Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Absolut.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

JACKPOT

»Oh Gott, nicht auch das noch!« schreit meine Schreibmaschine und sieht mich mit angestvoll gebleckten Tasten an. Ich kann ihr aber nichts ersparen. Wer sein Geld damit verdient, dumme Geschichten zu erzählen, kann sich eigentlich alles erlauben, nur kein Selbstmitleid. Da ich aber bis heute noch keinen roten Heller mit diesem Gesabbel verdient habe, schadet ein bißchen Gejammer gar nichts. Oder nicht, je nachdem. Also: Peter ist schuld. Oder schuldig.

Er trat durch die Tür, ohne anzuklopfen. Na ja, das ist ganz falsch. Er trat nicht durch die Tür, sondern ließ sie mit einer stupsenden Handbewegung eine Viertelkreisdrehung zur Seite machen. Anklopfen wäre auch ganz unüblich gewesen, schließlich haben Türen keine Ohren, und ich war nicht in der Lage, etwas zu hören, weil das Kopfkissen meinen Hörapparat aus humanitären Gründen vollständig bedeckte. Außerdem war die Tür angelehnt. Irgendein Arsch hatte sie wohl offen gelassen. Peter stürmte in mein Zimmer und ertränkte mich mit einem sprudelnden Wortschwall.

»Paß auf, was ich dir sage, mein lieber Chrissie: Ich habe beschlossen, daß wir sehr reich werden! Ich weiß auch schon wie! Es ist überhaupt kein Problem! Ich habe das System! He, hörst du mich überhaupt?«

Natürlich hörte ich ihn, wie sollte ich sonst wissen, was er gesagt hatte?

»Kurz und gut, Chrissie, die Sterne stehen günstig, ich hab alles flüssig gemacht, was ich besitze, und wir werden jetzt ins Spielcasino fahren und die Bank sprengen, daß der Schornstein nur so pfeift!«

Zur Bekräftigung ließ er seinen Lungen einen pfeifenden Ton entströmen, setzte sich mit der Wucht eines abstürzenden Hubschraubers, schüttelte aus einem Papiertütchen einen Berg weißen Puders auf meinen Glastisch und begann mit einer Rasierklinge darin herumzuhacken. Ich kroch aus meinem Daunengrab und sah ihn entgeistert an. Die Geschichte ist auch schon eine ganze Weile her.

Er bemerkte mich nicht.

»Sag mal, bist du noch normal?«

Ich beobachtete, wie der Satz ein paar Sekunden im Raum schwebte, dann langsam verschwommen und undeutlich wurde und sich auflöste. Peter hob seinen Kopf so ruckartig, daß die Fenster klirrten.

»Los, zieh!« Er hielt mir einen Strohhalm hin.

»Was soll denn das jetzt wieder sein?« fragte ich mißtrauisch. Pulver war mir aus verschiedenen Gründen suspekt.

»Mann, Chrissie, das ist reine Energie! Was wir brauchen, ist Selbstvertrauen! Power, Mann! Los, zieh, ich will hier keine Wurzeln schlagen!«

Was soll's. Oder, was sollte es, je nachdem. Ich ließ das Zeug in meiner Nase verschwinden, und augenblicklich verschwand auch mein Geruchs- und Geschmackssinn. Dafür sah ich mit einem Mal klar: Was tat ich hier eigentlich noch? Die Welt wartete auf uns!

Ein grellgeiler Tag detonierte durch's Fenster, und der Wind trug uns hinaus. Mit Höchstgeschwindigkeit rasten wir ins Auto und mit diesem in selbiger los. Unsere Lippen standen nicht mehr still, wir kicherten, brabbelten, gestikulierten und eröffneten uns wortreich unsere tiefsten Überzeugungen und Lebensgeschichten.

»Wieviel Geld hast du eigentlich dabei?« fragte Peter so nebenbei. Gar keins, hätte meine Antwort lauten müssen, weil ich so etwas wie Zahlungsmittel schon längere Zeit in keiner Form mehr besaß.

»Laß uns bei meiner Bank vorbeifahren. Ich muß mal sehen, was sich disponieren läßt!« rief ich statt dessen. Für die zwei Sätze benötigte ich etwa eine Sekunde. Baby, Baby, was für ein Tag!

Die Bank ließ nicht mit sich reden.

»Ihr Konto ist seit Jahr und Tag überzogen. Wenn Sie Geld brauchen, müssen Sie einen Kredit aufnehmen. Haben Sie Sicherheiten?«

»Sicherheiten? Sind Sie wahnsinnig?« schrie ich die Kassiererin unter ihren Schreibtisch. Sie kroch nach hinten aus der Kabine und kam mit einem nervösen Bürschchen zurück.

»Sie wünschen?« fragte der auch noch. Das konnte ich gar nicht brauchen. Peter stand mit laufendem Motor draußen und rauchte zwei Zigaretten auf einmal.

»Geld! Geld! Ich brauche Geld!«

Darauf wußte er nur »Äh«. Ich wollte ihn am Kragen packen, da ich aber beide Hände noch in den Jackentaschen hatte, mißlang mir das kläglich.

Er wurde weiß wie ein Becher Sauerrahm und sah mich entgeistert an. Dann stopfte er in fliegender Eile Geldscheine in eine Papiertüte, während das Fräulein mit erhobenen Händen und offenem Mund daneben stand. Er legte das Paket auf den Tresen und hob ebenfalls die Hände.

»Danke«, sagte ich, »aber das muß ein Irrt ...«

Zum Glück waren meine Lippen schlauer als ich. Sie verkrampften sich in geschlossener Stellung, und ich warf meine Kontokarte in den Schalter.

»Sagt dem Deppen einen schönen Gruß, wenn er nach seiner Karte fragt!«

Und schon war ich draußen.

»Wo warst du denn so lange? Hast du da drin ein Picknick gemacht? Gab's Ärger?«

Peter fuchtelte in der Luft herum wie ein epileptischer Weihnachtsbaum.

»Fahr los! Ich glaube, ich hab grade eine Bank überfallen«, raunte ich aus dem linken Mundwinkel und schnallte mich an, um nicht aus dem Wagen zu springen. Diese Füße, man sollte ihnen nicht trauen ...

Peter fuhr los. Das heißt, er brachte den Wagen dazu, loszufahren. Ich zählte das Geld. Es waren sechzigtausend Eier.

»Hör mal, Baby«, sagte ich zu Butch Cassidy, »ich glaube, wir können uns das Spielcasino sparen.«

Ich nannte eine Summe. Peter wollte durch die Zähne pfeifen, vergaß seine Zigaretten, die daraufhin eilends seinen Mund verließen.

»Das ist doch kein Betrag, Alter!« meinte er mit weit ausgestreckten Armen. »Daraus machen wir Milliarden

Ich begann meine Nase wieder zu fühlen. Irgendwas roch nach Kaminfeuer und Grillparty.

»Sag mal, wo sind denn diese Scheißzigaretten hingeflogen?« fragte ich folgerichtig. Vor meinen Füßen war ein Lagerfeuer entstanden. Ich trat es aus. Auf ein paar Aschefetzen waren noch eine amtliche Aufschrift und Zahlenreste zu erkennen. Peter bremste genau neben einem Polizeiwagen.

»Haben Sie da eine Rauchbombe im Auto?« fragte der neugierig. Ich trampelte schneller.

»Nein, äh, da ist nur ... äh, na ja, seine Zigarette, äh ...«, ich deutete auf Peter. Wollte ich. Er drehte sich aber gerade zu mir um und hatte meinen Finger im Auge.

»Au!« brüllte er und trat aufs Gas. Leider war die Ampel rot, der Bus vor uns hatte das mitbekommen und sich entsprechend verhalten.

Da saßen wir wie Stan und Ollie, zu meinen Füßen ein leise schwelender Rest von viel Geld, das Auto kaputt, unsere Nerven ein Haufen Zittergras. Zu allem Unglück hatten unsere Augen nicht schnell genug reagiert und waren weitergefahren.

Wir brauchten zwei Stunden, um sie wieder einzuholen.

Und noch eine Menge Stunden, um über die grüne Grenze erst mal zu verschwinden.

Und jetzt reichts.


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