zurück zur "Frisch gepreßt"-Hauptseite
 
  hier & jetzt | was passiert? | leben und lügen | gedruckt | lesen! | alles mögliche | dann mal schauen | andere sprechen | brief
 
 

Frisch gepreßt 07 (März 2001):

Bonnie Prince Billy - Ease Down The Road

»Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen.« (Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus) - Wenn Männer weinen, ist das immer so eine Sache: Zeugen raus! Beweismittel vernichten (»Augenringe? Weia, das muß das sechzehnte Bier gestern gewesen sein! Her mit Anti-Gravity-Creme!«)! Da machen wir doch mal eine Umfrage: »ICH!? Noch nie!« Na klar: »Tue nichts im Leben, was dich beschämt, wenn es dein Nachbar merken würde!« (Epikur, Lebensweisheit)

»Die Bühne ist finster. Sie ist die Unterwelt.« (Herbert Achternbusch, Susn) - Wenn einsame Cowboys weinen, wird die Sache noch schlimmer: entweder schrecklich peinlich oder ein Moment wahrer Größe. Will Oldham ist kein richtiger Cowboy und ein harter Mann schon gar nicht, aber das Ausmaß seines Leidens war in den letzten acht Jahren kaum zu erfassen. Der Strom von Tränen, auf dem er mit gebeugten Ensembles (deren Namen meistens irgendwas mit Palace heißen) durch die Welt segelte, ließ keinen Platz für Illusionen; nicht einmal den zum Zweck einer Plattenaufnahme aufgestellten Mikrophonen widmete er viel Aufmerksamkeit (die blieben einfach an, egal was passierte), einem eventuellen Publikum schon gar nicht. Dem kamen die Tränen nicht nur beim Hören, sondern schon eine halbe Stunde vorher, im Laden: Schon wieder eine neue Platte! Wer soll das bezahlen! Das ganze Regal ist schon voll mit Herrn Oldham! »Dieser selber aber schwebt ohne Stütze, wenn noch außer und unter ihm leerer Raum ist, und er nicht selbst alles erfüllt und dadurch keinen Platz zum Warum mehr übrig läßt.« (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft)

»Gesichter, die aussehen, als wären sie zu großen, womöglich tragischen Schicksalen bestimmt, die aber wahrscheinlich bloß als Rudimente jener Zeiten übriggeblieben sind, da es so etwas gab, wenn es wirklich dergleichen gegeben haben sollte.« (Theodor Adorno, Luccheser Memorial) - Natürlich wimmelt die US-amerikanische Szene seit Giant Sand von verwahrlosten Wracks, die mit rostigen Trommeln und zerbrochenen Gitarren (wie spielt man darauf eigentlich?) kaputte Lieder fürs letzte Lagerfeuer in die Welt heulen, aber Will Oldham war stets so authentisch traurig, seine Verlassenheit so vernichtend, daß man sich ihm einfach nicht entziehen konnte und notfalls lieber ein paar alte Liebesbriefe in den Müll warf, um Platz zu schaffen. »Ich werde dich immer lieben«, stand da drin. »Ich habe versucht, für dich gesund zu bleiben«, sang hingegen Will und hat das auch nicht geschafft. Und wenn doch, war's für die Katz. Wozu tut man sich das an? »Das einzige entscheidende Argument, welches zu allen Zeiten die Menschen abgehalten hat, ein Gift zu trinken, ist nicht, daß es tötete, sondern daß es schlecht schmeckte.« (Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches) - Eben! Und wenn sich schon jemand die Mühe macht, seinen Giftschrank zerbombten Lebens zu öffnen und aus den Ingredienzen einen schmackhaften Sirup zu destillieren, dann greifen wir zu! Fremdes Leid hilft gegen eigene Sorgen! Fremder Trunk auch: »Wenn ich besoffen bin, geh ich mir selber aus dem Weg.« (Karl Valentin)

»Wer des Guten nicht mehr gedenkt, das ihm geworden, der ist in seinem Herzen ein Greis.« (Epikur again) - Vielleicht gehen Will deshalb in letzter Zeit nicht nur die Haare, sondern auch die Bands aus. Inzwischen ist er schon zum zweiten Mal als Solist zu hören (mit etwas Begleitung), unter Pseudonym, und als erstes fällt auf: Der weint ja kaum mehr! Der wirkt ja plötzlich so gelassen! Der schreibt ja jetzt echte Songs! Will der etwa in die Billboard-Charts!

»Blödsinn! Ich bin ein eingefleischter Introvertierter!« (Salvador Dali) - Und kein Nachbar wird mitbekommen, was uns wenigen, die auch sein neues, wiederum schönstes Album kaufen, zwischen dem »Grand Dark Feeling Of Emptiness« und dem »Break Of Day« passiert ... »Ich wußte nicht, daß es so etwas heute noch gibt.« (Perry Rhodan, 4.Oktober 4809)


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer