Geschrieben im Dezember 1999 tatsächlich darniederliegend auf dem Sofa, erschienen im Mai 2000 (als ich, wie's das Schicksal wollte, schon wieder darniederlag, diesmal gleich im Krankenhaus) in diesem Buch:

Das große Rhabarbern. 42 Fallstudien über die Talkshow

herausgegeben von Jürgen Roth und Klaus Bittermann (Deutscher Taschenbuch Verlag)

ebenfalls in diesem Buch: "Futurismus bizarr - Bayern blickt in die Zukunft" (über die "Münchner Runde")

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Ein Abgrund von Quoten und Zoten

(über die Talkshow "Ricky")

Seit ich vor einigen Jahren eingeladen wurde, in einer Talk-Show zu einem mir recht am Herzen liegenden Thema Stellung zu beziehen, um dann, der Einladung eifrig gefolgt, für eine Zielgruppe zwischen vier und zehn Jahren (»Wir bauen das gerade aus!«) einem überdimensionalen Stofftier Rede und Antwort sitzen zu müssen, habe ich mir geschworen, nie mehr an einer Talkshow teilzunehmen, nie mehr auch nur in die Nähe des Gedankens an eine Talkshow zu geraten. Allein, ich hatte nicht mit der Influenza gerechnet.

Eine Influenza bringt wenige Vorteile und entsprechend viele Nachteile. Zwar hat man zwei Tage lang eine plausible Ausrede, aufdringliche ungebetene Gäste gleich an der Türschwelle zu verabschieden, andererseits: Was man da so alles aus sich heraushustet, -rotzt und kotzt, das ist kein Spaß. Und weil man den dringlichen Rat eines guten Freundes (»Ich höre ja bloß noch Radio!«) wieder mal nicht als solchen erkannt hat, drückt man ganz automatisch auf den Fernseherknopf, und - zack! ist das Haus voll mit aufdringlichen ungebetenen Gästen, die ein Zeug aus sich heraushusten, -rotzen und -kotzen, das man unter irdischen Bedingungen nicht für möglich gehalten hätte.

Ich weiß: Man nennt das Talkshow, und jeder kennt es. Ein durchschnittliches deutsches Kind von fünfzehn Jahren hat heute durchschnittlich zwei Millionen dieser Veranstaltungen zu Themen wie »Ich lasse mich windeln«, »Meine Frau schlägt ihre Mutter« und »Hilfe - mein Freund liebt eine Außerirdische!« durch seinen Rezeptionsapparat gespült, und schaden tut das überhaupt nicht, weil ja sowieso jeder weiß: alles gestellt, alles gekauft, alles halb so schlimm.

Nicht ganz. »Bist du wahnsinnig geworden?« stellt eine immens talkshowerfahrene Bekannte mein selbstausgestelltes Attest in Frage, als ich erwähne, ich sei im Begriff, mir »Ricky!« anzusehen. Das sei nun doch das Letzte! Kann nicht sein, denke ich, denn ich habe gerade eine gute Viertelstunde lang meine Sekretproduktion angeregt, indem ich verfolgte, wie unter dem Titel »Sonja« alle möglichen halbdebilen, übergewichtigen Deutsch-Skinheads mit ihren diversen Familienmitgliedern zusammengeführt wurden, von denen sie sich vor Jahren im Suffstreit um vitale Angelegenheiten (»Sechzig oder Bayern«, die letzte Dose Ölsardinen oder das bevorzugte TV-Programm) für immer getrennt hatten. Und zwar unter Mithilfe eben jener »Moderatorin«, die damals neben dem Stofftier saß!

Nun also: »Ricky«. Ein - dem Grundansatz der Talkshow (Menschen zusammenführen, egal ob sie das wollen, können, dürfen, sollen oder sonstwas) angemessen - klassisches Konzept: Vor einer gestuften Wand mißgünstiger, skandalhungriger Zuschauer steht eine Reihe Stühle, auf die sich der Reihe nach die »Kandidaten« zu setzen haben, um ihr jeweiliges Schicksal dem Urteil der Öffentlichkeit anheimzustellen. Zusätzlich gibt es ein »Wohnzimmer«, das hinter dem Stuhlreihenpranger liegt. Darin steht ein Sofa für nicht öffentlichkeits- und diskussionswillige oder -fähige Kandidaten, zu denen sich der Showmaster dann hin und wieder begibt, um sie doch noch zum Mitmachen zu überreden, nachdem sie mit Bildern weinender Kegel, heulender Verstoßener und ähnlichem Gemütspudding aus dem Fernseher neben dem Sofa weichgekocht worden sind. Soweit die Vorgaben, nun das Problem.

»Let's talk about everything« lautet das Motto, mit dem die Show laut Start-Reklame »neue Heiterkeit und Lebenslust im täglichen TV-Talk vermitteln« soll(te); aber das besondere Kennzeichen des in den USA geborenen, multikulturell eingefärbten Talkmasters Ricky ist, daß er so richtig über gar nichts reden kann: Die deutsche Sprache ist ihm nämlich ein ähnliches Buch mit siebenundvierzig Siegeln wie allerdings auch einer ganzen Generation von deutschen HipHoppern und Talkshow-Glotzern, die sich vorzugsweise mit Sinnsprüchen wie »Hai, korrekt ich dich Mega-Kinnhaken, Fotze!« mitteilen.

Dabei ist der durch seinen Job beim Extrem-Comedy-Sender H.O.T. (Home Order Television) kindergartenweit bekanntgewordene Ricky mordssympathisch! und zwar nicht etwa deshalb, weil er die Probleme seiner Kandidaten und diese selbst bisweilen ebenso entsetzlich oder lächerlich oder beides findet wie der unbedarfte Zuschauer. Das tut er natürlich auch, wie jeder anständige Talkshowmaster, der sich ansonsten spätestens nach Folge drei aus Verzweiflung über den mentalen und emotionalen Verwahrlosungszustand der Menschheit durch gezieltes Verschlucken einer Kamera den Tod geben müßte. Aber im Gegensatz etwa zum ARD-Gebißfürsten Biolek, der noch auf den käsigsten Konsalik-Kalauer seinen durchdringenden Pfauenruf »KÖSSTLICH!« ins Studio plärrt, wird es Ricky irgendwann zu blöd, und darin unterscheidet er sich besonders von seinen Kommerz-Glotzen-Konsorten, die auch mal einem sichtlich vom Tod gezeichneten AIDS-Kranken »viel Spaß noch weiterhin!« wünschen: Eine aufgeschmalzte Wachtel, die aussieht wie sechzig, vierzig ist, von ihrem Mann (wegen einer jüngeren Mon-Cheri-Schnecke) mit sechs Kindern sitzengelassen wurde, ein zehnjähriges Kind von einem verheirateten Rentner hat, der seit vierzehn Jahren seine Frau mit ihr betrügt, und das Ganze völlig normal und einen topmegageilen Zustand findet (»Wenn er sich für mich scheiden läßt, dann würde er das doch jederzeit auch für eine andere tun!« - man beachte die annähernd korrekte Bildung eines Satzes mit mehr als vier Wörtern!), allesamt mit einer Sprachmächtigkeit ausgestattet, die kaum an den mittleren Beckenbauer heranreicht - da wird der liebe Ricky sauer, und da wird er plötzlich zum Gast in seiner eigenen Sendung, zum Talkshow-Opfer, wie man es gerne öfter sähe: kopfschüttelnd, sprachlos, kurz davor, die Keule am Schlafittchen zu packen und mal ordentlich durchzubeuteln. Zum Glück kommen die Reklame-»Blöcke«, die eine gute Hälfte der Sendung ausmachen, immer dann, wenn man sie am wenigsten bauchen kann; danach ist alles wieder im Lot, und das Geplapper fängt von vorne an. Aber Ricky hakt nach, und die Sache ist ihm so wichtig, daß er, als die Zeit um ist und dem letzten Laberer das Wort abgeschnitten wird, noch einmal feststellt, daß er diese Frau nun wirklich gar nicht versteht.

Andererseits hat Ricky trotz der offensichtlichen Selbstgestricktheit seiner psychologischen Workshop-Fertigkeiten keine Berührungsängste. Einer bärtigen Dampfnudel im Zelt mit wiederum acht Kindern (wohl eine Art running gag), die vom Vater des neunten nach dreimonatigem Partnerschaftsexperiment wegen des Einspruchs seiner (mit Perücke und Sonnenbrille im »Wohnzimmer« ausharrenden) spanischen Mamma verlassen wurde, traut er ebenso unvoreingenommen menschliche Empfindungen zu wie dem Drückeberger selbst und seiner Mamma. »Ich habe ein Empfinden, daß du den noch liebst«, stellt er ihr zur Überlegung anheim, münzt selbigen Satz auch auf den »Geliebten« und überläßt die beiden dann für kurze Zeit ihrer Grundsatzdiskussion über Kinderwägen und Mamma, um sich zu dieser zu begeben und ihr wieder mal ein paar ihrer »Diese Frau Scheiße«-Sätze zu entlocken und sie schließlich doch zu überreden, nach vorne zu stapfen, sich vom Publikum ausbuhen und von der Eventuell-Schwiegertochter anbellen (»Tu dei Perücke runder, nachher schwätz i mit dir!«) zu lassen. Ergebnis gibt es diesmal gar keines, aber Ricky verspricht dem abrupt scheidenden Zuschauer, die Diskussion nach Ende der Sendung unter allen Umständen einem gütlichen Ende zuzuführen.

Ricky, soviel haben wir gelernt, ist im Gegensatz zu allen anderen Talkshowleitern kein Zyniker, dem alles wurscht ist, solange die Dauerwelle sitzt, das Gebiß perlweiß strahlt und die Kohle aufs Konto drängt. Er wagt sogar mal ganz berufsunspezifisch einen Versuch, eine Sensation zu verhindern: Als sich zum Thema »Branding« eine 21jährige Arbeitslose mit einem 1200 Grad heißen Eisen ein »Muster« in den Körper brennen lassen wollte, griff der entgeisterte Moderator ein - nicht energisch genug allerdings: Blut floß, die Gefolterte mußte ohnmächtig ins Krankenhaus verschafft werden, BILD geiferte genüßlich, und die zuständige Redakteurin wurde umgehend »ersetzt«. Solch menschlicher Wirbel macht Ricky angreifbar (zumal wenn die Quoten nicht mal durch so was in die Höhe zu bringen sind), und da ist es auch kein Wunder, daß SAT-1-Chefyuppie Fred Kogel Anfang Dezember in der SZ verlauten ließ: »Wir wollen mit Ricky mal etwas anderes ausprobieren, eher schräg also. Das ist nicht so erfolgreich, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir werden uns das noch eine Zeit ansehen. Und reagieren, wenn es nicht klappt.« Das klang nicht von ungefähr so ähnlich wie das Abgewiegel eines Fußball-Vereinspräsidenten, der soeben den Trainer gefeuert hat, wovon dieser allerdings noch nichts weiß.

Zukunft hatte Ricky also zum Zeitpunkt unserer Begegnung keine, und Zeit auch nicht mehr viel. Immerhin noch genug, um Teilnehmer für eine Sendung mit dem Thema »Ein kleiner Klaps kann nicht schaden?« zu suchen. Wer würde da nicht am liebsten sofort anrufen und mit der These »Man hätte alle diese Talkshowteilnehmer mal ordentlich durchdreschen sollen, um ihnen die Flausen aus der Hirnwatte zu blasen!« in die TV-Geschichte einzugehen!

Aber ach: aus der Influenza ist durch »Ricky!« eine allumfassende Lähmung geworden. Ich schaffe es nicht mal mehr zum Telephon. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, was ein »Telephon« überhaupt ist. Vielleicht habe ich eine Talkose. Das ist - Zitat »Der große Brockhaus« - eine »Staublungenerkrankung durch Talk«.


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