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Frisch gepreßt 05 (Februar 2001):

Frank Black & The Catholics - Dog In The Sand

Wenn jemand etwas Schlimmeres als den Fasching weiß, bitte ich dringend, mir Bescheid zu sagen. Nein, es kann nichts Schlimmeres geben als ein Volk von nach Bierkotze stinkenden Wollwürsten, das sich in ungeordneten Herden durch die eigens zu diesem Zweck in die Stadt hineinbetonierten Straßen wälzt, mit entmenschten Explosionsgesichtern suizidal verzweifeltes Geschrei ausstößt (»Helau!«, weil »Heil!« verboten ist) und sich schließlich hinter dem Mülltonnenhäuschen mit delirierenden Abteilungsleitern bzw. mopsigen Intimspray-Nudeln paart. Urgh! die Hölle!

Meine Oma pflegte zu sagen: Wenn der Mensch spinnt, gibt er ein Zeichen. Wenn ganz Deutschland brüllt: »Hallo! Wir sind so blöd, daß man das mit einem Zeichen gar nicht umfassend darstellen kann, und deshalb werden wir jetzt alle die Toten Hosen!«, dann muß man dem aus dem Weg gehen, so weit wie möglich. Eine Möglichkeit wäre, Fenster und Fernseher zu vernageln, die Decke über den Kopf zu ziehen und an etwas ganz anderes zu denken. Wir haben aber keinen Fernseher, und wenn die Fenster zu sind, kommt die Sonne nicht mehr rein, und deshalb hilft nur Krach, um den Krach zu übertonen.

Zum Beispiel der Krach, der aus alten Pixies-Platten herausschallt. Der ist immer noch irrer, wirrer, verrückter und farbiger, als die biederen Narrenherden in ihren kühnsten Träumen je sein werden, und dabei überhaupt nicht blöd. Blöd ist aber, daß man die alten Pixies-Platten schon so auswendig kennt - die hört man gar nicht mehr richtig, weil man sich ebenso daran gewöhnt hat wie an den abendlichen Tischtennis-Rundlauf im oberen Stockwerk.

Gut hingegen ist, daß Pixies-Chef Black Francis sich nach sieben dürren Jahren als Frank Black nun entschlossen hat, die Alternative-Meat-Loaf-Maskerade abzulegen und sich mal wieder die alte Frage zu stellen: »Where is my mind?« - zu deutsch: »Wo ist mein Hirn hin? Da war es doch gerade noch! Na, egal!« Gut ist auch, daß seine Plattenfirma beschlossen hat, das ursprünglich für September 2000 geplante Album »Dog In The Sand« noch eine Weile im Sand zu vergraben - nie könnte es wertvoller gewesen sein als jetzt! Jetzt brauchen wir eine Sieben-Minuten-Bowie-Pastiche wie »Blast Off« (mit Original-»Suffragette City«-Harmonien!), einen melancholischen Horror-Blödsinn wie »St. Francis Day Disaster«, eine esoterische, soulige und U2-verarschige Wären-wir-bloß-im-Wasser-geblieben-Schwelgerei wie »The Swimmer«, einen ausgelassenen Schwachsinns-Ringelreihen wie »Robert Onion«, eine manische Harmonie-Zerfetzung wie »Hermaphroditos«, jetzt brauchen wir ... »Ruhe!« bellt es zur Tür herein. »Das ist ja schlimmer als das Gejohle da draußen!« Schlimmer? Phantastisch! Nichts kann schöner sein, als den entfesselten Pöbel mit seinen eigenen Waffen zu schlagen und noch schlimmer zu sein! Und schon kommt das großäugige Grinsen der Erkenntnis: »Hey! Das sind ja die Pixies!«

Stimmt. Fast. Immerhin ist endlich auch Joey Santiago wieder dabei. Immerhin klingt der Titelsong irgendwie tatsächlich wie »Where Is My Mind«. Und wenn der eigensinnige Doppelöltank in der Glam-Dröhn-Lawine »If It Takes All Night« (kein zufälliges Roxy-Zitat!) auch noch so kräht und heult wie früher, dann ist alles gut oder läßt sich zumindest mit einem teuflischen Grinsen überstehen! Hahaha! Krach! Krach! Krach!

Irgendwann ist das eine und das andere sowieso wieder vorbei. Dann gibt es für die da draußen ein »Fischwurstessen ab 11:00h im Gasthaus Lehner« (doch! echt!). Und für uns Ruhe, Ruhe, Ruhe.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer