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INHALT

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Schafft fünf, acht, viele Stadien

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Dicker Lärm und rote Schweine

DEN UDE GIBT'S, DAS INTERNET NICHT

Ich bin in meinem Leben bisher fünfmal dem Oberbürgermeister begegnet. Es war immer derselbe - das spricht für ihn. Das heißt: ich bin auch mal Hans Jochen Vogel begegnet, aber da war er kein Oberbürgermeister mehr, sondern relativ vormittags im Englischen Garten unterwegs, wobei ich ihm aufgrund meines dringlichen Tempos gerade noch ausweichen konnte. Ich hätte auch gerne noch gesagt: Guten Morgen, Herr Vogel, aber davon hätte er sowieso höchstens "Gu!" verstanden und gedacht, ich wolle ihn erschrecken, und außerdem war ich wie immer in Gedanken (für Ortsunkundige: das liegt ein Stück südöstlich von Schwabing).

Aber dem Herrn Ude bin ich fünfmal begegnet: Einmal war ich in den Keller im Rathaus zum Weißwürsteverspeisen und Biereinverleiben eingeladen, einmal ist er mir im Englischen Garten entgegengeradelt, zweimal auf der Straße an mir vorbeimarschiert, und jedes Mal hat er mich angeschaut, als wäre ich ein netter Bekannter, der ihm gerade diesen Witz aus dem Monthy-Python-Film erzählt hat, wo dann die deutschen Soldaten alle aus den Büschen stolpern und sich auf offenem Feld totlachen. Nein, das ist übertrieben, aber er sah sehr erfreut aus und schien sich etwas noch Erfreulicheres dabei zu denken. Zum fünften Mal bin ich Christian Ude in einem Saal der Bayerischen Versicherungskammer begegnet (schon gut, ich habe so was auch zum ersten Mal betreten), der von innen aussah, wie ein barrenförmiger Riesenpanzer von außen aussähe, und auch diesmal schaute er so, aber diesmal war ich nicht allein, sondern mit 250 Leuten da, und diesmal habe ich annähernd so gelacht wie die deutschen Soldaten in dem Monthy-Python-Film. Wenn sich Geben und Nehmen so ausgleichen, könnte man das in der Politik für ganz in Ordnung halten. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Hingegen gesehen habe ich den Oberbürgermeister schon tausendmillionenmal. Natürlich - er ist ja auch eine Person des öffentlichen Lebens, und das findet im Fernsehen und notfalls (wenn man auf dem Klo keinen Fernseher hat) in der Zeitung statt. Und natürlich im Internet; davon hat mir ein ansonsten recht schlauer Mann (dem ich seither genau dreimal begegnet bin) vor ein paar Jahren erzählt, es diene der Demokratie, weil sich nunmehr wirklich jeder "einbringen" und "mittun" könne. Prima. Wenn die Zahlen stimmen, die man aus Fernsehen und Zeitung so erfährt, dann sind momentan etwa 100 Millionen Leute gleichzeitig dabei, sich einzubringen. Das stelle ich mir so ähnlich vor wie einen Ameisenhaufen vom Ausmaß des Hügels zwischen Nockherberg und Grünwald, in dem alle Ameisen im ameisentypischen Pieps-Dialekt (den wir uns jetzt mal stark verstärkt vorstellen) zur selben Zeit lauthals ein Anliegen verkünden - ein Eldorado für die individuelle "Selbstverwirklichung"!

Interessanterweise hat man im Mittelalter in Rom Häuser gebaut, indem man Steine aus dem Colosseum herausbrach und sie neu zusammensetzte. Manche waren schlauer und bauten ihre Häuser gleich ins Colosseum hinein, da mußten sie die Steine nicht so weit tragen. Da die Menschen damals in einer Art Cyberspace lebten - in der virtuellen Realität der christlichen Mythologie, wie ich mal sträflich vereinfachend sagen möchte -, hatten sie keine Zeit mehr, sich darum zu kümmern, was an Geschichte und Realität tatsächlich da war; und so geschah es eines Tages, daß ein Mensch aus seinem Haus trat, aus einiger Entfernung das Colosseum betrachtete, in dem er seit fünfzig Jahren wohnte, und sich fragte: Was ist das eigentlich? Wer hat das gebaut? Wann? Wozu? Mit solchen Fragen beginnen neue Zeitalter; zum Beispiel das der Vernunft - die man, ich weiß, nicht überbewerten sollte, die aber immerhin den Vorteil hatte, daß man sich langsam bewußt wurde, was um einen herum geschieht.

In ein paar Jahren wird uns etwas ähnliches passieren: Wir werden - nehmen wir mal an: Der Strom ist ausgefallen - den Bildschirm verlassen, aus dem Gebäude gehen und vor einem betonierten Müllberg von kontinentalen Ausmaßen stehen. Wer hat das gemacht? werden wir fragen. Wann? Warum? Und wozu sind diese ganzen Straßen da, auf denen Milliarden von Autos hin und her rasen? Vielleicht steht irgendwo ein kauziger Gelehrter herum, der dann sagt: Das ist die Realität, mein Kind. Und wir werden sagen: Was! Blödsinn! Realität? Die kenne ich aus dem Internet, sie sieht ganz anders aus!

Ach, apropos Fernsehen und Zeitung: Seltsamer Gedanke, aber im wirklichen Leben gibt es überhaupt kein Internet.

(gedruckt in der Süddeutschen Zeitung am 10. August 2000)


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