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INHALT

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Schafft fünf, acht, viele Stadien

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Dicker Lärm und rote Schweine

DER ZORN DES HERRENMENSCHEN

Jemand, der 1975 eine Zeitmaschine gebaut hätte, wäre in Gefahr gewesen, im Jahr 2000 zu landen. Wenn er sich auch noch für Musik interessiert haben würde, wäre er in noch größerer Gefahr gewesen, einen Nervenschock irreparablen Ausmaßes zu erleiden. Das können wir am eigenen Leib nachvollziehen, wenn wir zufällig dem Phänomen "Scooter" begegnen, das in etwa folgendermaßen abläuft: Es erschallt der monotone "Rhythmus" eines Diesel-Kanonenbootes aus dem ersten Weltkrieg, hinzu kommen schrille Zahnarztgeräusche, endlich betritt ein mißgelaunter Ideal-Arier die Szenerie, um in sprachfreiem Böhmerwald-Englisch Kommandos zu röhren: "Zieh ins Erdgeschoß!", "Schneller! Härter!" usw. Die geordnete Horde von Jungvolk, die dem Aufzug beiwohnt, fällt augenblicklich in Verzückung. Schallplatten mit dem blechernen Geräuschmüll gehen fast so gut weg wie dazumal "Mein Kampf", obwohl man dafür Taschengeld hinlegen muß, während man Schicklgrubers Schinken umsonst nachgeworfen bekam.

Was soll's? fragen gelangweilte Kulturoptimisten, den Faschismusverdacht in der populären Hitmusik gibt es schon so lange, wie es eine Neue deutsche Welle gibt, ohne daß dadurch je ein dritter Weltkrieg ausgebrochen wäre. Daß sich Scooter-Fans, wenn sie feststellen, daß sie von ihrem mürrischen Idol nur ausgenommen werden, neue Führer suchen und im glatzenfaschistischen Milieu landen, läßt sich auch nicht wirklich nachweisen. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht.

Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, den Scooter-Führer halbprivat aus nächster Nähe zu beobachten. Da marschierte er mit seiner kantköpfigen Kamarilla auf einem Fest ein, hieß den DJ von "Walking On Sunshine" auf eigenen Tumpf-Klang umschalten und führte ein paar gnädige Tanzposen vor, die von seinen Untergebenen dankbar bebeifallt wurden. Sodann ließ er sich an einem Tisch nieder und hielt geschlossene Audienz. Wie das bei Festen so geht und weil man sich nicht alles bieten lassen kann, landete halbzufällig der Inhalt eines Weinglases auf dem blondverdrahteten Korken, der den Hals des Stars verschließt, und färbte ihn für kurze Zeit rot, ehe eine Abordnung von Kosmetikbeauftragten per Handtuch für Wiederherstellung des germanischen Erscheinungsbildes sorgte. Der Vorfall schien beendet. Doch kochte die erlittene Schmach in dem Manne weiter. Minuten später erhob er sich plötzlich zu ganzer Größe, begann herrisch Stühle durch die Gegend zu kicken und brüllte: "Ich bringe euch alle um, ihr Schweine!", griff sich Gläser und Flaschen, schmetterte sie wild in alle Richtungen auf alle anwesenden Menschen und trat den ungnädigen Abmarsch an. Seine Schutzstaffel schwärmte daraufhin aus, um durch gezielte Einschüchterung von Zeugen die Identität des feigen Täters zu erkunden: "Wir wollen alle nur in Ruhe feiern, okay? Also: wer war's!" Brave Denunzianten, so wurde signalisiert, hätten keine weiteren körperlichen Unannehmlichkeiten zu befürchten. Der verwegen vorgebrachte Einwand, das Herumwerfen mit Stühlen und Glasgegenständen in einem dicht besetzten Kellergewölbe sei so harmlos nicht, führte zu der Auf-den-Leib-Rückung, man könne auch ganz ziemlich unangenehm werden.

Ich bin kein Zimperling, und daß auf Partys vom Mobiliar bis zum Schneidezahn alles mögliche zu Bruch gehen kann, halte ich nicht für den Untergang des Abendlandes. Eine Selbstentlarvung wie diese sagt aber eine Menge über den Bewußtseinszustand in gewissen Kreisen. "Nicht in den intellektuellen Gaben liegt die Ursache der kulturbildenden und -aufbauenden Fähigkeit des Ariers", schrieb einst der laut David Bowie "erste Popstar". Daß die Gepflogenheiten seiner Straßenkampfbrigaden sich jetzt auch in der früher als "antiautoritäre Subkultur" gelobten Popszene durchsetzen, ist ein Beweis für diese Worte, auf den ich gerne verzichtet hätte, und sei es um den Preis eines Krautrock-Revivals.

(gedruckt in der Süddeutschen Zeitung am 7. September 2000)


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