Auch diese Geschichte ist so wahr, wie eine solche Geschichte sein kann.Sie spielt, wenn ich mich recht erinnere, im Frühsommer 1988; der Name der titelgebenden Person ist, obwohl ich ihn ähnlich im Gedächtnis zu haben glaube, selbstverständlich nicht echt und nachträglich noch verändert worden. Geschrieben wurde auch diese Geschichte Anfang Mai 2003 im Liegestuhl vor (oder hinter) der Villa Settembrina bei Bolsena, einem Ort, wo einem auch solche Dinge nicht nur plötzlich wieder einfallen, sondern dann auch aus dem Kopf und den Fingern herausfallen. Bislang ist die Geschichte weder in gedruckter Form veröffentlicht noch für eine solche Veröffentlichung vorgesehen und daher auch nicht end- oder irgendwie gültig überarbeitet.

 
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Autobiographisches:
Der Mann hieß Dripsweter

DER MANN HIESS DRIPSWETER

Ich habe versucht, mir sein Gesicht einzuprägen, diesen gierigen, bei jedem Wort, das ich sagte, von Begeisterung entzündeten Blick, der auf ein Einverständnis aus war, auf eine gemeinsame Eingeweihtheit oder etwas ähnliches; aber es ist mir nicht gelungen, weil der bildlichen Erinnerung der Name im Weg stand. Er war auch gar kein Mann, sondern ein Junge im Gewand eines Mannes, das noch nicht einmal das Gewand eines Mannes war, sondern einer Funktion. Das war es, was mir als erstes an ihm auffiel, nach dem Namen: die leicht schmerzende Peinlichkeit seines Anblicks, die würdelose Ausstrahlung eines Jungen, der für etwas benützt wurde, was er nicht verstand.

Die "Berufsbildungsfirma", die ich besuchte, um weiterhin Arbeitslosengeld zu bekommen, hatte mir die Praktikumsstelle in dem Baumarkt vermittelt. Jeder Teilnehmer der Umschulung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bekam eine Praktikumsstelle, das war Teil der Ausbildung, die ansonsten Grundbegriffe der Buchführung, ein paar fragwürdige wirtschaftliche Dogmen und gelegentliche Übungen in geschäftlichem Englisch und im Schreibmaschineschreiben umfaßte. An einem Montagnachmittag fuhr ich zu dem Baumarkt und stellte mich im "Büro", das einer ungenützten Abstellkammer glich, einem Herrn vor, der einen grauen Kittel trug, auf dessen Brusttasche der Name der Baumarkt-Kette stand, zu der der Baumarkt gehörte. Er erklärte mir, ich bekäme für das halbjährige Praktikum von der Baumarktfirma kein zusätzliches Geld, weil die Firma sich das nicht leisten könne, aber dafür würde ich eine Menge lernen über den Handel, der zwar weder Groß- noch Außenhandel sei, aber das sei im Grunde ja alles dasselbe. Auf dem Weg nach Hause empfand ich ein merkwürdiges Gefühl vergehender Freiheit, das einerseits erhebend war, andererseits von unguten Ahnungen verdunkelt, als wäre ich noch einmal davongekommen, wüßte aber schon, daß mir das nicht noch mal gelingen würde.

Am nächsten Morgen fand ich mich um acht Uhr wieder in dem "Büro" ein. Der Mann gab mir einen grauen Kittel zum Überziehen und führte mich kurz durch einige Abteilungen des Baumarkts, wo es billige Werkzeuge, in Plastikfolie verschweißte Latten aus Fichtenholz und viele Dinge gab, die mich alle an genormte amerikanische Fertighäuser und Campingplätze erinnerten. Dann brachte mich der Mann in die Abteilung "Garten" und stellte mich dem dort zuständigen Mann vor, der mir lange Blechregale zeigte, in denen kleine Plastiktöpfe mit Kräutern standen: Rosmarin, Thymian, Minze und Salbei. Die meisten der Pflanzen sahen erbärmlich aus, man hatte sie rüde zugeschnitten, und viele waren an den Spitzen vertrocknet, einige auch ganz. Der Mann sagte, ich sei also jetzt der zweite hier, und zeigte mir den Jungen, der Dripsweter hieß und schon vor zwei Wochen "angefangen" hatte, allerdings nicht als Praktikant, sondern als "Auszubildender", was bedeutete, daß er drei Jahre hierbleiben mußte. Unsere Aufgabe, sagte der Mann, sei es, die Pflanzen feucht zu halten und alle Töpfchen, die nicht mehr zu retten waren, auf einen Wagen aus Eisenstangen zu stellen und hinter der Wellblechhalle, in der der Baumarkt war, in einen Müllcontainer zu werfen. Die folgenden Stunden ging ich zwischen den Blechregalen herum, einen Schlauch in der Hand, mit dem ich ab und zu Wasser in trockene Töpfe laufen ließ. Dripsweter ging neben mir her, als wäre er ein Hund und ich hätte eine Wurst unter meinem Hemd versteckt, um ihn zu necken. Ich wußte nicht, was ich mit ihm reden sollte; er verschlang jeden meiner beiläufig dahingeworfenen Sätze und gab ihn, mit etwas Verzögerung und leicht verändert, wieder von sich. Wir luden viele Töpfe auf den Eisenstangenwagen und warfen sie in den Müllcontainer. Ich empfand Mitleid mit Dripsweter, aber viel mehr rührten mich die kleinen Pflänzchen, die, obwohl sie sich große Mühe gegeben und unter erbärmlichsten Bedingungen Blätter und teilweise sogar kleine, unscheinbare Blüten gebildet hatten, niemand haben oder wenigstens ansehen wollte und die nun als Müll betrachtet wurden. Ich stellte einige der Töpfchen neben den Container und nahm mir vor, abends über den Zaun in den Müllhof zu klettern und sie mitzunehmen. In dem Container lag bereits ein großer Berg zierlicher Nadelgewächse, von denen Dripsweter sagte, man habe sie am Tag davor weggeworfen, weil sie nicht mehr im Sortiment waren. Ich stellte auch einige der kleinen Koniferen und Tännchen neben den Container, obwohl ich Nadelbäume nicht ausstehen kann. Vielleicht würde ich sie im Wald auspflanzen. Dripsweter verfolgte mein seltsames Tun mit einer Mischung aus Verwunderung und derber Belustigung; er dachte wohl, es handle sich um einen Scherz auf Kosten des Baumarkts.

Es gab sonst nichts zu tun, abgesehen von Kundenanfragen, die zu beantworten wir eigentlich nicht autorisiert waren. Die Leute, die mißmutig und schlecht gelaunt ihre Gitterwägen durch den Baumarkt schoben, fragten uns nach Kanthölzern, Silikonpatronen, Halogenbirnen, gemusterten Kacheln, elektrischen Sägen, Glaswolle, Rigipsplatten, Sonderangeboten und vielen anderen Dingen, von denen ich weder wußte, wo es sie gab noch was sie damit wollten. Nach einiger Zeit ging mir der fordernde Unmut der Menschen und meine lächerliche Verkleidung in dem unbequemen Kittel so auf die Nerven, daß ich nur noch die Achseln zuckte und Keine Ahnung sagte.

Der für die Abteilung zuständige Mann, der aussah wie ein einstmals stolzer Handwerker, den man wegen einer schweren Verfehlung gezwungen hatte, sich zu entwürdigen, kam zu uns und sagte, es sei Mittagspause. Er führte Dripsweter und mich über einen Parkplatz zu einer anderen Wellblechhalle und dort über einen nicht öffentlichen Eingang und eine Hintertreppe in die Kantine, einen großen, weiß, grau und blechern eingerichteten Saal, in dem Tische und Stühle aus schmutzigweißem Plastik und Metallstangen standen. Es gab Kartoffeln und Leber mit Soße. Ich sagte dem Mann, daß ich kein Fleisch esse. Er meinte, ich könne ja nur Kartoffeln mit Soße nehmen, und gab mir zwei Essensmarken aus grauem Papier. Ich entschied mich für eine Dose Mineralwasser und gab dem Mann die Marken zurück. Er sah mich ein wenig besorgt an, aber ich erklärte ihm, ich sei nicht hungrig und würde mir nach der Arbeit zu Hause etwas kochen. Ich sah dem Mann und Dripsweter zu, wie sie mechanisch Kartoffelstücke und braune Pampe mit Bröckchen in sich hineinlöffelten und dabei aneinander vorbei auf die leeren Wände starrten, die keine Fenster hatten. Ich hatte plötzlich das Wort "lebensfeindlich" im Kopf und dachte, daß dies der lebensfeindlichste Ort sei, an dem ich mich je aufgehalten hatte.

Nach dem Essen gingen wir wieder in die Abteilung "Garten", nahmen unsere Schläuche und bewässerten Pflanzen, aber nach und nach verließ uns die Lust. Wir setzten uns zwischen die Blechregale, und ich zündete mir eine Zigarette an. Dripsweter sagte, es sei dem Personal streng verboten, im Markt zu rauchen. Ich sagte, das sei mir egal und ich sei kein Personal, sondern hier, um etwas zu lernen. Da setzte er wieder seinen verschwörerischen Blick auf, an den ich keine bildliche Erinnerung habe.

Abends verabschiedete ich mich auf dem Parkplatz von Dripsweter und dem Mann und fuhr mit dem Fahrrad weg. Ich fuhr nicht nach Hause, sondern ziellos durch die Stadt, und stellte immer wieder mit Erstaunen fest, daß ich Tränen in den Augen hatte. Ich dachte an die Töpfchen mit den aussortierten Pflänzchen neben dem Container, hätte sie gerne geholt, wagte mich aber nicht mehr in die Nähe des Baumarkts.

Obwohl ich mich ein bißchen schämte, rief ich am nächsten Morgen im Büro der "Berufsbildungsfirma" an und teilte der Sekretärin mit, ich würde nicht mehr zu dem Praktikum gehen. Sie fragte nach den Gründen, aber ich sagte ihr nur, es gebe dort nichts zu lernen und ich wolle meine Zeit nicht an einem solchen Ort verbringen. Sie sagte Okay oder In Ordnung oder etwas ähnliches, und ihre Stimme klang, als hielte sie mich für einen gefährlichen Verrückten. Ich fuhr den ganzen Tag mit dem Rad spazieren. Dripsweter habe ich nie mehr gesehen und den Baumarkt nie mehr betreten.


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