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Das Platten-ABC:
Y

Y: Yazoo Yes Murray Lachlan Young Young Heart Attack Yuppie Flu

Yazoo -- Only Yazoo (The Best Of)

Depeche-Mode-Gründer Vince Clark war mit dem Nachfolgeprojekt seiner Zeit voraus: Statt Feder und Papier zu quälen, ließ er seinen Computer komponieren, steckte die Tantiemen aber selber ein. Sängerin Alison Moyet hatte eigentlich per Anzeige »rootsy blues musicians« gesucht, durfte B-Seiten und Albumtracks komponieren und so auch einiges verdienen, ehe sich das Duo nach einem guten Jahr trennte. - Ingredienzen: Elektronik-Trockenmasse, R-&-B-Saft; Trennmittel Weltraum-Hall - Hit-Anteil: 5% - Anwendungsgebiete: Gefäßerweiterung, Müdigkeit, Tanzflächenphobie - Nebenwirkungen: Nervenreizungen, Synthetik-Fieber (Dezember 1999, WOM-Journal)

Yes -- Yessongs

Rockmusiker beschäftigten sich 1972/73 mit seltsamen Dingen: Jethro Tull erzählten Geschichten aus dem Mittelalter, Led Zeppelin von der Schlacht von Evermore zwischen Kobolden und Trollen, man las Tolkien und träumte von Atlantis. Die unangefochtenen Könige dessen, was von der zeitgenössischen Presse etwas voreilig als »progressive« oder »intellektuelle« Rockmusik bezeichnet wurde, waren der ätherische Falsett-Engel Jon Anderson und sein Rock-Konservatorium. Mit bis dahin fünf als Meisterwerken gefeierten Alben (die für heutige Ohren holprig und aufgedonnert klingen) hatten sie den Mittelerde-Sound hof- und chartsfähig gemacht, ihr größter Coup wurde das Live-Triple-Album »Yessongs«, ein Format, das so ungewöhnlich nicht war: George Harrison hatte gerade etwas ähnliches veröffentlicht. Verpackt in die typischen, naiven Science-Fiction-Malereien ihres Hausdesigners Roger Dean leitet eine Tonbandeinspielung von Stravinskys »Feuervogel-Suite« eine Reise durch alle Höhen und Tiefen des Progressiv-Rock ein, die sich in diesem einen Glücksfall tatsächlich hauptsächlich auf die Höhen beschränkte: Mehrteilige Songs mit rätselhaften Titeln wie »Siberian Kathru« oder »Yours Is No Disgrace« unterschreiten kaum einmal die 10-Minuten-Grenze, dazwischen gibt es reichlich Platz für Solo-Eskapismus des Keyboard-Geschwindigkeits-Weltmeisters Rick Wakeman und des nicht minder eifrigen Saitenzupfers Steve Howe. Seite Fünf ist die Kurzform einer ganzen LP (»Close To The Edge«), am Schluß steht das furiose »Starship Trooper«, dessen letzter »Satz« (»Wurm«) zeigt, daß Yes auch mal einfach so losrocken konnten. Was sie dann zusehends verlernten: Wakeman, seinen vegetarischen und moderaten Kollegen durch exzessiven Tierkörper- und Bierkonsum suspekt geworden, verließ die Band nach einem weiteren Album, und Yes versanken zusehends in einem Schwulst aus Pseudo-Intellektualismus, drehbaren Riesenbühnen und verschrobenem Meditationsgedudel. »Yessongs« bleibt als typisches, heute noch hörenswertes Dokument der Zeit. (Mai 1994, WOM-Journal)

Yes -- The Ladder

Yes, einst nicht nur eine der größten Bands der Welt, sondern auch eine echte »Band fürs Leben«, der man entweder theoretisch und praktisch total verfiel oder eben nicht, scheiterten Ende der 70er Jahre an zwei Faktoren: Zum einen brachte der Aufstieg in die Weltelite der Megastars und der Punk-Wirbelsturm, der gleichzeitig das ganze Musikgeschäft erfaßte, das bis dahin hermetische künstlerische System völlig aus den Fugen und ließ die kompositorischen Fähigkeiten wie wildgewordene Kreisel ziellos in alle Richtungen wirbeln. Das zweite Problem war ein überkandidelter Keyboarder, der als Solist nebenbei Schlittschuhopern über mythische Ritter aufführen ließ und seine zu Recht geringe kompositorische Präsenz im Yes-Programm dadurch wettmachte, daß er in jeden Schlagzeugbreak eine siebensätzige Symphonie mit Hagel, Granaten und synthetischen Fischer-Chören quetschte. Das zweite Problem ist seit einigen Jahren gelöst, das erste spielt schon deshalb keine große Rolle mehr, weil inzwischen soviele Bands vergeblich und peinlich versucht haben, Yes zu imitieren, daß selbst deren schlimmste Untaten längst historisch nivelliert sind. Dennoch nähern wir uns »The Ladder« mit berechtigter Sorge: Zu frisch ist noch der wenig erheiternde Eindruck des letzten Albums »Open Your Eyes« und diverser Soloplatten. Der erste Eindruck ist zwiespältig und spaltet sich bei häufigem Hören noch weiter: Es gibt eine ganze Reihe schöner, gewagter, gelungener Momente auf »The Ladder«, es gibt aber auch Fehlschläge. Ohne den verstorbenen Produzenten Bruce Fairbairn postum schelten zu wollen: Vielleicht wollte er seine geballte Bon-Jovi-Erfahrung in »Lightning Strikes« einbringen, um Yes endlich mal wieder einen Hit zu schenken. Das Resultat stampft hirnlos vor sich hin. Einige weitere Stücke nähern sich allzusehr dem US-Mainstream, eingestreute Zitate aus »Topographic Oceans« oder »We Have Heaven« lösen die Ketten der Realität nicht wirklich. Und auch Jon Anderson tut mal wieder zuviel: Seine Stimme entfaltet ihre Magie nur dann wirklich, wenn sie schwere- und mühelos schwebt; entfesseln Yes ihre ganze Spielwucht, gerät er leicht ins Krähen, und dann wird die Sache auch für den Hörer anstrengend. Immerhin: ein erfreulicher Schritt nach vorne, der hoffentlich nicht - wie der Titel andeutet - der letzte bleibt. (Oktober 1999, WOM-Journal)

Yes -- House Of Yes (Live From House Of Blues)

Die Prog-Rock-Uropas liefern mal wieder einen Live-Marathon ab - mit vielen Stärken und vielen Schwächen; Herzbalsam für Nostalgiker, der eigentlich alle Fragen beantwortet und doch viele offen läßt. Zum Beispiel: Was haben Yes mit Oasis zu tun? - Yes waren die Oasis der 70er Jahre. Jetzt bitte keinen Hörvergleich anstellen, der mit fassungslosem Entsetzen auf beiden Seiten endet! Was ich meine, ist: Yes machten in den frühen 70er Jahren ein paar großartige Platten, hatten riesigen Erfolg (eine Dreifach-LP in den Top ten!), zogen umjubelt durch die Welt - und hatten dann plötzlich ein persönliches Problem, das zu musikalischen Wirrungen führte: einen Keyboarder, der lieber im Nebenstudio bei Black Sabbath gastierte, während die Kollegen sich endlosen Meditationen über den Urgrund des Lebens hingaben, der sich auf der folgenden Tournee per Pizzaservice Bratwürste und Bier auf die Bühne liefern ließ, um die vegetarischen Antialkoholiker zu ärgern, die sein Genie nicht genug würdigen wollten. Das Ergebnis war ein vorübergehender Ausstieg (deutlich länger als der von Noel), eine kurze Versöhnung und zwei katastrophale Alben, zwischen denen die Band total umbesetzt wurde. Danach begann das, was uns Oasis hoffentlich ersparen: fast zwei Jahrzehnte zähes Weiterringen, mit seltenen schönen Höhepunkten und sovielen Reinfällen und Durcheinander, daß zeitweise sogar zwei wechselnde Line-ups um den Namen stritten. Aber angeblich gab es ein Gelübde aus der großen Zeit: Das Jahr 2000 werden wir gemeinsam erleben! (Zusatz: und zwar ohne diesen Tastenmann.) Das ist gelungen, die alten Fans haben einen richtigen Ersatz nie gefunden, und so gibt es nun nach zwei höchst durchwachsenen Studioalben wieder mal einen Mammut-Mitschnitt, der alle Stärken und Schwächen der Band zeigt: die magischen Momente, die schönen Melodien, die Virtuosität, den irren Spielwitz (der nicht jedermanns Sache ist: Meine Oma konnte noch durch die Zimmerdecke hindurch Tobsuchtsanfälle kriegen, wenn Chris Squires Rickenbacker-Baß seine röhrenden Marotten bekam), das plötzliche Ineinanderfließen vieler Intentionen (das ohne Studiokorsett auch manche neuere Songs verständlich macht), die Pathos-Pupsereien, Chaos-Lawinen und Endlos-Dudeleien - während Yes-Fans heutzutage tatsächlich nichts besseres zu tun haben, als der Band durch ganz Amerika nachzureisen und wortreiche Versionsvergleiche anzustellen, halten wir immerhin fest: Es ist schon schön, mal wieder auf den Schwingen von Steve Howes Gitarre zu schweben, einen zeit- und ortlosen Geniestreich wie »Awaken« und ein romantisches Großod wie »And You And I« zu hören. Wenn auch nur, um sich zu erinnern, daß man das Songschreiben auch ganz anders auffassen kann als Noel Gallagher. (November 2000, popXL)

Murray Lachlan Young -- Vice & Verse

Schon in seiner Jugend durchstreifte euer guter Doc mit Vorliebe den Dschungel der Abseits-Dichter und Untergangs-Poeten, die sich in blumigen, welken Worten des Strandguts annehmen, das zurückbleibt, wenn die Wellen großstädtischer Betriebsamkeit in den entlegenen, lichtfernen Straßen verebbt sind: Wracks und Skelette von Leben, Träumen und Sehnsüchten, die unerkannt verwitterten, nähmen sich nicht eben jene Poeten ihrer an. Leonard Cohen, John Cooper Clarke, Tiny Tim, Tom Waits und andere Namen stehen für die vielgesichtige Tradition des Nichtvergessens, des bewußten Hinabsteigens in die Abgründe dessen, was der Rest der Welt immer nur per Fernsehen, Buch und Schallplatte mit wohligem Schauern ob des sicheren Abstandes betrachtet. Das neueste Rezept gegen urbane Schwermut und Unerfülltheit trägt den Namen Murray Lachlan Young und reiht sich schon deshalb nahtlos in obige Galerie großer Namen, weil Young wiederum ganz anders - eigen eben - ist. Der große Pomp gelingt ihm als Pose, das böse Lächeln macht die Risse im zitieren Kalk sichtbar, aber darunter verbirgt sich eine grundanständige Verletztheit und Wut über die Dummheit des kommerzialisierten Jugend-Theaters. Auf den Gesichtern pseudo-alternativer Ziegenbart-Träger dürfte zum Beispiel »One Nation Under A Goatee« die durchaus peinliche Röte plötzlicher Erkenntnis hervorrufen: Wie konnten wir so blöd sein, uns für »independent« zu halten, nur weil wir schreckliche Kinnbewüchse durch die Gegend tragen? Auch die Allgegenwart jahrzehntelang ausgeschlachteter Pop-Schrottkarossen ist Murrays Thema: »I'm Being Followed By The Rolling Stones« ist eine eigentlich lustige Geschichte, bei der einem erst das Lachen vergeht, wenn man sich bewußt macht, daß die rollsteinalten Selbstkarikaturen nun tatsächlich schon die Hälfte des Lebens selbst älterer Zeitgenossen zur Dauerwerbesendung für ein Konsumprodukt namens »Rock 'n' Roll« machen. Murray Lachlan Young tut gegen diesen allgegenwärtigen Terrot kultureller Zwangs-Vorstellungen das einzig Rchtige: Er lacht, lauthals, wir lachen mit, und wenn wir uns die Tränen von den Backen wischen und wieder was sehen, ist es gar nicht mehr so wichtig, daß die diversen Kaiser tatsächlich unübersehbar nackt sind. Viel wichtiger ist, daß sich der einmal geweckte, befreiende Lachreflex nun immer dann einstellt, wenn uns die Unterhaltungsindustrie mit ganz besonders lauter Marktschreierei die Türe ins Haus rennt. Brüllt nur, ihr Verzweifelten - wir glauben euch nicht mehr. Denn wir haben ein Gegenmittel: Murray Lachlan Young, »Vice & Verse« - paßt übrigens nicht in den CD-Ständer, sondern gehört ins Bücherregal. (Datum unbekannt, WOM-Journal (Rubrik »Doktor Trend«))

Young Heart Attack - Mouthful Of Love

Man kommt nicht ganz darum herum, das Wort "Darkness" fallen zu lassen, für ältere Semester fügt man "Guns" und "Roses" hinzu - aber beides dient nur einem Zweck: Abgrenzung nach unten. Young Heart Attack rocken los, als ginge es darum, zu beweisen, daß man AC/DC-Songs auch doppelt so wild und schmutzig spielen kann; aber kaum hat man ein Bier aufgerissen, um das überkandidelte Rock-Inferno angemessen zu begehen, schon weitet sich der musikalische Kosmos: Da kommt zu Chris "Frenchie" Smiths heiserer Röhre das heiße Organ von Sängerin Jennifer Stevens hinzu, dann zitiert die Gitarre das Intro von "Won't Get Fooled Again" (The Who), und in Track drei ("El Camino") läßt sich die ganze Band in einen psychedelischen Sumpf hineinfallen, der auch erfahrenen Led-Zeppelin-Fans den Hut vom Kopf zwingt. Dann fetzt die Horde aus Texas wieder dermaßen los, daß dagegen Noddy Holders größte Slade-Momente zu kreidebleichem Durchschnitt verblassen. Daß das ganze Album trotz der heterogenen Mixtur von Glam-Drive, kochendem Sex-Appeal, Ohrwurm-Melodien, wüstem Riff-Gebolze und verspielten Arrangement-Abenteuern klingt wie ein kompakter Dampfkochtopf, in dem jemand ein Silvesterfeuerwerk von Ideen gezündet hat, mag an dem Mann im Produzentenstuhl liegen: Cliff Jones, der seine Geschmackssicherheit, sein geniales Händchen für Witz, Wirkung, Zitate und die Verwandlung von Geist in Sex einst als Kopf von Gay Dad bewiesen hat; und tatsächlich fühlt man sich stellenweise auch an die härteren Momente seiner Ex-Band erinnert. Aber all das Einordnen, Vergleichen und Heranziehen führt in die Irre: "Mouthful Of Love" ist eine rundum perfekte Supergranate, der zum Meisterwerk nur die Top-ten-Ballade fehlt, die selbst eine Ein-Mann-Party noch in einen Hexenkessel verwandelt und die man noch mit unvermindertem Genuß auflegen wird, wenn The Darkness nur noch eine ferne Erinnerung sind. (März 2004, Musikexpreß)

Yuppie Flu -- Hollow Beep

Yuppie Flu klingt nach einer unangenehmen Krankheit (die ihrem Namen nach aber ohnehin nur rasende Anhänger der BWL-Ideologie befällt, die durch Herzinfarkt, raffgierbedingte Schlaganfälle und Beschleunigungswahn noch nicht genug dezimiert werden) - aber keine Angst: Es ertönt keine neue Folge der endlosen Wir-werden-euch-alle-töten-und-ihr-werdet-dafür-auch-noch-bezahlen-Seuche, sondern entspannt und größtenteils freundlich fließender Alternative-Rock der (mittlerweile nicht mehr so neuen) Pavement-Schule, mit ungewöhnlichen Elementen angereichert und so landschaftsgroß ausgebreitet, daß man in dem Album nicht nur versinken kann, sondern auf eine lange Reise gehen, um immer wieder an kleinen Details anzuhalten, zu staunen und weiterzubrausen. Die richtige Platte für den freien Dienstagnachmittag, mit open end. (Juni 2000, WOM-Journal)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer