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INHALT

Den Ude gibt's, das Internet nicht

Schafft fünf, acht, viele Stadien

Der Zorn des Herrenmenschen

Europa rettet die Kultur

Störfall Genuß

Dicker Lärm und rote Schweine

DICKER LÄRM UND ROTE SCHWEINE

In München gibt es zwei Grundregeln. Erstens: In einen Schweinsbraten (zu dem der moderne Mensch "Schweinebraten" sagt, obwohl im Normalfall höchstens ein Tier beteiligt ist) gehört soviel Natriumglutamat, daß er schmeckt wie ein 42 Jahre altes Suppenhuhn, das sein Leben lang nur Salpeter gegessen hat. Zweitens: Wenn sich morgens herausstellt, daß es sonnig und warm zu werden droht (was heutzutage glücklicherweise nur noch im Herbst geschieht), muß die Stadt beschallt werden. Für ersteres läßt sich notfalls eine Erklärung finden: Zwar sieht, wer zuviel Glutamat zu sich nimmt, irgendwann aus wie Guido Westerwelle nach sechs Stunden Hochdruck-Sauna. Wenn er nicht fünf Maß Bier hinterher trinkt - dann verwandelt er sich zielstrebig in Franz Josef Strauß, und das ist Gotteslästerung und also nur durchzuführen, wenn man wenigstens eine entfernte Vervetterung mitbringt. Jedoch mit ordentlichen Mengen des Giftsalzes - das es seltsamerweise in den Gewürzregalen mancher Super-, Mega- und sonstiger Märkte zu kaufen gibt, obwohl ernsthafte Chemiker seit Jahren empfehlen, es auf dieselbe Liste zu schreiben wie E 605 - läßt sich selbst ein mumifizierter Haufen Flachsen-Leder, der eigentlich in die Schuhfabrik oder den Sondermüll gehört, noch in etwas verwandeln, was äußerlich einem Küchenprodukt ähnelt; zumindest wird das ehemalige Fleisch hübsch rötlich und zerfällt bei der geringsten Berührung. Herrlich zart! ruft dann der Gast.

Das zweite Phänomen reicht tiefer, und seine Auswirkungen reichen in alle Lebensbereiche hinein. Zum Beispiel fällt einem, der sich zu einer beliebigen Zeit auf oder (vorsichtiger) an die Leopoldstraße begibt, sofort ein, was er in der Schule (oder auf dem Pausenhof) gelernt hat: Wenn alle Chinesen gleichzeitig in die Luft springen, ist es mit der Erde und ihrer Umlaufbahn vorbei. Allerdings, so will einem scheinen, haben die Chinesen beschlossen, vor dem großen Sprung nach oben erst mal den Heiligen Römischen Gleichschritt Deutscher Nation einzustudieren. Er gelingt ihnen, das läßt sich über die Kontinente hinweg hören, schon recht gut. Was für ein Erstaunen, wenn man dann dank einem plötzlich heruntergekurbelten Fenster oder Dach feststellt, daß das infernalische Wumpern nicht etwa fernen Gefilden entstammt, sondern einem Automobil, und daß dessen Insassen noch weitgehend am Leben sind! Sie fühlen sich sogar tierisch wohl!

Es gibt ernsthafte Theorien, denen zufolge der Homo industrialus vor allem deshalb lärmt, Amok läuft und Hooligan wird, weil ihm alles zuviel ist. So ist der Mensch: Kaum ist ihm alles zuviel, macht er mit Gewalt noch mehr.

Stop - Rückspultaste - genau: tierisch. Was hier geschieht, entstammt einer archaischen Verhaltensweise, die wir auch von Elefanten kennen: Wenn denen Gefahr droht, warnen sie entfernte Kollegen durch gezieltes Stampfen. Setzte man einen Elefanten auf einen Motorroller und gäbe ihm den Auftrag, zum Beispiel die Leopoldstraße zu befahren, käme er aus dem Stampfen gar nicht mehr heraus und würde unweigerlich kentern. Um Gottes Willen, hier sind alle verrückt geworden! würde er denken und unter Umständen sofort eine Art Union Move zusammenrufen, um selbst noch seinen entferntesten Artgenossen dringend abzuraten, in Hellabrunn und seiner weiteren Umgebung um Asyl nachzusuchen.

Bedenkt man nun noch, daß nicht wenige der Rumms-Auto-Insassen aufgrund exzessiven Konsums von Schwein, Glutamat und Süßgetränken äußerlich Elefanten sehr ähnlich sehen, hat man wieder mal was verstanden.

(gedruckt in der Süddeutschen Zeitung am 19. Oktober 2000)


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