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Das Platten-ABC:
X

X: X XTC

X -- Hey Zeus!

Was X während ihrer »ersten« Karriere verwehrt blieb, nämlich über den Status einer lokal erfolgreichen Kult-Band hinauszuwachsen, könnte den vier einstigen Pionieren der L.A.-Punkszene mit dem Revival-Album »Hey Zeus!« gelingen. Die Songs bestechen durch unkonventionelle, aber durchaus hitverdächtige Melodien, wuchtige Härte, schwere Rhythmen und den unverkennbaren Zwiegesang von Exene Cervenka und John Doe. Mal dunkel und hypnotisch, dann wieder überdreht und mit teuflischem Tempo melden X eindrucksvoll ihren Anspruch auf den Platz an, den sie vor fünf Jahren desillusioniert weicheren Epigonen wie Concrete Blonde überlassen hatten. (November 1993, WOM-Journal)

XTC -- Fossil Fuel (Singles 1977-92)

In der Welt der glanzbetuchten Superstars und Stadionfüller hatten Andy Partridge und Colin Moulding stets nur einen Platz: den der genialen Clowns, die in der Kulisse lauerten, um mit überraschenden Kurzauftritten das angeödete Massenpublikum für kurze Augenblicke zu verwirren, befremden oder begeistern (je nach geistiger Disposition) und nebenbei einen stetig wachsenden Schwarm heimlicher und offener Jünger und Apostel in ebendiese Welt zu schicken. Die UK-Chartspositionen ihrer vielen Alben machen das deutlich: 38 (»White Music« 1978), 21 (»Go 2« 1978), 34 (»Drums And Wires« 1979), 16 (»The Black Sea« 1980), 5 (»English Settlement« 1982), 51 (»Mummer« 1983), 38 (»The Big Express« 1984), 90 (»Skylarking« 1986), 28 (»Oranges And Lemons« 1989), 28 (»Nonsuch« 1992). XTC in Zahlen zu beschreiben, ist müßig: Kaum eine andere Band versammelt in ihrem Backkatalog eine so eigenständige und facettenreiche Sammlung von klassischen Zwei-bis-Fünf-Minuten-Songs, die praktisch alle eine Qualität gemeinsam haben: Einmal gehört, tanzen die zickigen, kantigen, schrägen, süßen, bösen, runden, weichen, stacheligen, bunten, glänzenden kleinen Mini-Hits noch Jahre später wie entfesselt durch den Kopf. Sprühende Ideenvielfalt, viertüriger und -bödiger Humor, scharfes Realitätsauge und eine unwiderstehliche Stilsicherheit räumen die Gegend um XTC meilenweit frei von jeder Konkurrenz und lassen Luke Haines' (The Auteurs) Einschätzung von Blur als »XTC für Arme« durchaus als Kompliment erscheinen. Diese 31 Singles sind nur Appetithappen - die schrittweise Anschaffung des XTC-Gesamtwerks ist zumindest für wahre Liebhaber anspruchsvoller Popmusik unverzichtbar. Und damit hätten wir für heute genügend Eulen nach Athen getragen. (Datum unbekannt, WOM-Journal)

XTC -- Apple Venus Vol. 1

Willkommen im Spätwerk der zweitgenialsten Pop-Band aller Zeiten. Könnte über dieser Kritik stehen. Aber damit tut man Andy Partridge und Colin Moulding unrecht: Erstens versprühen die beiden, die immer schon den Kern und nun die Gesamtheit von XTC bilden, immer noch eine ganze Menge mehr jugendliche Frische als manch weltmüder Nachwuchs-Popper. Und zweitens können die beiden nichts dafür, daß es die Beatles gab und sie deshalb auf ewig mit diesen verglichen werden. Aber kein Zweifel: XTC sind eine der englischsten Bands, die es gibt. Ihr Einfluß auf das 90er-Phänomen Britpop beschränkt sich bei weitem nicht darauf, daß Andy Partridge die ursprünglichen Sessions für Blurs zweites und entscheidendes Album »Modern Life Is Rubbish« produzierte. Nein, sondern: es gibt heute zweifellos nicht eine einzige britische Pop-Band, die nicht irgendwie von XTC beeinflußt worden ist. Viele sind mit diesen Einflüssen zu Hits, Preisen, Titelseiten und Starruhm gelangt, nur XTC selbst nicht. Denn die saßen fast 20 Jahre lang in einer vertraglichen Sackgasse mit einer Plattenfirma fest, die zumindest 15 von diesen Jahren lang nicht wußte, was sie mit XTC eigentlich anfangen sollte. Zuletzt eskalierte der Streit: XTC weigerten sich, weiterhin auf Tour zu gehen (dafür fühlen sie sich nun doch zu alt), die Firma weigerte sich daraufhin, ein neues Album zu veröffentlichen. Nun haben sie eine neue Heimat gefunden und feiern den Umzug mit ihrem ersten neuen Album nach fast sieben Jahren - einem bezaubernd eleganten, sonnendurchfluteten, hinreißend melodischen, schwerelos reifen und rundum perfekten Wunderwerk von einem Album, das den Hörer selig lächeln, entspannt und sprachlos zurückläßt. Fast sprachlos: Wann kommt »Volume 2«? (April 1999, WOM-Journal)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer