Noch mal zur Erinnerung: Wie alle anderen Geschichten in "Abend im Arsch" ist auch diese NIE passiert, nicht mal irgendwas davon. Auch die Personen gibt und gab es nicht nur nicht, sie haben auch keine realen Vorbilder. Aber schon echt nicht.
 
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Inhalt

Ärsche, Titten und so weiter

Abend im Arsch

Volksfest

Heilgymnastik

Klick

Irgendwie zu Hause

Tapetenwechsel

Herr, die Not ist groß

Sieg oder Tod

Guten Appetit

Nachparty

Flowers

Fortsetzung folgt

Hundstage

Selbstversorger

Lebensmüde

Der Ruf der Natur

Ein aussichtsloser Dreier

Brüder, zur Sonne

Moment

Im Freibad

Untermieter

Das Rollkommando

Der Ernährer

Take me to the Station

Sterne lügen

Rock'n'Roll Desaster

Die Seuche

Werterhaltung

Knock-out

Arbeit macht frei

Klappe

Nachhilfe

Ein Happening

Keine Macht für Neumann

Die Heiligen

Lebensraum

Backe backe Kuchen

Career Opportunities

Jackpot

Nichts ist mehr

Wohin mit der Karre?

Verwechseljahre

Die Fragen des Lebens

Die Wichtigen

The Big Deal

Geflügelte Worte

Hallo Spiegel

Nachwort: Nieder mit der Literatur!

Nachwort zum Nachwort

Nachwort zum Nachwort

THE BIG DEAL

Die Reste sahen jämmerlich aus. Ausnahmsweise nicht die Reste unserer Körper und Gehirne, sondern die Reste von dem, was mal Harrys Wochengehalt in Shit gewesen war.

»Mann, wir müssen ja geraucht haben wie die Weltmeister!« Stevies Augen waren ungefähr so groß wie Rasierklingen, von der schmaleren Seite gesehen.

»Was?« gab Harry dazu und vergaß, seinen Mund wieder zu schließen.

»Na gut, das bißchen aufzuheben lohnt sich auch nicht«, sagte irgendeine Stimme aus meinem Mund, und ich ließ mich auf einen Kampf mit zwei Papers ein, in dem ich mich ziemlich bald verzettelte. Wir hatten sowieso keine Zigaretten mehr und mußten zur Pfeife greifen. Es folgten einige verhustete Minuten, die uns noch ein bißchen - wie heißt nur die Steigerung von »stoned« - eben so - zurückließen.

»Ich bin dermaßen breit«, murmelte Stevie in die aufgehende Sonne.

»Wir sollten noch Bier holen«, ließ Harry fallen.

»Kein Geld mehr da«, kroch aus meinen Stimmbändern.

»Mann, dieses Zeug ist wahnsinnig teuer geworden!« Harry träumte seinem Wochenlohn hinterher.

»Na klar, die Dealer werden ja auch immer reicher. Hast du dem seine Klamotten gesehen? Damit könnte ich ein halbes Jahr meine Miete bezahlen.«

»Wahrscheinlich wäre es sowieso am coolsten, selber zu dealen. Nur 'n bißchen, mein ich. Daß der Eigenbedarf rausspringt.«

»Und wenn's danebengeht, für die paar Krümel fünf Jahre in den Knast. Du bist nicht ganz dicht, Alter.«

»Dann eben im großen Stil«, schaltete ich mich ein, »mit Konto in der Schweiz und so.«

»Konto in der Schweiz! Unser guter Chrissie wird mal wieder größenwahnsinnig.«

»Natürlich nicht mit Shit. Da bräuchten wir ja einen Tieflader und fünf Lagerhallen, um reich zu werden. Ich meine natürlich Koks, ihr Schnellspanner!«

Keiner schien etwas gehört zu haben, also setzte ich noch mal an.

»Wir kaufen zehn Gramm auf Kommission, rühren zehn Gramm irgendwas dazu und ...«

»... lassen uns die Gesichter amputieren, wenn's einer merkt. Tolle Idee.«

»Das merkt kein Mensch. Wir nehmen einfach Mehl. Das schmeckt und riecht nach nichts, kostet nichts und fällt keinem auf.«

»Tolle Idee«, lallte Harry erneut und schlief ein.

»Wir könnten's doch wenigstens mal versuchen«, quengelte ich.

Na also: Kaum merklich hoben sich Stevies Augenlider, was ich als allgemeine Zustimmung auslegte.

»Wir mischen am besten halbe-halbe«, sagte Stevie und schüttete ein Pack Koks auf den Spiegel. Ich riß die Mehltüte auf, rührte einen Teelöffel davon rein, und wir betrachteten das Resultat.

»Sieht fast aus wie Koks«, meinte er.

»Was heißt fast? Das kann kein Mensch unterscheiden!« Ich gab noch einen halben Teelöffel dazu.

»Wir sollten's mal testen, ehe wir das Zeug jemandem andrehen.«

Er rollte einen Schein zusammen und zog, erst vorsichtig, dann stärker. Lehnte sich zurückund schniefte. Sah sehr konzentriert aus und begann, mit den Lippen zu zucken.

»Ja ja.«

»Was ja ja?«

»Ja.«

Ich zog ebenfalls. Die Wirkung war wie gewohnt: Meine Nase wurde erst taub, dann kalt, dann zu Stein, während die Scheidezähne sich anfühlten wie nervlose Kronen von Kaninchenformat.

»Ja ja«, sagte ich fröhlich.

»Ja.«

»Durchaus.«

»Ja ja!«

Stieve rief Harry an, der alsbald erschien und uns forschend betrachtete.

»Ja ja«, sagte ich. Meine Kiefermuskeln waren zum Zerspringen angespannt. Sein Blick wanderte mißtrauisch zwischen der weißen Spur auf dem Spiegel und der Mehltüte hin und her.

»Seid ihr Brüder sicher, daß ihr mich nicht verarschen wollt?«

»Mann, Harry, was denkst du von uns? Wir sind deine Freunde

Stevie reichte ihm den Geldschein. Für einige Minuten war außer diversen Jas nicht viel zu hören.

»Das ist nicht schlecht«, meinte Harry dann schniefend. Der Spiegel war leer. In Windeseile landeten zwei unterschiedlich weiße Haufen darauf, wurden verrührt und verschwanden unter staubsaugerartigen Geräuschen.

»Wow!«

»Hui!«

»Mann!«

Und schon waren wir im Cafe Caro, ließen unsere gestählten Körper tänzelnd durch den Raum gleiten und übersahen die Situation. Etwa nach einer Viertelstunde, je drei Bier und zwanzig Zigaretten verschwanden wir auf der Toilette und rührten und schnaubten.

»Mensch! Das hat was!« stieß Harry, wieder am Tresen, aus.

»Das ist die Sache!« brüllte ich ihn an. Aus seinen Nasenlöchern hingen zwei vier Zentimeter lange Nudeln.

»Hast du heute Spätzle gegessen?« fragte ich neugierig.

»Was?« gab er zurück und wischte sich den Teig mit der Hand auf die roten Backen. Ich drehte mich zu Stevie um, der eine ähnliche Substanz absonderte. Plötzlich bekam ich keine Luft mehr und mußte durch den Mund atmen.

»Was'n mit dir los?« reagierte Stevie auf mein Schnorcheln. Seine Nudeln klebten schon am Tresen.

»Schon mal dein Gesicht gesehen?« fragte ich, mußte dann so plötzlich lachen, daß ich den Mund nicht rechtzeitig weit genug aufbekam. Durch das »Hahahaha!« war deutlich ein klatschendes Geräusch zu hören. Am Spiegel hinter dem Tresen klebte ein Pfannkuchen.

»Darf man fragen, was für ein Experiment das werden soll?« fragte der Barkeeper nicht sehr freundlich, als er die diversen Schleimhaufen sah.

»Ich glaube, wir sollten lieber gehen«, raunte mir Harry ins Ohr. »Ich hab ihm grad was verkauft.«

Dem Barkeeper wuchsen zwei ansehnliche Spaghetti aus dem Gesicht.

»Was zum Teufel ...!« Er hatte diesen unguten Gesichtsausdruck und war schon dabei, sich uns um den Tresen herum zu nähern, konnte aber gar nicht so schnell in Harrys Schleimhaufen ausrutschen, wie wir raus spurteten und mit rauchenden Sohlen um die Ecke verschwanden.

Endlich bei mir angelangt, schütteten wir das Mehl ins Klo, was wohl einem namenlosen Klempner dereinst gewisse Rätsel aufgeben wird, und reinigten unsere verklebten Nasen erst mit etwa zehn Metern Klopapier, dann mit dem mehlfreien Rest. Harry betrachtete den verschleimten Haufen Zellstoff.

»Wenn wir das Zeug auskochen, könnten wir einen Teil wieder rauskriegen«, sinnierte er. Wir beachteten ihn nicht weiter. Immerhin erinnerte ich mich an die Idee, als ich zwei Tage später einen glühenden Topf voller Asche auf meinem Herd fand.


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