zurück zur Drei-Akkorde-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
INHALT

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Schafft fünf, acht, viele Stadien

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Dicker Lärm und rote Schweine

SCHAFFT FÜNF, ACHT, VIELE STADIEN!

"Bonn!" - mit diesem (Ciao, Fun-Generation!) onomatopoetischen Erstschlag begann früher der deutsche Rundfunk die Berichterstattung über das "Sommertheater", jenen bunten Circus lustiger Ideen, die Bundestagsabgeordnete zu haben pflegten, wenn ihr Kanzler in Österreich weilte und der permanente Wahlkampf für ein paar Wochen ruhte. Das tut er auch heute noch, obwohl es einen Sommer dank der globalen Industrie und ihren Breitband-Experimenten zur Klima-Modifikation nicht mehr gibt, aber heute kündigt man den intellektuellen Amoklauf am treffendsten mit einem lauten "Franz!" an. Selbiger deutscher Kaiser und Weltkönig nämlich hat den Wahn, mit einem monumentalen Bauwerk in die deutsche Geschichte eingehen zu müssen, von manchen seiner Amtsvorgänger geerbt und betreibt die Errichtung des "Franzoleums" mit einem Hochdruck, der wahrscheinlich nur deshalb vor körperlicher Gewaltanwendung haltmacht, weil Christian Ude so nett lächeln kann und der Respekt vor Edmund Stoiber als irdischem Statthalter des Großen Vorsitzenden in Bayern genetisch bedingt ist.

So kam es dazu, daß seit geraumer Zeit ein milde als "Stadiondebatte" umschriebener Heiliger Krieg durch die Münchner Dunstglocke wallt, in dem die Argumente vornehmlich aus Vokalen bestehen ("Jaaaa! Uuuunser Fraaaaanz!") und mit Lautstärke glänzen. Darin ähneln sie den Beiträgen einer ganz anderen Sorte von Monarchen zur Gegenwartskultur, aber die fragt mal wieder niemand, obwohl sie doch die Hauptbetroffenen sind. Die Rede ist natürlich von Tina Turner, Bruce Springsteen, den Rolling Stones, U2, Peter Maffay und ihren Mega-Kollegen. Wenn überhaupt jemand ein Stadion braucht, dann doch wohl die Massenbeschaller! Denn der FC Bayern wird seine Aktivitäten in historisch absehbarer Zeit nach seiner Umbenennung in FC Deutschland sowieso in ein zentral gelegenes Groß-Bauwerk mit mindestens 500.000 Mann Fassungsvermögen verlegen müssen, und daß der TSV 1860 an die Grünwalder Straße gehört, ist unstrittig. Wenn es andererseits dem Franz und der Titanic demnächst gelingt, auch noch eine neue Olympiade nach München zu holen, muß man sowieso fünf bis acht neue Stadien bauen.

Die Anforderungen an ein umgebautes Olympiastadion sind denn auch ganz andere, als man zur Zeit so meint. Zum Beispiel - nach den Toten von Roskilde wird das niemand mehr bestreiten - ein ausreichend großes Lazarett für Begeisterungsopfer, aber auch hinter der Bühne ein professionell ausgestatteter Wiederbelebungsbereich - man bedenke, daß die meisten der Mega-Stars bald in ihr siebtes oder achtes Lebensjahrzehnt eintreten. Damit die direkte Anbindung an den Einheitenkonsum gewährleistet ist, müßte außerdem ein großer Plattenhändler einen Megastore errichten; von den nötigen Bühneneinbauten für überdimensionale Gummifiguren, Leinwandprojektionen und Brillant-Feuerwerke ganz zu schweigen. Und statt die absurde Idee zu verfolgen, das Grünwalder-Stadion in ein Hotel umzubauen, gehört natürlich ein Hotel in die neue Mega-Event-Schüssel gleich mit hinein. Und ein Hubschrauberlandeplatz. Und ...

Allerdings braucht es für diese absolut notwendigen Maßnahmen einen prominenten Fürsprecher mit Draht zum tönenden Business. Aber schließlich gibt es gerade in München neben dem Franz noch eine ganze Reihe unterbeschäftigter Fußballrentner, die zwecks Horizonterweiterung bestimmt gerne mal ein Duett mit Peter Maffay oder Phil Collins aufnehmen täten. Erfahrung haben die meisten - man denke nur (und damit sind wir wieder wo wir waren) an den unvergessenen Hit des "Bombers der Nation" (dazumal allerdings unter leicht verfälschtem Titel erschienen): "Dann macht es ‚Bonn!'"

(gedruckt in der Süddeutschen Zeitung am 24. August 2000)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer | pdf