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Frisch gepreßt 03 (Januar 2001):

Club Off Chaos - The Change Of The Century

Mein Papa hatte so eine Platte. Wie sie genau aussah, weiß ich nicht mehr, jedenfalls weiß, vorn war ein mächtiger Roboter drauf (super eins!), und sie hieß irgendwas mit »Monster« (super zwei!). Die mußte ich hören, obwohl mir ansonsten die Musik von meinem Papa nicht immer viel sagte. Ein seltsames Erlebnis: Die Musik klang, als wollte sie irgendwohin, wüßte aber noch nicht genau, wo das ist, jedenfalls geradeaus. Dazu sang ein Mann sehr geheimnistuerisch immer »Judureit! Judureit!« Hm. Interessant war das schon, aber nicht ganz super.

Später hatte mein Cousin gleich mehrere solche Platten. Da war eine Dose mit afrikanischem Gemüse drauf (super eins!), eine andere hieß irgendwas mit »Future« (super zwei!). Die mußte ich auch hören, nicht ganz freiwillig, denn Musikhören hieß damals immer irgendwie »Warte, ich muß dir jetzt noch das eine Stück ...«, und ein Stück dauerte dann einen halben Nachmittag, den man auch auf dem Fußballplatz hätte verbringen können. Die Musik klang, als wäre sie seit der Monsterplatte schnurgerade auf derselben Autobahn (!) weitergefahren und keine Raststätte in Sicht. Immer noch: interessant, aber nicht ganz super.

Und später dann hat man mal wieder alle Moden durch bis zum Langweil-Anschlag, gähn, und sucht automatisch nach dem, was gerade am wenigsten hip ist, was am besten gar niemand mehr kennt, weil das logischerweise schon am nächsten Abend am hipsten überhaupt ist. So stößt man wieder auf Can, immer wenn Punk, New Wave, Eighties-Chic, Grunge, Britpop, Romo und Postrock langweilig werden. Dann fangen deren Interpreten nämlich immer an, Krautrock interessant zu finden und den Namen Can zu droppen.

Warum Krautrock? Ganz einfach: weil Krautrock immer nur ganz kurz interessant ist. Dann merken die »Originale«, was los ist, brüllen in Kneipen rum, sie seien »ein Rockstar!«, reunieren sich, fahren nach Tokyo, und schon hat man sie dauernd am Hals und für zehn Jahre genug davon. Und warum Can? Weil sie wahrscheinlich doch die beste Krautrockband waren.

Krautrock-Fans, -Nostalgiker und selbsternannte -Experten übersehen gerne, daß das wichtigste Element dieser Musik immer das Schlagzeug war. Zwar denkt bei Guru Guru jeder sofort an Mani Neumeier, aber nur, weil der so lustig herumclownte. Aber zum Beispiel Kraan: Eine ganze Generation deutscher Nachwuchsmusiker wurde nicht müde, den Namen Helmut Hattler vor sich hin zu mantrieren, als wär das auch was, hängte sich den Baß auf Halshöhe, setzte die Depperlbrille auf - und wunderte sich, daß das nichts wurde. Statt sich zu fragen, warum Kraan ohne Jan Fride nur noch zickiges Gemucke war. Genauso ist es bei Can gewesen: Damo Suzuki konnte solange »Judureit!« nölen, wie er wollte, Holger Czukay dazu Geräusche veranstalten, bis er schwarz wurde - ohne Jaki Liebezeits Trommeln wäre das Ergebnis im besten Falle kurios geworden.

So, jetzt sind wir endlich beim Thema. Jaki Liebezeit nämlich hat seit einiger Zeit eine neue Band, erspart uns damit freundlicherweise die erwähnten Reunions und macht mit Club Off Chaos im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen richtig interessante Platten. Die zischeln, zickern, wuppern, brötteln, ticksen, oszillieren, zappderappen, surren, flaten, püffern und driedeln so dahin, wie sie das damals gemacht hätten, wenn damals das Jahr 2000 gewesen wäre. Die Stücke heißen »Kama«, »Numinös«, »Kickerril«, »Brusel«, »Amuwada« undsoweida, und die sind schon spannend, die haben schon noch irgendwas mit »Future« zu tun, obwohl das ja ein Schmarrn ist mit der Zukunft, die sowieso nie kommt (frag den Herrn Malerba, gell, mein Lieblingsmensch?).

Und dann kommt jemand rein, steht eine halbe Minute da und fragt dann: »Huch! Was ist DAS denn? Ist die Heizung kaputt?« Auch eine Ansicht. Nein, es ist »The Change Of The Century« (diesmal aber wirklich). »Hm. So so. Nicht wirklich super, aber sehr interessant.« Die Autobahn ist noch nicht zu Ende.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer