Geschrieben im Juni und Juli 2007 für das im April 2009 im Berliner Taschenbuch Verlag erschienene, von Björn Kuhligk und Tom Schulz herausgegebene "Münchner Kneipenbuch".

 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
Hier zu lesen: Abseitiges
Einstmals Fremde, abseits von allem

Einstmals Fremde, abseits von allem

Über die Kneipe "Zum Jennerwein"

Wie er hierher, in diese Gegend, geraten konnte, ist dem Fremden hernach schleierhaft (wie vieles). Dunkel nur erinnert er sich an Gestalten, die ihm solches empfahlen, auf halbem Weg zum Herzen der vielgerühmten Münchner Gemütlichkeit, die sich indes stetig weiter zu entfernen schien, ein verhangenes Mythengezücht, das allüberall, wo er gewesen, nur ein krauses Haupt von Nebelzozen recken und feistfrech abkassieren hat wollen für einen Haufen Glutamat-Aas im Darm, laues Halbvollgewäsch, dröhnendes Klimaanlagengerappel, umbrummt von Hartz-IV-Elend mit Ikeaschürze, Launenhavarie und Scangerät.

Jetzt also steht er hier, im Duster der mittleren Clemensstraße, einen Steinwurf von dort, wo vor neunzig Jahren Ret Marut alias B. Traven wohnte und den revolutionären „Ziegelbrenner“ redigierte, weiß noch nicht recht, wie, und glotzt hinein in den orangegelbwarmen Schein. Dann wagt er’s; die Tür wiegt schwer, dann blickt er in Gesichter, von denen man gleich weiß, daß ihre Namen etwas gelten, was man nicht so schnell vergißt. Der Fremde kriegt sein Bier und findet Platz – Schau nicht so irritiert, mein Freund, du hast es anders nicht gewollt, und Luft … gibt’s morgen wieder! –, hört Kunde von Gewesenen und Dagewesenen, vom Schankkellner S. (nein, mehr Name gibt’s hier nicht; wer’s wissen will, fragt selber) mit der sagenhaft sympathisch schlechten Laune, dessen Heimstatt einst die singulär gepolsterte Fensterbank gewesen sei, der für ein informatives Geschimpfe über die Innenpolitik des TSV 1860 gern ein halbes Stünderl länger offenhielt, sonst aber generell nicht, und nun desertiert sei ins Leben hinein, wie andererseits aus diesem hinaus der N., der Gottwirt, der den Schreiber dieser Zeilen am zehnten Mai siebenundachtzig erstmals und für alle Zeiten hineinzog in sein Wunderkabuff, der Betty Page halbpersönlich auf dem Tresen tanzen ließ, diesen nach sagenhaft wilden, bösen, irren, unvergeß- und auch unglaublichen Jahren selbst erkletterte, um kollektives Lokalverbot wegen Totalüberdruß zu signalisieren, und dann, geläutert und ein guter Mensch sowieso, hinsterben mußte, während, wie grummelnd vermerkt wird, droben in Bogenhausen und Grünwald der Abschaum weiterblüht. Nun ist B. der Retter unserer Hütte (die um ein Haar ein „Pils-Pub“ oder Schlimmeres geworden wäre) und ihr Hüter, und der Fremde spitzt die Ohren und hört staunend von den Herrn und Damen der Musik, von Rockin’ Bones und Rudisrudi, dem Staatsrat, Rolando Ramone und Marty Mosh, Diva Desaster, Peter Bacon, Monacore, Slick Justice, Junior Disorder, und daß da manchmal auch Platten ertönen, die es gar nicht gibt, wie soll ihn das noch wundern?

Man ist und bleibt hier unter sich, wie sich’s gehört; wer drin ist, ist dabei, der Rest bleibt draußen, – und wer reingeht, der ist drin, so geht’s im Kreis. Der Fremde hört von Helden und Verlierern, die immer beides sind, von Vergessenen und Ewigen, Blöden und Gescheiten, Berühmten, Schönen und dem letzten Depp, die sich hier mischen, als wär’s nichts, von Bands, am Tresen gegründet und wieder aufgelöst, die nicht selten hier auch spielten, obwohl man sich kaum vorstellen mag, wie das gegangen ist, aber es geht ja alles irgendwie, und heut noch lacht man über den Solisten, der sein nagelneues Käppi zum Singen auf die Wandlampe hängte, wo es erst schmolz und dann verbrannte.

Es trifft der nicht mehr Fremde längst Un-Fremde bei der „Halben“, die man traditionell bestellt (wohlwissend, daß sie ins Glas gar nicht hineinginge), man grüßt ihn „Rock ’n’ Roll!“ und ist schon mitten im Erzählen vom Skandal modernen Strebens nach dem explodierenden Nichts, wo hier doch alles, was man braucht zum Glück, auf engem Raum vereint: gute Menschen, kaltes Bier, mehr Coolness als in vierzig Mitchum-Filmen, die abseitigste Musik der weiten, tiefen Welt, die selbst den Fachmann, der es wissen müßte, in Abständen begeistert hin zum DJ rennen läßt und fragen, was das sei, was so geil lärmt, und vor allem: kollektive Seligkeit, egal was sonst passiert, hier sind wir eins und bleiben’s noch im ärgsten Streit. Da sitzt er still, der nicht mehr Fremde, plötzlich glücklich, strahlt Strahlen strahlend wider, lauscht entzückt kulturpessimistischen Tiraden, eines Karl Kraus würdig, hier mit erhobenem Glas und frohem Grinsen kredenzt in umfassender Gewißheit, daß schon alles recht sei, wie es sei, eben hier. Es schäumt die Freude, grinst das Reh, brüllt das Entzücken, stürzt das Braungebräu im Dreierpack den Rest von Zivilisationsdistanz; man wähnt sich hinterm Watzmann, wünscht’, die Jüngste Nacht ging’ nie zu Ende. Daß die Mädchen allesamt viel schöner sind als anderswo, das wundert den Neuen nicht mehr: Man „macht“ nicht „an“ hier, ist zu Hause vielmehr, schon als Neuer, der noch nicht mal ahnt, ob nicht sein eigener Vater einst hier saß, ab einundsechzig, metarevolutionäre Reden schwang und Obermaiers Uschi in die Wade kniff, versehentlich. Eng war’s schon damals, drum nahm man’s gerne hin, daß noch nach fünfzehn Jahren im linksalternativsten Stadtbuch kein Wort zu lesen stand von dem, was sich hier tat. Andere kündeten, späterhin, Erstaunliches, nicht Erinnerbares: „Fest in der Hand Schwabinger Gymnasiasten“ sei unsere Heimstatt im vierundachtziger Jahr gewesen, später waren hinterm Tresen mal die Frauen unter sich; da hing die „Taz“ am Zeitungsständer und man selbst gemütlich in der Ecke schon am frühen Nachmittag, wenn im Rigan-Club ums Eck noch die letzten Hängengebliebenen zum Hinterausgang hinausgekehrt wurden und gleich wieder hier vor Anker gingen. „Gotisch edel“ sei’s gewesen neunundachtzig, und man fragt sich, wo das war, und weiß es anders.

Es ist jetzt langsam wohl auch wurst, weil’s spät wird, und da mischen sich die Zeiten, werden neblige Spiralen, und das Schild, das Bild, das Wild von damals zieren ja nach wie vor die Wände, und im runzeligen Tresen eingraviert sind RAF und Punk und die Krawalle, Techno-Raves und dazu alle, die hier je das Glas erhoben, sei die Schar auch längst zerstoben, bleibt sie doch für immer da; die lachen ewig und sind glücklich, Herrgott! – ist hier nicht die Welt, wo dann? Wundern wir uns noch, daß an einem komplett toten Spätwinterabend, wo draußen das Unwetter des Centuriums tobt und der Mensch so energisch zu Hause bleibt, daß sämtliche Wirte des Münchner Nordens um zehn Uhr die Lampen löschen und sogar im Jennerweinschen Wohnzimmer nur zwei Unentwegte die Fährnisse menschlicher Liebesdinge wohlig beseufzen, – daß da plötzlich eine weltberühmte deutsche Filmschauspielerin hereintaumelt, um ihrem jugendlichen Gspusi zu zeigen, wo sie einst … Nein, tun wir nicht. Wir geben ihnen Bier und freuen uns, daß der Kleine fast schon so glücklich lächelt wie wir.

„Rock ’n’ Roll!“ ertönt es wieder, und wie Brüder lachen wir ein letztes vor dem nächsten Mal, und der einstmals Fremde schaut hinaus, selig längst, und weiß nicht mehr, wie er hierher geraten konnte, in diese Gegend, nur noch, daß es gut ist so und immer bleibt.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer