Entstanden im Februar 1999 während und aufgrund der Auseinandersetzung mit Richard Wagner, Friedrich Nietzsche und Wagner und Nietzsche. Wie und wozu, kann ich nicht mehr schlüssig nachvollziehen. Vielleicht findet sich jemand, dem das Wort "Kulmination" einfällt.

Aufgeführt worden ist das Theaterstück bislang nicht. Falls jemand Interesse hat, bitte melden!

 
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Hier zu lesen: Abseitiges

Ein deutscher Weihnachtstraum

Vorspiel

(Aus dem Bühnenhimmel senkt sich langsam ein offensichtlich der Biedermeierzeit entstammender Sessel, der auf halber Höhe in der Luft stehenbleibt. In dem Sessel sitzt ein Mann mittleren Alters, deutlich elegant gekleidet. In den markierten Pausen zieht er an einer Zigarre, die jedoch nicht brennt. Er spricht langsam und so betont, daß der Ernst seiner Ausführungen dadurch leicht ironisiert wird. Es darf jedoch auf keinen Fall der Eindruck einer Selbstpersiflage entstehen!)

Mann: Der Mensch und sein Bild von seiner Umgebung ... Jeder Versuch, die Umgebung in Worten oder Bildern einzufangen, scheitert folgerichtig an der Schwierigkeit, daß jeder Mensch einer anderen Umgebung entstammt, aus der er nun, in unseren Tagen, herauszutreten versucht. Die persönliche Umgebung seines Heranwachsens beeinflußt nicht nur sein Leben, sondern seine Wahrnehmung und weitergehend seine Wiedergabe dieser Wahrnehmung als These, Beschreibung oder Idee so sehr, daß ein allgemeines Bild ausgeschlossen werden kann, ja muß. (Pause) Wie erlebt der Mensch seine Umwelt? Diese Frage stellen heißt fragen, wie er sich selbst erlebt. Und wie erlebt der Mensch sich selbst? In erster Linie vollkommen verschieden. Wie sieht der Mensch seinen eigenen Körper? Gelegentlich als Teilausschnitt, er selbst mit seinem Glied in der Hand auf dem Weg zur Toilette, imperial in Dauerrundumbespiegelung, oder überhaupt nicht, als Resultat einer Zurückgezogenheit, die manchen als Inbegriff philosophischer Tugend gilt? (Pause) In jedem Fall ist es nicht nur er selbst, den er da sieht und erlebt, sondern mit sich auch das Bild seiner Welt. Die gleichsam verschwimmt und sich konturlos auflöst in einem Tohuwabohu von Aussagen von Menschen, die sie unter völlig verschiedenem Blickwinkel, unter völlig verschiedenen Voraussetzungen erleben. Eine Welt, die folglich vielleicht gar nicht existiert. (Pause) Ach, ich bin müde. (Der Sessel mit dem Mann wird langsam wieder nach oben gezogen.)

Erste Szene

(Ein Wohnzimmer mit Tannenbaum, Schrank und festlich gedecktem Tisch mit sechs Stühlen; die Mutter, mit der Fertigstellung der festlichen Ordnung beschäftigt)

Mutter: Wenn ich jetzt bloß wüßte, ob er sie diesmal mitbringt. Sonst steht ein Stuhl leer herum.

Vater (tritt ins Zimmer): Wie lange soll denn das noch dauern? In der Küche riecht’s schon ganz verbrannt.

Mutter: Wenn ich bloß wüßte, ob er sie diesmal mitbringt. Sonst steht ein Stuhl leer herum.

Vater: Dann laß ihn halt leer herumstehen. Das muß unser Herr Sohn schon selbst wissen. Aufgefordert haben wir ihn oft genug.

Mutter: Ich meine halt, daß er vielleicht unsicher ist, weil sie doch aus einer ganz anderen Kultur ...

Vater: Ach was. Die feiern genauso Weihnachten wie wir. Sind schließlich keine Neger oder Beduinen. Und sogar bei denen gibt es Christen.

Mutter: Hier riecht’s wirklich schon ein bißchen. Ich dreh mal den Herd runter. Der Hund braucht auch noch was zu fressen. (ab)

Vater (stützt das Kinn in die Hand, betrachtet in aufrechter Haltung den Weihnachtsbaum): Ein schöner Baum, aus unseren Wäldern. So kommt der Wald in die gute Stube.

Mutter (kommt zurück, erschrocken): Ich weiß gar nicht, essen die überhaupt Geflügel?

Vater: Nun dreh nicht völlig durch, Frau. Unser Sohn hat keine vegetarische Mongolin zur Verlobten genommen, sondern eine Angehörige unserer eigenen Kultur, im weiteren Sinne. Ein gebratener Vogel am Weihnachtsabend ist genauso ein Teil vom Weltkulturerbe wie das Weihnachtsfest selbst.

Tochter (betritt mit ihrem Freund das Wohnzimmer, beide noch im Mantel): Aha, der Vater doziert wieder. Das war mir schon klar, als ich heute morgen sein Horoskop gesehen habe.

Mutter: Da seid ja wenigstens ihr endlich! Wo bleibt denn nur unser Sohn?

Vater: Der kommt schon noch, wenn er Hunger hat. Schließlich wohnt er hier.

(Es klingelt.)

Vater: Der hat doch einen Schlüssel!

Tochter: Die Tür ist sowieso offen.

Mutter: Ja, damit der Rauch sich ein bißchen verzieht.

Vater: Ins Treppenhaus, na prima! Am Dienstag hab‘ ich dann wieder diesen vertrottelten Hausmeister auf dem Hals. Will vielleicht jemand öffnen?

Mutter (geht hinaus.)

Tochter: Und, bringt er sie diesmal mit?

Vater: Das werden wir gleich erfahren. Eine Legitimierung des Verhältnisses steht dringend an. (Er betrachtet den Freund der Tochter sehr aufmerksam.) Dafür ist ein Weihnachtsabend eine sehr geeignete Gelegenheit.

Freund (verlegen): Na ja.

Tochter (zum Vater): Laß ihn in Ruhe. Wir klären das selbst.

Mutter (betritt das Zimmer mit der Suppenterrine): So, jetzt gibt es erst mal Suppe. Und den Stuhl räume ich weg. (Sie trägt den Stuhl hinaus.)

Vater: Wieso? Wo ist er? Was ist mit ihr?

Mutter: Sie ist nicht dabei.

Tochter: Ich möchte wetten, daß es das Fräulein in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Mutter: Red nicht so. Er schämt sich halt ein bißchen.

Vater: Was hat er sich da zu schämen? Dies ist ein gastfreundliches Haus! Wir sind offen für fremde Kulturen!

Sohn (von draußen): Zum Gruße!

Tochter: Guten Abend.

Vater: Fröhliche Weihnachten! Wo ist meine zukünftige Schwiegertochter?

Sohn (betritt das Zimmer): Da wo sie hingehört.

Mutter: Jetzt setzt euch doch erstmal!

(Alle nehmen umständlich Platz: Die Mutter am Tischende, der Sohn gegenüber, die Tochter neben dem Vater.)

Vater: So! Und jetzt werden die Lichter entzündet und der Baum betrachtet!

Mutter (drückt auf einen Knopf an einem Kabel; sofort klappen an dem Baum alle Zweige nach oben): Hoppla!

Vater: Was ist denn das jetzt?

Tochter: Falscher Knopf.

Vater: Ich meine: Was ist denn das für ein Baum?

Tochter: Einer aus Plastik eben. War im Sonderangebot, bei Rudi’s Resterampe.

Mutter: Jetzt reg dich nicht gleich wieder auf!

Vater: Plastik? Sonderangebot? Was ist denn hier los? Ein Baum hat aus Holz zu sein! Demnächst werden wir hier die Wände einreißen und durch Plastik ersetzen, oder was? Das ist doch kein Baum!

Tochter: Natürlich ist das ein Baum. Und außerdem hält der mindestens zehn Jahre. Für sechzehn neunundneunzig! Jedes Jahr eine Fichte für dreißig Mark, das ist doch Wahnsinn, schon bloß rein ökologisch!

Vater: Aha! Und ein Plastikbaum ist natürlich total ökologisch! Verstehe!

Mutter: Das ist halt jetzt modern.

Vater: Modern! Modern! Ich will nichts Modernes an Weihnachten! Ich will Holz! Einen Baum, ein gutes Essen von Porzellantellern, und die Familie sitzt am guten alten Holztisch, bei Kerzenlicht ...

Tochter: Holztisch! Daß ich nicht lache!

Vater: Wieso, was gibt’s da zu lachen? Ein Holztisch ist ein Stück deutsche Tradition, übrigens nicht nur in Deutschland!

Tochter: Aber unser Tisch ist aus Plastik. Von Rudi’s Resterampe.

Vater: Was? (er hebt die Tischdecke an einem Ende hoch und starrt sekundenlang die weiße Resopalfläche an) Und wo ist das Familienerbstück? Unser Familienerbstück?

Tochter: Familienerbstück! Das alte Klump, das der Opa vor vier Jahren bei Ikea gekauft und falsch zusammengebaut hat!

Mutter: Außerdem hat der Hund immer ans Bein gepinkelt. Das stinkt doch auf die Dauer.

Vater (sinkt demoralisiert zusammen): Na ja, vielleicht ist ja die Gans echt.

Mutter: Jetzt gibt es erst mal Suppe. Nehmt euch doch!

Vater (zum Sohn): Ich möchte jetzt wissen, wieso wir sie schon wieder nicht zu Gesicht bekommen. Du schämst dich wohl für deine Familie, was?

Sohn: Sie hat hier nichts verloren.

Tochter: Eine interessante These.

Mutter: Aber irgendwann bringst du sie schon mal mit, nicht wahr?

Sohn: Hierher bestimmt nicht. Und an Weihnachten schon gar nicht. Hier sind wir unter uns, das ist eine nationale Frage!

Tochter (zum Freund): Hör einfach nicht hin. Seine Freundin ist Tschechin.

Freund: Ach so.

Sohn: Seht ihr, der versteht mich!

Tochter: Laß ihn aus dem Spiel! Der versteht gar nichts!

Vater: Wenn du sie nicht mitbringst, dann brauchst du nächstes Mal gar nicht erst zu kommen!

Mutter (verteilt Suppe): So, jetzt essen wir mal. Seid friedlich.

Sohn: Ich kann nichts essen. Mir ist der Appetit schon vergangen.

Mutter: Nun sei nicht so. Du mußt den Vater auch verstehen, er will eben deine Freundin kennenlernen. Du hättest sie uns schon längst mal vorführen können.

Vater: Vielleicht paßt es ihm ja hier nicht mehr. Vielleicht will er ja an unserer familiären Zusammenkunft gar nicht teilnehmen? Ich habe dich was gefragt! Willst du an unserer familiären Zusammenkunft teilnehmen?

Sohn: Nein, will ich nicht. Natürlich nicht.

Vater: Das ist aber keine Frage deines Willens!

Sohn: Du kannst dir deine Familie an den Hut stecken! Für euch bin ich doch sowieso nur ein Stück Dreck! Immer habt ihr sie bevorzugt! (deutet auf die Schwester)

Mutter: Also weißt du.

Vater: Und wenn schon! Das hat auch seinen Grund! (packt die Hand der Tochter, an der ihr Verlobungsring steckt) Hier! Aus der ist wenigstens was Anständiges geworden!

Mutter (erstaunt): Na so was, wo ist denn der Ring her?

Vater: Aus dem Zahngold von der Oma. Das haben sie herausgebrochen und umgeschmiedet.

Mutter: Igitt!

Vater: Was heißt hier Igitt! Hab dich nicht so, das Zeug wird beim Schmieden schließlich ultrahocherhitzt!

Tochter (scherzhaft zum Freund): Und wenn ich dich mal nicht mehr ertrage, kann ich mir ja wieder ein paar Zahnplomben daraus machen lassen.

Mutter: Also weißt du! Die Oma ist noch kaum unter der Erde ...

Vater: Die ist schon weiter drunten als du denkst!

Sohn: Und wo ist eigentlich mein Anteil an dem Erbe? Das steht mir genauso zu wie ihr! Das ist Raub!

Vater (sehr laut): Jetzt hab ich aber genug! Du bist hier immer noch der Sohn!

Sohn: Ja, und was erwartest du jetzt von mir?

Vater: Ich erwarte, daß du hier ...

Sohn: Ich sage dir, daß ich rausgeworfen werden will ...

Vater: ... daß du hier ordentlich ...

Sohn: ... und daß ich diese Veranstaltung hier stören werde, bis du mich rauswirfst, genügt dir das?

Vater: Das heißt also, du willst an diesem Weihnachtsfest nicht geordnet teilnehmen?

Sohn (steht auf): Nein.

Vater: Sohn! Ich fordere dich nochmals auf: Nimm Platz und bleib in diesem Zimmer!

Sohn: Ich nehme nicht Platz. Wirf mich ...

Vater (betont ruhig): Dann wirst du eben im Stehen essen müssen.

Sohn: Jetzt wirf mich doch gefälligst endlich raus!

Vater: Wer hier an diesem Tisch sitzt und feiert, das ist keine Frage deines Wunsches.

Sohn: Das heißt, du willst mich zwingen, hierzubleiben?

Vater: Du bist verpflichtet, hierzubleiben. Das Weihnachtsfest ist ein Familienfest.

Sohn: Na, was erwartest du, willst du Beschimpfungen provozieren oder was?

Vater: Ich will gar nichts provozieren. Mir ist sympathischer, wenn du keine Beschimpfungen aussprichst.

Sohn: Ich werde dieses Familienfest stören. Das ist doch ein ganz dreckiges Manöver, was du hier machst!

Vater: Das ist kein dreckiges Manöver. Es legen mir Sitte und Anstand die Pflicht auf, mich so zu verhalten, wie ich es tue.

Mutter (mit zittriger Stimme): Die Suppe wird kalt.

Sohn (beachtet sie nicht): Ja, was willst du? Willst du unbedingt, daß es hier zu physischer Gewalt kommt, oder was?

Tochter: Physische Gewalt! Wo er nur immer die Fremdwörter her hat!

Vater: Du wirst dich setzen und geordnet teilnehmen.

Sohn (außer sich): Das was du da provozierst ... Ich werde mich nicht setzen, ich werde nicht geordnet an der Veranstaltung teilnehmen!

Vater: Gut, dann mußt du eben im Stehen an der Veranstaltung teilnehmen.

Sohn (setzt sich): Na schön. Dann macht eben diese lächerliche Prozedur. Ich werde stören, solange ich hier drinnen bin.

Vater: Bis jetzt störst du noch nicht.

Sohn: Na schön.

Vater: Ich sage dir nur das eine: Du kannst meinetwegen hier im Stehen essen oder in welcher Körperhaltung auch immer, aber wir lassen uns nicht von dir diese Familienfeier kaputtmachen!

Sohn (springt wieder auf): Ja, willst du es unbedingt hören? Also, du kannst das hören, du kannst das in verschiedener Form haben!

Vater: Ich will es nicht hören.

Sohn: Na ja, du kannst auch von mir hören, daß du ein faschistisches Arschloch bist!

Vater: Aha, ein faschistisches Arschloch.

Tochter: Wie passend.

Mutter (erschrocken): Jetzt hört doch endlich auf und eßt eure Suppe! Muß denn erst alles kalt werden?

Tochter (kopfschüttelnd): Wirklich ungeheuer passend. Aus berufenem Munde.

(Alle löffeln schweigend ihre Suppe, der Sohn im Stehen.)

Mutter (ängstlich): Schmeckt’s euch?

Tochter (ironisch): Fast wie daheim.

Vater: Und was soll die tschechische Abkunft deiner zukünftigen Gattin mit unserem Weihnachtsfest zu tun haben? Kann mir das vielleicht irgend jemand erklären?

Sohn (erzürnt, in lautem Wolfgang-Gerhardt-Stakkato): Weihnachten ist ein deutsches Fest und wird in deutschen Häusern von Deutschen gefeiert! Basta!

Vater: Jetzt reicht’s mir! Sofort in dein Zimmer!

Sohn: Ich habe ein Recht, hier zu stehen! Dies ist auch mein Lebensraum!

Vater (springt auf): Lebensraum? Ich hör‘ wohl nicht recht! Der Kerl ist völlig schwachsinnig geworden!

Mutter (jämmerlich): Bitte setzt euch doch wieder, es gibt doch noch den Vogel!

Vater (sehr laut): Den hat dieser Sohn! Sofort hinaus aus meinem Augenfeld! (zur Mutter) Wer hat dieses Monstrum gezeugt? (Als der Sohn keine Anstalten macht, dem Befehl Folge zu leisten, springt der Vater plötzlich um den Tisch herum, packt ihn am Arm und zerrt ihn weg. Der Sohn hält sich am Tischtuch fest, das gesamte Geschirr klirrt zu Boden, nur die Terrine nicht, die die geistesgegenwärtige Mutter schnell hochgehoben hat.)

Tochter: Toll, da brauchen wir nicht mehr abspülen.

Freund (versucht ein Grinsen, das ihm total mißlingt.)

Tochter: Was machst du denn für ein Gesicht?

Freund (steckt sich einen Finger zwischen die entblößten Zahnreihen): Kümmelkorn.

Vater (ist zurückgekehrt, diensteifrig): Hätten Sie gerne einen Zahnstocher, junger Mann?

Freund: Ich glaube ...

Tochter (fällt ihm ins Wort): Er heißt Josef, Vater!

Vater: Na und? Ich heiße Siegfried. Hat in diesem Haus jemals schon jemand Siegfried zu mir gesagt? (Er zieht eine Streichholzschachtel aus der Tasche, entnimmt ihr ein Holz, spaltet es mit dem Daumennagel und reicht es dem Freund.) Da, nehmen Sie schon! (Der Freund beginnt sofort heftig mit dem Zahnstocher in seinem Mund herumzustochern.) Nur keine falsche Bescheidenheit! Und jetzt ertönt festliche Musik!

Mutter: Ach Vater!

Vater: Nicht beachten, einfach nicht beachten, junger Mann. Sie wissen ja, dem holden Geschlecht ist der große Kunstgenuß verwehrt. (Er steht minutenlang vor einem Stapel von etwa zehn Schallplatten, reibt sich das Kinn, zieht dann mit feierlicher Geste »Tristan und Isolde« aus dem Stapel.)

Mutter: Ich hole dann mal den Vogel.

Vater: Ja, geh du nur! (Er zieht die Schuhe aus, legt die Platte auf, wartet, bis sich der Tonarm senkt, seufzt dann heftig:) Aaahh!

Tochter: Fällt dir was auf? Dieser Mensch tut den ganzen Tag nichts anderes als Leute hinauszuschicken. Außer sie wollen hinaus, dann müssen sie dableiben. Dieses autoritäre Gehabe hat er von seinem SS-Vater. Kein Wunder, daß sein Sohn am liebsten Leute aus dem Land schicken will.

Freund (unterbricht seine beflissene Tätigkeit mit dem Zahnstocher; bedeutet ihr mit beiden Händen zu schweigen, abwiegelnd): Na ja.

Vater: Ruhe jetzt!

Mutter (aus der Küche, übertrieben melodisch-fröhlich): Wer möchte Flü-hügel?

Vater: Wer braucht Geflügel? Die Schwingen der Schönheit breiten sich hier aus! (setzt sich zu Tisch und verfällt in eine Dirigenten-Pantomime)

Tochter: Gott, ist das laut!

Sohn (von draußen): Deutschland erwache!

Mutter (kommt zurück mit einem Tablett in Händen, auf dem Stücke einer Gans liegen, ruft über ihre Schulter nach draußen): Sei wenigstens still jetzt!

Vater (erhebt sich taumelnd, während er gleichzeitig mit beiden Händen, naturgemäß unbeholfen, versucht, sich selbst zu erwürgen): Dämon! Hinfort!

Mutter (entsetzt): Oh Gott, jetzt kriegt er auch noch seinen Wagner-Wahn! Marie, sofort die Platte aus! Schnell!

Tochter (sitzt wie gelähmt, starrt dem Vater nach, der aus dem Zimmer taumelt): Was?

Vater (von draußen, gurgelnd): Urgrund! Hinab! Arrgh!

Mutter (stellt das Tablett mit der Gans auf den Boden, schaltet die Stereoanlage aus, die Musik bricht plötzlich ab): Ist sowieso alles zu spät.

Mutter, Tochter, Freund (schauen peinlich berührt auf den Tisch, während von draußen das Rumpeln des Vaters zu hören ist; der Hund schnappt sich die Gans und verschwindet unter dem Schrank.)

Vater: Brodelnder Brodem!

Sohn (gedämpft): Halt’s Maul! Nationaler Widerstand!

Tochter: Wenn ich mir diese Familie ansehe, frage ich mich manchmal, was bei mir schiefgegangen ist.

Mutter: Red nicht so. (zum Freund, beflissen) Er hat das nicht oft!

Freund (verständnisvoll): Na ja.

Sohn (hämmert gegen die Tür seines Zimmers): Jeder soll es hören, wenn unser Ruf erschallt!

(Es klingelt an der Wohnungstür, das Rumpeln und Bumpern setzt sich ohne Unterbrechung fort.)

Tochter: Das ist die Polizei, wetten?

Mutter: Mein Gott, ist das furchtbar!

Tochter: Nun mach doch auf!

Mutter: Auf gar keinen Fall!

Tochter: Wenn es die Polizei ist, brechen sie sowieso die Tür auf.

Stimme von draußen: Polizei! Aufmachen, oder wir brechen die Tür auf!

Tochter (eilt nach draußen, schiebt den immer noch sich selbst würgenden Vater ins Zimmer und schließt die Tür. Der Freund tritt in den Hintergrund und rührt sich nicht.)

Stimme (von draußen, gedämpft): Wohnt hier ein Knut Richard Huber?

Mutter: So, jetzt holen sie den Buben!

Vater (kommt plötzlich zur Ruhe): Was? Wer holt unseren Buben?

Mutter: Die Polizei.

(Von draußen sind wilde Geräusche und Schreie zu vernehmen, offenbar spielt sich eine heftige Auseinandersetzung ab.)

Vater: Mein lieber Mann, was geht denn da vor?

Mutter (wütend und verzweifelt): Du kapierst auch gar nichts! Deinen Sohn holen die ab! Weil er ein Nazi ist!

Vater: Das geht nicht! (Er will nach draußen stürzen, die Mutter hält ihn zurück, beide fallen mit dem Tisch um, in diesem Moment geht die Tür auf, und ein Polizeibeamter steht im Zimmer.)

Polizist: Sind Sie die Eltern Huber?

Mutter (vom Boden): Ja.

Vater (vom Boden): Schweig! Alles, was du sagst, werden diese Schergen gegen dich verwenden! Gegen uns alle! Was habt ihr mit meinem Sohn vor, ihr Schergen? (Er rappelt sich mühsam auf, wobei er die Mutter wieder zu Boden stößt, um hochzukommen.)

Polizist: Immer langsam, guter Mann! Ihr Sohn ist ein ganz saftiges Früchtchen, mein Lieber!

Mutter (bleibt liegen, fängt an, lautstark zu schluchzen.)

Vater: Hausdurchsuchungsbefehl! Haftbefehl! Dienstmarke!

Polizist: Sie sehen wohl zuviel Fernsehen, was? Hier ist der Haftbefehl, das genügt uns. (Hält dem Vater einen Zettel vors Gesicht, den dieser wütend wegreißt und liest.)

Vater: Brandstiftung?

Mutter: Was? (Beide lesen den Haftbefehl.) Mein Gott, ist das schrecklich!

Vater: Das ist höchstens ein schrecklicher Irrtum. Mein Sohn mag ein bißchen verdreht sein, aber ein Verbrecher ist diesem Geschlecht garantiert nicht entsprungen!

Mutter: Aber denk doch an das ganze Benzin, das er immer in den Keller ...

Vater: Schweig, Frau! In die Küche mit dir! (Mutter ab)

Polizist: Benzin? Was ist das mit Benzin?

Zweiter Polizist (von draußen): Wir wären dann soweit, Adi!

Polizist: Augenblick noch! Geh du mit dem Burschen schon mal vor, wir werfen noch einen Blick in den Keller.

Vater: In den Keller? Was haben Sie denn in unserem Keller verloren? Das erlaube ich nicht!

Polizist: Seien Sie doch vernünftig, Mann. Reinschauen tun wir sowieso!

Vater: Nichts da. Dafür will ich erst ein Papier sehen!

Polizist: Wie Sie wollen. Dann sehen wir uns sehr bald wieder. Schönen Weihnachtsabend inzwischen. (geht ab)

Mutter (kommt wieder ins Zimmer): Mein Gott, ist das alles schrecklich!

Vater (imitiert sie): Mein Gott, ist das alles schrecklich! Hör doch endlich auf mit deinem Gejammer! Wir haben zu tun! Wir müssen einen Justizirrtum verhindern!

Mutter: Was sollen wir denn jetzt noch tun?

Tochter (kommt wieder ins Zimmer): Was wird er wohl tun? Den Keller ausräumen natürlich. Und am besten das ganze Zeug gleich im Hof verbrennen. Benzin ist ja genug da.

Vater: Red du nur recht schlau daher! Was wäre denn da schon groß zu verbrennen?

Tochter: Zum Beispiel die Hakenkreuzfahne und die ganzen Flugblätter.

Mutter: Fahne? Flugblätter?

Tochter: Was ist eigentlich los mit euch? Habt ihr vielleicht noch nicht bemerkt, daß sich da unten jeden Samstag die ganze Faschoszene versammelt und Nazi-Lieder grölt?

Vater: Jetzt platzt mir aber bald der Kragen! Was geht hier vor? Die Mutter winselt, die Tochter beschmutzt das eigene Nest, und der Sohn fängt im Keller den dritten Weltkrieg an! Bin ich hier im Irrenhaus oder was?

Tochter: Zumindest im Zentrum einer kriminellen Vereinigung.

Vater: Das wär’s dann! Ich habe keine Tochter mehr!

Mutter: Versündige dich nicht!

Vater: Ach was! Versündigen! Das hat sie sich selbst zuzuschreiben. Mir bleibt immer noch mein Sohn.

Mutter (läßt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen): Wenn’s nur deiner wäre.

Vater: Hör ich recht?

(In diesem Moment ertönt ein grollendes Geräusch, dann erbricht der Hund die Gans.)

Tochter: Na Mahlzeit!

Mutter: Nein! Hasso! Oh nein, der arme Hund! Die arme Gans!

Freund (würgt heftig)

Mutter: Ich hole Eimer und Lappen. Wie peinlich, wenn die Polizei jetzt zurückkommt.

Tochter: Laß nur, das schleckt er schon wieder auf.

Freund (würgt noch heftiger)

(Der Hund schlingt das soeben Erbrochene gierig wieder hinunter.)

Mutter: Oh nein, ich kann gar nicht hinsehen!

Tochter: Ich auch nicht, Mahlzeit!

Freund (würgt weiter)

(Alle starren eine Zeitlang wie gebannt auf die Verrichtungen des Hundes.)

Vater: Was war das mit meinem Sohn? Hab ich recht gehört?

Mutter (wird wütend): Ja, du hast recht gehört! Dein Sohn ist überhaupt nicht dein Sohn, sondern der vom Jürgen. Und schuld bist du selbst!

Vater (läßt sich auch auf einen Stuhl fallen): Das glaub ich nicht. Was soll denn das heißen? Mein Sohn? Welcher Jürgen?

Mutter: Na, dein eigener Jürgen! Dein Guru! Der klügste Mann von allen! Du hast mich ja selber hingeschleppt in diese dumme Kommune!

Tochter: Aha, jetzt wird’s spannend. Geschichtsstunde!

Vater: Jürgen Müller! Dieses Kameradenschwein! Einem solchen Kerl hab ich vertraut! Ich könnte mich selbst ohrfeigen!

Tochter: Nicht schon wieder!

Freund: Das ist ja irre!

Vater: Der kann ja reden!

Freund: Aber der Jürgen Müller ist doch auch mein Vater! Da sind wir ja Brüder! Ich meine, dann ist dein Bruder ja auch mein Bruder!

Tochter (läßt sich auf einen Stuhl fallen): Jetzt wird’s mir auch zuviel.

Mutter: Ich war immer gegen dieses Kommunenzeug. Sexuelle Befreiung, pah! Da sieht man, was dabei herauskommt. Ein Nazi.

Vater: Mein Sohn ist kein Nazi! (besinnt sich) Obwohl, wer weiß, was dieser Jürgen Müller für Gene hat. Dem traue ich alles zu. (Plötzlich fängt er wieder an, sich selbst zu würgen) Verdammte Scheiße!

Tochter: Jetzt hör doch auf mit dem Unfug!

Mutter (winkt ab): Laß ihn doch, wenn er das unbedingt braucht. Helfen kann uns sowieso nichts mehr.

Freund (schüttelt immer noch mit versonnenem Grinsen den Kopf): Nicht zu fassen.

Vater (läßt von sich ab, spingt auf): Der Keller! Wir haben den Keller vergessen! (Er rennt nach draußen, die Tür fällt ins Schloß.)

Mutter: So, jetzt ist das auch heraußen.

Tochter: Wer ist eigentlich Jürgen Müller?

Mutter: Ach, Kind. Das ist ja alles so lange her. Dein Vater hat den bewundert wie den leibhaftigen Messias. Und dann haben wir da hingehen müssen in diese Kommune, und der hat immer von freier Liebe geredet und von den bürgerlichen Konventionen und daß man das alles überwinden muß und ... (Sie bricht in Tränen aus.)

Tochter: Ihr wart in einer Kommune? So richtig echt? Das ist jetzt schon ein Hammer!

Mutter: Ach Kind, was ihr euch da immer vorstellt. Schau dir doch die Leute an, was aus denen geworden ist, wenn man sie heute im Fernsehen sieht. Da erzählen sie dann eben vom deutschen Nationalgeist, weil das jetzt modern ist, oder sie wollen ihren König Ludwig wiederhaben. Damals haben sie ihre Kinder in diese Kinderläden geschickt, heute sind Brandstifter draus geworden!

Tochter: War mein Bruder etwa in so einem Kinderladen?

Mutter: Nein, natürlich nicht. Aber schlimmer hätt’s so auch nicht mehr kommen können.

Tochter: Mein deutschnationaler Wagnerianervater war mal ein richtiger Kommunarde! Das haut mich jetzt echt um!

Freund: Na ja.

Tochter: Davon verstehst du nun wirklich nichts, du mit deinem reaktionären Elternhaus. Dein Vater hat ja Versailles noch nicht überwunden!

Freund: Aber wir haben doch denselben Vater! Das heißt, dein Bruder und ich, meine ich natürlich. Und meine Mutter war auch in der Kommune bei dem Müller. Deswegen ist mein Vater ja wahrscheinlich so verbiestert, aus Opposition. Glaube ich.

Tochter: Das sieht man deiner Mutter aber nicht mehr an.

Freund: Deiner auch nicht. (zur Mutter) Entschuldigung.

Mutter (versonnen): Ja ja, wir haben uns schon alle sehr verändert.

(Alle schweigen eine Weile.)

Tochter: Und woher bin ich dann eigentlich, wenn ich fragen darf?

Mutter: Wo bist du her? Das weiß ich nicht. Wer ist dein Vater? Das weiß ich nicht. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.

Tochter (rüttelt sie am Arm): Du weißt es nicht? So was muß man doch wissen! Bei ihm weißt du’s ja auch.

Mutter: Ja ja, du wirst schon vom Vater sein. Du bist ja auch älter, Kind. Da hat er ja noch nicht diese Erektionsprobleme gehabt.

Tochter (lacht unwillkürlich)

Freund: Das war bei meinem Vater genauso. Ich meine, bei meinem anderen Vater, bei dem mit meiner Mutter, also bei ...

Tochter: Wir haben schon verstanden. (lacht hysterisch) Mein Vater hat Erektionsprobleme! Der starke deutsche Mann!

Mutter: Jahrelang. Hat er ja immer noch. Vielleicht kommt daher dieser Wagner-Wahn. Ich weiß ja auch nicht. Jedenfalls hat ihm der Jürgen Müller mit seiner Kommune nicht helfen können. Der war sowieso nur auf die ganzen Frauen aus. (zum Freund) Das werden Sie ja wissen.

Freund: Na ja. Mein Vater ist ja gleich danach in Indien verschollen. Ich hab’s in seinen Tagebüchern gelesen, das mit dem ... mit den Sachen. Und als er zurückkam, hat er gleich sein Staatsexamen gemacht, und dann ist er Staatsanwalt geworden und hat sich scheiden lassen, und dann hat er dieses Flittchen geheiratet und ... (schluchzt laut)

Tochter: Mein Gott, jetzt fängst du auch noch an! Sei doch froh, daß ihr den reaktionären Betonkopf los seid!

Freund (schluchzend): Ja ja, du hast ja recht.

(Der Vater kommt aus dem Keller zurück, ein dickes Bündel unter dem Arm.)

Mutter: Was ist denn das alles?

(Vater legt das Bündel auf den Boden, rollt es auseinander. Zum Vorschein kommt ein Berg von Maschinengewehren und anderen Schußwaffen, eingewickelt in eine Hakenkreuzfahne.)

Mutter (entsetzt): Was ist denn das? Wo ist denn das Zeug her?

Vater: Das möchte ich auch gerne wissen. Wahrscheinlich von der Bundeswehr, da wollte er ja unbedingt hin. Und wir haben ihn auch noch gehen lassen! Damit er dort die Arsenale ausräumt und alles in unseren Keller trägt! Ein Wunder, daß keine Atombombe da unten liegt.

Mutter: Und was sollen wir jetzt mit dem Zeug machen? Das kann doch hier nicht bleiben! Das müssen wir zurückgeben!

Vater: Natürlich! Vielleicht finden wir ja in seinem Zimmer einen Leihschein, dann gehen wir da hin und sagen: Liebe Leute, hier sind eure ganzen Waffen zurück. Schönen Dank für’s Ausleihen! Da können wir uns gleich selber ins Gefängnis sperren!

Mutter: Aber wir haben doch nichts davon gewußt!

Vater: Und das glaubt uns natürlich jeder! So blöd kann doch keiner sein, werden die sagen. Vernachlässigung der Aufsichtspflicht heißt das. So was ist denen doch völlig egal! Ich war doch selber bei dem Verein!

Freund: Ach, Sie waren beim Militär?

Vater: Ja, der erste Nachkriegsjahrgang. Unter Protest!

Mutter: Ach was, Protest. Du hättest ja nur nicht hingehen brauchen. Der Jürgen Müller ist ja auch einfach nicht hingegangen.

Vater: Ja, und du siehst ja, was daraus geworden ist! Eine anständige Ausbildung in Disziplin hat noch keinem geschadet. Ich habe ja deswegen auch nicht Waffen nach Hause getragen und Heil Hitler gebrüllt.

Tochter: Ich habe Durst.

Vater: Ich auch. (zur Mutter:) Hol Schnaps!

Mutter: Unter Protest. Nur weil ich jetzt auch einen brauche. (Geht hinaus, alle schweigen; sie kommt mit einer Flasche Schnaps und vier Gläsern zurück; zum Freund:) Sie auch einen?

Freund: Na ja.

Vater: Jetzt hat er wieder seine Lähmung.

Tochter: Laß ihn in Ruhe. Einen solchen Affenzirkus wie hier erlebt man nicht alle Tage. Da würde dir auch nichts mehr einfallen.

(Alle trinken, die Mutter schenkt nach.)

Vater: Zum Wohl!

(Alle trinken, die Mutter schenkt nach.)

Tochter: Hinunter damit!

(Alle trinken, die Mutter schenkt nach.)

Mutter: Und was machen wir jetzt mit dem Zeug?

Vater: Trinken! Hinunter damit!

Mutter: Ich meine dieses Zeug da, die Waffen und das. Soll das da liegenbleiben, bis die Polizei zurückkommt?

Tochter: Warum nicht. Ist doch egal. Wirf’s doch in die Mülltonne.

Vater: Du kannst ja mit der Flagge die Kotze wegwischen. (betrachtet die verbliebenen Überreste der Gans) Wenigstens einer ist satt.

(Alle trinken, die Mutter schenkt nach.)

Tochter (lallt): Was ist eigentlich aus diesem Jürgen Müller geworden?

Mutter: Gute Frage.

Vater: Das will ich gar nicht wissen!

(Alle trinken, die Mutter schenkt nach.)

Tochter: Wir sollten ihn eigentlich anrufen. Schließlich ist das doch ein toller Zufall, daß hier zwei von seinen Söhnen sich zufällig treffen.

Vater: Der eine ist schon im Gefängnis.

Freund: Moment mal. Das klingt ja so, als ob ich auch ...

Vater: Und außerdem will ich gar nicht wissen, wieviel Söhne der noch hat. Das kann keiner zählen wahrscheinlich. Wahrscheinlich brauchst du bloß die Nachbarn alle zusammenklingeln, dann hast du eine ganze Müller-Sippe! Nein, nichts will ich davon wissen!

(Alle trinken, die Mutter schenkt nach.)

(Es klingelt an der Tür.)

Mutter: Da sind sie wieder.

Vater: Wir können uns verteidigen!

Freund (lacht.)

Tochter: Jemand muß aufmachen. Ich komm nicht mehr hoch.

Vater: Ich auch nicht.

Freund: Puh.

Mutter: Wir machen einfach nicht auf. Ist eh alles zu spät.

Vater: Genau. Sollen ein anderes Mal wiederkommen.

Tochter: Dann machen wir wieder nicht auf.

Mutter: Wir machen überhaupt nie mehr auf.

Vater: Wir können uns immerhin verteidigen.

Freund: Ich habe noch nie geschossen.

Vater: Dann lernen Sie es jetzt. (Er steht taumelnd auf und nimmt ein Maschinengewehr.) Das ist ein Maschinengewehr.

(Es klingelt wieder.)

Tochter (laut): Keiner da!

Vater: Das hält man so. Und da ist der Abzug.

Freund: Sieht ganz leicht aus.

Vater: Na los, nehmen Sie sich auch eins!

Mutter: Ihr seid ja alle verrückt geworden! (Sie erhebt sich schwankend, geht zum Plattenspieler, schaltet ihn wieder ein; »Tristan und Isolde« ertönt.)

Polizist (von draußen): Aufmachen!

Mutter: Ich weiß nicht, woher ich die Stimme kenne.

Freund: Ganz einfach, das ist der Jürgen Müller. Ich wollte ja vorhin nichts sagen ...

Vater: Ha! Da haben wir’s! Mach die Musik lauter, ich will diese Stimme nicht hören! In Stellung, junger Mann!

(Die Tür wird aufgebrochen.)

Vater: Feuer!

(Vater und Freund schießen wie entfesselt mit den Maschinengewehren; Schreie; die Tochter fällt vom Stuhl, die Mutter trinkt die Flasche leer.)

(Dunkel)

Zweite Szene

(Eine seit den sechziger Jahren nicht mehr renovierte Polizeiwache mit abgegriffenem Resopaltresen, hinter dem ein Wachhabender an seinem Schreibtisch sitzt und mühsam auf der uralten Schreibmaschine etwas tippt. Der Vater wird von drei schwerbewaffneten Beamten hereingestoßen, stark gefesselt und in eine Zwangsjacke gepackt. Mutter, Tochter und Freund übertönen sich gegenseitig mit aufgeregten Erklärungen und Drohungen, die zusammengenommen aber nur einen Wortbrei ergeben.)

Wachhabender: Was ist denn jetzt los?

Alle: (brüllen durcheinander)

Wachhabender (brüllt): Ruhe, Himmel Arsch! Wir sind hier nicht in Eglfing! Was soll das hier für ein Aufmarsch werden?

Polizist: Weihnachtsfall, typisch!

Zweiter Polizist: Na, du bist lustig! Ich hab‘ immerhin einen Streifschuß! (Er will sein Hosenbein hochkrempeln, dabei fällt ihm die MP aus der Hand.) Hoppla!

Erster Polizist: Ui, ui! Vorsicht! Wie schnell hat sich da ein Schuß gelöst!

Wachhabender: So, will mich jetzt vielleicht mal jemand einweihen?

Dritter Polizist: Notruf in der Lohengrinstraße. Hat wie ein Irrer in der Gegend herumgeballert und dazu Arien gesungen. Wollte sich offenbar selbst erwürgen und hat mich beim Herfahren die ganze Zeit beschimpft, weil er mich offenbar für einen Jürgen Müller hält. Möglicherweise eine interne Auseinandersetzung in Waffenhändlerkreisen.

Erster Polizist: Ach was, typischer Weihnachtsfall.

Wachhabender (erbleicht): Geballert? Sie meinen, mit Schußwaffen?

Dritter Polizist: Jawohl.

Wachhabender: Und da kommt ihr hier zu dritt an? Seid ihr wahnsinnig? Da gehört ordnungsgemäß die Wohnung gestürmt! Wenn das im KVR jemand mitkriegt, dann raucht’s! Gab’s Verletzte?

Zweiter Polizist: Ein toter Hund. Hat ihm selber gehört. Sonst hat er bloß noch seine Wohnzimmertür zerschossen. Die aber gründlich.

Erster Polizist: Ungefähr zweitausend Schuß.

Wachhabender (erbleicht noch mehr): Ja, was ist das! Himmel Arsch! Zweitausend Schuß? Das müssen wir ja in Brüssel melden! Oder Genf.

Vater (trotzig): Möchte mal wissen, wer da mitgezählt haben soll. Und du da, nimm die Tarnkappe ab! Verräter! Kameradenschwein!

Zweiter Polizist (sehr wütend): Du hältst mal ganz das Maul! Sonst hast du auch gleich einen Streifschuß!

Wachhabender: Immer mit der Ruhe, Hofer. Und warum hat der diese Jacke an und keine Schuhe und ist nicht ordnungsgemäß verhaftet?

Erster Polizist: Wir hatten die Handschellen im Auto ... äh, vergessen. Und da war dieser Trupp aus Haar. Den haben aber die Nachbarn gerufen. Die haben den schon gekannt, offenbar geht das schon länger so mit dem Kerl.

Mutter (ist inzwischen auf eine Bank gesunken, Tochter und Freund daneben; verzweifelt): Ach diese Schande! Ich mag nicht mehr leben!

Zweiter Polizist: Dazu hatten Sie ausgiebig Gelegenheit. Jetzt ist’s zu spät.

Vater (deklamiert): Ich verlange sofort einen Anwalt!

Wachhabender (herrisch): Sie halten den Mund! So, dann müssen wir wohl ein Protokoll aufnehmen. Und ich hab‘ das von vornher noch nicht fertig, Himmel Arsch!

Vater (deklamiert): Gott wird Sie strafen!

Erster Polizist: Der spinnt wirklich. Sollen wir nicht besser Verstärkung holen?

Stimme von draußen: Kehrt um! Bereut, verirrte Gottesschafe!

Vater: Hört ihr den Ruf? Nun danket Gott, daß ihr berufen, ihn zu hören!

Wachhabender: Ja, schönen Dank. Das ist der Irre von vorher, der kriegt das jede halbe Stunde. (laut) Ruhe, Herrgott!

Vater: Er wagt’s, dem Herren selbst zu drohen? Oh, Strafe! Strafe ohne Gleichen des – ach! – gekränkten Gnadenreichen!

Wachhabender (an der Schreibmaschine): Können Sie das bitte wiederholen?

Zweiter Polizist: Der spinnt doch. Ich meine, wir sollten Verstärkung anfordern. Wenn der loslegt, werden wir nicht mit ihm fertig, fürchte ich.

Wachhabender: Erst wird ein Protokoll aufgenommen. Also. Wer hat die Meldung gemacht?

Erster Polizist: Ein Nachbar.

Zweiter Polizist: Alle Nachbarn.

Vater: Wir haben lediglich ein Weihnachtsfest gefeiert!

Dritter Polizist: Wir hatten Anzeigen von verschiedenen Nachbarn, wegen Lärmbelästigung, neonazistischen Umtrieben und Verstoß gegen das Kriegswaffengesetz. Der Sohn ist aktenkundig als stadtbekannter Rädelsführer.

Wachhabender: Aha, und wo ist der Sohn?

Zweiter Polizist: Den haben wir zuerst verhaftet und gleich nach Stadelheim gebracht, wegen Fluchtgefahr. Aber die mußten ihn laufenlassen, aus Mangel an Beweisen.

Dritter Polizist: Und dann kam der Notruf. Ein Nachbar hat beobachtet, wie der Vater das Zeug aus dem Keller geschleppt hat. Der hatte Angst, daß der alles in die Luft jagt.

Wachhabender: In die Luft jagt? Was denn für Zeug?

Zweiter Polizist: Schußwaffen, Munition, Dynamit, Benzinkanister, Fahnen, Wimpel, Flugblätter, Broschüren.

Wachhabender: Hui.

Zweiter Polizist: Fordern wir jetzt Verstärkung an?

Wachhabender (zu Mutter, Tochter, Freund: Wollen Sie sich vielleicht mal äußern?

Tochter: Angefangen hat alles mit seiner Freundin. Die kommt aus Tschechien.

Wachhabender: Aha, auch noch illegale Einwanderung.

Tochter: Nein, die ist legal hier. Aber sie war gar nicht da. Da sind sie in Streit geraten. Und dann hat der Vater, der gar nicht sein Vater ist ...

Wachhabender: Wessen Vater jetzt?

Tochter: Mein Vater. Aber er ist nicht der Bruder von meinem, also mein Bruder ist nicht der Sohn seines Vaters, meines mein ich, sondern mein Freund ist mein Vater, das heißt ...

Wachhabender: Aha. Und dann?

Tochter: Dann hat sich herausgestellt, daß der Vater, also der von meinem Bruder jetzt, daß der auch (deutet auf den Freund) sein Vater ist, aber seine Eltern sind geschieden und ...

Wachhabender: Was hat denn das mit den Waffen zu tun?

Vater: Dein Meister ruft dich Namenlose: Ur-Teufelin! Höllen-Rose!

Tochter: Und die Mutter hat mit dem Vater darüber gestritten, ob ...

Wachhabender (zum Freund): Wer sind denn Sie dann?

Vater: Ihn schirmt der Thorheit Schild.

Zweiter Polizist: Dich hat keiner gefragt.

Freund: Na ja, ich bin der Freund, der Freund der Tochter. Und der Bruder von dem Bruder, dessen Vater ...

(Tumult von draußen. Die Tür fliegt auf, zwei Polizisten führen den Sohn herein. Auch er ist in eine Zwangsjacke gewickelt und wehrt sich heftig.)

Sohn: Finger weg, Judenbrut!

Mutter: Mein Sohn! Was machen Sie denn da mit meinem Sohn?

Vierter Polizist (zum Wachhabenden): Notruf in der Lohengrinstraße. Hat wie ein Irrer im Keller rumgebrüllt und Nachbarn bedroht.

Wachhabender: Das ist ja ein richtiges Nest da in der Lohengrinstraße. Vielleicht sollten wir doch Verstärkung anfordern. Und warum steckt der auch in dem Ding da und ist nicht ordnungsgemäßt verhaftet?

Fünfter Polizist: Da war ein Trupp aus Haar, die waren schon vor uns da, und wir haben die Handschellen, äh ... nicht gefunden. Seine Kumpane sind inzwischen verduftet, das waren glaub ich vier Mann.

Wachhabender: Verduftet? Vier Mann?

Fünfter Polizist: Ja, in einem Auto.

Wachhabender: Sofort Ringfahndung raus! Kennzeichen?

Fünfter Polizist: Konnten wir nicht erkennen. Aber es war jedenfalls ein Wartburg.

Stimme von draußen: Bekenntnis wird Schuld und Reue enden!

Anwalt (kommt hastig hereingestürzt; er trägt einen langen schwarzen Mantel und ist über und über mit Schnee bedeckt; herrisch): Wo ist mein Mandant?

Sohn: Das wird auch Zeit. Ich muß hier raus!

Anwalt: Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß gegen meinen Mandanten nichts vorliegt, was nicht durch wenige Worte umgehend aus der Welt geschafft sein wird und dann in voller Härte auf Sie zurückfällt!

Wachhabender: Langsam. Wer sind Sie nun wieder?

Anwalt: Dies ist mein Mandant. Ich komme soeben aus Stadelheim, wo mein Mandant vor kurzer Zeit ebenfalls Opfer eines unangemessenen Aktes von Freiheitsentzug geworden ist. Doktor Jürgen Müller mein Name.

Mutter: Nein!

Tochter: Was?

Wachhabender: Ruhe!

Mutter: Jürgen! Jürgen Müller!

Anwalt: Was will die Frau von mir?

Wachhabender: Jetzt setzen Sie sich erst mal dahin und warten, bis Sie drankommen.

Anwalt: Hochwohlgeborener Herr Revierleiter! Leider bin ich gezwungen, stehen zu bleiben und Sie um sofortiges Gehör zu bitten. Ein Furunkel, welches gerade an einer kritischen Stelle sitzt, macht mir das Sitzen unmöglich. Im übrigen steigert jede Minute, die mein Mandant hier festgehalten wird, die Entschädigungsansprüche!

Mutter: Mandant! Das ist doch dein Sohn!

Anwalt: Und bringen Sie die Frau zum Schweigen!

Tochter: Frau! Das ist doch deine Ex-Geliebte!

Vater: Mutter! Süße, holde Mutter!

Sohn: Verdammte Scheiße, was machen denn meine Eltern hier?

Freund: Vater! Bruder!

Wachhabender (verzweifelt): Warum habt ihr eigentlich diesen Trupp aus Haar nicht mitgebracht? Den brauchen wir als Verstärkung!

Mutter (springt auf und stürzt auf Müller zu): Du hast deinen eigenen Sohn in diese Kreise gebracht! Du bist an allem schuld!

Anwalt: Hilfe! Hilfe!

(Die Polizisten werfen sich in das entstehende Gemenge und versuchen, Anwalt und Mutter zu trennen. Tochter und Vater werfen sich in das Gemenge und beteiligen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der Sohn nützt die Gelegenheit und rennt zur Tür hinaus.)

Wachhabender: Halt! He! Stehenbleiben!

(Das Gemenge endet sehr plötzlich, als unter dem Mantel des Anwalts heraus eine Stofftasche mit lautem Poltern zu Boden fällt. Aus der Stofftasche rollen mehrere Handgranaten.)

Anwalt: Äh, das ...

Wachhabender: Verstößt ebenfalls gegen das Kriegswaffengesetz. Am besten sperren wir die ganze Bande in eine Zelle, und den einen fangen wir besser ganz schnell wieder ein. (greift zum Telefon) Ich fordere jetzt Verstärkung an.

Zweiter Polizist: Das wird auch Zeit. Los, raus mit euch!

(Vater, Mutter, Tochter, Freund und Anwalt werden von den fünf Polizisten abgeführt.)

(Dunkel)

 

Dritte Szene

(Düstere, enge Zelle. Der Vater sitzt auf einer Pritsche, der Anwalt steht an den Gitterstäben, hält sich mit den Händen fest.)

Vater: Ein Fest.

Anwalt: So seien Sie doch still. Haltung, Mann!

Vater: Überall Nazis.

Anwalt: Sie werden auch noch erwachen.

Vater: Ich bin Vater und habe die Pflicht, Freude zu machen. Wer aber nicht gerne Vater ist, der ist es wiederum an Weihnachten am ungernsten. Ich wünsche meine Kinder dahin, wo das Christkindle hergekommen ist. Wenn sie nur ein Engel heimholte, ohne daß ich meine Hand an sie zu legen brauchte. Eines müssen Sie mir erklären. Wie sind Sie eigentlich an meinen Sohn geraten? Oder andersrum.

Anwalt: Die guten Kräfte sammeln sich. Ihr Sohn?

Vater: Eigentlich wohl ihrer. (blickt hoch und grinst) Im Prinzip bin ich ja fein raus. Was hab‘ ich schon mit der Sache zu tun?

Anwalt: Dummerweise, werter Herr, gilt in unserem Strafrecht das Blutprinzip nicht. Glücklicherweise. Für ihre Familienmitglieder werden Sie schon selbst geradestehen müssen. Im übrigen weise ich Sie darauf hin, daß die einzigen wirklich stichhaltigen Vorwürfe, die die Männer des Gesetzes vorzubringen haben, gegen Sie persönlich gerichtet sind. Ihr Sohn hat nichts zu befürchten. Oder meiner.

Vater: Alles hat sich gegen mich verschworen, sogar der Zufall. Ich hätte das schon lange erkennen müssen, was sich da in meinem Haus abspielt. Was bin ich für ein Naivling!

Anwalt: Da haben Sie ausnahmsweise recht.

Stimme der Mutter (von draußen): Nein, ich bleibe hier bei meinem Mann! Lassen Sie mich los! Ich will hierbleiben! (wird leiser) Nein!

Anwalt: Immerhin, ihre Frau beweist eine gewisse Loyalität.

Vater: Das müssen gerade Sie sagen! Loyalität! Unzucht! Monster! Ah, helfen Sie mir, dieses Ding loszuwerden! (windet sich in der Zwangsjacke) Ich muß ...

Anwalt: Das ist doch sinnlos. Und ich helfe Ihnen ganz bestimmt nicht, darauf können Sie Gift nehmen.

Vater: Das wäre vielleicht das beste. Was wird nun kommen? Wie soll ich das durchstehen? Mein Ruf ist für immer ruiniert. Alles kommt ans Licht, und schaudern wird die Welt, doch abwenden sich nicht. Geheimnisse? Gibt es nicht. Nicht eins. In der ganzen weiten Welt nicht eins. Erd und All: Schaubude, Reklametrommel, Famatrompete! Alles Auge, alles Ohr, alles Zunge! In den Tiefen, höllentief, in den Höhen himmelhoch, nichts verborgen, nicht Odem, der nicht aufgeschnüffelt wäre! Wie soll ich diese Prüfung bestehn? Ich frage: wäre die Welt ärmer geworden, wenn mir ein glückliches Leben wäre beschieden gewesen. Wer hat Gewinn davon, daß ich elend bin? Wie konnte mich das Schicksal vor solche eine schwere Aufgabe stellen, mich, den Ungeeignetsten, den Schwächsten? Ich brech ja vorher zusammen. Es ist mir physisch unmöglich. Dürft ich doch bloß auf einen elektrischen Knopf drücken. Ha! Ich wünschte ein Riese zu sein mit Größe und Stärke der Weltallmasse. Einen glühenden Pfahl wollte ich dann nehmen und ihn der Erde in den Leib bohren. Von Pol zu Pol, von der Erde Scheitel bis zur Sohle wollte ich ihn durchtreiben. Den Äquatorwanst wollte ich anzapfen; ausquetschen wollte ich den angebohrten Erdenleib, zu allen Löchern sollte die Lave herausspritzen, und sollte mir gleich die Hand dabei verbrennen. Hörst du mich nicht, alter Jehova? Habe ich dich umsonst verherrlicht?

Anwalt (zieht seinen Schuh aus und entnimmt ihm eine weitere Handgranate): Heraus die Waffe! Jeder ist seines Glückes Schmied!

Vater: Himmel!

Anwalt: Nur keine Angst, ich kann damit umgehen. War schließlich beim Militär, in Algerien. (Er zieht den Stift aus der Handgranate, wirft sie in Richtung Zellentür, versteckt sich hinter dem Vater und hält sich die Ohren zu.)

Vater (zunehmend panisch): He, langsam! Raus dahinten! Das ist Ihre Bombe! Wahn! Wahn! Überall Wahn! Hilfe!

(Es erfolgt ein ohrenbetäubender Knall mit heftiger Rauchentwicklung.)

(Dunkel)

Vierte Szene

(Die Ruine des Polizeireviers, von dem nur noch die Grundmauern erkennbar sind. Als sich der Rauch verzieht, werden Mutter und Tochter sichtbar, in Lumpen und mit geschwärzten Gesichtern.)

Mutter: Was war das?

Tochter: Was es auch war – es war. Und ist nicht mehr.

Mutter: Mein Gott!

Tochter: Der ist auch tot.

(Die Mutter sinkt zu Boden.)

Tochter: Steh auf! Wer weiß, ob da nicht wo Gas ausströmt. Dann knallt’s gleich nochmal.

Mutter: Schon fühl‘ ich den Tod mich umnachten, – wer will mich zwingen zu leben?

Tochter: Du hast recht, das wird sowieso nichts mehr. (Sie sinkt ebenfalls zu Boden.)

Chor (aus der Ferne): So hold und traut, wie fern es schwebt, doch ist’s als ob man’s mit erlebt!

(Dunkel)

(Anmerkung: In den Text sind (teilweise leicht veränderte) Zitate aus Texten von Richard Wagner, Ernst Wagner, Karl Valentin und aus den Protokollen des Prozesses gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Enßlin und Jan Carl Raspe eingestreut.)


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