Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Freilich wird jetzt jemand sagen: Gib's zu! Werde ich aber bestimmt nicht tun.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

BACKE BACKE KUCHEN

Hust, Keuch, Röchel, Spotz, Würg, Ächz, Räusper, Spuck, Krächz!

Na ja, manchmal wird's Winter, und damit man weiterhin in Jeans und T-Shirt rumlaufen kann, muß man seine sonstigen Gewohnheiten etwas umstellen, weil das Resultat sonst ein anständiger Lungenkrebs ist.

»Sag mal, bist du sicher, daß das kein reiner Teer ist, dein sogenannter schwarzer Nepalese?« fragte Stevie mit furchtbar traurigen und roten Augen, nachdem er die ersten beiden Zeilen zelebriert hatte.

»Röchel«, antwortete ich ungewollt und fügte rasselnd hinzu: »Wie kommst du darauf?«

»Weil ... blubber, hust, keuch!« bellte er die Antwort in mein Gesicht. Ich entfernte die grünen Gummifäden von meinen Augen und sah die Erleuchtung:

Weihnachten! Honig! Tannenbaum! Zimt! Kerzen! Pferde! Prasselndes! Kaminfeuer! Glühwein!

»Was hältst du von Plätzchen?« fragte ich Stevie, und Zehntelsekunden später waren wir in die Küche gerannt. Cora sah aus, als wäre sie sich selbst am Morgen begegnet.

»Hilfe!« schrie sie, dem Anlaß angemessen. »Was ist denn mit euch los?«

»Cora, mein Herzblatt, wie macht man Plätzchen?«

Ich nahm sie zärtlich an den Oberarmen und schraubte mein Ohr an ihren Mund.

»Platsch«, fiel Stevies Zunge zu Boden, »ganz einfach, Chrissie! Dazu brauchen wir keine Frauen. Butter, Zucker, Mehl, Eier und zehn Gramm Schwarzen!«

»So ist das also!« Cora riß sich los. »Aber das sage ich euch: euer Rauschgift kommt mir nicht in die Küche. Sonst, das verspreche ich dir, du verdammter Nichtsnutz, du elender Drogenkrimineller, sonst werde ich diesmal nicht zurückkehren! Ich werde bei meiner Mutter bleiben, bis ich einen Mann finde, der nicht wahnsinnig ist, falls es so was gibt! Hast du gehört, du Verbrecher? Rauschgiftsüchtiger! Ehebrecher!«

Das gehörte hier nicht hin, und so ließen wir es liegen, wünschten Cora eine gute Fahrt, sagten Ciao und öffneten den Hängeschrank. Der Honig war fast leer, aber Zucker war genug da. Wir schütteten ihn in eine Blechschüssel, zusammen mit einem Paket Butter und vier Eiern.

»Scheiße, die muß man glaub ich abschälen«, meinte Stevie.

»Ach was, nur fest verrühren. Kalk ist gut gegen Allergien«, antwortete ich und kratzte mich an den Oberarmen.

»Das Mehl fehlt. Scheiße, wo ist das Mehl?«

Das Mehl war keines, das heißt, kein Mehl war nicht da.

Zum Glück funktionierte mein Gehirn wie geölt.

»Ich glaub, hinter dem Bett steht noch fast ein Pfund von dem Zeug, mit dem Harry vor zwei Jahren Koks strecken wollte.«

Das Einwickelpapier sah sehr gelb aus, das konnte aber auch an dem fingerdicken Staub liegen. Mit dem Küchenmesser schlachteten wir das Ding, und mit einem weiß staubenden Jubelschrei plumpste ein Pfund Mehl in die Schüssel. Na ja, null komma acht Pfund Mehl, der Rest bestand aus dicken schwarzen Käfern, die schlaftrunken in alle Richtungen über die Mischung liefen.

»Hoppla, wir haben Besuch«, meinte der Depp. Mein Gemüt ist nicht so stählern wie das von Stevie. Vor allem nicht mein Appetit.

»Laß uns die auch noch reinrühren«, schlug er vor. »Mein Bruder hat mir erzählt, daß die Azteken auch Käfer geraucht haben, um sich anzutörnen.«

Ich klebte ihm das Maul zu und grub die Käfer wieder aus dem Teig, worauf sie ihren langen Marsch durch die Kanalisation antraten.

Im Zimtfaß war kein Käfer, ein Deckel aber auch nicht, was einen Berg Zimt veranlaßte, sich in unserem Teig aufzufalten.

»Das macht nichts, ich mag Zimt gern!« schmatzte Stevie, formte kleine Scheiben aus der Substanz, legte sie auf ein Backblech und schob es ins Backrohr, schaltete auf 250 Grad und wartete mit gefalteten Händen vor dem Herd.

Ich wußte nicht recht, was ich sagen sollte. Vielleicht das:

»Sag mal, Stevie, wolltest du nicht Dope reintun?«

»Au weia!« schrie er, riß die Herdklappe auf, zog das Blech raus, tanzte zwei Sekunden einen wilden Pasadoble - das Blech war schon gut warm - und brüllte noch mal: »Au weia! Au weia!»

Dann ließ er alles fallen. Zum Glück waren die Plätzchen noch sehr weich. Mit ein bißchen Rum verrührten wir sie wieder und bröselten acht Gramm von dem Schwarzen rein. Diesmal hatten wir also nichts vergessen. Rein in den Ofen.

»Am besten rufen wir Harry und Peter an, dann wird's lustiger«, schlug Stevie vor. Ich hängte mich ans Telefon. Harry und Peter hatten Hausverbot bei uns, aber ich verließ mich auf Coras Versprechen, nicht (so bald) zurückzukehren.

»Hallo Peter, hier Chrissie. Wenn du die Party nicht versäumen willst, dann sperr deine Frau in den Keller und komm stehenden Fußes hierher.«

»Hallo Chrissie, hier ist Sonja. Den Mist kannst du dir aus dem Kopf schlagen. Peter und ich bleiben heute zu Hause.«

Klick. Ich schwieg eine Minute und sah dem Nichts in die Augen. Eine Blase löste sich aus dem dicken Nebel in meinem Kopf, stieg nach oben und zerplatzte hörbar.

Die Erfahrung machte mich beim zweiten Mal gewitzter.

»Hallo Süße, hier spricht der kleine Chrissie. Sag mal, ist Harry zufällig ganz unverbindlich mal kurz da?«

»Bist du verrückt geworden?« kam nach einer Pause eine trockene Stimme aus dem Hörer.

»Tschuldige, Alter, aber ich war nicht sicher, ob nicht irgend so eine Keule grad bei dir rumhängt und ...«

»Hör zu, Chrissie! Harry hat keine Zeit für infantile, unsolide, unmoralische Chaoten wie dich!« sagte Harrys Vater und legte auf. Ich hätte Lotto spielen sollen: Eine solche Glücksstraähne erlebt man nicht oft.

Desillusioniert stand ich wieder in der Küche. Stevie bemerkte mich nicht. Seine Augen waren wohl am Herd festgeschmolzen. Ich konnte sein Gesicht allerdings auch nicht genau sehen, weil es von dichten Rauchwolklen vernebelt war. Er inhalierte wie ein Staubsauger. Ich trat ihm gegen die Schulter, und er fiel seitlich um. Rieb sich die Augen.

»Chrissie? Wasn los?«

Der Kerl war in der Hocke eingepennt.

Ich riß das Rohr auf und zog mit einem Lumpen über den Händen das Blech raus. Die Plätzchen waren schön dunkelbraun, fast so wie der Schwarze selbst. Das mußte ein gutes Zeichen sein. Ich schmiß eines von den Dingern in meinen Mund und rannte johlend und gurgelnd aufs Klo.

»Ich glaube, die sollten erst mal abkühlen«, sagte ich dann.

Eine Stunde später kratzten wir unser Backwerk vom Blech auf einen Teller, trugen diesen ins Wohnzimmer und nahmen jeder eines in die Hand. Welch ein stolzer Moment. Ich aß zuerst. Mein Mund war so verbrannt, daß ich sowieso nichts schmeckte.

»Und? Spürst du was?« wollte Stevie wissen. Ich spürte eigentlich nichts, weil ich ohnehin stoned war. Seltsames Gefühl, etwas im Bauch zu haben, was man weder schmeckt noch spürt. Ich aß noch drei; als Stevie sah, daß ich nicht gestorben war, probierte er auch zwei. Zu schnell vielleicht, denn nach dem zweiten sagte er mit hängenden Mundwinkeln:

»Sag mal, das verdammte Zeug schmeckt ja ekelhaft!«

Irgendetwas schlug in meinem Magen einen Purzelbaum und eine dreifache Rolle rückwärts. Wir sahen uns an, wie man sich in so einem Moment ansieht. Ich war zuerst im Bad und bekam den Platz am Waschbecken.

Die Wohnungstür ging auf, während wir reihernd über der Badewanne hingen; Cora sagte zum zweiten Mal an diesem Tag »Was ist denn mit euch los?«, aber den Tonfall ihres halbstündigen Lachkrampfs beschreibe ich Euch nicht.

Man darf den Respekt vor sich selbst schließlich nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.


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