Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

GUTEN APPETIT

»Ist schon komisch«, sagte Stevie und ließ die Illustrierte auf den Tisch sinken, als hätten seine Hände nicht mehr die Kraft, sie zu halten. »Manchmal habe ich ein richtig komisches Gefühl im Bauch.«

»Wut! Du wirst wieder jung!« deklamierte Peter.

»Quatsch, das sind die Nachwirkungen von dem Piece. Die angebliche Straßensperre!« erinnerte sich Tom mit bösartigem Unterton. Er war immer noch sauer, denn es war sein Piece gewesen.

»Ihr versteht nicht, was ich meine. Ich meine: Da ist irgendwas in mir, was nicht da ist, was aber da sein sollte. Oder so ähnlich. Ich meine, mir fehlt was!« Stevie sah sich ratsuchend um.

»Ganz klar: Du hast Durst!« Ich öffnete ihm ein neues Bier. Sein altes war seit mindestens zehn Minuten leer. Stevie beachtete das Geschenk der Brauereikunst an die Menschheit gar nicht, starrte statt dessen wieder in die Illustrierte. Da war ein großes Bild von einem nackten Kind, das sich mit eingefallenem Unterkörper im Wüstensand wälzte.

»Mach keinen Scheiß und trink! Darüber scherzt man nicht«, gemahnte Peters Zeigefinger. Ich starrte jetzt ebenfalls das Kind an. Seine Augen blickten ins Leere, sahen nichts, denn es gab nichts. Ich stellte mir vor, der Fotograf zu sein und beschloß augenblicklich, mir vor Scham das Leben zu nehmen. An den Mundwinkeln des Kindes waren deutlich Fliegen zu erkennen.

»Mein Gott«, sagte Tom.

»Vielleicht hast du Hunger«, vermutete Peter.

»Iß Salz, und du wirst Durst bekommen!« Ich deutete auf die Flasche. »Zu essen gibt es hier genausowenig wie da!«

»Und wenn wir ein Restaurant aufmachen?« war so ungefähr das Letzte, was ich aus Stevies Mund erwartet hatte. Grund genug für ihn, es zu sagen. »Ich meine, was ganz einfaches, für Studenten und so.« Er sah wieder das Bild an. »Und die Gewinne spenden wir nach Afrika.«

»Holt kaltes Wasser!« empfahl Tom.

»Vielleicht hat er nicht so unrecht. Wer weiß schon, was in dem ganzen Zeug drin ist, was wir so fressen?«

Ehe Tom die Inhaltsangabe des rosaroten Schokoriegels, den wir vor ein paar Stunden brüderlich geteilt hatten, vorlesen konnte, rief ich: »Auch nichts Schlimmeres, als wir reintun würden!«

»Klar«, sann Stevie, »auf Fleisch müßten wir verzichten.«

»Und wieso das, Herr Küchenchef? Ich stehe auf Fleisch!« Peter hatte die ungesunde Gesichtsfarbe wütender Schweineesser angenommen.

»Weil ich keine Lust habe, daß meine Stammgäste nach ein paar Monaten durch die Bank an Rinderwahnsinn erkranken und mir die Bude ruinieren!«

»Fleisch oder nicht Fleisch, wir müssen als erstes herausfinden, ob überhaupt einer von uns kochen kann«, gab ich zu bedenken. »Jemanden zu vergiften ist schließlich verboten.«

»Unser alter Chrissie-Spießer! Natürlich können wir kochen. Ich hab zumindest oft genug zugesehen. Außerdem gibt es Kochbücher!«

Ich blieb skeptisch. Trotz Kochbüchern war ich durch meine eigenen oder Stevies kulinarische Lebensrettungsversuche schon mehr als einmal in Lebensgefahr geraten.

»Wir brauchen Testesser«, schlug ich vor.

»Klar, die fressen uns alles weg, und ich werde verhungern!« brauste Stevie auf.

»Du hast doch nicht etwa vor, ein Restaurant aufzumachen, nur um dich selbst sattzufressen?«

Peter und Tom stellten sich als virtuelle Hungerstudenten zur Verfügung. Das Gastzimmer verlegten wir nach umfangreichen Aufräumungsarbeiten in Stevies Wohnzimmer, banden uns Handtücher als Schürzen um und machten uns an die Ausarbeitung eines Speiseplans, während die beiden lautstark warteten.

»He, Ober!« tönte es von drüben.

»Maul halten, wir müssen erst planen!« tönte Stevie zurück.

»Wir verdursten!«

»Dann holt euch Bier!«

»Schöne Kneipe, wo man sich auf eigene Kosten besaufen muß«, murrten sie, da der Satz aber nicht so ganz logisch war, trollten sie sich, ehe wir das auch bemerkten. Stevie blätterte in dem Kochbuch, das er seiner Mutter schmerzfrei hatte entwenden können, da sie auf die Ankündigung, er wolle sich und Freunden etwas kochen, mit einer Ohnmacht reagiert hatte.

»Mann! Maultaschen! Dampfnudeln! Käsefondue!«

Mir wurde schlecht.

»Ich weiß nicht, Stevie, wäre es in Anbetracht unserer unbewiesenen Fähigkeiten nicht besser, wir kochen erst mal was Leichteres, wovon die Kerle nicht ganz soviel kotzen können?«

»Studenten haben Hunger, also brauchen sie was richtig Schweres, was solange vorhält, bis das Bafög für die nächste Portion reicht«, erklärte er kategorisch und machte sich daran, mehrere Kilo Butter in der Pfanne zu schmelzen. Die Zutaten, die wir da hatten, schränkten den Nährwertgehalt des Menüs ohnehin auf das ein, was schon die Reklame für einen bestimmten Riegel als nicht belastend erkannt hat: Fett, Eier, Zucker, Milch und Mehl.

»Und Vitamine?« rang ich meinen brechreizgeplagten Stimmbändern ab. »Und Ballaststoffe?«

»Vitamine sind für Kinder, die noch wachsen müssen. Und Ballaststoffe für Opas, die nicht mehr scheißen können!« sagte Stevie mit etwas zuviel Lippenbewegung. Die Asche fiel geräuschlos in den Dampfnudelteig.

»Genau so habe ich mir das vorgestellt«, sagte ich und ließ mich resigniert auf einen Stuhl sinken, als die Zigarette ihrer Asche gefolgt war.

»Red keinen Quatsch und gib mir das Rührgerät!«

Zwei Stunden später trugen wir die Früchte unseres Schaffens in die fröhliche Studentenstube. Der Tisch war übersät mit leeren Hamburgerschachteln, Weingummitüten, Schokoladenpapier. Den Aschenbecher zierte eine Pyramide aus Ex-Joints, die man durch den dichten Rauch kaum sah.

»So, meine Herren«, stellte Stevie die Glasform auf den Tisch.

»Solln dassein?« sagte Tom.

»Neuer Aschenbecher«, vermutete Peter, ohne hinzusehen.

»Ersma ein rolln!« empfahl Tom zur Nutzung der Situation.

Auch das: Stevie aß vier von den sechs Teigklumpen, um dann das Klo damit zu verstopfen. Als ich ihn schadenfroh auf meine frühere Mahnung bezüglich der Menge schwerer Zutaten hinwies, brach er zuerst den Türknauf und dann den Telefonkontakt für zwei Wochen ab.


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