Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Man könnte hinzufügen, daß es ein Filmgeschäft natürlich in Wirklichkeit auch gibt und daß ich es auch einmal kennengelernt habe, aber so nicht. Nicht ganz so.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

KLAPPE

Als ich erwachte, hörte ich Cora reden. Sie stand mitten im Zimmer und war damit beschäftigt, irgendwelche Dinge an irgendwelche Orte zu stellen, und dabei ging pausenlos ihr Unterkiefer auf und ab. Einer alten Gewohnheit folgend, waren meine Ohren noch geschlossen, so verstand ich kein Wort von dem, was sie sagte. Sie sah mich auch nicht an, die Sonne wuselte in kleinen, feuchten Hitzeteilchen ins Zimmer. Ihr Mund blieb zwei Sekunden lang geschlossen, das hielt ich für die richtige Gelegenheit, ins Bad zu verschwinden. Vielleicht würde sie mich gar nicht bemerken.

»Die Telefonnummer liegt auf dem Küchentisch«, warf sie mir gelassen nach. Ich fing den Satz auf, trug ihn mit ins Bad und überlegte unter der Dusche angestrengt, was ich mit ihm anfangen sollte. Er war offensichtlich sinnlos, und so ließ ich ihn diskret im Ausguß verschwinden.

»Und grüß Dodo von mir!«

Dodo?

»Hör mal, Cora, ich ...«

Bumms. Die Wohnungstür. Klapp klapp, ihre Schuhe im Treppenhaus. Ich wand mich durch ein Gestrüpp von Fragezeichen und fand tatsächlich einen Zettel auf dem Tisch. Darauf stand »Dodo« und eine Nummer. Ich hatte keine Vorstellung, wer Dodo war und was ich von Dodo wollte, aber ich rief trotzdem an.

»Hier ist Chrissie«, begann ich.

»Ah ja, ich weiß Bescheid. Hör mal, Chrissie, kannst du um zwölf am Brunnen sein?«

Am Brunnen? Ich wurde das Gefühl nicht los, daß ich mindestens ein Jahr geschlafen hatte.

»Okay, Dodo, kein Problem. Du mußt mir nur erklären, von welchem Brunnen du sprichst, den Rest werd ich schon geradebiegen.«

Der Kerl (nach der Stimme zu urteilen, war es ein Kerl) lachte laut ins Telephon. Hahahahahahahahaha, klingelte es in meinen Ohren.

»Du bist ein Witzbold, Chrissie! Genau der Typ, den wir suchen!«

Trotzdem gab er mir eine Adresse. Ich legte auf, ohne zu ahnen, was ich dort sollte.

Als ich mit Stevie am Brunnen aus dem Auto stieg, sah ich jede Menge Lampen und Menschen, deren Wichtigkeit förmlich die Sonne verdunkelte.

»Au weia, die drehen ja hier einen Film. Vielleicht suchen sie noch einen Brotzeitholer?«

»Okay, Stevie, nett von dir, daß du mich hergebracht hast. Ich ruf dich nächste Woche an. Nach Ende der Dreharbeiten.«

Er wollte aber nicht gehen. Ich warf ein paar Sätze in die Luft, wie:

»Hallo, ich bin Chrissie! Wo ist denn Dodo!«

Aber alles, was ich bekam, war Hautausschlag im Gesicht von den verächtlichen Blicken, die mich von Kopf bis Fuß maßen und offenbar mit meiner Größe nicht zufrieden waren. Schließlich kam ein Schrank von einem Menschen auf mich zu, versuchte mir die Hand abzureißen und qualmte »Hallo Chrissie!« aus seiner Zigarre, an der zwei kubanische Familien mindestens eine Woche gebaut haben mußten.

»Ich nehme an, Cora hat dir die Sache erklärt.«

»Ehrlich gesagt ...«

»Also paß auf. Die Geschichte ist die: Der Kerl kommt dort drüben aus dem Haus, hinter der Frau her, sie stürzen zu dem Auto da, fahren weg.«

Aha. Na und?

»Du kommst mit deinem Eis aus der Eisdiele da, und im Vorbeilaufen haut er dir das Eis aus der Hand. Das ist alles. Keine große Sache. Aber das macht ja nichts.«

Weiß der Teufel, was Cora dem Affen erzählt hatte. Ich klopfte auf sein Schultergebirge und machte irgendeine zustimmende Verlegenheitsverrenkung.

Stevie hatte sich einstweilen auf dem Randstein niedergelassen und sah zu, wie ich vorbereitet wurde. Man schmierte mich dermaßen mit Fett und aufdringlich riechendem Puder ein, daß ich mich fühlte wie ein Huhn vor dem Grillen. Stevie trank ein Bier, zeigte auf mich und sagte zu einem Typen:

»Eine Wucht, der Mann, was! Freund von mir.«

»Halt die Klappe«, bekam er zur Antwort, »und laß die Finger von unserem Bier, Kleiner.«

Glücklicherweise kannte ich mich im Filmgeschäft aus und sagte mit gutmütigem Lächeln:

»Laß nur, alter Knabe, der Junge ist so was wie mein Faktotum.«

Wie erwartet, ging der Kerl irgendwo hin. Kopfschüttelnd allerdings, was weiß ich wieso.

Der große Moment kam, und die Schminke rann mir in zähen Bächen vom Gesicht. Der Kerl rannte aus dem Haus, und ich schlenderte aus der Eisdiele.

»Kannst du nicht noch dümmer schauen? Aus!« brüllte der Regisseur, ein drahtiger, nervöser Typ. Weit, weit über vierzig, aber noch nicht fünfzig.

»Sorry, ich muß erst ein bißchen in die Rolle hineinwachsen.«

»Du mußt was? Ist dir klar, daß wir hier seit zehn Uhr proben? Sollen wir wegen jedem lächerlichen Komparsen einen Schauspiellehrer einstellen? Ich möchte nur wissen, wo Dodo den Gaskopf her hat!«

Der Kerl rannte aus dem Haus, ich schlenderte aus der Eisdiele und sah zu, wie er ins Auto stieg.

»Aus! Hast du nicht mitgekriegt, daß er dir das Eis aus der Hand hauen soll?«

»Warum tut er's denn nicht?«

»Weil du Trottel zehn Meter von ihm weg warst! Soll er vielleicht einen Bogen laufen wegen deinem gottverdammten Eis?«

Ein alter Mann, der offensichtlich sonst nicht viel zu tun hatte, malte mit Kreide ein paar Striche auf den Boden.

»Hier läuft er lang. Alles klar?«

Er lief also wieder aus dem Haus, ich schlenderte aus der Eisdiele, versuchte, den Kreidestrich zu erreichen. Er war schwer zu erkennen, aber ich schaffte es einigermaßen.

»Aus! Aus! Wer hat dir gesagt, daß du auf den Boden schauen sollst? Du sollst ganz natürlich aus der Eisdiele kommen, sonst nichts, nichts, nichts! Verstehst du? Ganz natürlich!«

Er rannte aus dem Haus, ich schlenderte aus der Eisdiele, und siehe da, er rempelte mich, und das Eis flog durch die Luft. Ich sah mich triumphierend nach dem Regisseur um.

»Aus! Jetzt glotzt der Kerl in die Kamera!«

Man brachte dem armen Mann ein Glas Wein, er saß in der Hocke am Boden, die Hände zu Fäusten geballt, die, im Staub aufgestützt, sein labiles Gleichgewicht sicherten.

Das Eis war natürlich hinüber. Ich ließ mir bei der Requisite ein neues geben, tauschte ein paar freundliche Fachsimpeleien und sah gerade noch, wie der andere ins Auto einstieg. Das war nun nicht meine Schuld, er hätte ja warten können.

Als schließlich nach vierundzwanzig Versuchen dank meiner Mithilfe die Szene endlich im Kasten war, dämmerte es bereits. Eine ehemalige Frau kam zu mir, ließ mich irgendwas unterschreiben und gab mir fünfzig Mark. Ich nahm von einer Beschwerde lieber Abstand, als ich ihren Blick sah.

»Ciao, Jungs!« warf ich in die Runde und erntete ein einzelnes, gerauntes »Verpiß dich endlich!«

Zu Hause erzählte ich Cora die ganze Geschichte natürlich ein bißchen anders. Als der Mist im Fernsehen kam, hatten sie die Szene aber sowieso rausgeschnitten.

Zum Glück, denn der Film taugte überhaupt nichts.


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