Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Obwohl, in diesem speziellen Fall könnte man ... nein, lieber nicht.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

FORTSETZUNG FOLGT

Für gewöhnlich fällt es mir - von bestimmten Situationen unter bestimmten Umständen abgesehen - leicht, mich an Leute zu erinnern. Zumindest an die weiblichen neunzig Prozent von den wichtigen Leuten. Oder sagen wir mal: an bestimmte Merkmale, zumindest die, die mich überhaupt dazu bringen, ein zweites Mal hinzusehen. Zum Beispiel der Arsch. Na ja, oder die Frisur, oder die Augen, oder der Mund, oder eine Mischung aus mehreren oder allen Details, oder...

Aaagrh! Blatt aus der Maschine reiß, zerknüll und durch's Zimmer werf!

So endet's, wenn ich krampfhaft versuche, an eine Geschichte eine geistreiche Einleitung vorne hinzunageln. Was ich sagen will, erfahrt ihr am Schluß eh. Oder es war nicht so wichtig.

Andrea jedenfalls hatte irgendwas, was mich dazu brachte, mehr als zweimal hinzuschauen. Nicht sehr lange allerdings, weil ich zwischendurch die Augen geschlossen hatte, wie man das gelegentlich bei Gelegenheiten tut, die dem Genuß des Lebens sozusagen die Sahnehaube aufsetzen.

Aaargh!

Zum Glück habe ich einen großen Vorrat an Blättern. Wo war ich? Ach ja, Andrea. Also kurz fassen: Ich hatte zwei sehr angenehme Nächte und Tage in (nicht nur) ihren Armen verbracht und war nach Hause zurückgekehrt, um mir unser Teeservice um die Ohren werfen zu lassen. Als Cora schließlich die Schlafzimmertür so fest zugeknallt hatte, daß sie vermutlich einige Schwierigkeiten haben würde, sie wieder zu öffnen, packte ich mir das Telefon und wählte.

»Hä? Wasn los um die Zeit, hä?« Stevies Stimme. Was tat er bei Andrea?

»Hier ist Chrissie.«

»Na und? Weiter?«

»Wo bist du?«

»Willst du mich verarschen, Mann? Ich biwakiere mit meinen Schlittenhunden unweit der amerikanischen Flagge am Südpol, du Penner. Hier ist seit zwei Tagen Polarnacht, ich gedenke also, noch etwa fünf Monate und vier Wochen zu schlafen!«

Peng, aufgelegt. Was für ein Aufstand, jeder kann sich doch mal verwählen. Vorsichtshalber sage ich mir beim zweiten Versuch jede Ziffer laut vor, ehe ich die damit beschriftete Taste drücke.

»Hallo?«

Schnurr, gurr: »Hallo Andrea, hier ist Chrissie.«

»Oh, Chrissie!« Ein leises, wohliges Seufzen gab mir die Gewißheit, daß sie mich in angenehmer Erinnerung behalten hatte.

»Hat mein süßes Mäuschen heute abend schon was vor?«

»Oooh, Chrissie, heute geht's nicht. Um neunzehn Uhr fünfzehn kommt Dr. Hellström, um halb neun Inspektor Hooperman und um elf Nero Wolfe.«

Mir fiel die Kinnlade auf den Boden. Vorsichtig hob ich sie auf und schnackelte sie wieder ein. Beim ersten Sprechversuch gelang mir aber nur ein stockendes Geräusch, das der Unmutsäußerung einer im Schlaf von einem Lastwagen überfahrenen Dogge ähnelte.

»Was ist denn, Chrissie? Bist du sauer?« Wie sollte ich antworten? Sie betrog mich an einem Abend mit drei Typen: Doktor, Inspektor und noch so ein Kerl, und da sollte ich sauer sein?

»Nein, mir ist nur meine... na ja, etwas auf den Boden gefallen. Aber sag mal, kannst du nicht wenigstens einem der drei absagen?«

Klontsch, der Fettnapf: »Aber Chrissie, das sind doch nur Fernseh-Serien.«

Vor Erleichterung blies ich den Telefonhörer hinter die Garderobe und mußte erst mal wühlen, ehe Coras Kleiderberge ihn wieder freigaben.

»Du bist heute so komisch, Chrissie, was ist denn bei dir los?«

»Ach, das ist nur...« In diesem Moment flog die Schlafzimmertür auf, ich konnte nur noch hastig »Ich ruf dich wieder an« murmeln, ehe ich noch hastiger auflegte.

»Telefonier ruhig weiter mit deinem verwahrlosten Pack von Drogensüchtigen und Tagedieben!« Cora schien einigermaßen versöhnt, zumindest behielt sie den Kerzenleuchter in der Hand.

Zwei Tage später versuchte ich es wieder bei Andrea, aber sie hatte eine Verabredung mit dem Alten, mußte sich danach im Ringstraßenpalais einfinden, um den Abend schließlich mit irgendwas namens Magnum zu beschließen. Ich begann, Sehnsucht nach ihr zu haben.

Am nächsten Tag stieg die Party in der Lindenstraße, wurde dann in die Schwarzwaldklinik verlegt, es folgten Besuche der Hagenbecks, einer glücklichen Familie und ein Sprung in die Löwengrube. Nach Knight Rider, Raumschiff Enterprise, Alf, Bill Cosby, Jeannie, Lassie, Daktari, Teddy Z., Alien Nation, Dallas, Nummer Sechs, Ghostbusters, Remington Steele, Müller und Miller, Spreepiraten, Forsthaus Falkenau, MacGyver, California Clan, Springfield Story, Isaura, Wickie, Matlock, Wicherts, Großstadtrevier, der Sendung mit der Maus und einem Sechs-Millionen-Dollar-Mann nebst -Frau gab ich auf und brach zusammen.

»Was hast du denn, Chrissie? Geht es dir nicht gut?«

»Nein... doch... aber... Andrea, ich... und du... und all diese Serien...«

»Aber dann komm doch vorbei, dann können wir zusammen Airwolf und die Nervensäge ansehen.«

Ich beschloß zähneknirschend, die Verabredung um einen Tag zu verschieben und mich erst einmal zu bilden, um nicht als blamierter Ignorant neben ihr zu sitzen. Peter, dessen Fernseher ich als farbig und einigermaßen groß in Erinnerung hatte, blickte mich entgeistert an, als ich nachmittags bei ihm auftauchte, um »Unter der Sonne Kaliforniens« zu studieren. Ohne ein Wort aus seinem schüttelnden Kopf verließ er die Wohnung und überließ mich meinem Notizblock und dem Schicksal.

Das sah so aus: Verschiedene Personen, die ich nicht kannte und auch nicht kennenzulernen wünschte, betraten Zimmer, um Konversationshülsen über irgendwelche Ränkeschmiedereien auszutauschen, einer verließ das Zimmer wieder, ein anderer betrat es von der anderen Seite, um irgendein Blech über eine andere uninteressante Intrige loszuwerden. Dazwischen das übliche Familiengeplänkel aus der Margarine-Werbung. Nach einer halben Stunde war die Sensation plötzlich vorbei und ließ mich mit leerem Notizblock ohne eine Erinnerung an das Vorgefallene zurück.

Mein Bild von Andrea begann sich zu ändern: Ich sah sie gequält lächelnd an einem dieser Serientische sitzen und eines dieser Normfrühstücke einnehmen, zwischen den Cornflakes und ein paar Höflichkeiten zu einem dieser kalifornischen Kleiderpuppen sagend, um sich den restlichen Tag damit zu beschäftigen, für die morgige Folge Klamotten und Kosmetika einzukaufen und zurechtzulegen und in einem Fitneßcenter einen Drink zu nehmen. Das alles mit diesem hölzernen Lächeln, das für gewöhnlich außer Wahlbetrug und Konsumfrustrationen nichts verheißt.

Um es kurz zu machen: Ich rief sie nicht mehr an. Was mein Glück war, denn Cora hatte sich an jenem Nachmittag durch die Schlafzimmertür mein Telefonnummern-Diktat notiert. Aus der Racheszene ist aber wohl nicht viel geworden, denn kurz darauf sah ich sie für einige Zeit Tag für Tag mit diversen Fernsehzeitschriften unter dem Arm die Wohnung verlassen.

So haben viele Dinge ihre guten Seiten. Aargh!


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