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Das Platten-ABC:
V

V: Karl Valentin Townes Van Zandt Suzanne Vega Velvet Jones Vermooste VlØten V-Lenz

Karl Valentin -- Gesamtausgabe Ton 1928-1947

Wenn man der Situationisten-Weisheit folgt, daß alle Revolutionen in die Geschichte eingehen, ohne daß der Bauch der Geschichte davon dicker wird, dann haben wir schon wieder ein Paradoxon, vulgo einen Schmarrn. Denn die »Gesamtausgaben« von Karl Valentin, die ich seit meiner Schulzeit in unregelmäßigen Abständen heimtrage, die werden jedesmal dicker oder im Zeitalter der Laserlesbarkeit wenigstens innenrum umfangreicher. Vielleicht ist mit dem Heimtragen jetzt Schluß, mit dem Schmarrn aber ganz im Gegenteil, denn es dauert selbst am Stück viele Stunden, bis man sich durch die acht CDs mit nun aber wirklich allen Tonaufnahmen (und noch einigen mehr) von Karl Valentin hindurchgefreut hat, und danach muß man von vorne anfangen und kann während der Passagen, die man längst auswendig kennt, im beiliegenden Büchlein blättern, viele schöne (leider undatierte/unkommentierte) Bilder betrachten und einige hübsche sowie einige depperte Beiträge lesen, die echte und selbsternannte geistige Erben des echtesten aller Münchner verfaßt haben - »speziell für dieses (sic!) Publikation«, wie wir auf der ersten Seite erfahren (ehe uns Hippokrates via Achternbusch mitteilt, lang sei die Kunst, das Leben aber »kuz«) und uns dann schon denken, daß dem Hörbaren wenig Sinnvolles hinzuzufügen war, zumal in dem verordneten Reformschreib, das aus der Entenbachstraße eine »Strasse« macht und in seiner bekannten Kombination von Willkürwirrnis und Regulierungswahn für Valentins Hirn-Hand-Mund-Mechanismus insgesamt und sowieso ein gefundenes Fressen gewesen wäre. Abgesehen von solcherart Ding hilft alle Valentinologie und Valentineskerei natürlich gar nichts, weil man um das Original nicht herumkommt, auch wenn es noch so eckig ist, an den Sprachsinnkanten fröhlich bröselt und grundsätzlich dahin strebt, nichts mehr reden zu müssen, um mehr zu sagen - »Hast des g'hört jetzt, wie ich nix g'redt hab?« - bzw. multimediale Sinnesverknüpfungen zu generieren - »Horch, was riecht denn da so?« Der Kopf ist rund, damit das Denken beim Saudummdaherreden und Nochsaudümmernachfragen spiralförmig woanders herauskommen kann, als es hineingegangen ist. Am Ende - oder zwischendrin - steht man auch als Gewohnheits-Valentinist einigermaßen überwältigt im Zimmer, fragt sich wieder einmal, wieso man sich in dieser fernen, antiken, vom Herausreißen aus ihrer Zeit merkwürdigerweise kaum angekratzten Stimme so furchtbar daheim und von ihr angeheimelt fühlt, und staunt, wieviel Genie und Blödsinn in ein so kurzes Leben hineingegangen ist und wie es geschehen konnte, daß dermaßen viel Genie und Blödsinn heutzutage in das Volumen von nicht ganz eineinhalb Maß Bier hineinpaßt. (Februar 2002, Musikexpreß)

Townes Van Zandt -- A Far Cry From Dead

»Menschen können nicht in der Gegenwart leben, wie das die Tiere tun«, schreibt Townes Van Zandt im Booklet seiner neuen CD - schreibt er natürlich nicht, denn Townes Van Zandt ist an Silvester 1996 gestorben und kann schon deshalb nicht mehr in der Gegenwart leben. Diese Aufnahmen, die er seiner Frau als rohe Demos hinterließ und die diese seinem Produzenten Eric Paul übergab, der sie mit Freunden, Bekannten und Weggefährtem der US-Folk-Legende von Solo-Demos zu einem richtigen Band-Album vergrößerte, widerlegen Van Zandts These dennoch: Kaum je klang der Sound der amerikanischen Straße so lebendig und gegenwärtig; kaum je war der melancholische Blick auf die Zerstörten, Kranken, Einsamen und Sehnsüchtigen am anderen Ufer des amerikanischen Traums so unverstellt, klar und zeitlos gültig, und selbst in der ätzend sarkastischen Geschichte von einem, der sich nach einer Fahrt auf dem Highway und dem Blick auf all die geplätteten Tiere zum Vegetarier wandelt (»Squash«), steckt noch ein Keim der Trauer. (August 1999, Applaus)

Townes Van Zandt -- A Far Cry From Dead

Am Neujahrstag 1997, 42 Jahre nach Hank Williams Tod, starb die Seele der US-amerikanischen Musik mit Townes Van Zandt ein zweites Mal. Nun erscheint das neue Album des Mannes, der wie niemand sonst den Verlierern des kapitalistischen Bürgerkriegs, den Vergessenen, Entrechteten, Unterdrückten, Ausgebeuteten, Entwurzelten, Hilflosen, Einsamen, Kranken und Verlorenen eine Stimme gab. Das klingt makaber, aber an solche Vorgänge sind wir inzwischen ja irgendwie gewöhnt. Und das Ergebnis rechtfertigt jedes mögliche Maß an Perversion, die zur Erstellung dieses Albums nötig war. Townes Van Zandt, Sohn einer Familie von Ölmagnaten, enttäuschte seine Eltern, indem er nicht Gouverneur von Texas, sondern manisch-depressiv wurde und sich nach einer monatelangen Insulin-Schocktherapie, die sein Gedächtnis irreparabel beschädigte, nur noch für Musik interessierte. Für Musik und Text, genauer gesagt, denn nicht wenige seiner über 150 Songs werden mit Recht zur wichtigsten Literatur des 20. Jahrhunderts gerechnet. Zu seinen Jüngern zählten und zählen Lyle Lovett, Willie Nelson, Merle Haggard, Nanci Griffith, Joe Ely, Steve Earle, die Cowboy Junkies, Emmylou Harris, Bob Dylan, die Walkabouts, Mudhoney und so ziemlich jeder andere, der ihn kannte und sich im letzten Vierteljahrhundert entschied, »amerikanische« Musik zu machen. Townes Van Zandt lebte seine Musik, ohne Kitsch und Künstlichkeit. Er trat auch noch auf, als er regelmäßig auf der Bühne zusammenbrach, überwältigt und erledigt von einem Leben, das er nur noch mit Unmengen Alkohol ertragen konnte. Von 1989 bis 1996 machte Van Zandt regelmäßig Aufnahmen im Studio eines benachbarten Freundes. Eine Kassette mit diesen Tracks gab er seiner Frau Jeanene mit der Bitte, sich darum zu kümmern, es sei »gutes Zeug dabei«. Nach Townes Tod gab Jeanene die Kassette bei einem Thanksgiving-Dinner seinem Ex-Produzenten Eric Paul, und der erkannte sofort, daß er Van Zandts beste Aufnahmen überhaupt in der Hand hielt. Paul lud einige der größten US-Studiomusiker ein (Leute, die mit den Doors, Beach Boys, Mamas & Papas, Willie Nelson, Elton John, B.B. King, Rod Stewart, Santana und vielen anderen gespielt hatten), um die Songs (darunter zwei unveröffentlichte) zu »ergänzen« - was sie auf eine Weise taten, die mit den Basteleien der Rest-Beatles (z. B.) überhaupt nicht zu vergleichen sind. Das Ergebnis ist, kurz gesagt, eine der größten, bewegendsten US-amerikanischen Schallplatten überhaupt. Es ist eine Platte, die gleichzeitig zu Tränen rührt und unbändige Kraft gibt, und solche Platten gibt es sehr, sehr wenige. Thanks, Jeanene. Thanks, Eric. Thanks, Townes, again. (August 1999, WOM-Journal)

Suzanne Vega - Tried And True (The Best Of)

Nach dem Überraschungstreffer »Marlene On The Wall« und der unsterblichen »Luka« war es leider nicht mehr allzu viel, was die große Welt von Suzanne Vega wissen (und kaufen) wollte. Grund genug, sich die introvertierte, intelligente und scharf beobachtende Songwriterin ins Gedächtnis zurückzurufen, die inzwischen als Vorbild und Rollenmodell für eine ganze Generation von musizierenden Frauen herhalten mußte, die die Qualität des Vegaschen Oeuvres gleichwohl nur in Ausnahmefällen erreichen. (Dezember 1998, WOM-Journal)

Velvet Jones -- Colin

Daß, sagen wir mal, Radiohead und Geneva gut sind, spricht sich allmählich herum. Da können Epigonen natürlich nicht ausbleiben, und in vielen Fällen ist das ja auch ganz nett bis erfreulich. Was ist es also, was Velvet Jones fehlt? Stil? Geschmack? Gute Songs? Ausstrahlung? Tiefe? Größe? Genialität? Ich würde sagen: alles zusammen, und deshalb ist »Colin« auch trotz einigen netten Momenten nur ein weitgehend langweiliger Aufguß, auf den ich - das Leben ist kurz - zugunsten der Originale gerne verzichte. Velvet Jones haben mit Giles Martin (Baß), dem Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, einen gewichtigen Namen in der Band, der manche Tür geöffnet haben mag. Und eines versteh ich nicht: »Alle verbeugen sich und verehren mich«, singt Mike Appleby anfangs, um dann die weiteren Songs für ausführliche Klagen über sein elendes Leben zu nutzen. Was tat man dem Mann? (September 1997, WOM-Journal)

Vermooste VlØten -- Ngongo

Der Charme des Konzepts »Leute, die nicht singen können, singen Songs, die sie nicht spielen können« hat enge Grenzen: Verstimmte Gitarren, wackeliges Timing, Mittelstufen-Englisch mit Unterstufen-Akzent und Vierspur-Aufnahmetechnik nimmt das geneigte Ohr nur solange hin, wie es von den Songs als solchen, ähem, dazu geneigt wird. Solange die Vermoosten Vloten mehr wollen, als sie können, strahlen sie sympathische, melancholisch-naive Unzulänglichkeit aus. Wenn sie hörbar mehr können, als sie zu zeigen bereit sind, gerinnt das Konzept zum Gag, und dann muß sich der Hörer schon ein ganzes Bein ausreißen, um das in einer Zeit, wo grundsätzlich jeder jedes Geräusch auf CD veröffentlicht, noch witzig zu finden. So fällt es schwer, schöne Zufälligkeiten wie »In The Ground« oder »True Love« wirklich zu genießen, wenn wir uns dafür durch noch eine Version der inzwischen übergenug breitgenudelten Glückssuche des Herrn Rossi quälen müssen. Die Trennung der Spreu vom veröffentlichungswürdigen Weizen ist eine im Zeitalter der Billig-CD leider schwer vernachlässigte Kunst. Auch Plattenfirmen tun sich mit solchen Platten letztlich keinen Gefallen, denn ähnliche Aufnahmen dürften in ungefähr 200.000 deutschen Kellern und Speichern lagern und demnächst möglicherweise ihren Briefkasten überfluten. (November 1999, WOM-Journal)

V-Lenz -- Willst du?

Der grassierende Hartschädel-Trend in der deutschen Rrrokkk-Musik ist eine wenig erfreuliche Sache: so unlustig und düster-mumpfig-herrisch, daß hörenswerte Parodien bislang Mangelware sind. V-Lenz ist eine solche gelungen: Er nimmt auf seinem Debüt-Album die Auswüchse der Krypto-Mytho-Fascho-Rrräppp-Metaller auf die Hörner und übertreibt sie in Gurgel-Brüll-Peitschen-Sound-Songs wie »Der Henker«, »Fahr zur Hölle«, »Schwarze Wünsche« oder »Gottes Soldat« so sehr ins Lachhafte, daß sich selbst benietete Ledermünder ein Grinsen nicht verkneifen können. Naturgemäß bleibt zarter besaiteten Gemütern das Lachen im Halse stecken, aber so ist das eben mit gelungenen Parodien: Das »Vorbild« wird dadurch nicht erfreulicher. (November 1998, WOM-Journal)


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