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Frisch gepreßt 09 (April 2001):

John Tilbury - Howard Skempton, Pianoworks

Als Musikredakteur hat man es nicht gern, wenn einem jemand mit dem Wort »schön« kommt. Papperlapapp! bellt man ihn hinaus, er möge sich mal Kriterien suchen! Da könnte uns ja jeder kommen und am Ende behaupten, Sabrina Setlur sei auch noch »schön« oder was! Von der Gliederpuppe bis zum musikalischen Holocaust ist es nur ein Rösselsprung; außerdem sind manche der schönsten Dinge gar nicht schön, und überhaupt heißt »schön« historisch gesehen dasselbe wie »schon«, und daß Musik »schon ist«, weiß jeder, der sich nicht in einer Raum-Zeit-Schleife verfangen hat, in dem Moment, wo sie ertönt. Also: Tautologie! Nullwort! Fenster auf und raus damit!

Denn nun kommt Howard Skempton. Wenn man den hört, sitzt das Wort »schön« so locker wie dem texanischen Amokläufer die Knarre, wenn man ihm eine Nase dreht und »Na, du pickeliger Hosenscheißer?!« sagt. Von Skempton hat jemand behauptet, seine »raffinierten Miniaturen voller zarter Poesie« erinnerten »an Satie«. Wir wissen schon: »I can't get no Satiesfaction!« jammerte einst Mick Jagger, weil dessen Platten in den vom Rollstein frequentierten Londoner Negermusik-Büdchen so schwer zu kriegen waren. Satie - das klingt nach was! das ist ein Kaufreiz! Deshalb auch hier: Fenster auf!

Oder halt: Wenn jemand durch ein solches Etikett verleitet werden kann, Skemptons »Pianoworks« zu kaufen, dann sollten noch viel mehr so Etiketten her: Skempton erinnert an Beatles, Blur, Oasis, Miles Davis, Morrissey, Beethoven, Pink Floyd, Comedian Harmonists, Scott Joplin und meinetwegen die Beau Brummels - das ist zwar alles kompletter Schwachsinn, aber wenn die Platte erst mal in Haus und Player ist, spielt das keine Rolle mehr. Man ist dankbar, solcherart betrogen worden zu sein.

Muß denn wirklich jeder Skempton hören? Ja; dies belegen die Versuchspersonen: Blackmore-Schorsch, Jazz-Gourmet »Brille«, Klassik-Doktor Innocencus, zwei beliebige Blur-Teenies, »Ratte« Vicious, Neo-Schlagerianer Guido, der Teddy aus dem Stehausschank, Musikhasser Professor Siebengescheit, mein Lieblingsmensch und der Kater, der jegliche Art von Musik ansonsten mit verbiesterter Zusammenringelung zu quittieren pflegt - sie alle reagieren gleich: stilles Lächeln, ein paar Tränen der Freude.

Das kann daran liegen, daß man bei Skempton immer wieder das Gefühl hat: Das kenne ich doch! Ja mei, so ist das mit wohlig-melancholischen Deja-vus: Die kennt man doch! Und dann gleich wieder nicht. Hier kommt ein Stück rückwirkende Satiesfaction hinzu: Damals mit zehn, als man von der bösen Tante ermahnt wurde, man möge umgehend aufhören, sinnlos auf dem guten Klavier herumzuklimpern, weil davon die Tasten schmutzig werden; als man sich dann dachte: Ihr werdet schon noch sehen, ihr Banausen, daß meine Melodien einst im Fernsehen laufen werden! - da hat man bestimmt nicht erwartet, daß ähnliche Melodien tatsächlich mal im Fernsehen laufen würden: als Soundtrack einer Serie über 150 Jahre Photographie (Track 23 bis 42). Aber nein: Die sind natürlich viel schöner, viel kürzer (meist etwa eine Minute) und doch ganz, rund und unendlich weit. Einem dieser typischen »Komponisten« würde eine davon genügen, um eine stundenlange Symphonie daraus hervorzuwalzen, mit wehendem Haar am Gipfelkreuz eines tobenden Orchesters zu stehen und danach den neuen Brockhaus zu abonnieren, um die Zeilen des eigenen Eintrags zu zählen. Howard Skempton lehnt mit einem leisen Lächeln am Klavier, von dort lächelt John Tilbury zurück. Skempton sagt, kaum hörbar: »Farbe und Klang können Zärtlichkeit und Gefühl vermitteln, aber die völlige Uneingeschränktheit der bloßen Melodie ist etwas Besonderes.« Lächelt leise, verschwindet unbemerkt und läßt uns zurück mit einer Musik, die so bescheiden und wunderbar ist, daß auch wir schweigen. Und weinen und strahlen.


e-mail:michael sailer | impressum | © Michael Sailer