Anlaß der Geschichte war Ernst Augustins Artikel »Die Rache des Fußgängers« in der Süddeutschen Zeitung vom 31. März 1998; der Text entstand noch am selben Vormittag. Die kursiven Passagen sind Zitate aus Augustins Roman »Der amerikanische Traum« von 1989. Ob der Text - wie von mir im Begleitschreiben andeutungsweise gewünscht - an Ernst Augustin weitergegeben wurde, ist mir nicht bekannt. Abgedruckt wurde er nicht (dafür war er auch nicht gedacht): Am 15. April erhielt ich ihn mit einem dreizeiligen Negativbescheid von der Feuilleton-Sekretärin Inge Kühl wieder zurück.

 

 
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Ein Griff in die Speichen der rasenden Welt

Ein Griff in die Speichen der rasenden Welt

Von Mitleid geschüttelt, finde ich mich vor der Tür der Schlosserei in unserem Hinterhof wieder, die glücklicherweise verschlossen ist, noch. Sonst nämlich hätte ich den hinter dieser Tür lauernden Schleif- Fräs- und sonstigen Deformierungsmaschinen in meinem frühstücklichen Aufwallen gerechter Selbstkritik nicht nur Schlüssel und Schloß, sondern auch das gewöhnlich damit gesicherte zweirädrige Mordmobil zum Fräs, äh Fraß vorgeworfen, womöglich noch zufriedenen Gewissens den schrillen Hilfeschreien gelauscht, unter denen sie in glühende Metallfunken zerstieben.

Was hätte ich damit zerstört: nicht nur eine viele Jahre alte Zweckfreundschaft (die durch die Umwandlung einiger der vielen Jahre in goldnebelverhangene Erinnerung längst über den Zweck hinausgewachsen ist und sich im zärtlichen Kontakt zwischen Leder und Sitzfleisch durchaus häufiger und intimer manifestiert als manch menschliche Freundschaft im stumpf klirrenden Kontakt zweier Glaskrüge), sondern auch Erlebnisse wie dieses, wo die Phantasie träumbarer Möglichkeiten ein schlecht gestopftes Loch in der Decke der sie umhüllenden Wirklichkeit nützt, um diese unvermutet kurz und zärtlich auf die kühle Wange zu küssen:

Aber nun das Wunder. Keineswegs erschöpft, belud der Junge unter dem dicken Grün der Chausseebäume, die es damals noch gab, sein Fahrrad und fuhr auf dem leicht abschüssigen Asphalt seidig und mit Schwung los. Die Straße glänzte mattschwarz, die Bäume goldgrün und der Himmel blau mit zierlichen Wolken wie Gänsedaunen. Es war wunderbar, und der Junge - eben noch der bis zur Unkenntlichkeit abgerissene Cangaceiro - trug jetzt einen weißen leichten Staubmantel, eine Autobrille und einen bei Tempo hundertzwanzig wild wehenden Seidenschal. Die Neumühler Chaussee, schmal und mit einer Sandspur rechts für die Pferdewagen, wurde zu einem Speedway, der pfeilgerade auf die in der Ferne aufragenden Wolkenkratzer zuführte. Und er, über dem Armaturenbrett einer Rennwafenversion seines Bugatti kauernd, versuchte, die hinter ihm herheulenden Wagen der Chicagoer City-Polizei abzuschütteln. Was ihm, wie wir hinzufügen wollen, auf einer anderen Nebenstrecke möglicher Realitätsentwicklungen gelungen wäre; doch entschied sich das Schicksal für eine Abzweigung, die dem rasenden Träumer einen Mann ins Blickfeld rückt, der in dem Moment, als er ihn passieren will, mit einer - obwohl lange geplanten und in der Vorstellung oft durchgespielten - der Kontrolle seiner Vernunft gewissermaßen entgleitenden, kurzen Bewegung seinen in schwarze Falten gerafften, von einem Metallrohr zur Bewegungsunfähigkeit gefesselten Regenschirm nach rechts schwingen läßt, wo seine glänzende Spitze in einen sofort entfesselten Konflikt mit dünneren und längeren Artgenossen gerät, der dem plötzlichen Ineinanderwirbeln kämpfender Katzen gleicht, die zuvor ihren jeweiligen Anspruch auf dasselbe Revier minutenlang mit einem Crescendo dräuender Röhr- und Fauchgeräusche vergeblich erhoben haben.

Ist der luftig rotierende Lauf der Speichen einmal unterbrochen, läßt sich nichts mehr machen: Der sich ihrem schwebenden Zaubersieg über Schwerkraft und Trägheit Anvertraute gerät aus dem fliehenden Gleichgewicht und wird von der steinernen Faust des Straßenpflasters zurückgepflückt in die statische Ruhe der Fußgängerwelt, die ihren Triumph mit schmerzend dröhnendem Gelächter feiert. Eben noch hat sich die Kreuzung wie eine ermattete Badende, soeben dem kristallklirrenden Rauschen des Eisbachs entstiegen, mit weit ausgestreckten Armen vor ihm hingestreckt, um bei geschlossenen Augen die zärtlichen Striche seiner weichen Gummiräder auf ihrer schon wieder feucht erhitzten Haut zu erwarten; nun erhebt sie sich erschrocken; alles ist laut und grell, und da steht der Mann mit dem Schirm, blickt den Gestürzten an und, nach kurzem Schreck, lächelt entspannt: Passiert ist nichts Schlimmes, nur ein kleiner Sieg über die schwirrenden Drohnen der Geschwindigkeit, die seinen in langsamem Schritt sich vor ihm entrollenden Alltag zu einem Schwarm von Unsicherheit und Gefahr machen. Ich bin ein beweglicher Geist, ich bewege mich schnell, fast schwerelos, und bin kaum zu treffen. Weil ich nie dort bin, wo man mich vermutet. Ich gehe durch die Straßen, mich selbst sozusagen wie eine versteckte Waffe mit mir führend, sonst eigentlich gar nicht richtig anwesend, und es sind dunkle Straßen, durch die ich gehe, schwarze und streng riechende. An der nächsten Ecke werden zwei Gestalten stehen, die mich schon von weitem ausgemacht haben und die ihr Glück gar nicht fassen können, der eine hat ein kurzes handliches Eisenrohr, und der andere hat ein Messer in der Hose, das er auch zu gebrauchen versteht -

Nein - die Wirklichkeit, für den kurzen Moment eines Niesens verwirrt und der eigenen Contenance entglitten, steckt ihr Taschentuch wieder ein, sammelt sich, und als die tränigen Schlieren vor dem Bild geglättet sind, ist das Eisenrohr die leicht traurig geknickte Spitze seines eigenen Regenschirms und das Messer ein silbrig glänzender Kugelschreiber, mit dem einer der beiden Polizisten den Ablauf des zufällig Gesehenen in Worte portioniert: Fußgänger attackiert Radfahrer mit deutlich erkennbarer Absicht. Tätlicher Angriff und Sachbeschädigung. Das kostet.

Doch sollte der Mann nicht zu lange über das dahingegangene Geld klagend sinnieren und sich statt dessen der Phantasie und des schlecht gestopften Lochs in ihrer Hülle entsinnen. Denn was da an ihm vorbei zu rasen versuchte und, durch eine nur arg vielleicht unbesonnene Bewegung gebremst, für einen Moment durch die lichten Fasern in seine Augen blickte, überrascht und schmerzvoll getroffen vom grellen Licht der anderen Seite - es war sein eigenes Geschöpf, dem er auf den meisten möglichen Verästelungen seines Weges so nahe nie gekommen wäre und sehr wahrscheinlich nie mehr kommen wird.


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