Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Höchstens Nachbilder.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

DER RUF DER NATUR

Peter sah aus wie ein böser Traum: Ein grüner Hut zierte seinen Kopf, der auf einem sehr eigenartigen Körper thronte. Lederne Kniebundhosen, die nach grünem Gras und tausend Kühen rochen, ein blauer Anorak, der seinen Großvater einst durch ein fernes Jahrhundert begleitet haben mußte. Eine eigenartige Mischung von Waldatem und Vogelzwitschern begleitete ihn, als er über meine Türschwelle schritt und frohen Mutes in die Küche wanderte.

»Na, ihr kaputte Bande?«

Weder Stevie noch ich wußte auch nur so etwas ähnliches auf diese Frage, wir wären aber auch noch nicht in der Lage gewesen, auf irgendwas zu antworten, weil es fünf Uhr morgens war und wir eben daran dachten, ins Bett zu gehen. Pech gehabt.

Peter warf uns ins Auto, fuhr los, und ich schlief augenblicklich ein.

»Was für ein herrlicher Tag!« weckte er mich sofort wieder auf.

»Schon gut. Laß uns in Ruhe.« Stevie war auf meiner Seite, aber Peter war nicht zu bremsen.

Er hielt an einem Teil Landschaft.

»Das ist ein Wald«, warf er in unsere fragenden Gesichter.

»Na und?« warf mein Mund zurück.

»Was heißt hier 'na und'? Wer weiß, ob ihr faulen Säcke in ein paar Jahren überhaupt noch Gelegenheit haben werdet, einen echten Wald zu sehen. Geschweige denn, zu betreten.«

Diese Vorstellung beunruhigte mich nicht weiter, aber Peter zog uns an Händen und Füßen aus dem Auto und schleifte uns zwischen den Bäumen einem ungewissen Ziel entgegen.

»Tannen«, hub er an, »sind mit am stärksten vom Waldsterben betroffen. Dabei sind sie die Heimat vieler seltener Tiere, Vögel, Insekten, die Nahrungsgrundlage von Würmern und Käfern, ihre Nadeln der Nährboden für Pilze, Beeren und vielerlei Lebewesen. Hört auf zu schnarchen!«

Peter bückte sich und betrachtete beglückt eine wulstige weiße Knolle.

»Das ist ein Eierbovist«, stellte er fest.

»Sehr schön. Wo ist der Semmelbovist und der Kaffeebovist?« fragte Stevie mit geschlossenen Augen und streckte die Hände aus. »Ich habe einen Mordshunger!«

Ehe wir uns versahen, hatte er das Ding verschluckt.

»Bist du wahnsinnig? Das Zeug ist schrecklich giftig!« rief ich und machte Anstalten, Stevie den Magen auszupumpen.

»Mit euch Trotteln in den Wald zu gehen, ist wirklich frustrierend. Aber wartet nur, ihr werdet auch noch feststellen, daß ihr Kinder der Natur seid. Nur ist es dann vielleicht zu spät.«

Ich wollte momentan nicht näher auf Peters Flash eingehen, da Stevie mittlerweile bedenklich zu röcheln begonnen hatte.

»Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen, ehe es dafür auch zu spät ist«, schleuderte ich Peter entgegen.

»Also gut, gehen wir zurück zum Auto«, gab er nach, und wir marschierten los. Als wir nach etlichen Stunden zum dritten Mal an demselben Baum vorbei kamen, erkannte sogar ich ihn wieder und begann, an Peters Ankündigung zu zweifeln.

»Willst du uns verarschen? Hier waren wir doch schon mal. Wo zum Teufel ist das blöde Auto?«

»Keine Ahnung, verdammt. Ich bin ja selber zum ersten Mal hier.«

»Und wie sollen wir deiner Meinung nach jemals wieder aus diesem Gestrüpp hinauskommen?«

»Na ja«, er trat auf dem Fleck, sah zu Boden, verschränkte Arme und Beine jeweils ineinander und putzte sich die Fingernägel. »Ich dachte, da gibt's so was wie Wegweiser.«

»Einen Wegweiser, wo 'Auto' draufsteht! Da lachen ja die Hühner.« Stevie lebte also noch.

»Man kann auch die Bäume als Wegweiser benützen«, fiel dem Kerl ein, der uns in diese unmögliche Situation gebracht hatte. »Wo das Moos drauf ist, ist glaube ich Westen. Oder Osten, weiß nicht mehr genau.«

Also gingen wir los in Richtung Westen oder Osten. Als es dunkel zu werden begann, erkannte ich meinen Lieblingsbaum wieder, der uns fröhlich zu zwinkerte.

Verzweifelt setzte ich mich auf den weichen, stacheligen Körper des Waldes und dachte an zuhause. Oh Cora, nie hatte ich solche Sehnsucht nach ihr verspürt. Würde ich sie je wiedersehen? Und selbst wenn: Sie würde mich sicher rauswerfen, wenn ich nach Jahren halbverhungert und bärtig aus einem Wald getaumelt käme. Verständlich. Stevie saß neben mir und schluchzte.

Peter gab noch nicht auf.

»Da, wo das Gebüsch dichter wird, ist für gewöhnlich der Waldrand!«

Ich dachte an Werwölfe, Vampire, Bären, Kobolde und andere wilde Tiere. Von was ernährten sich die Viecher eigentlich, wenn nicht von solchen Trotteln wie uns? Ich glaubte sie bereits in nicht allzugroßer Ferne heulen zu hören. Eisiger Wind strich durch das verwunschene Gehölz. Hexen! Ghule! Magische Irrlichter!

Na gut, wenn schon, dann schnell, dachte ich und taumelte auf das Geisterlicht im Dickicht zu.

Der Blödmann hatte das Licht an seinem Auto brennen lassen.

Als ich Peter ein paar Tage später besuchte und nach dem eigenartigen Geruch in seiner Wohnung fragte, sah er betreten zu Boden, verschränkte Arme und Beine jeweils ineinander und putzte sich die Fingernägel.

Aus dem Kachelofen hing die Kapuzenspitze eines blauen Anoraks.


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