Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Eine kleine Einschränkung: Irgendwann in meiner frühen Spätjugend bin ich tatsächlich mal zur Berufsberatung ins Arbeitsamt vorgeladen worden und auch hingegangen, und tatsächlich ... aber der Rest, nein.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

CAREER OPPORTUNITIES

Ein grauer Umschlag mit amtlichem Aufdruck verheißt selten etwas Gutes. Ich überlegte also ein paar Minuten lang, ob ich ihn nicht lieber gleich dem Mülleimer überantworten sollte und so tun, als wüßte ich von nichts. Andererseits fühlte ich mich relativ unschuldig, und so siegte die Neugier über das flaue Gefühl im Magen, das wohl auch von etwas anderem herrühren konnte.

»Sehr geerter Herr ...«

Gut, daß mich mal wieder jemand an meinen Nachnamen erinnerte. Ich hatte das Ding fast schon vergessen.

»Ich fordere Sie hiermit auf, zu untengenanntem Termin in meinem Büro vorzusprechen. Mitzubringen sind: A) Schulzeugnisse und ähnliche Ausbildungsnachweise B) Lebenslauf«

Schulzeugnisse? Ich erinnerte mich, daß irgendwo so ein Zeug rumliegen mußte, das konnte aber auch ein Irrtum sein. Mein Lebenslauf stand mir sowieso deutlich ins Gesicht geschrieben, und so machte ich mich bar jeglicher schriftlicher Daseinsberechtigung auf den zweifelhaften Weg.

Ein schmutziger Betonklotz mit der »Achtung!« schreienden Aufschrift »Arbeitsamt« riß mich aus einem sonnigen Tag in einen Haufen Elend aus herumstehenden und -hängenden Gestalten, deren Gesichter mich leer und verschimmelt anstarrten wie eine Herde Kühe. Ich begann mich sehr unwohl zu fühlen und sah angestrengt aus dem Fenster. Eine schwammige Hand tippte an meine Schulter.

»He, Kumpel! Solltest lieber ne Nummer ziehen, sonst kannste warten, biste schwarz wirst.«

Ich hatte das Gefühl, daß ich auf dem besten Weg dazu war. Ein metallener Kasten spuckte mir mit einem rülpsenden Geräusch einen blaßrosa Zettel in die Hand, auf dem eine Zahl stand, die von der über dem Kasten aufleuchtenden Nummer noch Lichtjahre entfernt war.

Nach Stunden durfte ich mich endlich aus der klebrigen Plastikschale von Stuhl erheben, drückte eine braun verkrustete Türklinke und betrat eines von einer Milliarde Büros.

»Guten Tag!« sagte ich, aber der Wunsch war sichtlich vergebens. Das müdüe Gesicht einer grauen Beamtin sah mich desinteressiert an, sie ergriff meine Hand mit einer schwitzigen weißen Forelle, die mir den restlichen Appetit für die nächsten zwei Tage entriß, und forderte mich auf, vor ihrem speckigen Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann faltete sie die Hände und seufzte:

»Was kann ich für Sie tun?«

Ich konnte mich nicht erinnern, sah sehnsüchtig aus dem Fenster und zuckte mit den Schultern. Zog den graubraunen Wisch aus der Tasche und glättete ihn mit den Händen auf ihrem Tisch.

»Ach so«, murmelte sie in ihre rechte Hand, las den Zettel ein gutes Dutzend Mal schweigend durch.

»Haben Sie sich denn schon überlegt, was Sie in Ihrem Leben einmal tun werden?« sprang sie mich dann unvermittelt an. Sie sah sehr müde aus, und ich hätte Mitleid gehabt, wenn mich diese Frage nicht so aus dem Konzept geworfen hätte.

»Was ich was?« Ich erfuhr immerhin zum ersten Mal, daß mein Leben noch gar nicht angefangen hatte.

»Na ja, was Sie mal werden wollen?«

»Werden?« Ich war, ehrlich gesagt, überfordert.

»Was haben Sie denn bisher getan?«

»Na ja, so dies und das.«

Die Frage bohrte bedenklich in meinem Kopf. War es möglich, daß ich tatsächlich noch nichts getan hatte?

»Ich war viel unterwegs, hab ein paar Geschichten und so geschrieben, mal beim Film gejobbt, wollte mal ne Band gründen. Na ja, eben was man so tut.«

»Also noch nichts Vernünftiges, nehme ich an?«

Jetzt sah sie schon zufriedener aus, als sie sich mit triumphierend strafendem Blick zurücklehnte.

»Und wie stellen Sie sich das weiterhin vor?«

»Na ja, ich ...«

»Das ist sehr verantwortungslos, was Sie da tun. Von was wollen Sie denn leben, wenn Sie einmal alt werden?« Nach einem prüfenden Blick auf mein Gesicht fügte sie »sollten?« hinzu. Mein lieber Mann, in was war ich da hineingeraten? Ich beschloß, mir das nicht mehr bieten zu lassen.

»Und Sie, von was wollen Sie leben?«

»Von meiner Pension natürlich. Was denken Sie denn?«

Daneben.

»Na gut, dann machen Sie mir doch mal einen Vorschlag, wie ich auch an so eine Pension kommen kann. Wär ja nicht das Schlechteste.«

Sie blickte mich amüsiert an. Eigentlich war sie sicher ganz hübsch, wenn sie nur nicht so unglücklich ausgesehen hätte.

»Sie könnten zum Beispiel Beamter werden. Haben Sie einen Schulabschluß?«

Mir standen die Haare zu Berge.

»Wenn's ein Schulausschluß auch tut?«

Sie lächelte beinahe. Jetzt kam ich in Fahrt.

»Ein schlechter Schüler war ich nicht. Zumindest in manchen Fächern. Aber ehrlich, was Sie hier so tun, würde mir glaube ich nicht gefallen. Und das auch noch jeden Tag? Mein ganzes Leben lang? Sind Sie sicher, daß Sie alt genug werden, um Ihre Pension noch zu genießen, wenn man Sie mal hier rausläßt? Und wollen Sie dann um die Welt trampen und Parties feiern?«

»Na hören Sie mal!«

»Was soll ich hören? Wollen Sie mir im Ernst erzählen, es macht Ihnen Spaß, hier Tag für Tag zu sitzen und gescheiterte Existenzen zu irgendeinem Mistjob zu verurteilen, in diesem stinkenden Büro, während draußen die Sonne scheint und Leute wie ich in den Tag hineinleben und unverschämt ihr Leben genießen?«

Sie grübelte. Nicht vorstellbar, daß sie das zum ersten Mal hörte, aber ohne Stolz wage ich zu behaupten, daß ich sie doch ein bißchen aus dem Konzept gebracht hatte.

»Und ist es etwa an den Haaren herbeigezogen, daß Sie Leute wie mich deswegen gerne in irgendwelche schrecklichen Fabriken schicken wollen, weil Sie in Wirklichkeit neidisch sind und auch gerne mal einfach so faulenzen würden? Wie Leute wie ich oder die Reichen, die angeblich soviel leisten, daß sie den ganzen Tag auf der Couch liegen können? Schauen Sie doch mal raus! Wofür scheint die Sonne? Etwa, um sie durch so ein schmieriges Fenster zu betrachten?«

»Aber das Geld! Die Zukunft ... Ihre Altersversorgung ... bedenken Sie ...«

Sie begann mir leid zu tun, ich konnte aber nicht mehr bremsen.

»Geld! Alter! Zukunft! Glauben Sie etwa, ich lebe, um alt zu werden? Wer hat Ihnen einen solchen Unsinn erzählt? Schauen Sie sich an: Sie sind höchstens sechsundzwanzig und sehen schon aus wie vierzig. Wozu wollen Sie denn noch alt werden? Waren Sie jemals jung?«

Sie hielt ihr Gesicht in den Händen, und eine milchige Träne tropfte auf eine unausgefülltes Formular, das, obwohl nie benutzt, schon vergilbt war. Draußen zwitscherte ein Vogel vom Fenstersims aus den Himmel an. Die Träne blieb wie eine flache Perle auf dem Papier liegen, zitternd, eine Sekunde lang brach sich ein Sonnenstrahl darin, dann saugte das häßliche Papier sie mit einem Ruck auf. Ich hatte keine Lust, von einem derartigen Formular aufgesaugt und in einen Vorgang verwandelt zu werden.

Sie sah mich ratlos an.

»Auf dem Wisch steht meine Telefonnummer«, sagte ich. »Ciao.«

Scheinbar ist sie noch nicht zum Anrufen gekommen.


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