Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Null.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

EIN HAPPENING

»Der erste, der lacht, wird erschossen«, steht unübersehbar in die Furchen der Fratze gemeißelt, die mir aus dem Spiegel entgegenbleckt. Das Leben hat einige Reifenspuren hinterlassen, als es mich überfuhr.

Langsam schleppe ich mich aus dem Bad wieder Richtung Schlafzimmer, aber schon nach zwei Schritten stoße ich gegen Cora, die mich schräg und klimpernd anlächelt, die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen.

»Hast du heute abend schon was vor, mein lieber Chrissie?«

Es dauert Minuten, bis die süßlichen Worte durch die verklebten Windungen meines Gehirns ins Verständniszentrum gedrungen sind. Dann sendet das Schmerzzentrum ein tiefes Stöhnen aus der Tiefe meines Rachens durch die fast geschlossenen Lippen.

»Ist dir nicht gut?« fragt Cora mit blödsinnig alarmiertem Gesicht. Natürlich ist mir gut. Ich könnte Bäume ausreißen. Morgen früh.

»Weißt du, Monique hat uns für heute abend zu einer Vernissage eingeladen!« Wie sie das Wort ausspricht, ist schon ein Grund, dem Ding fernzubleiben.

»Und es gibt Sekt und so, und da sind viele wichtige Leute. Und sogar eine Performance!«

Dieses Wort ist immer ein Wort zuviel. Ich zerreiße es in der Luft und sehe den Buchstaben nach, wie sie auf den Teppich rieseln. Wie gerne würde ich daneben rieseln und schmelzen und versickern.

»Bist du wirklich so müde, mein lieber Chrissie?«

Ich weiß nicht, wann sie das letzte Mal so mit mir geredet hat. Es ermüdet mich noch mehr. Aber mir bleibt nichts anderes übrig als nachzugeben, denn heute ist sie eindeutig die Stärkere.

Die Galerie ist hell erleuchtet, jede Menge Gekicher, Ahs und Ohs und Hallo und Gallo und das übliche Partyvolk mit den üblichen Partyklamotten. Ein dick mit Schminke zugemörteltes Gerippe schlingt sich um Coras Hals, jauchzt und trällert.

»Ach Cora, wie schöööön, daß du kommen konntest, ach Cora, ich froooi mich sooo!«

Ich seh mich schon mal nach dem Notausgang um.

»Chrissie hab ich auch mitgebracht. Chrissie, das ist Monique.«

Der Abfallhaufen streckt mir fünf Knochen entgegen. Ich ziehe lieber nicht zu fest daran, was soll ich mit dem Zeug?

Auf meiner Hand bleibt ein klebriger Parfumschleier zurück, den ich wohl ein paar Wochen nicht mehr los werde. Gerade will ich ein Bierglas voller Sekt in mich hinein schütten, um den Anschein zu erwecken, ich sei wach, da wird das Licht dunkler und ein prominentengesichtschirurgenähnliches Arschloch rammt mir seinen Arm in die Seite und flüstert so laut wie ein startendes Flugzeug:

»Jetzt kommt die Performance!«

Während ich ihm den Rest von dem Sekt, der nicht in meinem Hemd verschwunden ist, langsam über den Kopf schütte, betritt ein Kerl mit nacktem Oberkörper und rot bemaltem Gesicht eine Art kleine Bühne und wird von Scheinwerfern angestrahlt. Er starrt ins Publikum, als wäre es nicht seines, und die geöffneten Münder werfen faszinierte Erwartung zurück.

Er nimmt ein Kopfkissen, sticht mit einem Messer rein, schüttelt es wie ein tobender Straßenköter einen Reviereindringling von halber Größe und reckt dann die Arme nach oben, steht in einem Federhaufen und schreit »Uaaaaah!«

Zwei als Krankenschwestern verkleidete kleine Mädchen tragen einen Korb herein. Drin sitzt ein Huhn, das der Künstler an beiden Beinen Packt und ähnlich wie das Kissen vorher rumschüttelt. Dann beißt er ihm den Kopf ab und schüttelt weiter, bespritzt die Mädchen mit dem Blut, wälzt sich am Boden, um möglichst schmutzig zu werden.

Mit dem Ausdruck von Maschinen, die sich um Nebenrollen in einem altmodischen Science-Fiction-Film bewerben, rezitieren die zwei Mädchen:

»Gott ist das Gerät. Maschinen weinen.«

Der wahnsinnige Typ reißt ihnen die Schwesternkittel runter, und ehe das große »Ah!«, »Oh!« und so weiter anfangen kann, hat er seine Hose ausgezogen, taucht seinen Pimmel in das Hühnerblut und schreibt »Dialektik« und »Dialyse« auf die Bäuche der beiden.

Neben mir steht der Prominentengesichtschirurg, immer noch mit nassem Kopf, und erzählt einer Frau mit bedeutenden Gesten, was der Meister sagen will. Offenbar eine ganze Menge. Nun bin ich kein Typ, der was gegen nackte Mädchen hat, aber erstens würde ich ihnen bestimmt nicht so einen Quatsch auf den Bauch schreiben, und zweitens ist Cora ohnehin in Sichtweite, und so muß ich mich auf den kulturellen Genuß beschränken, der sich nicht recht einstellen will.

Ein Typ mit weißem Leinenanzug tritt aus der Menge zur Bühne vor, zieht einen Ausweis aus der Tasche und sagt:

»Sittenpolizei. Grüß Gott.«

Er legt dem Artisten Handschellen an und führt ihn ab. Choreographisch ohne Zweifel ein genialer Bruch. An der Tür der Galerie gerät der Fluß der Handlung jedoch ins Stocken.

»Sie Banause! Lassen Sie den Mann los!« brüllt ein zwei Meter fünfzig großer Kokainist mit dem Gehabe eines alten Professors, der ein paar wildgewordene Studenten bei der Demolation seines Perpetuum Mobile angetroffen hat.

»Genau, loslassen! Wir wollen sehen, wie's weitergeht!« tönt es aus geifernden Mündern.

Irgend jemand schaltet die Musik ein, Rolling Stones natürlich, wie immer auf intellektuellen Festen. Das geht in die Beine.

»Werfen wir den Burschen doch einfach raus!« brüllt einer, der sich vorsichtshalber hinter seiner geringen Körpergröße versteckt hat. Jetzt bin ich dran.

»Yeah, the time is right for a palace revolution!« gebe ich das Thema vor, ziehe Jacke und Hemd gleichzeitig aus und setze die Performance unter dem neuen Titel »Sektbad« fort. Den zwei Mädels macht das Spaß, sie packen sich auch ein paar Flaschen, und zu dritt verwandeln wir den Saal in ein Sommergewitter. Alle hpüfen, johlen, reißen sich Jacke und Hemd gleichzeitig runter und beteiligen sich an der dokumentarischen Aktion.

»Ersticke an deinem Reichtum, Europa!« schreit der Gesichtschirurg und reibt eines der Mädchen mit Kaviar ein, um ihn dann wieder abzulecken. Das mag sie aber nicht so gern und läuft davon. Überhaupt laufen alle davon, im Kreis durcheinander. Action. Ich hab mich lange nicht so amüsiert. Cora ist mittlerweile auch nackt und tanzt mit Monique eine Art Totentanz, der vermuten läßt, daß Monique seit zweihundert Jahren außer Grace Jones keine Musik gehört hat. Ich bewerfe sie mit Sektflaschen. Scherben, Trümmer, Staub, Rauch, Schreie, Jauchzen, das Happening erreicht den Gipfel. Überall nackte, zuckende, sekt- und kaviarbeschmierte Leiber, die sich in Pfützen wälzen. Ich packe den dramaturgischen Höhepunkt, reiße meine Hose runter, drücke mit ekstatisch geladenen Muskeln, und als sich ein kleines Würstchen auf den Bühnenboden senkt, jaule ich über alles andere hinweg:

»Klimax!«

»Das Arschloch, scheißt hier rein!«

Einige haben die Choreographie nicht ganz begriffen.

»Also wirklich, so eine Sauerei!«

»Irgendwo hört der Spaß auf!«

»Sonst geht's dir aber noch ganz gut, was, du besoffenes Schwein!«

Die Musik ist aus. Alles stiert stumm und böse auf die Bühne. Da steht eines der beiden Mädchen und ich. Kein Grund, böse zu sein.

»Wie heißt du eigentlich?« frage ich sie.

»Corinne«, antwortet sie.

»Und wie alt bist du?« muß ich ja fragen.

»Vierzehn«, sagt sie, »aber ich suche mir meine Freunde genauer aus, du Hosenscheißer!«

»Das war das letzte Mal! Immer machst du alles kaputt! Du elender Nichtsnutz, eines Tages wirst du dafür bezahlen!« schreit mich Cora nach Hause.

Manchmal frage ich mich, ob sie nicht recht hat. Aber was zum Teufel mache ich eigentlich falsch?


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