Am liebsten würde ich noch ein Nachwort zum Nachwort schreiben, aber das gibt es ja schon. Vielleicht ein Nachwort zum Nachwort zum Nachwort? Ein Vorwort zum Vorwort? Es liefe aber immer auf dasselbe hinaus: peinliche Zurechtbiegungen und Entschuldigungen. Und das soll man nicht (vgl. Vorwort). Schon deshalb, weil man sich dann nachher doch dafür schämt und noch ein Nachwort zum Nachwort zum Nachwort zumNachwort schreiben will. Was dann immer so weitergeht.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

NACHWORT: NIEDER MIT DER LITERATUR!

Als ich vor einigen Jahren aus einer Handvoll an sich belangloser, nach meinem Dafürhalten aber witziger Episoden aus einem beliebigen Leben in meinem Umkreis kurze pointierte Geschichhten drexelte und sie zu dem Büchlein »Abend im Arsch« zusammenstellte (das meines Wissens bislang nur von mir selbst in einer Auflage von etwa zwanzig Stück veröffentlicht wurde), gab ich es in kurzsichtiger Naivität einem ebenfalls Bekannten zu lesen, den ich für genügend sprachbegabt und humorvoll hielt, um die sprachlichen Feinheiten ebenso zu würdigen wie die groben Kniebeugen der Handlung. Er hatte einst mit mir das Abitur abgelegt, jedoch fiel mir zu spät ein, daß er zu denen gehört hatte, die sich ihre Ehrfurcht vor den Marmortürmen des Wissens und dessen geschmeidiger Darstellung auf dem kargen Weg endlosen stumpfen Auswendiglernens und so weiter erkämpfen mußten.

Seine Reaktion war entsprechend: nach einem kurzen Anfall unbeherrschten Grinsens runzelte er ein Gesicht zusammen und gab mir mein Werk mit spitzen Fingern zurück, zusammen mit der Bemerkung, das sei wohl kaum »Literatur«. Als ob ich so etwas behauptet hätte! Verständlicherweise fing ich nun aber an, nach Haaren zu suchen, an denen ich den Begriff »Literatur« herbeiziehen und mit dem Büchlein in Einklang bringen könnte.

Was für ihn denn »Literatur« sei, konnte er nicht recht erklären. Er ließ ein paar Namen fallen, von deren Trägern ich aber kaum je eine Zeile gelesen hatte. Grass, Rinser, Lenz blieben mir im Gedächtnis. Handke, Walser auch. Was deren Werke denn zu Literatur adle? Diese Frage stellte ihn vollends bloß. Sie wollten eben etwas »mitteilen«, etwas »aufarbeiten«, etwas »darstellen«, meist sich selbst, ähem. Hatte ich etwa nicht versucht, etwas mitzuteilen, und wenn es nur ein kurzer Moment der Erheiterung gewesen sein sollte?

Sein arrogantes Schnöselgrinsen gab mir den Ausschlag, alles was unter »Literatur« lief, fortan nicht nur latent und unbewußt, sondern fröhlichen Herzens und mit gutem Gewissen zu hassen. Was fiel diesen Leuten da ein, die sich ihren Platz in vergilbten Schulbüchern mit entsetzlich langatmigen Wortwürmern über nichts und wieder nichts als sich selbst und irgendwelche obskuren Begleiterscheinungen erschrieben hatten; was fiel denen ein, mir den Spaß und die Lust nicht nur am Lesen, sondern auch noch am Schreiben nehmen zu wollen, indem sie ihre wäldermordenden Papierpakete als das einzig lesenswerte hinstellen ließen, von ehrerbietigen Strampelgymnasiasten, die gleichwohl auch noch nie eines dieser Machwerke zu Ende gelesen, geschweige denn verstanden haben?

Natürlich besorgte ich mir so ein Buch, dessen Titel nach einem Kochbuch für Ychthiomanen klang, schlug es mit durstiger Bosheit und Rachsucht auf und sah mein Vorurteil weit bertroffen. Was für eine Ansammlung von hirnlosem Geschwätz, zusammengeschludert nur zu dem Zweck, eine ganze Bibliothek von Sekundär-»Literatur« und Deutungsversuchen heraufzubeschwören. Die Biographen und Psychologen (hoffentlich auch die Psychiater) mußten Schlange stehen, um sich ihre Doktortitel mit der Erklärung von Symbolen, Andeutungen und Allegorien zu ergaunern. Was sollte daran lesenswert sein, wenn man nicht vorhatte, sich das Hirn mit einem Berg Ruß zu füllen?

»Man kann eine Menge daraus lernen!« hielt mir mein nicht mehr so guter Bekannter vor. Aber selbst gesetzt den Fall, diese Behauptung entbehre nicht jeglicher Grundlage, konnte ich mir doch zu gut vorstellen, daß zum Beispiel meine Großmutter (deren erlebte Weisheit ich ganz gewiß zu schätzen weiß) aus einem solchen Papiermöbel nur lernen konnte, künftig die Finger von ähhnlichem zu lassen oder das Lesen gleich ganz aufzugeben. Hatte dieser Trottel aus der Schmach seiner schulischen Demütigungen noch nicht gelernt, daß Analysieren das genaue Gegenteil von Lernen ist? Selbst die sicherlich nicht hochbegabte Frau eines mir bekannten Hausmeisters würde sich durch die Lektüre besagten Fischbuches nur einen Grund erarbeiten, hochgradig gelehrsam wirkenden Menschen mit betroffen nachdenklicher Gesichtsmaske fürderhin argwöhnisch zu begegnen.

Was, frage ich jeden, der gerne liest, hat das Lesen für einen Sinn, wenn es einhergeht mit gequälten Verständnisversuchen und Konzentrationsschwierigkeiten dritten Grades? Wenn ich die vertrockneten Herren Freizeit- oder Berufs-Büchersezierer hin und wieder dabei ertappe, wie sie sich zu vorgerückter Stunde, vom staubigen Literatur-Sondermüll befreit, über die lächerlichsten, widerwärtigsten und dümmsten Witzchen von Bier zu Bier amüsieren, vermag mich das nicht mehr zu erstaunen, versuchen sie doch auf diese reichlich primitive Art, ihr natürliches Bedürfnis nach spannenden, einfachen, spritzigen, lustigen oder sonst irgendwie belanglosen Geschichten zu kompensieren.

Und dann lasse ich die Gipsköpfe lieber in Ruhe und sehe ihnen mit sadistischer Freude zu, wie sie, wenn schon nicht am Leben, so doch zumindest am Lesen vorbeileben. Oder zumindest lesen.


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