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INHALT

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Schafft fünf, acht, viele Stadien

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Dicker Lärm und rote Schweine

STÖRFALL GENUSS

Michel Friedman, einer der führenden deutschen Produzenten überkandidelten Hochstich-Schwachsinns, vermeldete neulich, er schalte sein "Handy" immer dann aus, wenn er "sinnliche Genüsse erlebe". Nun stelle ich mir vor: Friedman sitzt in einem Restbestand von Landschaft, weil sein Chauffeur durch einen Stau gezwungen ist, den Benz von 250 auf Null herabzudrosseln, betreibt das übliche Fraktionsintrigen- und Pressemitteilungsgeplapper, sieht aus dem Fenster auf einen Baum und unterbricht seinen Schwall mit einem entschiedenen: "Oha! Muß aufhören, erlebe gerade einen sinnlichen Genuß!"

Friedman erzählt viel, wenn der Tag lang ist - das meiste davon ist bei näherer Betrachtung lustiger als Otto Waalkes' Lebenswerk, aber hier hake ich ein. Denn der Mann im Ölanzug meint natürlich mit sinnlichen Genüssen "Restaurant, Kino, Konzert, Theater" und ist somit ein typischer Vertreter der Mainstream-Sinnlichkeit einer dynamischen Elite. Immerhin wissen wir nun, daß er noch nie ein Buch gelesen hat (zumindest nicht ohne dabei zu telephonieren); weiterhin erfahren wir, daß er auch noch nie einen Spaziergang gemacht hat, denn immer wenn er unterwegs ist, geht es "um Dialog" (und außerdem hält er Hamburg für "die schönste, ästhetischste Stadt Deutschlands"). Moment! fährt der bis zu einem gewissen Grad andynamisierte Leser dazwischen, man kann doch wohl auch mit einem Telephon spazierengehen und lesen! Man kann heutzutage alles neben einem Telephon! Sogar Hamburg schön finden! Und überhaupt ist der Herr Friedman ein Snob, denn wer sich in die Unerreichbarkeit flüchtet, nur weil er ein Dutzend Austern mit Champagner verdrücken möchte, der entzieht unserer Wirtschaft dringend benötigte Fortschrittsenergie!

Friedman ("Wagner ist kein Schwerpunkt") ist kein Schwerpunkt. Wir finden das Phänomen allenthalben: Der betrunkene Sozialhilfeempfänger sitzt mit seinen Kumpels am Eisbach, alle ans Netz angeschlossen, damit man dem ungeduldigen Schwarzarbeitgeber in Grünwald mitteilen kann, man könne leider erst morgen zum Swimming-pool-Säubern kommen, weil sich die Salon-Entrümpelung beim Grafen Hackensack unerwartet in die Länge ziehe. Der Jung-Manager mit 300-Stunden-Woche muß jeden Abend geplättete Hunde und Radfahrer von seinem Porsche kratzen lassen, weil er ja geradezu in den Ruin rennen würde, wenn er in der Haarnadelkurve seine Direktverbindung zu den Börsenkursen trennte, um sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Telephoniert wird überall, immer und von jedem. Bis das Hirn schmilzt wie eine Polkappe. Telephonieren ist Arbeit. Eine ordentliche Wirtschaft und ein zünftiger Aufschwung ist ohne Telephon gar nicht mehr denkbar! Leider sind alle Versuche, den ökonomischen Terminal Mensch auch im Schlaf telephonisch mit Information zu füllen bzw. eine solche von ihm abzuzapfen, bislang ergebnislos geblieben.

In diesem Punkt übrigens zeigt Friedman sein soziales Herz. Während wir anderen von unserem Beitrag zur Ankurbelung der kapitalistischen Weltzerstörungsmaschine erschöpft auf die Matratze plumpsen, verbringt er immer dann schlaflose Nächte, "wenn Teile Deutschlands wieder rassistisch, nationalistisch, antisemitisch und gewalttätig sind". Da wundern uns auch seine hängenden Lider nicht mehr, und wir werden unwillkürlich versöhnlich: Wer seit mindestens fünfzehn Jahren kein Auge mehr zugetan hat, dem gönnen wir gelegentlichen telephonfreien sinnlichen Genuß.

Andererseits: so etwas Tolles ist ein Genuß nun auch wieder nicht. Ursprünglich hieß "genießen" bloß zu sich nehmen und bei sich behalten (was etwa mit dem Gallenröhrling nicht geht, der daher auch bis heute "ungenießbar" genannt wird). Im 18. Jahrhundert setzte ein Bedeutungswandel ein, um den proletarischen Verzehr von Rumfordsuppe und ähnlicher Nähr-Pampe vom spitzlippigen, sinnlichen Konsum sibirischer Nachtigallenzungen an Rosen-Schaum zu unterscheiden. Dank der Schreib-"Reform" sind solche Bedeutungsverschiebungen inzwischen verboten, und dank einer ganzen Industrie tun wir heute auch mit Tiefkühldreck, Tütenschlacke und Gummikotze wieder das, was man laut Packungsaufdruck damit tun muß: genießen. Fast ein guter Grund, sich ein Mobiltelephon anzuschaffen.

(gedruckt in der Süddeutschen Zeitung am 5. Oktober 2000)


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