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Frisch gepreßt 04 (Januar 2001):

Alice Cooper - Mascara & Monsters (The Best Of)

»Wenn an Sankt Anton die Luft ist klar, gibt es ein recht trocknes Jahr« - das heißt: viel Sonne! Sonne ist lebenswichtig. Wichtiger als Essen und Trinken: Wer schon mal versucht hat, bei strömendem Regen eine Mass Bier und eine Breze zu verzehren, weiß, wovon ich spreche. Also sehe ich aus dem Fenster und stelle fest: Zeit für gute Musik!

»So viele Tropfen im Januar, so viel Schnee im Mai« - ehe man die Leute mit den weißen Turnschuhen losschickt, um mich auf einen Bauernhof zu verfrachten (»Da kannst du Bauernregeln von dir geben, bis du schwarz wirst!«), schicke ich präzisierend hinterher: Nicht von Regen ist die Rede! sondern: »Only Women Bleed«! Und dann reiße ich zu den ersten Akkorden von »Elected« die Fenster auf (hinaus mit dem Wintergemöpsel!), gröle den entgeisterten Nachbarn ein fröhliches »Hello Hooray« entgegen und freue mich mit Luftsprüngen über die vorfrühlingsgerechte Wiederentdeckung einer der geilsten Zeiten aller, ähem, Zeiten: als Glamrock der erste und letzte Schrei und Alice Cooper noch Alice Cooper war.

Schon tönen die Rohrspatzen los: Iiih! dieser gefaltete Metal-Heini! Dummsuff! Frauenfeind! Primitivling! Stop! Eine weitere Präzisierung: Natürlich war Alice Cooper nur von '69 bis '73 gut, als er all das noch nicht war (ob er's je wirklich wurde, bleibt auszustreiten). Als er sich noch für die Reinkarnation einer Hexe aus dem 17. Jahrhundert hielt, 60 Dosen Budweiser am Tag gurgelte; als nicht Wayne und Garth, sondern Zappa, Divine, Dali und Groucho Marx vor ihm niederknieten und »We're not worthy!« skandierten. Als er Songs wie »Refrigerator Heaven«, »Dead Babies«, »Black Juju«, »Second Coming«, »Luney Tune«, »Blue Turk«, »I Love The Dead« und »Sick Things« schrieb, sich auf der Bühne köpfen, hängen und elektrokutieren ließ, Schlange Kachina durch die Gegend wedelte und mit einer Band(e) von düsteren Rock-'n'-Roll-Ganoven durch die Welt zog, die mehr Wert auf Maskerade und inszenierte Bühnenschlägereien legten als auf das akademische Instrumentalgepopel, mit dem vergessene Zweitliga-Prog-Rocker ihren doofen Fans langweilige Nachmittage bereiteten.

Entgeisterte Frage aus dem Off: Was haben Leichen, Galgen, Guillotinen, Schlangen, Dosenbier und Lederkluft mit frischer, sonniger Frühlingsluft zu tun! Viel. Nichts treibt die muffige Pest so wirkungsvoll aus wie eine Schocktherapie. Ein Glück, dass genau jetzt »Mascara & Monsters - The Best Of Alice Cooper« erscheint. Die gerade erwähnten Songs fehlen hier zwar alle, dafür gibt es »I'm Eighteen«, »Under My Wheels«, »School's Out«, »No More Mr. Nice Guy«, »Generation Landslide« und überhaupt 22 Single-Hits, von denen nur zwei aus der Zeit nach Coopers Leber- und Hirn-Trockenlegung 1978 stammen. Wie bitte? Es gebe schon hundert Best-of-Alice-Cooper-Alben? Egal! Solange nicht jeder Mensch eines hat, kann es nicht genug geben!

»If you know how to rock, you don't have to shock!« grantelte Marc Bolan 1973, vor Neid am Bersten. Quatschkopf! rufen wir durch den Korridor der Jahrzehnte zurück. Man vergleiche dessen lumpiges »Tanx«-Album mit Coopers ungefähr zeitgleich erschienenem Meisterwerk »Billion Dollar Babies«, bei dem schon die Covergestaltung mehr Plattenfirmengeld verschlang als Bolans gesamte Studiosessions der 70er Jahre! Diese Dekadenz! Dieser Wahnsinn! Übrigens wird »Billion Dollar Babies« Ende Februar neu veröffentlicht, mit einer ganzen Extra-CD voller Out-takes und Live-Aufnahmen. Dazu sage ich nur: »Ist der Winter hell und weiß, wird der Sommer sicher heiß.«


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer