zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
 

Frisch gepreßt 02 (Dezember 2000):

Placebo - Black Market Music

Der erste war AK : Sag mir mal deine Platte des Jahres! Dann KG . Schon schwillt ein Chor an, und ich höre nur noch "Platte! Platte! Jahres! Jahres!" und frage mich, wie irgendein Musiker so blöd sein kann, sein Album ausgerechnet zum "Weihnachtsgeschäft" zu veröffentlichen, wenn jeder seine Platte des Jahres definitiv und aber auch schon längst bestimmt und abgegeben hat. Und was ist überhaupt ein "Jahr"? frage ich den sonntäglichen Küchentisch, und er antwortet: im Grunde doch ein völlig willkürliches Ding, das man eingeführt hat, weil eine Mehrheit der Europabewohner an einem bestimmten Tag Anfang Januar aufwacht und sich denkt: Hui! Ich kann mich ja an überhaupt nichts mehr erinnern! Zwar sagt HA , daß nichts besser ist als gar nichts, aber: Gute Gelegenheit, ganz neu anzufangen; und als erstes ist jetzt Schluß mit Bier und Zigaretten!

Mir fällt das nicht so leicht. Ich meine: das mit der Platte; das mit Bier und Zigaretten sowieso, denn wenn man sich beides zufällig im Placebo-Konzert mit M teilt, die man vor "Passive Aggressive" gar nicht gekannt hat - oder war das "My Sweet Prince"? - dann kann einiges ins Schwimmen geraten. Könnte, wenn nicht "Black Market Music" sowieso schon seit Wochen, mit einer schwarzen Federboa behängt, in einem Rahmen mit der Aufschrift "You can't beat this one!" hinge. So einfach war das seit "Dog Man Star" nicht mehr; seit "The Holy Bible". Seit "Everything Must Go". Keine langen Listen mehr, die man mit sieben Tassen Kaffee im Hirn unter Höllenqualen und Schuldgefühlen zusammenstreichen muß.

Aber zwischendurch bin ich doch ins Grübeln geraten. Schuld waren drei ganz junge Menschen, von denen einer eine Frau ist und einer wie eine Frau singt: Die heißen JJ72, und ihr Debütalbum hat mich vor einigen Wochen ungefähr so getroffen wie ein Bus, mit dem man beim Überqueren der Leopoldstraße im grellen Morgenrot in der Hoffnung auf einen sicheren Mittelstreifen ganz und gar nicht gerechnet hat. Oder ungefähr so wie vor Jahren das erste Album von Geneva. Da mußte ich mir anhören: "Um Gotttes Willen! Ist das ein Geheule! Hoffentlich bringt die sich bald um!" Ich merkte an, es handle sich um einen Sänger, erntete hoffnungsloses Kopfschütteln und ignorierte die bereitgelegten Zwangsjacken.

Diesmal hieß es: "Au weia! Patti Smith, Brian Molko und Marianne Rosenberg in einer Person!" - ein Freund weniger. "Jessas! Jefferson Airplane mit einem Streichorchester! Bist du verrückt geworden!" - die Reihen der Leute, die ich in schwierigen Situationen anrufen könnte, lichten sich, denn wie will man Verständnis erwarten von jemandem, der "Algeria" und "Oxygen" hören kann, ohne die große weiße Fahne auf dem Dach zu hissen?

Ich bin sehr trotzig, und weil außer AD alle dermaßen dagegen waren, verteidigte ich JJ72 so stur, daß mir erst viel später auffiel, daß ein paar Songs auf der Platte gewisse Schwächen haben - sympathische Schwächen (Gott im Himmel, die Leute sind kaum zwanzig!), aber Schwächen. Die hat "Black Market Music" nur beim ersten Hören gehabt, dann sind sie verflogen, nicht mal mehr ein Dunstschleier am schwarzen Horizont zu sehen. Also: Platte des Jahres? "The face that fills the hole / that stole my broken soul / the one that makes me seem to feel / much taller than you are" - danke, Brian, danke, Stefan, danke, Steve, danke, M.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer