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Frisch gepreßt 06 (Februar 2001):

Plastilina Mosh - Juan Manuel

Man lernt nie aus, und manchmal löst sich ein Rätsel, dem im Lauf der Jahre eine eigene Stirnfalte zugewachsen ist, in Sekunden. Zum Beispiel wirft man in eine angeregte Krisentisch-Diskussion über die unerklärlichen Kleinigkeiten des Alltags die uralte Frage: »Ich möchte mal wissen, was es eigentlich heißt, wenn im Kaufhaus immer durchgesagt wird: ›26 bitte 17!‹!« »Das ist das Klo«, sagt Slup so gelassen, wie man »Heute ist Samstag« sagt. Ein Krisentisch wäre kein Krisentisch, wenn man dort nicht alles aufs Wort glauben würde und nach dem fünften Bier auf abseitige Gedanken käme: Wenn 17 das Klo und 42 der Sinn des Lebens ist, dann läßt sich daraus etwas über pubertäres Hirntoben und Depressionsgefuchtel ableiten, was nur 15jährigen Angst machen kann. Und: messerscharf schließen wir, daß 59 der Kühlschrank ist. Man kann sich denken, wie perplex die Karstadt-Verkäuferin war, die heute nachmittag in meiner Hörweite zu ihrem Abteilungsleiter sagte: »Ich geh dann mal 17!«, als ich wie aus der Pistole geschossen dazwischen warf: »und ich 77!« (die Lebensmittelabteilung, klar!)

Aber eigentlich wollte ich von einem ganz anderen Rätsel erzählen. Neulich legt mir Reob eine Platte auf den Tisch, grinst dazu, als hätte er gerade erfolgreich einen »I Love You«-Virus in die CDU-Homepage gepflanzt, und sagt: »Das ist was für dich!« Die Platte ist von Plastilina Mosh und heißt »Juan Manuel«. Oder umgekehrt, wer weiß das schon bei modernen Tonträgern. Und obwohl ich als Kind gerne mit Plastilin herummoshte, bis es wie 17 aussah, frage ich mich: Was soll das für mich sein?

Ein Sinnbild für das rätselhafte Mexiko: seltsame Bilder, merkwürdige Töne - ohne Konzept, aber mit Spaß-Potential für Leute, die immer schon wissen wollten, was passiert, wenn man die Jahre 73 bis 79 im Schleudergang wäscht, ohne die Trommel zu schließen. Aus Plastilin ist zunächst nur eines - die Arme des Drummers, der wie ein Wilder zwischen seinen Trommeln herumhaut und gelegentlich auch trifft, dann aber eher zufällig. Danach geht er nach Hause und überläßt seinen Job einer Bongo-Maschine, zu der jemand ein bißchen soulig singt, die Orgel wimmert und der Casio piept. Dann springt der Vocoder-Disco-Motor an, stottert metallisch, Santana schickt seine Background-Männer zum Grölen ans Lagerfeuer; es wird plastikgefunkt, daß es nur so stromt, und der Drummer kann auf einmal doch spielen; eine deutsche Stimme kündigt die »lebende Discokugel« an, während im Booklet ein mysteriöses Flugzeug aus Samoa auf einer Wiese landet und rote Plastiksessel sich in Richtung eines goldenen Hotelflurs schlängeln; nebenan wartet der Staubsauger (21 übrigens) auf Lieder mit Titeln wie »Boombox Baby«, »Shampoo« und »Baretta 1989« - was passiert hier eigentlich?

Mexiko ist das einzige Land der Welt (3), in dem es eine Partei (16) gibt, die »Partei der institutionalisierten Revolution« heißt. Die hat so lange regiert, daß selbst die CSU (16½) blaß vor Neid würde, wenn es nicht gerade Mexiko gewesen wäre, was sie regieren mußte. Denn wenn das, was auf dieser Platte passiert, eine ungefähre Wiedergabe der mexikanischen Denk- und Lebenswelt ist, dann kann man das gar nicht regieren. Sondern nur mit gerungenen Armen daneben stehen und hoffen, daß nicht allzu viel passiert. Vergeblich, wahrscheinlich. Aber wir wissen ja alle: Glücklich ist, wer vergißt, daß er nicht zu retten ist. »Juan Manuel« macht glücklich, auch wenn man sich danach ziemlich ratlos fragt: warum eigentlich? Hi hi!

Ach so, eines möchte ich nun schon noch wissen: Wer oder was ist 26?


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer