Diese Geschichte ist nur Teil einer Geschichte, der zweite nämlich, entstanden für die Aktion OP 13: DIE HOHEN-ZOLLERNSTRASSE auf Anregung von Marta Reichen-berger und Tatiana Hänert. Die Idee war, verschiedene Autoren jeweils eine Folge einer Fortsetzungsgeschichte schreiben zu lassen, die auf der vorhergehenden Folge beruhte, ohne jedoch ein Gesamtkonzept (modern: "Plot") vorzugeben. Die erste Folge hatte Doris Dörrie geliefert; mein Text beruhte nur lose darauf, weil mir zu ihrem typischen (und, ehrlich gesagt, ziemlich flachen) Text wenig einfiel. Das Gerüst bildete die Kurzgeschichte "Der unwirkliche Professor", die anderswo auf diesen Seiten zu finden ist, die Grundidee lieferte die durchgängig falsche Schreibung der "Hohenzollern-straße" in den Unterlagen zum Projekt. Der Text entstand Anfang Oktober 2003 und war im Schaufenster von Farben Hackl zu lesen.

 

 
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Die Hohenzollern-Strasse

Die Hohenzollernstrasse

Während sich der junge Mann schwungvoll in dem Plastikstuhl neben ihr niederließ, dachte Elli: ein wenig zu schwungvoll vielleicht; ihr schwante, daß diese Begegnung sich länger hinziehen könnte, als ihr eventuell lieb sein würde, und daher vermied sie es, den jungen Mann erwartungsvoll anzusehen, was sich, da sie nach sieben Jahren außerhalb der Reichweite eines derart jungen Geschöpfs (das zur Zeit ihres letzten Spaziergangs sicher noch keine Möglichkeit gehabt hatte, sich die Wangen von zweitägigen Bartstoppeln mit einem Hauch Verwegenheit beschatten zu lassen) vor Erwartung überlief, nur bewerkstelligen ließ, indem sie ihn gar nicht, sondern vielmehr ihr Wasserglas ansah, das schweigend und gleichmütig kleine Splitter der Szenerie zerspiegelte. Sie dachte an den Anlaß ihrer siebenjährigen Einsiedelei, der gerade noch wie ein schweres, herbstliches Wolkengebirge über ihr gehangen war und ihr nun plötzlich auf menschliches Maß (das er ja ursprünglich auch gehabt hatte) zusammengeschrumpelt und beinahe lächerlich erschien; dabei spürte sie den Blick des jungen Mannes und ließ mit einer gewissen Wonne den gedehnten Moment, bis er wieder etwas sagen müßte, anschwellen und wohlig vibrieren. In demselben gedehnten Moment öffnete ein paar Häuser weiter der Student Schnürer das Schloß an seinem alten Postfahrrad, schob es durch die Hauseinfahrt und überlegte derweil, ob er richtig gekleidet war. Gewiß: gegen eine helle und kurze Hose war im Sommer nichts einzuwenden, doch stand der rostbraune Ledersattel bei seinem Besitzer in dem (empirisch nicht belegbaren) Verruf, in nassem Zustand abzufärben. Verheerende Vorstellung: seiner neuerdings Angebeteten den Rücken zuzukehren und mit einer deutlich sichtbaren braunen Spur auf der Hose davon zu gehen. Eine weitere Verabredung wäre unter keinen Umständen denkbar. Schnürer blickte zum Himmel, der kein Indiz für eine anstehende Wolkentätigkeit aufwies. Die Sonne thronte gemütlich über dem Kurfürstenplatz, wo wie üblich ein Wettbewerb im Gange war, wer mit seinem Auto die diversen Schneisen und Biegungen am schnellsten und lautesten durchpreschen und sich darob als Sieger der Evolution fühlen konnte. Entgeisterte Fußgänger sprangen in wilden Sätzen durch das röhrende und quietschende Inferno, tobende Porschefahrer streckten rotgeschwollene Köpfe aus ihren Maschinen, um auf irgendeinen Verzögerungsfaktor auf dem Weg in die Zukunft zu schimpfen; ein struppiger Pudel krümmte sich auf dem Trottoir und ließ, während er von seinem Halsband heftig weitergezogen wurde, eine lose Reihe sandfarbener Kuller zurück, was einen älteren Herrn veranlaßte, die Hände in die Hüften zu stemmen. Ein Kind, dessen grell gekleidete Mutter vor einem Schaufenster stehengeblieben war, um ein Paar Schuhe in Betracht zu ziehen, stieß, da es in einem Anflug natürlicher Entzückung dem Pudel hinterhergeblickt hatte, gegen das Bein der Mutter, wobei sich seine Eistüte in eine Ruine verwandelte, die von der besudelten Mutter umgehend wortreich beklagt wurde. Im Eingang seines Geschäfts stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen ein Metzgermeister, versuchte erfolgreich, wie sein meistverkauftes Produkt auszusehen, und schmunzelte, als die Hausmeisterin von nebenan über einen vergessenen Pflasterstein stolperte. Ein wirr dreinblickender Mann ging barfuß wie auf Nägeln, aus der Ferne heulte die Feuerwehr, der Postbote schob sein Rad und zog vehement an einer verformten Zigarette, und über dem ganzen Trubel schwammen die Dächer in den fröhlich spiegelnden Fenstern. Schnürer beschloß, Sattel und Wetter nicht zu trauen, und ging in die Wohnung zurück, um seinen Kleppermantel zu holen. Als er wieder aus dem Haus getreten und zwei Zahnradumdrehungen weit gefahren war, begann es heftig zu regnen. Er konnte ein Aufwallen von Schadenfreude nicht unterdrücken, reckte die Faust gen Himmel und sah einen Mann, der damit beschäftigt war, einen Blumenkasten zu wässern, dessen Durst er offenbar überschätzt hatte. "Entschuldigung", sagte der Mann. Schnürer ließ ihn sagen, was er wollte, trat heftig in die Pedale, wich einer rechteckigen Baugrube aus; und in diesem Augenblick glaubte er, dort unten zwischen den freigelegten Rohren etwas glitzern zu sehen. Da fiel ihm die Geschichte wieder ein, die er am Abend zuvor im Verlauf der Leerung von fünf Biergläsern in einem alten Pergamentbändchen gelesen hatte, und er wußte: Das konnten, ja mußten die sagenhaften "Hohenzollernstrasse" sein, von denen der Autor berichtete, das angeblich früheste Zeugnis künstlerischen Glasschliffs in ganz Mitteleuropa. Er trat auf die Bremse. Es waren keine zu der Baugrube gehörigen Arbeiter zu sehen; lediglich ein junger Kerl mit gelockter Mähne, der sich offenbar von seiner Erbtante zu einem Pflicht-Kaffee ins Venezia einladen ließ, schien ihn zu beobachten. Soll er, dachte Schnürer; was wird so ein Papagallo schon von Historie und Mythologie wissen. Als er sich indes anschickte, in die Baugrube hineinzuklettern, erhob sich der junge Mann von seinem Tisch, berührte seine mutmaßliche Tante kurz an der Schulter, als wollte er sagen, er sei gleich wieder da, und kam unmißverständlich auf Schnürer zu.


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