Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Hier wäre zu sagen, daß gewisse Züge ... ach, was soll's.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

DIE SEUCHE

Ich erwache, und irgendwas ist anders. Obwohl das meiste noch genauso aussieht wie immer: das verwüstete Zimmer, meine wild darin verteilten Klamotten, die leeren Flaschen, Platten ohne Hüllen, Hüllen ohne Platten, Berge von Zigarettenkippen, die andeuten, daß sich irgendwo unter ihnen ein Aschenbecher befindet.

Aber irgendwas ist anders. Die Zigarettenkippen sehen mich nicht so an wie sonst. Normalerweise sagen sie irgend so was wie: Guten Morgend, wir sind die Zigaretten, die du gestern geraucht hast. Heute sagen sie gar nichts, glotzen mich nur lauernd und irgendwie fremd an.

Auch mein Kopf ist so dick wie meistens, trotzdem: auch hier stimmt was nicht. Ich beschließe, den Tag erst mal damit zu beginnen, daß ich atme. Da haben wir's: keine Luft! Etwas hindert mich am Einschnaufen. Moment mal: zum Atmen braucht man eine Nase, also ... fasse ich mir ins Gesicht, stelle erleichtert fest, daß das Ding noch da ist.

Was dann? Atemnot raubt mir die Denkfähigkeit. Ich reiße den Mund auf und lasse einen riesigen Schwall von der schweren Gasmischung im Zimmer sturzbachartig darin verschwinden. Sofort heult in meinem Hals der Alarm los. Schmerzen von ungekanntem Ausmaß stechen mich förmlich nieder, und ich überlege, was mir außer der unzureichenden Möglichkeit der Hautatmung noch übrig bleibt.

»Ah!« stöhne ich, ohne das gewollt zu haben, und sofort steht Cora im Zimmer.

»Was soll denn das jetzt?«

Ich versuche, zu antworten, aber meiner Kehle entringt sich nur ein schleifendes Geräusch. »Mn Hls!« artikuliere ich unter größten Entbehrungen.

»Mein armer Chrissie. Du wirst doch nicht etwa krank sein?«

Die Erkenntnis schleudert mich wieder auf mein Lager. Jedes einzelne »Ach was«, das ich in der Vergangenheit für aufdringliche Rauchen-macht-Krebs-Reklamen übrig hatte, zieht vor meinem inneren Auge vorüber.

»Mund auf!« befiehlt Cora, sieht hinein und sagt: »Oh Gott!«

Ich sehe mich qualvoll und langsam verenden, mit Schläuchen in allen Köerperöffnungen und elektronischen Geräten um mich herum, die immer langsamer piepsen und schließlich ganz aufhören. Ein grüner Strich auf einem Oszillographen, ein Arzt, der mit einem bedauernden Kopfschütteln die Maschinen abschaltet, eine Schar von gramen Menschen, weinend über meine Überreste gebeugt.

»Hier ist dein Tee«, hält mir Cora eine dampfende Tasse entgegen. Ich nehme einen vorsichtigen Schluck und verbrühe mir den gesamten Rachenbereich inklusive Magen.

»Ja ja, du mußt ihn heiß trinken, sonst hilft er nicht.«

Sie verschwindet aus dem Zimmer; als ich das schreckliche Gebräu gerade einem Blumentopf einverleiben will, ist sie aber schon wieder zur Stelle.

»Das hab ich mir gedacht. Nein, nein, nein, Chrissie! Wenn dir noch ein Funken Vernunft geblieben ist, was ich bezweifle, dann wirst du jetzt tun, was ich dir sage, und deinen Tee trinken!«

Entsetzlich! Das Zeug ist so schwer runterzuwürgen, daß ich mich frage, was es erst in meinen empfindlichen Eingeweiden anrichten mag.

»Und hier ist deine Tablette«, sagt Cora und gibt mir ein rosa Dragee. Das hört sich schon sympathischer an. Schluck, und drunten.

»Nicht schlucken, du Dummkopf! Lutschen!«

Sie gibt mir noch eine, und ich lutsche erwartungsvoll daran. Das Ding schmeckt nach nichts, was in mir gewisse Zweifel an seiner Wirksamkeit keimen läßt. Plötzlich dringe ich durch eine Schicht, und ein brennender, aasartiger Geschmack durchflutet meinen Mund.

»Uuuaaah!« löst sich aus meiner Kehle. Cora versteht die Äußerung bitterster Qual natürlich falsch: »So ist's gut, spürst du schon, wie sich der Schleim löst?«

Wieder verschwindet sie kurz, und diesmal bin ich geschickter. Hoffentlich verrät mich der Blumenstock nicht, indem er an dem Zeug krepiert. Was ich dringend befürchte.

»Und hier ist dein Hustensaft und deine Tropfen!« Sie hält mir zwei braune Flaschen und einen Löffel hin. »Jeweils zwanzig Tropfen.«

»Das ist ein Brechmittel und kein Hustensaft!« schreie ich ihr nach, während die erstren zwanzig Tropfen in meinem unteren Inneren toben. Aber der Klang meiner eigenen Stimme, mit einem Mal zumindest teilweise wieder erstarkt, läßt mich doch das Gegenteil hoffen.

»Ich muß jetzt weg. Sei brav und nimm stündlich deine Tropfen!«

Ich antworte nicht auf Coras Anweisungen, weil mir erstere völlig rätselhaft ist und ich keine großen Hoffnungen auf meine Standfestigkeit bezüglich zweiterer hege.

Die Wohnungstür ist kaum zu, da klingelt schon das Telefon. Ich schleppe mich in seine Richtung und versenke ein ersterbendes Hallo im Hörer.

»Äh ... ist Chrissie da?« fragt Peter vorsichtig.

»Ich bin's doch, du Blödmann«, stöhne ich.

»Chrissie! Was ist mit dir los?« Peter klingt ernsthaft besorgt.

»Ich sterbe an Krebs«, informiere ich ihn.

»Oh Gott! Seit wann denn das?« Als würde Zeit noch eine Rolle spielen. »Und die Symptome?« fragt er dann. Ich beschreibe ihm meinen Zustand drastisch.

»Blödmann, du bist nur erkältet!« Nur? Ich frage mich, was die Welt sonst noch an Qualen bereithalten kann.

»Da hilft am besten ein Grog!« folgt Peters weiser Ratschlag.

»Aha. Und was soll das sein?«

»Zwei Drittel Rum, ein Drittel heißes Wasser, zwei Eßlöffel Zitronensaft. Wirst sehen, das bringt dich in Nullkommanix wieder auf die Beine, Alter. Wir sehen uns dann übermorgen bei Stevies Fest!«

Stevies Fest? Jetzt nehmen meine Sorgen konkrete Ausmaße an. Wie lange dauert so ein Leiden üblicherweise? Ich beschließe, Peters Rat zu beherzigen.

Nachdem ich die Scherben von dem gesprungenen Glas weggekehrt habe, versuche ich's mit einer Tasse, gieße heißes Wasser rein und Rum hinterher. Zitronen sind nicht zu finden, also ziehe ich die gedankliche Verbindung und nehme statt dessen Essig.

Beim ersten Schluck wird mir klar, warum das Glas gesprungen ist: Mein Körper droht ebenfalls zu springen. Dann fällt mir ein, daß erfahrungsgemäß, jedenfalls den letzten Stunden zufolge, Medizin immer verheerend schmecken muß. Ich trinke die Tasse leer und spüre sofort eine heilende Wirkung. Zwar ist mein Kopf nun ziemlich benebelt, aber das führe ich auf den erschöpfenden Kampf der verschiedenen Substanzen mit dem Millionenheer von Bazillen in mir zurück.

Der zweite Grog beruhigt mich insofern, als nun ein großer Teil der Erregerarmee als durchsichtiger Schleim aus meiner Nase läuft. Während ich mit einem Schneuzvorgang gigantischen Ausmaßes eine Rolle Klopapier verbrauche, klingelt wieder das Telefon.

»Ich bin krank«, sage ich diesmal gleich als Eröffnung, um Spekulationen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Hallo, Krank! Ist Chrissie da?« So dumm kann nur Stevie sein.

»Ich bin Chrissie! Ich bin krank

Stevie muß diese verwirrende Information erst mal ordnen.

»Aaaah!« kommt schließlich als Erkenntnis aus dem Hörer. »Vielleicht hättest du gestern deine Jacke doch mitnehmen sollen, als du gegangen bist. Oder zumindest die Schuhe. Schließlich haben wir Dezember.«

Schuhe? Jacke?

»Na ja, mit einer guten Tasse Glühwein wirst du wohl bis übermorgen wieder auf dem Damm sein. Ich meine, wegen dem Fest.«

Also stelle ich den Essig wieder in den Schrank und mache Wein warm. Werfe Gewürze rein, trinke das Gebräu leer und fühle mich wiederum besser, abgesehen von dem entsetzlichen Geschmack, den Oregano, Kümmel und Rosmarin in meinem Mund hinterlassen. Den ich mit einem weiteren Grog (ohne Essig) wirksam vertilge.

Auf dem Weg zum vierten Grog erlahmen meine Beine unter den Auszehrungen der Krankheit, und ich finde mich auf dem Küchenboden wieder. Greife nach der Weinflasche und nehme zur Kräftigung einen langen Schluck. Und überhöre vor lauter »Gluckgluck« das »Klickklick« von der Tür, weshalb mich Cora in eben dieser Stellung vorfindet: die Flasche noch am Mund, auf dem Boden sitzend, schwankend.

»Nein!« brüllt sie los, scheinbar ohne Verständnis für meine Selbstmedikation.

»Ich mache mir die größten Sorgen, renne extra zur Apotheke, und du verkommenes Schwein läßt dich inzwischen systematisch vollaufen! Das ist zuviel!«

Es folgt noch eine ganze Menge, was aber zuviel ist für meine kranken Ohren. Meine Flucht führt zu Stevie, wo ich während meiner Rekonvaleszenz dem Fest zu harren gedenke. Dort finde ich auch meine Jacke und meine Schuhe. Neben Peters Jacke und Peters Schuhen.

Und Stevie erweist sich als sehr empfänglich für meinen Vorrat an Bakterien. Zum Glück hat er mehrere Matratzen, und so entsteht die erste Grog- und Glühweinparty unserer langen Karriere von Feierlichkeiten.

Was auch nicht schlecht war.


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