Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Na ja, eine ehemalige Bekannte hat tatsächlich mal bei einem Umfrageunternehmen (oder wie man das nennt) gejobt. Aber bestimmt nicht so.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

DIE FRAGEN DES LEBENS

Gebrannte Kinder sollten das Feuer scheuen. Ich meine, im Prinzip sollten überhaupt alle Kinder das Feuer scheuen, aber Sprichwörter implizieren eben eine moralische Tendenz, die kumulativ wirkt. Quatsch. Jedenfalls sollte (um ein in diesem Buch noch selten benutztes Wort gleich dreimal zur Entfaltung kommen zu lassen) ich als in allerlei Hinsicht oftmals gebranntes Kind ganz entschieden alles Brennbare scheuen. Statt dessen bat ich förmlich darum:

»Gib mir mal Feuer«, forderte ich Peter auf.

»Um was bitte anzuzünden?«

»Eine deiner Zigaretten, Mann!«

»Finito«, beendete er das kurze Gespräch. Wollte er zumindest. Nachdem ich das eigenartige Wort einigermaßen verdaut hatte, ließ ich mir aber eine zweite Runde nicht nehmen:

»Wie bitte was finito?«

»Keine Zigaretten mehr, Mann. Das finito.«

Er sank wieder in den Schlaf, in dessen unmittelbarer Nähe wir beide uns seit geraumer Zeit befanden (wie unserer Sprechweise bei obigem Austausch unschwer zu entnehmen sein dürfte).

»Dann gib mir mal Geld«, begann ich zu quengeln. Nikotinentzug gehört zu den unerwarteten und schrecklichen Fallgruben des Lebens.

»Und woher, Mann? Soll ich welches malen?«

»Soll das heißen: wir sind bankrott

»Soll es heißen. Es sei denn, du hast Reserven.«

Hatte ich noch nie.

»Und jetzt?« Panik beschlich mich langsam aber stetig.

»Warten wir bis morgen, und dann plündern wir eben dein Bankkonto.«

»Mein was?« (Ich weiß, der Dialog ist nicht sonderlich aufregend. Keine Angst, die Handlung kommt bestimmt auch noch.)

»Das Ding, wo du deinen Lohn draufkriegst, Mann!«

»Lohn?«

»Die Bezahlung für deine Arbeit, Mensch!«

»Arbeit?« Ich habe keine besondere Affinität zu diesem Thema.

Der Rest kurz: Was du hast keine Arbeit dann müssen wir eben was für dich finden ich weiß schon was du kommst einfach morgen mit mir mit ganz einfacher Job paar Telefoninterviews gute Kohle schwarz.

Ich konnte mir etwas unter schwarzer Kohle vorstellen, aber wieso schwarzes Geld irgendwie gut sein sollte, war mir schleierhaft. Dafür gefiel mir das Wort »Interview«. Hatte ich nicht schon immer davon geträumt, mein Geld damit zu verdienen, daß ich Mick Jagger oder Freddie Mercury unverschämte Fragen stelle? Die Möglichkeiten, dieser Ambition nachzugehen, würden in Zukunft sicher noch schmäler werden, also beschloß ich, die Gelegenheit beim Schopf zu packen.

Der Raum sah toll aus, richtig nach Karriere. Paar Tische voller Papier, vor jedem der Stühle ein Telefon. Es roch nach Büro, nach Börse, nach Kapital, großer weiter Welt und fantastischen Transaktionen.

»Da ist dein Platz«, deutete Peter auf einen Stuhl. Ich setzte mich, ordnete die Papiere und fühlte mich wichtig.

»Und was soll ich tun?«

»Ganz einfach: auf jedem dieser Bögen steht ein Name und eine Telefonnummer. Du rufst an, stellst die Fragen und notierst die Antworten.«

Ich las den ersten Namen: Hans Müller. Nicht gerade prominent, trotzdem beschloß ich, mir Mühe zu geben.

»Guten Tag, Herr Müller. Darf ich Ihnen mal eine Frage stellen?«

»Nein.« Klick.

Der Kerl war mehr als arrogant. Ich notierte »Klick« auf den Bogen und wollte gerade die nächste Nummer wählen, als Peter einschritt.

»So geht das nicht, Mann! Wir brauchen Antworten! Noch mals versuchen! Und melde dich mit dem Firmennamen!«

Tat ich. Hans Müller reagierte diesmal ganz anders.

»Und da fragen sie mich? Das ist aber toll!«

Er zählte mir im folgenden auf, wieviele Riegel einer bestimmten Schokoladensorte er in den letzten zwei Wochen verdaut hatte, erwähnte noch ein paar Qualitätsurteile und bedankte sich stolz bei mir. Ein tolles Gefühl, einer bis dahin grauen Existenz solcherart ins Licht der Öffentlichkeit verholfen zu haben.

Der Nächste hieß Karl Huber und war weit weniger auskunftsfreudig.

»Ich fresse euer Süßzeug nicht!«

»Aber ... könnten Sie dann ... ich meine, gibt es qualitative Gründe, daß sie eine andere Marke vorziehen?«

»Ich fresse kein Süßzeug! Und laßt mich mit eurem geschwollenen Mist in Frieden!«

Wer nicht will, will nicht. Ich merkte mir vor, Karl Huber zum Thema »Blut- und Leberwurst« noch einmal zu konsultieren. Peter schleppte eine verlockend klirrende Tüte daher.

»Nicht schlecht, Mann. Da heute außer uns eh keiner da ist, können wir ruhig mal zwischendurch unsere Stimme ein bißchen ölen.«

Wir tranken etliche Flaschen Bier, wodurch sich unsere Akzeptanz bei den Konsumenten nicht merklich erhöhte:

»Iiihh! Schokolade! Pfui!« Klick.

»Ich bin Diabetiker, Sie sadistisches Arschloch!« Klick.

»Auch das noch! Eine Umfrage! Als wäre mir sonst nicht schon alles zuviel!« Klick.

»Könnten Sie etwas deutlicher sprechen?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»He, Mutti, da ist ein Kerl dran und lallt was von Schokolade! Ist das wieder eine deiner Schweinereien?«

»Hä? Hahahahahahahahahahahahahahaha! Noch mal bitte! Hahahahahahahaha!«

»Mir langt's bald«, drohte Peter in Richtung Öffentlichkeit. Ich entschied mich für Solidarität:

»Na, Sie Grützkopf? Heute schon kräftig Schokolade geschleckt? Ich könnte Ihnen auch was anderes erzählen, wenn Sie nicht aufhören, meinen Freund zu belästigen. Sie und Ihre Bande!«

Das saß. Und machte Peter wieder Mut.

»Sie können mich am Arsch lecken mit Ihrer Schokolade, Mann!« brüllte er den nächsten Delinquenten an. »Sie sind sowieso schon zu fett, Sie alter Vielfraß!«

Jetzt war ich wieder dran:

»Meinetwegen kannst du dich totfressen an deiner Schokolade!«

Und Peter:

»Na, mein kleines Schnuckelmäuschen, soll dir der Onkel mal seine schöne Schokoriegelsammlung zeigen? Hähähähähä!«

»Darf ich fragen, was für eine Art Umfrage Sie heute durchführen?« ertönte eine Stimme.

»Nix Umfrage, Arschkopf!« grölte Peter in den Hörer. »Ich will nur zuhören, wie du dich solange mit Schokolade vollstopfst, bis es quietscht! Platz, du Sau!«

Ich hatte schon geahnt, daß die Stimme nicht unbedingt dem Telefon entstammen mußte. Peter merkte das jetzt auch:

»Sie sind entlassen, Sie Rhinozeros! Und Sie kann ich mich überhaupt nicht erinnern eingestellt zu haben!« Der Mann stand uns ziemlich nahe, noch näher allerdings einem Herzinfarkt.

»Äh, hören Sie, Herr Maier, ich ...«, begann Peter einen seiner gewohnt ungeschickten Ausflüchte. Ich wählte einen anderen: zwei Beine.

Immerhin erhielten wir nachträglich für zwei ordnungsgemäße Interviews einen geringfügigen Betrag ausbezahlt und konnten uns so mit Hilfe einer gewissen Anzahl Zigaretten Gedanken über die nächste Zukunft machen.

»Ich hätte da was«, teilte mir Peter am Telefon mit. »Ganz einfache Sache. An paar Haustüren klingeln und ein paar Fragen stell ...«

Klick. Und Klick.


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