get dressed.«), viel Nachdenklichkeit, Momente unvergeßlicher, elegischer Schönheit, ein Kaleidoskop der bezauberndsten Textzeilen, die man in einem Popsong singen kann, und natürlich diese Stimme ... »Der Verkäufer sagte: ›Was, ein Mann in ihrem Alter hört solche Musik?‹«, schreibt ein 41jähriger Fan im Internet. »Mit Alter hat das nichts zu tun. Ich kann nicht genug von ihrer Stimme kriegen, sie wirkt wie ein Magnet auf mich.« Treffender kann man es kaum formulieren. Ach ja, übrigens: Brendas Promotionfirma heißt »Through being cool«. Na also. (August 1999, WOM-Journal)

Kante -- Zweilicht

Dies sei »keine Platte nur für Musikspezialisten«, meint die empfehlende Label-Firma, und deshalb könne man sie auch ohne all die Referenzen hören, die gleichwohl ausgiebig aufgezählt werden: Gastr del Sol, Mississippi John Hurt, Sonic Youth, Caetano Veloso, Archie Shepp, Bob Dylan, Cpt. Kirk&, Arvo Pärt, Alice Coltrane, Steve Reich, Marc (sic!) Hollis, John Fahey, Robert Wyatt ... nein, die muß man alle nicht erwähnen, deshalb sei es doch getan und damit auf einen gewissen Widerspruch zwischen Wollen und Sein hingewiesen, der dieser Platte innewohnt. Verhandelt werden »die Fragen des Unterwegs-seins, der Zwischenzeit, des Zusammenlebens, des Utopischen, Nicht-realisierten, des Fremden«, und das in der Tat ohne auch nur einen Moment lang an die aufgehäuften Namen zu erinnern. Keine Platte nur für Musikspezialisten? Ich meine: entweder ist dies eine Platte NUR für Musikspezialisten, denn um sie mit Genuß hören zu können, muß man für Musik ein größeres Interesse aufbringen als der Autoradiobonjovikonsument. Oder: »nur«? Überhaupt nicht. Dies ist zunächst einfach Musik, die man entspannt, bisweilen mit einem verklärten Lächeln, bisweilen unwillkürlich hochkonzentriert, dann wieder gelöst im Fluß der Töne treibend einfach hören kann. Ohne etwas zu wissen. Zweifellos: eine souveräne, schöne, über weite Strecken beinahe makellose Schallplatte. Gesang, Gitarren, Baß, Schlagzeug, etwas Elektronik, Meditation, Tupfer von Exotik und viele breite, sehnsüchtige Streicher. Folk, Jazz-Melancholie, Rock, »World Music« ... Und doch: andererseits. Manchmal bricht der schimmernde Chitinpanzer der eher sakralistisch rezitierten als gesungenen Lyrik/Prosa auf, und darunter wird sehr deutlich der Wille sichtbar: Das ist wichtig und muß wichtig sein! Wenn man diesem Gedankengang (ohne es zu wollen) folgt, passiert das, was auch passiert, wenn man ein Wort wie »Baum« zwanzigmal laut vor sich hin sagt: Es wird sinnlos und vor allem ziemlich absurd lächerlich. Derselbe Wille wirkt auch in den mäandernden Song-Dünen, und spürbar wird er, wenn sie allzu deutlich mäandern. Dann ereilt den Hörer ein Phantomschmerz: Er fühlt sich allzu sicher in dem ganzen Fließen, wünscht sich ein bißchen Unberechenbarkeit, Abenteuer, etwas weniger Souveränität und Größe. Möglicherweise erinnert er sich an das zweite Album der Monostars, »Passagen«, das weitaus bescheidener, unfertiger und - doch: lebendiger, aufregender, schlicht besser ist. Gerade was Fragen des Unterwegs-Seins, der Zwischenzeiten, des Fremden angeht. Das er, sich seiner Ignoranz leise schämend, lieber hört. Und ein kleines persönliches Problem: Zuviel Kult, zuviel Hype (auch im guten Sinne) ist ungesund. Ich kann beispielsweise Coldplay, die seit fast einem Jahr jeder liebt, lobt und am liebsten heiraten möchte, nicht hören, ohne wahlweise an die frühen Barclay James Harvest oder Counting Crows zu denken. Und ich kann dieses Kante-Album kaum hören, seltsamerweise, ohne an die NdW-Drögies Rheingold zu denken. Manchmal an Schlimmeres: Deutsch-Rock und deutschen »Sakro-Rock« der mittleren 70er Jahre. Merkwürdig. Aber: ein persönliches Problem. Stellenweise ist »Zweilicht« tatsächlich mehr als »Die Summe der einzelnen Teile«. Und der gleichnamige Song ist, in der Tat, fast genial. Das macht vieles verzeihlich (unabhängig von der Frage, ob da nun etwas zu verzeihen ist oder doch nicht). (Januar 2001, popXL)

Kara's Flowers -- The Fourth World

Viele meiner Lieblingsbands sind Modbands. Wenn ich euch jetzt erkläre, daß meine derzeitige Lieblings-Modband aus einem Land namens »USA« kommt, werdet ihr nach der Zwangsjacke rufen. Ist aber wahr. Allerdings haben diese vier sharp gewandeten Burschen musikalisch mehr mit Weezer, Blur und den Beatles zu tun als mit Ocean Colour Scene, Squire oder Secret Affair. Und - USA hin, USA her - wer Titel wie »Soap Disco«, »Future Kid«, »My Ocean Blue« oder, ähem, »Captain Splendid« nicht nur erfindet, sondern auch noch so wunderschön harmonisiert und melodisiert, den muß man einfach mögen. (September 1997, Guide)

Karamasov -- On Arrival

Ein Auftritt des englisch/deutschen Quartetts im Londoner »King's Cross Water Rats« veranlaßte den NME zu einer Schmipftirade: »Wenn sie aussähen wie der musikalische Arm von Baader-Meinhof, würden ihre ›schwierigen‹ Post-Krautrock-Instrumentals vielleicht mehr Sinn ergeben!«. Immerhin: Der Vergleich von Gitarrist/Cellist Johannes von Weizsäcker mit Tom Verlaine (»mit Arthritis«) macht neugierig auf den »post-apokalyptischen elektrischen Sturm« von Karamasov. Perfekte Überraschung: Auf Platte entpuppt sich das Konzept, subtile, un-wuchtige Grooves mit intensiven, aber reduzierten Improvisationen von Moog und Saiten zu kombinieren, als ausgesprochen unaufdringlich, charmant und originell. Da mischt sich der spröde Charme der frühen Wire höchst reizvoll mit der spielerischen Freiheit von gutem Prog-Rock und der zurückhaltenden Attitüde des sogenannten Post-Rock. (Dezember 1998, WOM-Journal)

Karat -- Ihre größten Hits Vol.2

Es war nicht alles schlimm, was in der DDR so passiert ist. Kindergärtenplätze gab's in Fülle, Reklamegeschrei dafür nicht, und auch musikalisch tat sich viel Erinnernswertes: Manfred Krug zum Beispiel. Die Puhdys sollen sogar im Westen mal Erfolg gehabt haben, sagt man (da war ich sicher im Ausland). Tja, und dann waren da noch Karat, die Peter Maffay die »Sieben Brücken« in die Hitparaden legten (wofür er sich hier mit einem Duett bedankt) und ansonsten in etwa so klangen/klingen und klingklangen wie Rammstein nach einer kombinierten Überdosis von schlechtem Gras, Valium und Hermann Hesse. Oder sagen wir Achim Reichel. Oder sagen wir: Wem's gefällt, dem gefällt's. (Dezember 1998, WOM-Journal)

Kent -- Hagnesta Hill

Der beste britische Pop komme aus Schweden, hört man seit vielen Jahren, und tatsächlich sind Bands wie Popsicle, die Cardigans, Atomic Swing oder eben Kent leuchtende Beispiele dafür, daß die Botschaft aus dem Swinging London der frühen 90er im höheren Norden besonders gut angekommen ist. Kents Gitarren überziehen den Himmel wie Wolken, aus denen schwere, aber nie wirklich schwermütige Melancholie auf den Hörer regnet. Das Gegenmittel ist eingebaut: Grandiose Melodien und wunderbare Refrains geben Kraft wie eine kalte Dusche an einem schwülen Sommernachmittag. Wäre das ganze Album nicht eine viel zu unbeschwerte Angelegenheit, um solche Begriffe zu verdienen, könnte man den Effekt Katharsis nennen: Wenn der fast achtminütige »Whistle Song« zu Ende gegangen ist, fühlt man sich wie nach einer langen Zugfahrt durch die Wälder und Weiten, Dörfer und Städte des Nordens - befreit, erfrischt, wie neugeboren. (April 2000, Applaus)

Kind Of Blue -- In Sight

Deutschlands Plattenindustrie bemüht sich derzeit um eine Art reziproke Kultur-Kolonisation: Longpigs, My Life Story, Lowcraft, Seafood, Daryll Ann, Spearmint, Oslo ... die Liste der Bands, deren neue Alben hierzulande gar nicht oder viel zu spät veröffentlicht werden, läßt sich beliebig fortsetzen. Klar, es geht schließlich darum, den eigenen Nachwuchs zu fördern. Und der klingt dann so: belanglos, »international«, glatt, durchschnittlich bis in die Haarspitzen, substanzlos, unpersönlich und derart vollkommen total nichtssagend, daß man sich vergeblich fragt, wozu die unglaublich doofen »englischen« Textfaseleien auch noch abgedruckt werden müssen. Musik, die niemand braucht, von einer Band, die keiner will. (März 2000,WOM-Journal)

The Kinks - The Ultimate Collection

Man könnte die Kinks als eine Art Blur der 60er und 70er Jahre sehen: Londonisch bis ins musikalische und persönliche Knochenmark, erzählten sie skurrile, charmante Alltagsgeschichten zu unwiderstehlich genialen Melodien, räumten Hitserien ab wie Kegel-Neuner, warfen auch mal alle Hemmungen über Bord und schimpften und holzten drauflos, waren zeitweise die unbestrittene Nummer eins des Britpop, ließen ihren Gitarristen abseitige Soloalben aufnehmen, stritten sich bis in die Notaufnahme, fielen zwischendurch aufgrund übermäßiger Verschrobenheit in kommerzielle Löcher, berappelten sich wieder und waren doch insgesamt immer ein bißchen zu schlau, klug und phantasievoll für den Pop-Mainstream auf Ewigkeit. (Oder, natürlich, andersrum. Aber, liebe gereifte Popfans, das nahe ist uns eben näher.) Doch wozu Eulen nach Athen tragen? Jedes Kind und jede Oma kennt "You Really Got Me", "Lola", "Waterloo Sunset", "Apeman", "Dedicated Follower Of Fashion", "Tears Of A Clown", "Dead End Street" und "All Day And All Of The Night" usw., im Notfall auswendig. Die alle und mehr - insgesamt 44 - gibt es jetzt mal wieder als "Ultimative Collection", recht hübsch aufgemacht, mit etwas dünnen, Reklamesprech-lastigen Liner-notes. Aber weil das halt schon mindestens die zehnte Best-of-Kinks ist und demnächst nicht der göttliche Ray Davies, sein satanischer Bruder Dave und Konsorten, sondern die ollen Stones die Stadien der Welt bereisen, wäre das eigentlich nicht der Rede wert - es sei denn, um anzuregen: Jenen, die schon eine solche Sammlung haben und wegen drei oder vier abweichender Tracks keine zweite wollen, sei empfohlen, sich unbedingt die Original-Alben zu besorgen, die alle mit vielen schönen Bonustracks auf CD erschienen sind. Denen, die keine Kinks im Hause haben, sei diese warm ans Herz gelegt. Und die Herren von der Industrie seien gebeten, das nächste Mal nicht wieder die Evergreens aufzuwärmen, sondern, wenn schon, bitteschön eine CD-Box mit kaum bekannten, witzigen, irren, exotischen, wüsten, verdrehten Nebenprodukten und Out-takes der langen Geschichte zusammenzustellen. Die sind nämlich auch nicht schlechter. (Juni 2002, Musikexpreß (nicht gedruckt))

Klaus Kinski -- Jesus Christus Erlöser

Um mal in der zeitgenössischen Terminologie zu bleiben: Zu Recht besorgt über die zunehmende Ablehnung ihrer Vorgaben durch die »junge Generation«, ließ sich die kapitalistische Weltverschwörung der Kulturindustrie 1971 etwas ganz besonders Perfides einfallen, um den aufmuckenden Nachwuchs wieder auf Kurs zu bringen: Im Gefolge der Musical-Schnulze »Jesus Christ Superstar« brandete die Jesus-Welle über den (westlichen) Erdball, Johannes der Täufer ersetzte Rudi Dutschke in den Herzen der Studenten, und statt zur Vietnam-Demo ging man in den Pfarrsaal. Dagegen mußte die Subkultur vorgehen, und da niemand die Subkultur so allumfassend verkörperte wie der Wallace-Psycho Klaus Kinski, war es natürlich auch an ihm, einen ganz anderen Jesus zu verkörpern. Aberwitzig, haarsträubend und grotesk ist das, was Klaus Kinski am 20. November 1971 als Rezitations-Show unter dem Titel »Jesus Christus Erlöser« in der Berliner Deutschlandhalle veranstaltete. Kinskis Text nach Motiven (!) aus dem Neuen Testament ist bis heute schockierend und provozierend nicht nur für Christenmenschen, aber gerade wegen seiner an Grenzen des Geschmacks oder der guten Sitten vollkommen desinteressierten Provokanz enorm anregend. Mal nachdenklich, mal tobend und brüllend wie ein Besessener zeichnet Kinski den Menschensohn als revolutionär-anarchistisch-libertären Aussteiger-Hippie und erwehrt sich der zwangsläufigen, teils höchst komischen Proteste mit Unterbrechungen, Abgängen, Rauswürfen, atemberaubenden Drohungen und Schimpftiraden (»du dumme Sau!«) und einem leicht veränderten Zitat des Helden selbst: »Da, wo man zu dumm und borniert ist, euch anzuhören, haltet euch nicht auf, geht weiter.« Als Einführung in die Doppel-CD gibt es eine zeitgenössische Radioreportage; im beiliegenden Booklet ist neben Volker Kühns ausführlichem Kommentar der gesamte Text (auch die Zwischenrufe und Ausfälle) Wort für Wort nachzulesen. Ein unersetzliches, realdramatisches, kontroverses, atmosphärisches und spannendes Dokument eines einsamen Höhepunktes abendländischer Gegenkultur! (Januar 2000, WOM-Journal)

KMFDM -- (Bombe)

Der deutsche Rock-Star von heute ist eigentlich kein Star - schon weil das so freundlich-friedlich-bunt klingt und immer an diese warmen Make-up-Tunten erinnert -, sondern ein HERRR (bitte mit gut gerolltem R aussprechen). Sein Gesicht strahlt kompromißlos im kalten Flutlicht, hart wie Kruppstahl ist sein Klang, der sich aus den tiefvermauerten Festen des Mythus speist. Aus einem solchen zum Beispiel: Als Sascha Konietzko am 28. Februar 1984 in London einem Konzert der Sex Pistols beiwohnte, beschloß er, fürderhin selbst die Massen zu provozieren. Über dieses Konzert wüßte ich gerne mehr, schon weil sich die Sex Pistols ziemlich genau sechs Jahre vorher aufgelöst und seither kaum mal den selben Kontinent betreten hatten. Solch mangelhaftes Quellenstudium macht verständlich, daß die angepeilten »Massen« sich bislang kaum provozieren lassen von Konietzkos »treibenden Gitarrensequenzen zu stampfenden bis groovenden Maschinensounds«. Zumal deren »bevorzugtes Stilmittel repetitive Elemente« sind, die »für einen hohen Wiedererkennungswert sorgen«. Statt »Wiedererkennungs-« würde ich für »Anödungs-« plädieren und mir das mit dem »Wert« noch mal genauer überlegen. Was den deutschen Rock-HERRR von heute außerdem auszeichnet, sind »plakative Statements«, die meist mit dem werbewirksamen Zusatz versehen werden, sie seien zwar provozierend, aber auf keinen Fall faschistoid gemeint. Eher im Gegentum. Konietzko entgeht diesem Dilemma, indem er den sog. »Zündstoff«, den ihm seine US-Wahlheimat angeblich liefert, ganz einfach ignoriert: »We don't have no lyrics, our message is nil«, radebrechte er schon vor fünf Jahren, »whatever we tell you is meant to be crap.« Diesem selbstgesetzten Anspruch wird Album Nr. neun ganzlängig gerecht: ein massiver, repetitiver Haufen Müll, der so ziemlich alles strikt verbietet, vom stampfenden Stechschritt mal abgesehen. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Kraan - Wiederhören + Flyday

Neulich saß ich mit Freunden zusammen, und wir überlegten (so was tut man manchmal), wie man gewisse Begriffe in einem Wort zusammenfassen könnte. Zum Beispiel: »Musik, die man sich nicht anhören sollte, nicht anhören kann, nicht anhören mag, die am besten nie erfunden worden wäre«. Da hatte ich einen guten Vorschlag: Fusion. Und da habe ich mich (so was tut man manchmal) wieder mal geirrt. Denn allgemeinem Konsens zufolge gehörten Kraan von den frühen bis in die späten 70er zu den herausragenden Vertretern jener seltsamen Musik, die man Fusion nannte, und Kraan waren gut, oder, wie man damals sagte: saugut, knorke, dufte, stark. Für mich und die meisten meiner Freunde begann die Bekanntschaft mit Kraan 1975 mit dem Doppelalbum »Kraan Live«. Das war so was wie die Definition dessen, was man damals unter guter deutscher Rockmusik verstand: perfekt, verspielt, anspruchsvoll, melodisch, entspannt, witzig, unkommerziell und unpeinlich. Kraan hatten mit Helmut Hattler den anerkannt besten Bassisten weit und breit, mit Johannes »Alto« Pappert einen ziemlich grandiosen Saxophonisten, mit Peter Wolbrandt einen ebenso hervorragenden Gitarristen und mit Jan Fride ein Schlagzeug-Genie, das bis heute seinesgleichen sucht (das galt damals noch was!). Alle vier entstammten der (Ulmer) Free-Jazz-Szene (aus deren Annäherung an den Rock der Terminus »Fusion« enstand), lebten mietfrei als Landkommune auf einem Bauernhof am Rande des Teutoburger Waldes, unterhielten mit Spiegelei ihr eigenes Label, improvisierten wie die Weltmeister, ließen sich von fernöstlichen Klängen beeinflussen und verzichteten weitgehend auf Gesang - mehr konnte man 1975 nicht richtig machen, und so wurden Kraan, die der MUSIKEXPRESS schon 1972 »Newcomer des Jahres« nennte, zur beliebtesten Live-Formation der Open-air-Festival-reichen Mitt-70er und verbuchten sechs- bis siebenstellige Verkaufszahlen ohne die geringste Anbiederung an die damals von der Rockszene noch himmelweit entfernten »Hitparaden«. Der Höhenflug dauerte nicht lange: Nach dem Meisterwerk »Let It Out« (auch 1975) machte sich Pappert selbständig. Karthago-Keyboarder Ingo Bischof ersetzte ihn, aber es dauerte zwei Jahre, bis wieder eine Platte erschien. Kraan-Fans saugten sie auf wie ein trockener Schwamm den Wassertropf, und obwohl die zur Hälfte in Conny Plancks Kult-Studio entstandene und von diesem produzierte Platte weniger frei floß als die Vorgänger und keinen solchen Geniestreich wie »Luftpost« oder »Kraan Arabia« enthielt, war das »Wiederhören« doch sehr erfreulich, zumal die mittlerweile größtenteils von der Industrie formatierte deutsche Szene ansonsten mit Peinlichkeiten derart um sich warf, als gälte es, die neue deutsche Welle mit Gewalt herbeizurufen. Nach wie vor groovten Kraan über weite Strecken entspannt und höchst kompetent dahin und verbeiteten die Stimmung sommerlicher Nachmittage zwischen Wiese, See und Bühne. Danach war Schluß. Die Reunion kam jedoch schon 1978, ohne Jan Fride, den ich (im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung) immer für das Herz der Band gehalten hatte. Der Beifall für die »Annäherung an moderne Strömungen« (so nennt man so was auch heute noch) war groß, dennoch lag genau darin der Fehler: Nun klangen Kraan nicht mehr gelöst, cool und eigen, sondern angestrengt, konstruiert und bemüht originell. Technik statt Lebens- und Spielfreude - »Flyday« war kein schlechtes Album, aber auch kein wirklich gutes und vor allem kein gutes Kraan-Album. Es folgten viele Jahre der Wechsel und Wirren, große Momente und viel Vergessen(swert)es. So und im Rückspiegel gesehen stehen diese beiden Alben als Marksteine an den beiden Ufern des Canyons, der die »goldenen« Jahre der deutschen Rockmusik von der Orientierungslosigkeit und Kommerzialisierung trennt. Das ist aber vielleicht auch nur ein nostalgischer Irrtum. (Juni 2000, WOM-Journal)

Anja Krabbe -- 497500

So stellen sich Reklameleute die moderne Frau vor: »fit« durch die Gegend hüpfend und ganz »frech« in Kameras schreiend, dann wieder »romantisch« auf einem Hausdach sitzend und sich jemanden wünschend, »der mich in'n Arm nimmt«, weil ihr die Welt viel zu groß ist. Eine »frische« Idee hat sie auch manchmal: Anja Krabbe schreibt Textzeilen wie »Sag bloß was hast du mit mir ge-macht - los hab ich mich ergeben« oder »Paula geht langsam los - gelöst in ihrer eigenen Welt« - das hat wenig Sinn, aber die Reklameleute schreien »Hey! Originell! Dufte, du!«, geben ihr einen Vertrag und produzieren Musik dazu, die klingt, wie sich Reklameleute moderne Musik vorstellen. »Das macht doch kein Fun Mann« - stimmt. Aber wenn nicht mal das, was denn dann überhaupt noch? Immerhin: die Trompete auf Track vier ist hübsch. Aber das Booklet macht mich doch nachdenklich, liebe Anja: Wie siehst du denn auf Seite drei aus? Und was um alles in der Welt verrichtest du auf Seite elf?!! (November 1999, WOM-Journal)

Kula Shaker -- K

Neues England, Folge 56: Liest eigentlich noch jemand die monatlichen Fortsetzungen dieser einst (vor nicht mal drei Jahren) als Sensation gestarteten Geschichte? Wer den Überblick längst verloren und sich ausgeklinkt hat, dem sei dies verziehen, wenn er jetzt wieder einsteigt. Er wird sich wundern. Im Kurzüberblick das, was wir schon hatten: Suede, Manic Street Preachers, Stone Roses, Blur, Oasis, Pulp, Ocean Colour Scene seien als Leitfossilien für spätere Entdecker genannt. Oder, für die, die ihren Bart nicht nur auf der Außenseite tragen und immer noch beweisen wollen, daß das alles schon mal da war: Wir hatten die 90er-Jahre-Versionen von Roxy Music, The Clash, Led Zeppelin, Beatles, Slade, Bowie und Stones. Wenn wir bei diesen unsinnigen Vergleichen bleiben wollen, dann sind wir jetzt da angelangt, wo einst der dampfige Club-Rhythm-'n'-Blues a la Humble Pie in die intellektuelle Indologie der ganz frühen Yes überging. Das führt nicht weiter. Kula Shaker sind vier junge Männer, die unverschämt gut aussehen und nur deshalb an die späten Sixties erinnern, weil man damals auch unverschämt gut aussah. Kula Shaker sind eine begnadet coole Groove-Pumpe mit ekstatischen Melodiebögen und jenem Faible für Sitar und Exotik, das auch die späten Sixties so zauberhaft fremdartig klingen ließ. Laßt es uns so auf den Punkt bringen: "K" ist eines jener ganz wenigen Alben, für die ganz allein sich die Anschaffung eines Plattenspielers lohnt. Die nicht nur beim Wiederhören in vielen Jahren die Welt wieder in die Welt von damals verwandeln werden. Sondern die, wenn unsere Kinder sie in noch mehr Jahren entdecken, auch dazu führen werden, daß sie unseren Kleiderfundus plündern und aus scheinbar Altem etwas ganz Neues machen - wie Kula Shaker heute. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

Heinz Rudolf Kunze -- alter ego

Soviel Müll wie Kunze redet - gelinde gesagt - kein deutscher Musiker daher. Das ist sein gutes Recht, möchte ich einwenden - kann der Mann was für die Mikrofone, die sich seinem Salm ständig entgegenrecken? Kann er natürlich, denn wer sich so ausdauernd (seit fast 15 Jahren) für so etwas Doofes wie diese »Quote« einsetzt, um sein Liedgut noch intensiver zu verbreiten, der wird nicht erst dadurch verdächtig, daß er Wörter wie »Querdenker« benützt und in neun von zehn Interviews ständig wiederholt: »Ich werde mißverstanden! Mit Absicht!«, um dann den gleichen Schmarrn wieder von sich zu spratzen. Darüber kann man streiten. Hört man sich dann aber zwischendurch gelegentlich mal an, was Herr Kunze hauptberuflich so treibt, ist man baff angesichts soviel Belanglosigkeit. Musikalisch da stehengeblieben, wo die Spider Murphy Gang 1983 schon war - bei käsig-unerheblichem Schlager-Gerocke -, verbreitet er sich mit Achimreichelscher Selbstgewißheit über solche Sachen wie einen »Zauberer mit blauem Merlinhut, gelben Sternen drauf und mit einem großen Zauberstab«. Der »sitzt in einem Himmelbett und singt eine junge Frau in den Schlaf, verliebt sich dabei und ist letzten Endes hypnotisierter als die Frau, die schlafen soll.« Was dabei rauskommt, kann man sich vorstellen: »Uh uh uh, du bist nicht allein, und die böse Fee schrumpft ein!« Der für Journalisten beigelegte, heftstarke Kommentar-Sermon (ein Musterbeispiel für unfreiwillige Komik) stellt Kunze und seinen Liederschreib-Partner Lüdig in eine Reihe mit Lennon/McCartney und Jagger/Richards. Er selbst vergleicht sich auch schon mal mit Stevie Winwood, Jimmy Page, Bruce Springsteen und, ähem, Elvis Costello - darüber wollen wir mal mit einem freundlich mahnenden »Na, na!« hinweggehen und ein Kunze-Zitat entgegensetzen: »Ich habe auch so Blackouts, so Phasen, wo ich denke, das ist eigentlich alles ein Tanz auf ganz dünnem Eis, was ich da mache: Eigentlich kann ich nichts, es hat nur noch keiner gemerkt.« Sollen wir's verraten? (Datum unbekannt, WOM-Journal)


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