zurück zur Musik-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Das Platten-ABC:
U

U: U2 Umbra Et Imago Undertones

U2 -- The Best & The B-Sides Of 1980 - 1990

Kein Mensch, und zwar wirklich keiner, hätte 1980 einen Pfifferling darauf gewettet, daß die vier Autodidakten mit den kantigen Gitarren, den struppigen Rhythmen, den seltsamen Frisuren und der Heulboje mit dem Religionstick eines Tages in der Musikwelt eine Rolle einnehmen würden, wie sie damals allenfalls die Rolling Stones einnahmen: als größter gemeinsamer Nenner auf dem goldenen Weltthron mit gleichzeitiger Lizenz zum versuchsweisen Anschluß an aktuelle Entwicklungen. Rückwärts betrachtet sieht die ganze Sache hingegen sehr logisch aus: der Name riecht nach Universalität, und spätestens aus dem explosionsartigen Superhit »Pride (In The Name Of Love)« dampfte förmlich der Stadiongeruch. Die klerikalistischen Abwege der frühen Jahre (etwa »Gloria«) fehlen hier ebenso wie die Flop-Singles (etwa »11 O'Clock Tick Tock« und »A Day Without Me«) und einiges mehr; der Schwerpunkt liegt auf der Stringenz der 14 Klassiker, die aber ohnehin jeder kennt. Interessanter ist CD zwei mit selten gehörten, teilweise überraschenden B-Seiten wie »Unchained Melody«, »Everlasting Love« oder Patti Smiths »Dancing Barefoot«. (Dezember 1998, WOM-Journal)

U2 -- All That You Can't Leave Behind

Diese Platte erwischt mich in einer schwierigen Zeit; wenn man in einer seelischen Grube sitzt, so lautet die Faustregel, ist U2 nicht immer die beste Medizin. Aber »All That You Can't Leave Behind« ist ein unglaublich kraftvolles, kraftspendendes, bewegendes, niederschmetterndes und sofort wieder aufbauendes Album, ein Geniestreich, den ich von dieser Band nie mehr erwartet hätte. Es enthält einige der größten Songs, die diese Band je aufgenommen hat, einige der schönsten Momente, die die moderne Popmusik zu bieten hat. Sie klingt - das Cover spiegelt es wider - entspannt, locker, reduziert und doch aufs Höchste konzentriert und intensiv wie wenig sonst. Und sie enthält alle Facetten von Gefühl, die nur denkbar sind, von der sommerlich lächelnden Leichtigkeit in »Wild Honey« bis zur mitreißenden Empathie in »Walk On«, von der schreienden Begeisterung in »Beautiful Day« bis zur (haarsträubend souligen!) Verzweiflung in »Stuck In A Moment You Can't Get Off«, der Schwärze und Verlorenheit von »In A Little While« bis zur Ausgelassenheit von »Elevation«, von der rührenden Nüchternheit in »Grace« bis zur Tannenbaum-Betroffenheit in »Peace On Earth«. Und dadurch, daß U2 (wie im übrigen schon einmal, bei »Achtung Baby«) aus der Ratlosigkeit den Entschluß gefaßt haben, einfach wieder ganz sie selbst zu sein, sich nicht mehr von aktuellem und fremdem Klimbim beeinflussen zu lassen, funktioniert die ganze Sache perfekt und wird außerdem hörbar, wie einflußreich diese für ihre modischen Verirrungen zuletzt zu Recht gescholtene Band selbst in Wirklichkeit war und ist. Da klingt dann The Edges Gitarre plötzlich wie die von John Squire auf der ewigen, leider völlig unbeachtet gebliebenen Stone-Roses-Single »Ten Storey Love Song«; da kratzt und bricht Bonos Stimme wie die von James Dean Bradfield und zeigt so endlich, endlich wieder jenes Leben, jene Verzweiflung und Größe, für die wir sie einst gemocht haben. Und endlich ist da wieder Brian Eno, der dafür sorgt, daß die Effekte und elektronischen Sperenzchen da bleiben, wo sie hingehören, und die Menschen das tun, was sie können: Musik machen, einfach nur zusammensitzen und Musik machen. Musik, die so gefühlvoll ist, daß sie stellenweise zu platzen und überzufließen scheint. Wie »The Joshua Tree« und »Achtung Baby« hat auch dieses Album seine Schwächen, aber die sind läßlich und fallen nur auf, weil die Stärken so ungeheuer sind. Ein bißchen viel Pathos hier, ein paar überflüssige Weltumarmungen dort. Trotzdem: Wenn jeder Mensch drei U2-Alben braucht, dann ist dies das dritte. (Oktober 2000, popXL) siehe auch hier

Umbra Et Imago -- Mea Culpa

Gute Parodien sind in einem Genre wie dem Teutonen-Folter-Sound (das selbst fast schon horizontal zur Selbstparodie neigt) naturgemäß selten. Aber diese hier ist grandios. Käsige Synthesizer-Fanfaren, wabernde Dumpf-Gitarren, Gurgelgerülpse, das auch mal absichtlich neben jedem Metrum dahinstammelt, ein devotes Weiblein, das sich im Booklet in Passfoto-Qualität nackt zeigen darf, Kindergarten-DAF-Imitationen, dazu herrliche Textparodien wie diese: »Mach mir den Pilatus / Wasche deine Hände / Ich bin dein Jesus Christus / Ich bin dein Masochismus« (Zur Erinnerung: das Original lautet »Klatsch in die Hände / und mach den Adolf Hitler / Tanz den Jesus Christus / und tanze den Kommunismus.«). So geht es weiter, ohne Schwachstelle: über »Schmärrrrz, Ärrrrlösung, Foltärrr, Frrraihait« und »Tausent Jahrrö bis zurr Rewigkait« bis zur Persiflage jener »Faschismus? Wir doch nicht!«-Pose, die die echten »Teutonen« so gerne als ideologischen Kampfhund vor sich her zerren: Teutonönn dösörr Wälltt / ärr könnt amm Arrsch mäch läckan / Toitonönn dösörr Wälltt / wirr blasönn oich dänn Marrsch!« Auf die Idee, Falcos »Amadeus« in pseudo-amateurhaft nebelwabernder Gurgel-Grumpf-Version zu ramponieren, muss man auch erst mal kommen. Und zum krönenden Abschluss (als »Bonus-Track«!) gibt uns der Sänger noch den gebrochenen Recken, der in desselben Falco »Jeannie«-Manier mit parodiertem Kinderchor am Grab des verlorenen Vaters dem wilden Wind der Zeiten seine ewige Frage entgegenröchelt: »Wie lange soll ich den (sic!) noch Kriege führen / gegen diese verlogene Welt / wenn nicht einmal Fleisch und Blut verbindet / in diesem Kampf« - da liegen wir unter den Tischen und halten uns die Bäuche. (Mai 2000, WOM-Journal)

The Undertones -- The Undertones + Hypnotised

Gute alte Zeit, als es noch Auslaufrillen gab! »Derry the home of Rock 'n' Roll«, stand in eine meiner Lieblingsplatten geritzt, und das war nicht mehr als die Wahrheit! Aber was ist schon die Wahrheit? John Peel weiß auch eine: Er hält »Teenage Kicks« bis heute für die beste Popsingle aller Zeiten. Damals musste man Glück haben, denn »Teenage Kicks« war nicht auf jeder Undertones-Platte drauf. Wer die bunte Version (mit) ergattert hatte, griff sich eine Gitarre und gründete eine Band, um »Teenage Kicks« nachzuspielen (was vor allem eine Tempo-Frage war). Die anderen (ohne) freuten sich, dass sie dafür die (viel bessere) Originalversion von »Here Comes The Summer« hatten. So gab es immer was zum Reden, Tauschen, Freuen, wenn man sich nachmittags auf der Straße traf. Die Undertones waren wie wir: fröhliche, freche, bunte, schlecht erzogene Teenager in billigen Klamotten mit lauten Gitarren, die nicht besonders spielen konnten, nur drei Akkorde kannten, aber - und da waren sie uns meilenweit voraus - mit diesen drei Akkorden Songs schreiben konnten, die jede Straße, durch die sie an einem verschlafenen Sonntagnachmittag dröhnten, in einen paradiesischen, lebendigen Ort von Sehnsucht und Freiheit verwandelten. Die ungerechte Welt passte einen Moment nicht auf, und schon hatten die Undertones die Charts erobert. Es war, als wären wir selbst in den Top ten. Nach dem ersten Album (eigentlich schon vorher, eigentlich die ganze Zeit) wollte sich die Band auflösen. Sie tat es nicht; das zweite entstand unmittelbar danach und zeigte sie musikalisch verbessert, aber auch auch, ähem, langsamer. Es folgten zwei Platten, die immer lahmer wurden; Sänger Feargal Sharkey probierte dann auch noch eine Solokarriere als eine Art Roger Chapman mit Eighties-Synthies. Das war nichts, fanden wir; aber für das Debütalbum verziehen wir ihm alles. Im Gedächtnis blieb der Undertones-Auftritt im Althippie-Mekka »Rockpalast«, weil da jeder schlagartig erkannte: Diese Bühne ist zu groß, die Undertones sind nicht mehr da, wo sie hingehören, nichts wird mehr so sein, wie es war. Wir wurden älter und zerstreuten uns in alle Winde; manchmal spielte jemand irgendwo »Teenage Kicks« an und erntete ein wissendes Lächeln. 21 Jahre sind vergangen, ein neuer Sommer reift über den Dächern der Stadt, und da sind die Undertones wieder: das Debütalbum um zehn A- und B-Seiten auf 26 Songs erweitert (die es allerdings so auch schon mal auf CD gab), »Hypnotized« um drei - die guten Songs klingen so frisch, ungestüm und unwiderstehlich wie eh und je, die schwächeren (sogar das reichlich doofe »Jump Boys«) hat die Zeit versilbert. Heute nehmen fröhliche, freche, bunte, schlecht erzogene Teenager in billigen Klamotten keine Gitarren mehr in die Hand, und wenn doch, dann wissen sie irgendwie schon alles, jammern über ihre Langeweile und haben ein Image. Das ist ihr Problem und uns egal. Vielleicht treffen wir Alten uns diesen Sommer mal wieder in der alten Straße und spielen »Teenage Kicks«. (Mai 2000, WOM-Journal)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer