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INHALT

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Schafft fünf, acht, viele Stadien

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Dicker Lärm und rote Schweine

EUROPA RETTET DIE KULTUR

Britische Schüler dürfen neuerdings ihre Lehrer auf Schadensersatz verklagen - wenn sie ihre Berufschancen durch mangelhaften Unterricht beeinträchtigt sehen. Da ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Prügelstrafe für Schreiber, deren Texte dem Leser karrieremäßig nichts bringen. Was erzählt der mir denn da? brüllt der entrüstete Mobildynamiker nach dem Lesen dieser paar Zeilen. Den zeig ich an! Inzwischen hätte ich die Börsenkurse studieren können! Oder einen Aphorismus über effektives Telephonmarketing auswendig lernen!

Es ist in der Tat schlimm. 90 Prozent aller Anweisungen und -regungen für den Schulunterricht handeln vom "Fitmachen für die Wirtschaft" und der umgehend herzustellenden Netzanbindung im Vorschulalter. Statt Maltafel und Bilderbuch kriegt der KB-Schütze einen Laptop in die Hand gedrückt; Latein lernt nur noch, wer ein Faible für das landschaftliche Ambiente vor dem Sozialamt hat; die Aufforderung, einen Bruch zu kürzen, wird keck gekontert: Bringen Sie uns lieber konfliktreduziertes Gehälterkürzen bei! "Fachleute" fordern, ein neues Schulfach "Wirtschaft" müsse her (und warum eigentlich nur eines? frage ich). Dazwischen stehen grüne Trottel auf Verkehrsinseln und mahnen: Erst wenn das letzte Auto an den Baum gefahren und die letzte Internetseite vom Virus zerfressen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geschwindigkeit nicht essen kann! - Die Außerirdischen, die uns in sicherer Entfernung umkreisen, stehen vor einem Rätsel: Haben die Erdlinge das Geheimnis ewigen Lebens entdeckt, weil sie wie ein Milliardenheer hysterischer Lemminge der Gegenwart davon- und einer seltsamen Zukunft entgegen streben, die doch in traditioneller Sicht bloß den Tod und eine vage Aussicht auf Wiedergeburt in einer börsenfreien Anderwelt verspricht? Und wenn ihnen soviel an der Zukunft liegt, warum brennen sie dann den Gesamtschatz ihrer merkwürdigen "Informationen" auf Datenträger, die sich spätestens in fünfzig Jahren in Plastik-Alu-Schrott verwandeln und eine Wüste zurücklassen werden, durch die heulende Heavy-Metal-Fans irren, deren einst zwecks Alterssicherung angeschaffte 999-CD-Box mit den ewigen Megahits des Genres beim Abspielversuch nur noch die Meldung "no valid information" hervorruft?

Die Wahrheit ist banal: Kein Lemming wurde je dabei beobachtet, wie er sich vom Felsen warf. Plattensammler sammeln Platten nicht um sie anzuhören (sondern um sie theoretisch anhören zu können), und jedes Jahr, wenn die Bundesliga losgeht, pflanzt sich der gerade noch Berufs- und Zukunftssüchtige in seinen Sessel, lässt das Bier ploppen und feiert jeden Spielzug seiner Elf mit einem langen Schluck - fragt man, was ihm das für Beruf und Zukunft bringe, erntet man höchstens einen glasigen Blick. So ist die Welt in Ordnung, das bestätigt uns der kluge Jeremy Rifkin: "Als Fremder in Europa kann ich es praktisch riechen, wenn ich aus dem Flugzeug steige: Kultur kommt immer noch vor der Wirtschaft. Bei den meisten Europäern geht die kulturelle vor der kommerziellen Identität."

Wir fragen nicht, wo sie hingeht und was eine kommerzielle Identität sein soll. Wir stellen fest: riechtig! Verzeihung, richtig - zur Zeit etwa riecht die Schwanthalerhöhe, das Westend und ein Teil von Sendling nach einer enorm kulturisierten Mischung aus saurem Sicker-Bier, aufgebackenen Tiefkühl-Brezen, verbranntem Zucker und erbrochener Glutamat-Eßkultur. Das heißt: es riecht immerhin nicht nach Aktien! Macht auch nichts, dass wir künftig bis Mitternacht einkaufen (bzw. verkaufen) sollen und das als kulturelle Revolution gepriesene Internet nichts anderes ist als ein Supermarkt für Gehgestörte und Agoraphoben. Dafür bleiben bei uns am 3. Oktober sogar die Börsen geschlossen! Da wird eine Kultur ausbrechen, dass uns Hören und Sehen vergeht! Für die Schulen gilt übrigens das Gleiche - mal sehen, ob sich ein Schüler beschwert.

(gedruckt in der Süddeutschen Zeitung am 21. September 2000)


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