Geschrieben am 3. Juni 2002, als Michael Rudolf nach unserer alljährlichen Frankentour als "Wahrheit"-Redakteur bei der taz aushalf und eine "Idyllenwoche" initiierte. Irgendwie war mir den Text dann aber doch viel zu idyllisch und zu kitschig und zu dings und dongs, und so schrieb ich eine neue Idylle und verräumte diese hier irgendwo in den hinteren Ecken der Festplatte.

 
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Eine Idylle

Eine Idylle

Er solle doch mal die Augen aufmachen und schauen, hört er; aber da ist doch nichts zu sehen. Doch, wenn man die Augen öffne, sehe man immer etwas und hier sogar sehr viel, hört er, aber das kennt er schon, und doch öffnet er schließlich die Augen, und als sich der Schleier des Schlafs aufgelöst hat, sieht er tatsächlich.

Schäumendes, dunkelsaftiges Grün der mächtigen Kastanien, die gleichmütig ihre vielen Arme halten, als wäre es ihnen ganz recht, den Sonnenüberfluteten dort unten ein wenig Schatten zu spenden. Dazwischen ein paar Linden und Pappeln, auf deren wimmelndem Blättermeer das Licht glitzert wie viele kleine Schaumkronen. Der Himmel, so tiefblau, als wäre er nun ein für alle Mal und alle Zeiten einfach da und werde fürderhin Wolken nicht mehr dulden. Es wird noch Stunden dauern, bis sich die Sonne über die Baumkronen erhebt; aus der Wiese steigt die modrige Kühle der vergangenen Nacht und rettet sich ins Dunkel der Blätter. Darunter die Stämme, breit und ewig, umspielt von Gras, das sich nicht näher als ein paar Handbreit an sie herantraut; das wagen nur kleine Mooshöcker wie schwarzgrüne Pelztierchen.

Noch in Hörweite, aber zu solch früher Stunde nicht zu hören, ist zwischen den Stämmen der Biergarten zu erkennen, grüne Tische und Stühle, von Latten umzäunt, in der Mitte das alte Haus mit dem Giebeldach, bemoosten Ziegeln und erdfarbenen Fensterläden. Hinter die dreiteiligen Scheiben hat er sich oft gewünscht, in eine kleine Stube mit einfachem Boden aus eichenen Bohlen, um die glänzenden Astknoten herum in Jahrzehnten abgelaufen und zerspreißelt. Da wäre er am Fenster an einem einfachen Holztisch gesessen und hätte eine Mitte gefunden; ein paar Bücher, ein Schrank, ein Bett, mehr hätte es nicht bedurft.

Hinter dem Biergarten, unsichtbar, weiß er den Fluß, um diese Zeit dem Versiegen nahe, weil sein Wasser lange vor dem Steg über die vielgestaltigen Wasserfälle abgezweigt wird, um Mühlen und Turbinen zu speisen. Was entkommt, verästelt sich weit ins Gelände hinein, zwischen buschüberkronten Hügeln aus Kies und Sand hindurch, die es selbst angehäuft hat, als im Frühjahr weit im Süden die Gletscher schmolzen.

Nie hat er eines der Zimmer betreten, die über der Gaststube liegen und vielleicht gar nicht bewohnt sind, denn wer möchte hier seine Tage verbringen, sommers bis spät in die Nacht vom Lachen, Klirren, Schreien aus dem Garten wachgehalten, winters abgeschnitten von der ganzen Welt, deren Straßen, Wege, Bahnen an den beiden anderen Enden des Pfades erst beginnen, der von Brücke zu Brücke am Biergarten vorbeiführt.

Er hätte hier leben wollen, schon damals, als noch Pferdefuhrwerke die Fässer brachten, die dann in den Hof hinter der Wirtshaus gerollt und ihm kühlen Schuppen gestapelt wurden; in einer Zeit, die er nicht erlebt hat und kaum einer, der jetzt noch lebt, die ihm aber so deutlich vor Augen steht, als wäre all das Toben und Brausen, das sich jetzt dort draußen auf den Brücken, Straßen, Wegen und Bahnen abspielt, nur ein schlimmer Traum. Als Kind war er hier, bald täglich, als es noch keinen Spielplatz gab und auch keinen geben mußte, weil ringsum alles war, was man brauchte und wollte. Der Vater, der damals nachts arbeitete, war stets einer der ersten Gäste gewesen, mit Handschlag begrüßt von den damaligen Wirtsleuten. Das war ein ruppiges Paar gewesen; er in ledernen Kniebundhosen, immer mit einem wütenden Zug im Gesicht und einen guten Kopf kleiner als sie, die so aussah, wie er sich die Hexe in seinem Märchenbuch vorstellte, von den flammend roten, wie ein Heumännchen aufgebauschten Haaren bis zu den leuchtend bemalten Fingernägeln, die so lang waren, daß ihre Fingerkuppen nie die Tasten berührten, wenn sie in die Registrierkasse tippte, was für Bier, Breze und Limonade zu bezahlen war. Wenn sie ihn sah, keckerte sie ihn an und machte Bemerkungen, die freundlich gemeint waren, aus anderen Mündern jedoch als Beschimpfung gelten hätten müssen; nannte ihn einen "Hosenträträ", ein "Scheißerlein" und weitere Sachen und schenkte ihm dann, wenn er immer noch unsicher freundlich schaute, eine Schlange aus Weingummi oder eine Muschel mit Honigfüllung. Dann setzte sich sein Vater an einen Tisch in der Ecke des Gartens, wo am zerfallenden Zaun der Holler schon verblüht war, und schickte ihn weg zum Spielen. Andere Kinder waren nicht da, und so streifte er durch den Park, sammelte Stöcke, die sich als Waffen eigneten, trat wallende Rauchwolken aus Bovisten, fing über Pferdeäpfeln gelb geilende Fliegen, warf sie den Kreuzspinnen ins Netz und sah zu, wie sie eingewickelt und ausgesaugt wurden. Und dann setzte er sich an den Wegrand zwischen die Bäume, betrachtete das Wirtshaus und wünschte sich, dort zu wohnen, zu leben. Während die Sonne hinter den Kastanien versank, bevölkerte sich der Biergarten mit jenen, die aus den Büros und Fabriken kamen, und er stellte sich vor, die Wirtschaft zu schließen, damit sie wegblieben und er alles für sich hätte.

So stellte er es sich heute noch vor, denn manche Kinderträume begleiten uns über den ganzen Bogen des Lebens, und je sinnloser sie werden und je weiter ihre Erfüllung in die unmögliche Ferne rückt, desto lieber sind sie uns.

"Da täte ich gerne wohnen", sagt er.

"Ach du", sagt der andere, winkt ab, zieht aus seinem zerlumpten Rucksack zwei Bierflaschen und öffnet sie. "Und was würd'st dann machen?"

"Nichts", sagt er, "bloß leben."


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