Geschrieben Ende des Jahres 2000 für ein Münchner Programmhefterl, wo dann jedoch, wenn ich mich recht erinnere, nur ein Teil des Textes in kleinen Portionen abgedruckt wurde.
Selbstverständlich ist fast nichts von dem Prognostizierten eingetroffen. Oder? Und aus heutiger Sicht ist die ganze Sache auch überhaupt nicht mehr interessant - es sei denn, als wirklicher Rückblick auf damalige Geisteszustände (nicht zuletzt des Autors). Und daher in jedem Fall: abseitig.

 
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Hier zu lesen: Abseitiges
Rückblick 2000
Ausblick 2001

Rückblick und Ausblick:
Das war das Jahr 2000 - so wird 2001

Werbung

2000: Gottschalk/Gottschalk sorgen im Auftrag der "Aktie Gelb" für eine Selbstmordwelle unter ehemaligen Postbeamten.
2001: Götz George sorgt mit seiner Werbekampagne zum Börsengang der Polizei ("Aktie Peng") für eine Auswanderungswelle unter ehemaligen Kontaktbereichsbeamten.

Tanz

2000: "Two Step" ist der Trend des Jahres. Leider weiß niemand zu sagen, was Two Step eigentlich ist (außer "vorbei"), daher ist Two Step vorbei, bevor er richtig begonnen hat, und die Welt tanzt weiterhin den Ottobrunner Freestyle-Foxtrott.
2001: Die neuen Alben von Coldplay, JJ72 und Radiohead ("Kid B") machen den "Atomic Dancefloor Sit" zum Trend des Jahres. In Ottobrunn sorgt das Lambada-Comeback ("Jetzt haben wir´s kapiert!") für Aufsehen.

Kleidung

2000: Durch die versehentliche Verdrehung einer Hosennaht ("Engineered") erzwingt der Jeans-Hersteller Levi den verstärkten Einsatz von Sicherheitspersonal in U-Bahnen.
2001: Durch die versehentliche Einführung des "BISS-Punk-Chic" erzwingt "Mosi" Mooshamer den verstärkten Einsatz von Sicherheitspersonal um BRK-Kleidungscontainer in Pullach und Obermenzing.

Popmusik

2000: Die erfolgreichste Band des Jahres ist eine Liverpooler Beat-Kapelle, die seit zwanzig Jahren nur noch aus drei schwabbeligen Bartträgern besteht und seit dreißig Jahren keine Platte aufgenommen hat.
2001: Bestärkt vom Comeback der Beatles beschließen Achim Reichel und Frank Dostal, die Rattles wiederzuvereinigen, und starten eine triumphale Welttournee, die am zweiten Abend in Tuntenhausen vor zwölf begeisterten Fans endet.

Essen

2000: Die flächendeckende Ersetzung aller Arten von Restaurants durch glitzernde Stehlokale, in denen "Tapas" gereicht werden, nähert sich ihrem Abschluß.
2001: Nachdem Alfons Schuhbeck in einem flammenden Artikel in "Meine Familie und Ich" festgestellt hat, daß "Tapas" genausogut Brathendl mit Tomatenketchup wie pochierte Schneckeneier an Radicchio bedeuten kann, steigen Münchner Werbeagenturen und Dotcoms geschlossen auf westtasmanische Vorspeisenrestaurants um, die an allen Ecken wie Pilze aus dem Boden schießen. Dort reicht man vor allem "um-urr-hlositan" (eine Art Brathuhn an Tomatenketchup).

Sex

2000: Bohlen: Teppich-Sex am langen Samstag --- Becker: "Ich habe keine Neue!" --- Blanco/Beckenbauer: "Ja! Es ist mein Kind!" --- Ferres: "Mein eon steht mir gut!"
2001: Schröder: "Ich habe keinen Neuen!" --- Ferres: "Ja! Es ist Gerhard Schröder!" --- Drews: "Mein Teppich steht mir gut!" --- Becker: Bohlen-Sex auf Blancos Yacht

Fernsehen

2000: Zum 15jährigen Jubiläum erlebt die "Lindenstraße" bislang ungekannte Höhepunkte (Gesamtfamilienverstrahlung, AIDS-Tod, Kastration, Krebs, Dielen-Sex, Suff-Wahn, Weißwurst mit Pommes).
2001: Nach der rituellen Verspeisung ihres Ex-Mannes Erich Schiller erkrankt Mutter Beimer an Rinderwahnsinn; Onkel Franz und Olli Klatt bauen eine Atombombe und sprengen versehentlich Olaf Klings Schnellimbiß in die Luft. Der wegen erwiesener Unschuld ("Es war doch Selbstmord!") aus dem Gefängnis entlassene Momo verschanzt sich mit einem Arsenal schwerer Waffen in Iffys Wohnung und droht damit, alle Drehbuchautoren "umzunieten". Seine Motive sind unklar.

Talkshow-Themen

2000: "Hirn versus Busen"
2001: "Arsch versus Knie"

Presse

2000: Im Sommer beginnt die alljährliche verzweifelte Kampagne der taz: Bis Jahresende 50.000 Abos, sonst ist Sense!
2001: Um ihre letzten Leser nicht zu vergraulen, startet die taz im Sommer eine Kampagne: Bis Jahresende zehn Millionen Abos, dann ist für die nächsten fünf Jahre Ruhe!

Quiz-Shows

2000: Mit der Vergabe von Millionenpreisen für die Beantwortung von Fragen wie "Wie lautet die Abkürzung von Intelligenzquotient?" (Antwort: "Ing.?") brechen Jauch, Pilawa und Co. alle Rekorde und Schamgrenzen.
2001: Die Show "Wer wird Weltkönig?" wird nach zwei Folgen aus dem Programm genommen, nachdem Vietnam und Haiti in der Vollversammlung der Vereinten Nationen Protest eingelegt haben.

Politik national

2000: Helmut Kohl weigert sich beharrlich, die Namen sog. "Spender" zu nennen, und wird mit Windbeuteln beworfen.
2001: Rosa von Praunheim outet Helmut Kohl als Samenspender und wird von diesem mit Alfred Biolek beworfen.

Literatur

2000: Nachdem Günther Grass 1999 den Literaturnobelpreis erhalten hat und daher das ganze Jahr über zufrieden schweigt, sorgen die Klatschspalten für den kometenhaften Aufstieg von Benjamin Stuckrad-Barre, der danach in den Feuilletons für "unerklärlich" erklärt wird.
2001: Nachdem Günther Grass bereits zum zweiten Mal hintereinander bei der Vergabe des Literaturnobelpreises übergangen wurde, verschwindet Benjamin Stuckrad-Barre trotz guter Rezensionen seiner Bücher "Bootleg", "Maxisingle", "White Label" und "Kassette" in BRAVO und YAM! und der Ankündigung, den nächsten Harry Potter zu schreiben, langsam aber sicher aus den Feuilletons.

Sport

2000: Nachdem die Münchner Presse sich weigert, zu verschweigen, daß 1860 fünfmal hintereinander verloren hat, wirft "Präse" Wildmoser "hin".
2001: Nachdem Manni Schwabls Vorschlag, das umgebaute Stadion an der Grünwalder Straße "Karl-Heinz-Wildmoser-Werner-Lorant-Gedenk-Kessel" zu nennen, von OB Ude Unterstützung erhält, erklären sich Wildmoser ("Oiso guat, meinetwegen!") und Lorant ("Das ist mir ganz egal!") bereit, weitere 20 Amtsjahre zu erleiden.

Politik international

2000: Die Welt im Wahlfieber: George Bush führt mit (Jahresdurchschnitt) viereinhalb Stimmen vor Al Gore.
2001: Nachdem der "US-Wahlkrimi" Ende September noch offen ist (Gore führt mit 0,3 Stimmen vor Bush), erklärt sich Gerhard Schröder bereit, die Amtsgeschäfte kommissarisch zu führen, befiehlt die prophylaktische Bombardierung von Tripolis und Bengasi und führt zum Jahresende mit siebendreiviertel Stimmen vor Fidel Castro, der sich zur Kandidatur drängen ließ, nachdem Gore und Bush bei einem Duell am OK Corral nach 56 unentscheidenen Runden von ihren Sekundanten erschossen wurden.


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