Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Oder sagen wir: fast. Denn es gab tatsächlich mal einen "FC Dynamit Resi", so benannt nach dem beliebten Chaotentreffpunkt "Resi-Alm" in der Isarvorstadt. Belassen wir es dabei.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

SIEG ODER TOD

Der Fehler ist immer der gleiche: Nach dem vierten Bier sitzenzubleiben, ist der Anfang. Nach dem fünften Bier nur zur Toilette und zurück zum sechsten Bier zu gehen, ist der Fortschritt, und dann noch weiterhin zu sitzen und Bier um Bier in sich reinzuschütten, das ist fast schon das ganze Malheur. Den Rest tut der Mund reversiv, in Form von völlig sinnentleerten Beiträgen zu vollkommen idiotischen Diskussionen.

»Das gibt's nicht, schon wieder Unentschieden!« brüllt Stevie, knüllt die eben erworbene Zeitung in rundliche Form und kickt sie quer durch die Kneipe in irgendein Gesicht. Als sich das Rumoren aus der getroffenen Richtung wieder gelegt hat und wir wieder Laut zu geben wagen, meint Peter: »Dann entscheide dich eben, Blödmann!«

»Trottel, ich rede von FUSSBALL!«

»Unnenschieden?« fragt Bill undeutlich dazwischen.

»Eins eins«, stellt ihm Stevie die Tragödie in ihrer ganzen Tragweite ins Ohr.

»Was regst du dich auf?« fällt mir dazu ein. »In zwei Wochen schmeißen sie den Trainer raus, dann jubeln ein paar Wochen lang alle, und dann geht's wieder von vorne los. Ist doch Scheiße, dieser ganze Zirkus. Immer dasselbe!«

»Vaterlandsloser Geselle!« knurrt Stevie.

»Wenn schon, dann sollten wir selber mal Fußball spielen«, schlage ich vor.

»Chrissie hat eine Idee! Da heißt es die Ohren zuhalten!« macht sich Peter unbeliebt.

»Vielleich hatta gaa nich so unrecht, unsa Chrissie«, lallt Bill, »stellt euch ma vor, wir... yeah, der Sieg, die Ehre! Wennwa uns ranhallen unnich schlappmachen, gönn wa sogaa in die Bummsliga aufsteigen! Stellt euch ma vor: Wir in der Bummsliga!«

»Bummsliga?« Peters Augen werden zu schmalen Schlitzen. »Was für eine Sauerei soll das wieder sein?«

Keiner antwortet. Jeder redet wild am anderen vorbei. Bis Stevie endlich die Lösung findet.

»Das Freizeitkickerturnier! Das ist unsere Chance!«

»Da bräuchten wir vielleicht noch ein paar Leute«, wage ich einzuwenden.

»Na klar«, ist Bill wieder am Ball, »Diego Matadora, Franns Bennbauer, unn diesen Russen, wie heißta gleich?«

»Blödmann! Wer soll denn die Ablösesummen bezahlen?«

Vernünftiger Einwand. Aber schließlich liegt das Talent auf der Straße, und so beschließen wir, auf langsamen Aufbau und Jugendarbeit zu setzen und erst mal bei ein paar guten Bekannten damit zu beginnen.

Und schon nach zwei Wochen, rechtzeitig zum Anmeldeschluß, haben wir tatsächlich elf verwegene Recken zusammen und sogar richtige Trikots. »TSV Torpedo Gehirnerweichung« stand vorne drauf, jedenfalls solange, bis Tom, unser neugewählter Coach, die Tüte mit den frischbemalten T-Shirts beim Duschen neben der Badewanne hat stehenlassen. Der Erfolg sind elf diffuse farbige Flecken, die bildlich ausdrücken, was wörtlich nicht mehr zu erkennen ist.

Dann naht der große Moment, unser erster Auftritt gegen einen ersten Gegner, der, wie wir selbstbewußt prognostizieren, schon bald demoralisiert und deklassiert wieder in der Vergessenheit verschwinden wird, allenfalls noch erwähnt als Meilenstein auf unserem rasanten Sturmlauf zum sensationellen Titelgewinn.

Unsere Ausrüstung besteht aus erwähnter Tüte mit den Trikots, zwei Kästen Bier und einem Photoapparat, um den Moment des Triumphs für die Ewigkeit zu dokumentieren. Den Recorder lassen wir im Auto, weil sich der Gegner weigert, zu »Beggars Banquet« die Schenkel zu schwingen. Können wohl nicht groovig laufen, die Anfänger. Na ja, es handelt sich Gerüchten zufolge um eine Firmenmannschaft, und denen tut der Verkehr auf der drei Meter am Platz vorbeiführenden Autobahn bestimmt besser.

Der Schiedsrichter, für den sich seine Eltern sicher heute noch schämen, trabt in einer Art aufforderndem Schweinsgalopp auf die Wiese, Ball unterm Arm, Pfeife im Mund.

»Erste Runde im Freizeitfußballturnier! TSV Torpedo... äh, Torpedo dings... jedenfalls TSV Torpedo gegen Tankstelle Schlorzmann.«

Gegen diesen Namen klingt unsere Wortschöpfung regelrecht phantasielos. Der Kerl wirft eine Münze in die Luft, und Peter, Bill und Harry stürzen sich darauf. Mecki hat sie aber schon eingesteckt.

»Danke«, sagt er.

»Depp, das war die Seitenwahl!« weiß Stevie. Die anderen bekommen den Anstoß. Ein schlaksiger Schwarzhaariger, höchstens achtzehn, läuft auf unser Tor zu, aber Bill scheut keinen Zweikampf.

»Dem werd ich's schon zeigen!«

Daß 'es' nichts weiter Erfreuliches ist, spürt der Jüngling spätestens, als wir eine Art knackendes Geräusch hören, gefolgt von qualvollen Schreien des Dünnen, der sich verzweifelt am Boden rumwirft.

»Der simuliert«, stellt Peter fest. Dafür sehen ihn zehn Augenpaare an, als wollten sie sagen: Warte nur, du kriegst auch gleich Gelegenheit zum Simulieren.

»Foul! Foul!« brüllt der angeschlagene Gegner.

»Das sieht man. Der Kerl ist so faul, daß er gleich liegenbleibt«, entgegnet Mecki grimmig. Vielleicht hätte ihm jemand die Regeln erklären sollen.

Die Sanitäter stellen eine trübe Diagnose, und Bill erhält die rote Karte. Ich fange seine Faust auf, ehe sie in Richtung Schiedsrichtergesicht zurück schwingen kann, er hat aber verdammt weit ausgezogen, und ich gebe dem Söhnchen einen niedlichen Bodycheck. Die rote Karte ist ihm wohl an der Hand festgewachsen.

»He Trainer!« rufe ich Tom zu, aber der liegt neben einem halbleeren Kasten Bier am Spielfeldrand.

»Ich wollte mich sowieso gerade auswechseln lassen«, versöhne ich mich versuchsweise mit dem Schiedsrichter. Der pfeift schon wieder und zeigt mit beiden Armen zur Platzmitte.

»Eins zu Null!« schreit er.

»Das Spiel war unterbrochen!« brüllt Stevie zurück und geht auf den Mann in Schwarz los, der eilig in den gegnerischen Strafraum flieht.

»Hilfe!« schreit er jetzt.

»Wie führt man die aus!« fragt Peter und blättert in seinem dicken Regelwerk. Stevie hat den Schiedsrichter eingeholt und ihn dem Rasen nähergebracht.

»Eins zu Eins«, grinst Bill.

Mittlerweile ist Stevie aber von gegnerischen Spielern umringt, die wüst auf ihn einschimpfen. Wir kommen ihm zu Hilfe, und innerhalb von Sekunden artet das Spiel ohne Ball aus. Offenbar üben Tankwarte einen einigermaßen anstrengenden Beruf aus, denn wir sind relativ chancenlos und kriechen auf allen Vieren der Halbzeit und unseren Bierkästen entgegen.

»Wie steht's?« fragt Tom, und Peter erklärt ihm die Situation.

»Wie bitte?« eilt er zum Schiedsrichter. »Das ist Schiebung! Schiedsrichter ans Telefon! Sie sind gekauft! Ich beantrage sofortigen Spielabbruch! Notieren Sie das!«

Der Schiedsrichter öffnet sein unblaues Auge und sieht ihn an.

»Können Sie haben.«

Dann notiert er auch gleich noch die korrekte Bezeichnung unserer Spielvereinigung sowie Namen und Anschrift aller Spieler, verbunden mit dem Hinweis, alle Beteiligten unserer Mannschaft hätten für alle Zeiten das Recht verwirkt, an irgendeinem Turnier dieser Art teilzunehmen.

Wie auch immer, besser ungeschlagen verboten, als ohne ernsthaften Gegner einen billigen Sieg errungen. Was ist schon der Titel?


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